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Katastrophe im Libanon – ein Land am Abgrund: "Das ist der Sargnagel"

"Das ist der Sargnagel"  

Katastrophe im Libanon – ein Land am Abgrund

07.08.2020, 19:09 Uhr
Luftaufnahmen zeigen Beirut nach Explosion

Eine Untersuchungskommission wird in den kommenden Tagen einen ersten Bericht zu den möglichen Ursachen der verheerenden Explosion vorlegen. (Quelle: Reuters)

Beirut: Luftaufnahmen zeigen das Ausmaß der Zerstörung nach den Explosionen. (Quelle: Reuters)


Das Leben im Libanon ist für viele schlecht, sehr schlecht. Und das nicht erst seit der zerstörerischen Explosion am Hafen. Die halbe Bevölkerung ist verarmt. Jetzt droht auch noch eine Hungersnot. Ein Überblick. 

Wirtschaftskrise, Regierungskrise, Corona-Krise – und jetzt eine gigantische Explosion, die die halbe Hauptstadt verwüstet hat: Der Libanon ist ein Land am Rande der Existenzfähigkeit. 

Schon bevor im Hafen von Beirut 2.700 Tonnen Ammoniumnitrat explodiert sind, die dort nicht hätten lagern sollen, stand es schlecht um das Land am östlichen Mittelmeer. Zuletzt war die wirtschaftliche Lage während des Bürgerkriegs von 1975 bis 1990 so desolat. Danach gelang dem Land zunächst der wirtschaftliche Aufstieg – zu welchem Preis wurde erst nach und nach sichtbar. 

Im Schatten des Aufschwungs wurden Schulden gemacht. Schulden, die das Land, das fast alles importieren muss, nicht mehr begleichen kann. Im März, kurz bevor das Ausmaß der Corona-Pandemie sichtbar wurde, stand der Libanon vor der Zahlungsunfähigkeit. Ein Staatsbankrott wurde befürchtet. 

Das halbe Land ist verarmt

Im Jahr 2019 lag die Staatsverschuldung bei 155 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – nur in wenigen Ländern sieht das Verhältnis noch schlechter aus. Zum Vergleich: Im selben Jahr lag die Schuldenquote Deutschlands bei 59,8 Prozent. Fast die Hälfte der knapp sieben Millionen Einwohner des Libanon lebt längst unter der Armutsgrenze. Stromausfälle und unzureichende Wasserqualität gehören zum Leben der Libanesen dazu.

Im vergangenen Jahr sollten die Kosten für öffentliche Dienstleistungen sowie Steuern steigen, heftige Proteste waren die Folge. Der Kurs des libanesischen Pfunds fiel unterdessen immer weiter: Kleidung, Nahrung, Treibstoff – für viele kaum noch zu bezahlen. Die krisengeplagte Bevölkerung lehnte sich gegen Misswirtschaft und Korruption der Regierung auf.

Neben Straßenbarrieren und teilweise aggressiven Auseinandersetzungen setzten sie auch mit friedlichen Aktionen ein Zeichen und konnten den Blick der Welt auf sich richten: Im Oktober 2019 formierten Hunderttausende Demonstranten eine 170 Kilometer lange Menschenkette durch ihr Land. Die Regierung trat daraufhin zurück. Die Lage für die Menschen verbesserte sich jedoch nicht.

Lockdown riss den Libanon noch tiefer in den Abgrund

Und dann schlug die Corona-Krise zu. Auch wenn die Fallzahlen im internationalen Vergleich zunächst niedrig waren, gingen sie schnell in die Höhe. Ein wochenlanger Lockdown trotz der desolaten wirtschaftlichen Lage schien der Regierung die angemessene Antwort auf die Bedrohung durch das Virus. Mit Blick auf die mangelhafte Infrastruktur des Landes zwar eine nachvollziehbare Entscheidung, für die Finanzen des Libanon und der Bürger allerdings eine Katastrophe, denn Bars und Hotels blieben geschlossen, auf die Straße durfte nur, wer unbedingt musste. Touristen und Libanesen auf Heimatbesuchen kamen nicht wie üblich – und brachten somit auch kein Geld ins Land. 

Dann kam die verheerende Explosion ausgerechnet am Hafen der Hauptstadt, der für das auf Importe angewiesene Land eine Art Hauptschlagader darstellt. Ein Kornspeicher wurde komplett zerstört – 15.000 Tonnen Getreide ergossen sich zwischen den Trümmern und verkommen nun in der sengenden Sommerhitze. Die hohen Temperaturen verschärfen die Situation der Libanesen aber auch ihrer Helfer zusätzlich. Die Rettungsarbeiten werden erschwert, die Gefahr von Seuchen wächst. Durch die Importabhängigkeit des Landes, die Zerstörung des Hafens und die desolate wirtschaftliche Situation ist die Angst vor einer Hungersnot groß. 

Tonnenweise Getreide ergießt sich unter der sengenden Sommersonne: Ein Silo wurde bei der Explosion an Beiruts Hafen zerstört.  (Quelle: AP/dpa/Hussein Malla)Tonnenweise Getreide ergießt sich unter der sengenden Sommersonne: Ein Silo wurde bei der Explosion an Beiruts Hafen zerstört. (Quelle: Hussein Malla/AP/dpa)

Einsatzkräfte befürchten viele weitere Leichen

Auch ohne die Verletzten dieser Jahrhundertkatastrophe war das Gesundheitssystem des Landes längst an seine Grenzen gekommen. Nun der Kollaps. 

Wie viele Menschenleben hat die Explosion gekostet? Auch Tage nach dem Unglück ist das wahre Ausmaß noch nicht bekannt. Internationale Hilfe ist eingetroffen, um nach Verschütteten zu suchen. Die Einsatzkräfte gehen davon aus, noch viele weitere Leichen zu finden. Es sind weit über 100, die Zahlen werden kontinuierlich nach oben korrigiert. Tausende sind verletzt, die Krankenhäuser sind überfordert und überfüllt – auch hier ist das Land auf internationale Hilfe angewiesen, unter anderem aus Deutschland. 

50 Prozent Beiruts wurden durch die Wucht der Detonation verwüstet. Während ein potenziell todbringendes Virus die Welt weiter in Atem hält, sind circa 250.000 Menschen obdachlos.

Der libanesische Analyst Makram Rabah von der Amerikanischen Universität in Beirut fasste die Situation seines Landes so zusammen: "Diese Explosion ist der Sargnagel für die Wirtschaft des Libanons und für das Land im Allgemeinen."

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