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US-Folterbericht: "Nashiri reagiert gut auf harte Behandlung"

US-Folterbericht  

"Nashiri reagiert gut auf harte Behandlung"

10.12.2014, 12:17 Uhr | Marc Pitzke, Spiegel Online

US-Folterbericht: "Nashiri reagiert gut auf harte Behandlung". Gefangenenlager der Guantanamo Bay Naval Base (Quelle: Reuters)

Gefangenenlager der Guantanamo Bay Naval Base (Quelle: Reuters)

119 Männer, Dutzende Foltermethoden: Der Senatsbericht über die CIA-Folter beschreibt detailliert das Martyrium der Terrorverdächtigen. Die Männer haben schwere psychische Schäden davongetragen, Geheimnisse verraten haben sie wohl nicht.

Abu Zubaydah ist kooperativ. Der 31-jährige Araber, 2002 in einem von Al-Qaida genutzten Haus im pakistanischen Faisalabad gefasst, plaudert willig mit zwei FBI-Agenten. So offenbart er erstmals den Namen des Hintermanns der 9/11-Anschläge, Khalid Sheikh Mohammad.

Es hilft ihm nichts. Zubaydah, Amerikas 9/11-Häftling Nr. 1, landet in einem der berüchtigten "schwarzen" CIA-Lager, mutmaßlich in Polen. Dort wird er mehr als drei Wochen lang fast rund um die Uhr gefoltert. Nach viereinhalb Jahren landet er im US-Lager Guantanamo Bay, wo er bis heute einsitzt - obwohl er offenbar keine große Rolle im al-Qaida-Netzwerk spielte.

Zubaydah ist einer von insgesamt mindestens 119 Terrorhäftlingen, deren Misshandlung der 6700 Seiten starke Folterbericht des US-Senats anprangert. Die am Dienstag veröffentlichte Zusammenfassung, ihrerseits 499 Seiten lang, zeigt vier dieser Schicksale in grausigem Detail auf. Manches war bisher bekannt, vieles nicht.

Abu Zubaydah wird am 28. März 2002 in Pakistan aufgegriffen. Der damals 31-jährige Saudi-Araber erleidet Schusswunden. Die CIA glaubt, dass er "detaillierte Kenntnisse" über Terroranschläge habe - laut Senatsbericht aber eine "erhebliche" Überbewertung seiner Rolle.

Zubaydah ist der erste Häftling, an dem die Foltermethoden angewendet werden. Die CIA testet an ihm, wie weit sie internationale Konventionen dehnen kann. Zubaydah wird in ein "schwarzes" CIA-Lager ("Detention Site Green") in einem im Bericht ungenannten Drittland verbracht, nach Medienberichten handelt es sich um Polen. Dort verhören ihn zunächst FBI-Agenten. Zubaydah zeigt sich kooperativ und sagt sogar aus, als er intubiert auf der Krankenstation landet - indem er auf eine Tafel mit arabischen Schriftzeichen deutet.

Abu Zubaydah (Quelle: AP/dpa)Abu Zubaydah (Quelle: AP/dpa)

Die CIA foltert ihn trotzdem. Zubaydah wird nackt in eine komplett weiß gestrichene Zelle gesteckt, ohne Fenster, mit harschem Halogen-Licht rund um die Uhr. Sein Schlaf wird gestört, die Zelle mit lauter Rockmusik beschallt, um ein Gefühl der "erlernten Hilflosigkeit" zu schaffen. Einem ursprünglichen CIA-Memo zufolge soll er "für den Rest seines Lebens" in Isolation und ohne Kontakt zur Außenwelt gehalten werden.

Zwei CIA-Männer probieren "fast rund um die Uhr" Foltermethoden an ihm aus: Einsperren in einer Kiste, schmerzhafte Stresspositionen, Schlafentzug, Waterboarding, "Einsatz von Insekten", "vorgetäuschtes Begräbnis" - alle von Justizminister John Ashcroft abgesegnet.

Die "aggressivste Phase" beginnt am 4. August 2002 und dauert 20 Tage. Zubaydah wird nackt in eine sargähnliche Kiste gesperrt und dann dem Waterboarding unterzogen, bis er sich erbricht und unkontrolliert zu zucken beginnt.

Insgesamt verbringt er elf Tage und zwei Stunden in der Sargkiste und 29 Stunden in einer kleineren, nicht mal 70 Zentimeter langen Kiste. Ihm wird gesagt, dass er das Lager nur noch im Sarg verlassen werde. CIA-Kabeln zufolge habe Zubaydah oft "geweint", "gebettelt", "gefleht" und "geheult", oft sei er sogar so "hysterisch" gewesen, dass er nicht mehr "effektiv kommunizieren" habe können. Bei mindestens einer Waterboarding-"Session" habe er Schaumblasen vor dem Mund gehabt.

Abu Zubaydah gibt jedoch nichts preis, was auf neue Terroranschläge hindeuten würde. Im September 2006 wird er nach Guantanamo Bay auf Kuba verbracht, wo er bis heute einsitzt.

Abd al-Rahim al-Nashiri, ebenfalls ein Saudi-Araber, gilt als Chefplaner der Anschläge auf zwei ostafrikanische US-Botschaften 1998 und den US-Zerstörer "USS Cole" im Oktober 2000 im Jemen. Er wird im Oktober 2002 in Dubai gefasst und durchläuft fünf geheime CIA-Lager. Dort wird er ebenfalls mehrfach von CIA-Beamten gefoltert.

So muss Nashiri zweieinhalb Tage nackt, mit verbundenen Augen, an Händen und Füßen gefesselt und schlaflos in "stehender Stressposition" verbringen, "die Hände über dem Kopf" - obwohl ein Arzt warnt, dass er sich dabei die Schultern ausrenken werde. Ein CIA-Offizier hält ihm eine Pistole und eine "schnurlose Bohrmaschine" an den Körper. Auch wird ihm gedroht, dass man seine Mutter vor seinen Augen sexuell missbrauchen werde.

Abd al-Rahim al-Nashiri (Quelle: AFP)Abd al-Rahim al-Nashiri (Quelle: AFP)

"Nashiri reagiert gut auf harte Behandlung", prahlt die CIA in einem internen Bericht. Doch sogar der CIA-Verhörchef - dessen Name in dem Bericht geschwärzt ist - distanziert sich: Er wolle "nicht länger auf irgendeine Weise mit dem Verhörprogramm in Verbindung gebracht werden", wütet er in einer E-Mail an Kollegen. Statt dessen werde er sich in Kürze pensionieren lassen, um "so schnell wie möglich vom Zug zu springen". Auch andere befürchten, dass die Methoden Nashiri "um den Verstand bringen" würden. Psychologen diagnostizieren "Angstzustände" und "schwere Depressionen".

Informationen über geplante Terroranschläge bietet Nashiri in der ganzen Zeit keine. Seit September 2006 sitzt er in Guantanamo Bay.

Ramzi Bin al-Shibh identifiziert die CIA schon kurz nach dem 11. September 2001 als einen "Hintermann" der Anschläge. Der Jemenit wird im September 2002 in Pakistan gefasst und verbringt zunächst fünf Monate in der Haft "einer ausländischen Regierung", mutmaßlich der Pakistans. Im Februar 2003 wird Shibh der CIA übergeben, als deren 41. Terrorhäftling.

Auch hier überschätzt die CIA seine Rolle und sein Wissen: Er besitze "kritische Informationen über geplante Attentate und die Standorte hochrangiger Qaida-Mitglieder". Er wird rund 34 Tage in der "Detention Site Blue" gefoltert, nach Medienberichten wohl ebenfalls in Polen.

Shibh wird rasiert und nackt ausgezogen, bei eisigen Temperaturen. Für 72 Stunden wird ihm der Schlaf entzogen. Er wird an Händen und Füßen gefesselt, die Arme weit über den Kopf gestreckt, während die Füße so positioniert werden, dass er sich nicht abstützen kann.

Ramzi Bin al-Shibh (Quelle: dpa)Ramzi Bin al-Shibh (Quelle: dpa)

Auch nachdem feststeht, dass Shibh keine nützlichen Informationen besitzt, wird er "konstant" weiter verhört. Drei Wochen lang dauert die Folter noch an, inklusive Schlaf- und Nahrungsentzug, Schläge auf den Bauch und ins Gesicht und andere "Techniken". Diese werden vor allem auch angewandt, wenn er seine Verhörführer nicht als "Sir" anspricht.

Die CIA "erkennt erst verspätet", dass Shibhs Folter "psychologische Probleme" auslöst. Die Symptome: Wahnvorstellungen, Paranoia, Schlaflosigkeit, Selbstmordversuche. Im April 2005 stellt ein CIA-Psychologe fest, dass Shibh zu dem Zeitpunkt "bis zu zweieinhalb Jahre" in "sozialer Isolation" verbracht habe, mit "eskalierenden Folgen" für seine Psyche. Seit September 2006 sitzt Shibh in Guantanamo Bay ein, wo er Anti-Psychotika verabreicht bekam.

Khalid Sheikh Mohammed (KSM) ist der bekannteste Häftling, er hat sich als 9/11-Drahtzieher bekannt. Nach seiner Festnahme im März 2003 kommt er in die berüchtigte "Detention Site Cobalt" in Afghanistan, als "Salzloch" bekannt. Der CIA-Verhörchef kommentiert das in einer E-Mail an die Zentrale so: "Let's roll with the new guy." (Los geht's mit dem neuen Kerl.) Seine Worte sind eine Anspielung auf den Ausruf Todd Beamers, eines Passagiers der während des United-Flugs 93 zur Rebellion gegen die Entführer aufrief, die das Flugzeug aber schließlich in Pennsylvania abstürzen ließen.

Die Folter beginnt "wenige Minuten" nach Mohammeds Ankunft im Lager. Er wird nackt ausgezogen, ins Gesicht und auf den Bauch geschlagen, in die bekannten Stresspositionen und um den Schlaf gebracht, einmal 780 (sic) Stunden am Stück. Auch habe der Verhörchef eine "rektale Rehydration" angeordnet, um "totale Kontrolle über den Häftling" zu erreichen: Das helfe außerdem, dass KSM "einen klaren Kopf" zum Plaudern bekomme.

Khalid Sheikh Mohammed (Quelle: AP/dpa)Khalid Sheikh Mohammed (Quelle: AP/dpa)

KSM wird 183-mal dem Waterboarding unterzogen. Das erste Mal dauert 30 Minuten, zehn Minuten länger als von den CIA-Justitiaren empfohlen. Sein Bauch schwillt so sehr an, dass KSM "Wasser ausspuckt, wenn auf den Bauch gedrückt wird". Die Folterer halten dabei seinen Mund auf, damit er nicht atmen kann. KSM habe "VIEL Wasser geschluckt", schreibt ein CIA-Arzt. Es handele sich um "Fast-Ertrinken".

Am 24. März 2003 endet die Folter abrupt, aus unbekannten Gründen. 2006 wird KSM nach Guantanamo Bay überführt. Erst dort gesteht er seine Beteiligung an den 9/11-Anschlägen.

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