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Treffen in Helsinki: Putin ist der Autokrat, der Trump sein möchte

MEINUNGTrump trifft Putin  

Macho, Macho

Eine Kolumne von Gerhard Spörl

16.07.2018, 16:05 Uhr
Treffen in Helsinki: Putin ist der Autokrat, der Trump sein möchte. Donald Trump und Wladimir Putin: Bei einem Gipfel in Helsinki soll es auch um die Konflikte in Syrien und in der Ukraine gehen. (Quelle: Reuters)

Donald Trump und Wladimir Putin: Bei einem Gipfel in Helsinki soll es auch um die Konflikte in Syrien und in der Ukraine gehen. (Quelle: Reuters)

Voller Unbehagen schaut die Welt auf Helsinki: Worauf einigen sich Trump und Putin und auf wessen Kosten geht das? Oder ist außer einigen schönen Bildern am Ende nichts gewesen?

Helsinki ist eine schöne Stadt in einem kleinen Land mit einem großen Nachbarn, gegen den es sich Neutralität erkämpft hat: Russland. Finnland lag einmal an der Nahtstelle zwischen Ost und West, zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Vor 45 Jahren fand hier die "Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit" (KSZE) statt, an der 35 Staaten teilnahmen. Ein Mammutprojekt, ein erstaunlicher Erfolg, wie sich zeigte. Die Bürgerrechtler in Moskau und Prag, Ost-Berlin und Warschau beriefen sich fortan auf die Vereinbarungen, die sich als Kleinod erwiesen.

Es war ein fragiler Durchbruch, damals. Die KSZE war kompliziert, aber sie machte die Welt besser. Alle 35 Länder hielten es für ihr Interesse, zu einer Weltordnung im liberalen Geist beizutragen, Amerika vorneweg.

Trumps Dekonstruktion

Wir wissen inzwischen, wie groß die Verachtung des amtierenden amerikanischen Präsidenten für Großbündnisse ist. Er hat sie neulich auf dem G-7-Gipfel in Kanada und gerade eben in Brüssel und London zelebriert. Er würde liebend gerne alles zerschlagen, was multilateral ist und tief aus der Vergangenheit kommt. Ihm ist die schlichte Einsicht verwehrt, dass seine Vorgänger, die nicht weniger groß von sich und von Amerika dachten, über politische, ökonomische und kulturelle Allianzen ihre Weltmacht ausbauten und zementierten. Kann ihm das mal jemand erklären?

Finnland, Helsinki: Militäre und Polizei sichern das Areal um den Präsidentenpalast Stunden vor dem Gipfeltreffen. Hier treffen sich die Präsidenten von Russland und den USA, Putin und Trump, zu einem Gipfel.  (Quelle: dpa)Finnland, Helsinki: Militäre und Polizei sichern das Areal um den Präsidentenpalast Stunden vor dem Gipfeltreffen. Hier treffen sich die Präsidenten von Russland und den USA, Putin und Trump, zu einem Gipfel. (Quelle: dpa)

Von seinem Kettenhund Steve Bannon stammt der Begriff, nach dem Trump vorgeht: Dekonstruktion. Ironischerweise kommt er aus der europäischen Philosophie. Jacques Derrida, ein Franzose, geboren in Algerien, wandte ihn erstmals an. Er setzt sich zusammen aus Destruktion und Konstruktion. Im Fall Trumps kommt es auf die Destruktion an. Er würde gerne die Nato und die WTO, Nafta und die Europäische Union zerstören. Da er aber zum Beispiel den Trump Tower gebaut hat, müsste er eigentlich wissen, dass wer abreißt, auch aufbauen sollte. Das sind aber zwei Gedanken und bekanntlich reicht es bei ihm nur zu einem.

So schwächt Donald Trump den Westen durch Schmähung und deshalb genießt er das Wohlwollen Wladimir Putins, der den Westen systematisch schwächt, wo er nur kann. Deshalb treffen sich heute zwei Brüder im Geiste im schönen Helsinki.

Alles ist möglich

Putin ist der Autokrat, der Trump sein möchte. Sein Wort hat Gewicht und kein Gericht, keine Verfassung und keine Medien funken ihm dazwischen. Er formt Russland, er ist Russland. Missliebige Journalisten sterben, missliebige Politiker wandern ins Gefängnis oder sterben. Putin steht über den Dingen, versteht sich, und vertraut, wie er manchmal sagt, bei der Aufklärung von Verbrechen auf den Rechtsstaat, der Russland aber natürlich nicht ist. Er ist der Macho mit dem nackten Oberkörper hoch zu Pferd oder als Goalgetter beim Eishockeyspiel, während Trump nur der Macho ist, der sich daran erfreut, dass er jeder Frau zwischen die Beine greifen kann, weil er ein Star ist.

Ich bin mir sicher, dass Trump hinterher sagen wird, dass Putin ihn mag. Das ist ihm wichtig, ebenso wie es ihm wichtig ist, dass Boris Johnson, der britische Brexit-Gaukler, ihn mag. Ich bin auch gespannt, ob sie einen Deal wegen Syrien abschließen oder Trump die Annexion der Krim für eine Petitesse erklärt oder Verständnis für die Schwächung der Ukraine aufbringt. Alles ist möglich, Sinnvolles und Absurdes, wenn Trump dabei ist, und immer auch das Gegenteil.

Es gibt aber einen wesentlichen Unterschied zwischen Trump und Putin. Trump ist ein Schnacker, er redet und redet und redet und zerstört auch viel: Das Vertrauen und den Glauben an Institutionen und Bündnisse. Aber wirklich gefährlich ist er nicht, oder sagen wir vorsichtiger: noch nicht. 

Putin untergräbt die Demokratie

Gefährlich und wirklich zerstörerisch ist Wladimir Putin. Um Russland wieder groß zu machen, führte er einen barbarischen Krieg in Tschetschenien und einen brutalen Krieg in Georgien. Er verleibte sich die Krim ein und versetzte den Donbass in einen Dauerkonflikt. 298 Menschen an Bord der MH 17 starben, weil jemand eine Buk-Rakete russischer Herkunft von einem Stützpunkt in der Ostukraine abfeuerte, den prorussische Milizen beherrschten. Zu den wenigen Menschen, die genau wissen, was da passiert ist, gehört mit Sicherheit der russische Präsident, der seit 17 Jahren das Land regiert. Wäre doch eine gute Idee, wenn Trump ihn einfach fragt: Hey, sag mal, warst du das? Und warum hast du das gemacht?

Putin untergräbt die liberale Demokratie, wo er kann. Er gibt der europäischen Rechte Kredite und behandelt sie bevorzugt. Gesandte der AfD durften auf die Krim reisen und nehmen keinen Anstoß an Völkerrechtsverletzungen. Putin ist ihr Heros, weil er den Westen für dekadent und unmännlich hält und in Syrien macht, was er will, zum Beispiel Assad an der Macht halten.

Wenn Trump aus Helsinki wieder nach Hause fliegt, wird er Europa umgepflügt haben. Deutsche Leitartikler sehen schon das Ende der liberalen Weltordnung gekommen. Trump "verbrennt Freundschaften und eine 70 Jahre alte Ordnung", schrieb die "Süddeutsche Zeitung" am Samstag. Gemach, ich halte das für Lustangst. Dass die Europäische Union ökonomisch ein Gegner Amerikas ist, wie der Präsident sagt: nicht ganz falsch, aber na und? Wir sollten auch ernst nehmen, wenn er sagt, die Nato werde schon noch gebraucht, eben auch von Amerika.

Demokratie ist ein Segen

Wenn The Donald dann wieder im Weißen Haus sitzt, wird es unbequem für den Schnacker. Denn er muss sich damit herumschlagen, dass sein Justizministerium Anklage gegen zwölf russische Angehörige des militärischen Geheimdienstes erhebt. Sie sollen Hillary Clintons Computer und die der Demokratischen Partei gehackt und E-Mails und Dokumente unter falschen Namen Online gestellt haben. Dass sie gemacht haben, wessen sie bezichtigt werden, ist schon lange bekannt.

Trump hat von unterwegs dazu gesagt, was er immer schon gesagt hat: Es handle sich um eine Hexenjagd. Auf wen eigentlich? Wer war die Hexe und wer machte Jagd? Da hat jemand in Moskau nachgeholfen, dass Hillary Clinton die Wahl verloren und Trump sie gewonnen hat. Womöglich war es der Mann, ohne den nichts in Russland geht? Das wüsste man doch gerne genauer, oder?

Demokratie ist ein Ärgernis für Autokraten und solche, die es gerne wären. Und Demokratie ist ein Segen für uns, die wir nichts von Autokraten halten.

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