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US-Wahlsieger Joe Biden: Sein Leben und sein kühnes Versprechen

US-Wahlsieger  

Das kühne Versprechen des Joe Biden

07.11.2020, 19:07 Uhr
June 9, 1987, Washington, District of Columbia, USA: United States Senator Joseph Biden (Democrat of Delaware) announce (Quelle: imago/ZUMA Press)
Joe Biden: Ein Leben voller Höhen und Tiefen

In der Politik und im Privatleben hat Biden jede Menge erlebt. Bereits 1972 wurde er Senator, kurz darauf verlor er Frau und Tochter. (Quelle: Euronews German)

USA: Bevor Joe Biden zum Sieger der US-Wahlen 2020 erklärt wurde, war sein Leben von Höhen und Tiefen geprägt - ein Portrait. (Quelle: Euronews German)


Er wurde abgeschrieben und verspottet. Doch mit einem simplen Rezept hat Biden die US-Präsidentschaftswahl gewonnen. Was können wir von ihm erwarten?

Am Ende war es eine einzige Zitterpartie. In der Wahlnacht sah Joe Biden zwei, drei Stunden lang schon aus wie die nächste Hillary Clinton, wie ein Treppenwitz der Geschichte. Bidens Zahlen waren schlecht, und als sie besser wurden, grätschte der Präsident der Vereinigten Staaten dazwischen und tat so, als habe er gewonnen. Jetzt sperrt sich Donald Trump mit allen Mitteln dagegen, das Weiße Haus an Biden abzutreten.

Aber was im Leben von Joe Biden ist schon ohne Rückschläge geschehen, ohne Hindernisse, ohne Umwege?

Joseph Robinette Biden Jr. hat erst im dritten Anlauf und im Alter von 77 Jahren die Wahl zum US-Präsidenten gewonnen. Sein Sieg ist eine Tatsache, auch wenn Amtsinhaber Trump sie noch nicht anerkennen will. Biden war der Kandidat, der seiner Nation und der Welt versprach, dass Amerika besser ist, als es die vergangenen Jahre wirkte.

Immer wieder abgeschrieben

Sein gesamter Wahlkampf wurde von Abgesängen begleitet: Zu alt, zu tattrig. Zu langweilig, zu vorsichtig. Doch während die Beobachter den Kopf schüttelten, zog Biden einfach sein Programm durch. Er meisterte einen unübersichtlichen Vorwahlkampf, ein Jahr der vielen Krisen, wie Amerika es noch nie erlebt hatte, und die erbarmungslosen Angriffe Donald Trumps. Er machte dabei kaum Fehler.

Doch seine schwerste Prüfung erwartet ihn, wenn er als 46. Präsident der Vereinigten Staaten eine unversöhnliche Nation führen muss, die der Streit um die Wahl noch ein Stück tiefer gespalten hat.

Eine klare Botschaft

Joe Biden ist kein brillanter Rhetoriker wie Barack Obama, kein Entertainer wie Donald Trump. Biden wird der erste Präsident seit Ronald Reagan, der nicht an einer Elite-Hochschule studiert hat. Aber er ist einer, der so spricht, dass ihn auch die Leute verstehen, die keinen Uni-Abschluss haben. Und er hatte eine klare Botschaft.

Seit er im April 2019 in den Wahlkampf einstieg, blieb Biden einfach immer bei seiner Kernaussage: Eine zweite Amtszeit Trumps würde die US-Demokratie und den Charakter der Nation dauerhaft schädigen. Er selbst könne das Land wieder zusammenführen. Das ist künftig seine Messlatte. Den Wahlkampf machte er zur Charakterfrage. Er inszenierte sich als Gegenteil zum Präsidenten und zeigte, dass er Eigenschaften wie Anstand, Mitgefühl und Demut besitzt.

Trumps Attacken verpufften

Biden, 1942 als Sohn eines Autohändlers in Scranton, Pennsylvania, geboren, hatte als Kind schwer gestottert. In den vergangenen Jahren, etwa bei den Debatten-Auftritten, schien dies immer wieder durch. Trump und Co. attestierten ihm deshalb Demenz.

Bidens einziger noch lebender Sohn Hunter hatte versucht, sich seinen Nachnamen versilbern zu lassen. Trump und Co. versuchten daraus zu konstruieren, dass Biden korrupt sei. Doch in der Mitte der Gesellschaft, verfingen diese Attacken nicht, weil viele Amerikaner Biden seit langem kennen und ihn schlichtweg mögen. Er gilt als anständiger Kerl.

Das war nicht immer so. Bidens erste Versuche, Präsident zu werden, waren kläglich gescheitert. Vor der Wahl 1988 musste er aufgeben, nachdem herauskam, dass er Teile einer Wahlkampfrede bei einem Politiker in Großbritannien abgeguckt hatte. 2008 versuchte er es erneut, bekam bei der ersten Vorwahl aber nur ein Prozent und gab auf. Seine Karriere nahm eine Wendung, als er Vizepräsident Barack Obamas wurde.

Die Schicksalsschläge

Biden lernte dazu, wuchs in eine Rolle als Versöhner hinein. Im Alter kam die Weisheit.

Er schaffte es in jenen Jahren als Vizepräsident, Nähe herzustellen über die Schicksalsschläge, die ihm selbst widerfahren waren. 1972 starben, zwei Wochen nach seiner Wahl in den Senat, bei einem Autounfall seine Ehefrau und seine einjährige Tochter. Die zwei Söhne überlebten schwer verletzt. 2015 starb dann einer von ihnen – Beau, wie sein Vater Politiker – an einem Hirntumor. Biden hat diese Schicksalsschläge genutzt, um über Trauer und Bewältigung zu sprechen. Die Amerikaner im Jahr 2020 hatten dafür großen Bedarf.

Biden-Familie bei der Trauerfeier für Beau: Er starb im Alter von 46 Jahren an einem Hirntumor. (Quelle: AP/dpa/Patrick Semansky)Biden-Familie bei der Trauerfeier für Beau: Er starb im Alter von 46 Jahren an einem Hirntumor. (Quelle: Patrick Semansky/AP/dpa)

Die Nation ist erschüttert, auch wegen des lustlosen Krisenmanagements im Weißen Haus, wegen der mehr als 230.000 Covid-Toten, Millionen Arbeitslosen und Hungernden. Sie ist aufgewühlt von Polizeigewalt gegen Schwarze und eine nationale Diskussion über strukturellen Rassismus.

Trump hatte dazu nichts zu sagen, Biden schon: Er nahm Corona ernst und trug eine Maske. Er konnte Plünderungen verdammen und gleichzeitig über Rassismus sprechen. Am Morgen des Wahltags ging er in die Kirche, Trump ging ins Frühstücksfernsehen.

Das große Versprechen

Biden kommt aus einer Zeit, in der die Verständigung mit dem politischen Gegner noch üblich war. In der polarisierten US-Gesellschaft kam das zuletzt aus der Mode, doch gleichzeitig gibt es auf beiden Seiten eine große Sehnsucht nach Verständigung.

Hier wird und muss ein Präsident Biden ansetzen. Es wird schwer genug: Sein Mandat ist nicht so groß wie es die Umfragen zwischenzeitlich nahelegten. Und seine Demokraten werden wohl die Mehrheit im Senat verfehlen. Die Republikaner könnten seine Präsidentschaft somit von Anfang an ausbremsen. Biden muss also schnell beweisen, dass er wie behauptet Brücken bauen kann.

Interessieren Sie sich für die US-Wahl? Washington-Korrespondent Fabian Reinbold schreibt über seine Arbeit im Weißen Haus und seine Eindrücke aus den USA unter Donald Trump einen Newsletter. Hier können Sie die "Post aus Washington" kostenlos abonnieren, die dann einmal pro Woche direkt in Ihrem Postfach landet.

Dabei kommt ihm zugute, dass er kein Ideologe ist. Er nimmt gemäßigte Positionen ein und führte schon den Wahlkampf als Pragmatiker. Hielt die linke Basis bei Laune und gewann enttäuschte Republikaner für sich. Dieser Spagat fällt im Wahlkampf allerdings leichter als in der Regierung.

Biden setzt auf Verbündete wie Deutschland

Geht es um Amerikas Rolle in der Welt, ist Biden ein Traditionalist, das heißt, er glaubt, dass Amerika in der Welt Gutes bewirken kann, wenn es mit seinen Partnern zusammenarbeitet. Er wird sein Land zurückbringen in das Pariser Klimaabkommen. Biden setzt dafür auf Verbündete wie Deutschland. In den vergangenen Jahren war er etwa regelmäßiger Gast beim wichtigen Jahrestreffen der Transatlantiker, der Sicherheitskonferenz in München. 2019 sagte er dort: "Wir werden zurückkommen."

Die Rückkehr zu einem alten Amerika, das war es, womit Biden in den vergangenen Jahren Politik und Wahlkampf machte. Mit dem Versprechen, Amerika könne zu einer wenig zerstrittenen Politik zurückkehren, und Amerika könne in der Welt so etwas wie moralische Führungskraft zeigen.

Dass die Sehnsucht danach vorhanden ist, zeigt sein Sieg. Jetzt muss er seine Versprechen nur noch halten.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherchen

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