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Das kĂŒhne Versprechen des Joe Biden

Von Fabian Reinbold

Aktualisiert am 07.11.2020Lesedauer: 5 Min.
Joe Biden: Der Sieger der PrÀsidentschaftswahl hatte in seinem Leben manche SchicksalsschlÀge.
Joe Biden: Der Sieger der PrÀsidentschaftswahl hatte in seinem Leben manche SchicksalsschlÀge. (Quelle: UPI Photo/imago-images-bilder)
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Er wurde abgeschrieben und verspottet. Doch mit einem simplen Rezept hat Biden die US-PrÀsidentschaftswahl gewonnen. Was können wir von ihm erwarten?

Am Ende war es eine einzige Zitterpartie. In der Wahlnacht sah Joe Biden zwei, drei Stunden lang schon aus wie die nĂ€chste Hillary Clinton, wie ein Treppenwitz der Geschichte. Bidens Zahlen waren schlecht, und als sie besser wurden, grĂ€tschte der PrĂ€sident der Vereinigten Staaten dazwischen und tat so, als habe er gewonnen. Jetzt sperrt sich Donald Trump mit allen Mitteln dagegen, das Weiße Haus an Biden abzutreten.


Joe Biden siegt bei US-Wahl 2020: So jubelt und wĂŒtet Amerika

Dem Demokraten Joe Biden ist der Sieg bei der US-PrĂ€sidentschaftswahl nicht mehr zu nehmen. Im ganzen Land feiern seine AnhĂ€nger unmittelbar nach dieser Nachricht, wie hier in Philadelphia. Die UnterstĂŒtzer von Amtsinhaber Trump wĂŒten.
Spontane Party auch in New Orleans: Viele junge Menschen atmen nach Bidens Sieg auf.
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Aber was im Leben von Joe Biden ist schon ohne RĂŒckschlĂ€ge geschehen, ohne Hindernisse, ohne Umwege?

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Joseph Robinette Biden Jr. hat erst im dritten Anlauf und im Alter von 77 Jahren die Wahl zum US-PrÀsidenten gewonnen. Sein Sieg ist eine Tatsache, auch wenn Amtsinhaber Trump sie noch nicht anerkennen will. Biden war der Kandidat, der seiner Nation und der Welt versprach, dass Amerika besser ist, als es die vergangenen Jahre wirkte.

Immer wieder abgeschrieben

Sein gesamter Wahlkampf wurde von AbgesĂ€ngen begleitet: Zu alt, zu tattrig. Zu langweilig, zu vorsichtig. Doch wĂ€hrend die Beobachter den Kopf schĂŒttelten, zog Biden einfach sein Programm durch. Er meisterte einen unĂŒbersichtlichen Vorwahlkampf, ein Jahr der vielen Krisen, wie Amerika es noch nie erlebt hatte, und die erbarmungslosen Angriffe Donald Trumps. Er machte dabei kaum Fehler.

Doch seine schwerste PrĂŒfung erwartet ihn, wenn er als 46. PrĂ€sident der Vereinigten Staaten eine unversöhnliche Nation fĂŒhren muss, die der Streit um die Wahl noch ein StĂŒck tiefer gespalten hat.

Eine klare Botschaft

Joe Biden ist kein brillanter Rhetoriker wie Barack Obama, kein Entertainer wie Donald Trump. Biden wird der erste PrÀsident seit Ronald Reagan, der nicht an einer Elite-Hochschule studiert hat. Aber er ist einer, der so spricht, dass ihn auch die Leute verstehen, die keinen Uni-Abschluss haben. Und er hatte eine klare Botschaft.

Seit er im April 2019 in den Wahlkampf einstieg, blieb Biden einfach immer bei seiner Kernaussage: Eine zweite Amtszeit Trumps wĂŒrde die US-Demokratie und den Charakter der Nation dauerhaft schĂ€digen. Er selbst könne das Land wieder zusammenfĂŒhren. Das ist kĂŒnftig seine Messlatte. Den Wahlkampf machte er zur Charakterfrage. Er inszenierte sich als Gegenteil zum PrĂ€sidenten und zeigte, dass er Eigenschaften wie Anstand, MitgefĂŒhl und Demut besitzt.

Trumps Attacken verpufften

Biden, 1942 als Sohn eines AutohÀndlers in Scranton, Pennsylvania, geboren, hatte als Kind schwer gestottert. In den vergangenen Jahren, etwa bei den Debatten-Auftritten, schien dies immer wieder durch. Trump und Co. attestierten ihm deshalb Demenz.

Bidens einziger noch lebender Sohn Hunter hatte versucht, sich seinen Nachnamen versilbern zu lassen. Trump und Co. versuchten daraus zu konstruieren, dass Biden korrupt sei. Doch in der Mitte der Gesellschaft, verfingen diese Attacken nicht, weil viele Amerikaner Biden seit langem kennen und ihn schlichtweg mögen. Er gilt als anstÀndiger Kerl.

Das war nicht immer so. Bidens erste Versuche, PrĂ€sident zu werden, waren klĂ€glich gescheitert. Vor der Wahl 1988 musste er aufgeben, nachdem herauskam, dass er Teile einer Wahlkampfrede bei einem Politiker in Großbritannien abgeguckt hatte. 2008 versuchte er es erneut, bekam bei der ersten Vorwahl aber nur ein Prozent und gab auf. Seine Karriere nahm eine Wendung, als er VizeprĂ€sident Barack Obamas wurde.

Die SchicksalsschlÀge

Biden lernte dazu, wuchs in eine Rolle als Versöhner hinein. Im Alter kam die Weisheit.

Er schaffte es in jenen Jahren als VizeprĂ€sident, NĂ€he herzustellen ĂŒber die SchicksalsschlĂ€ge, die ihm selbst widerfahren waren. 1972 starben, zwei Wochen nach seiner Wahl in den Senat, bei einem Autounfall seine Ehefrau und seine einjĂ€hrige Tochter. Die zwei Söhne ĂŒberlebten schwer verletzt. 2015 starb dann einer von ihnen – Beau, wie sein Vater Politiker – an einem Hirntumor. Biden hat diese SchicksalsschlĂ€ge genutzt, um ĂŒber Trauer und BewĂ€ltigung zu sprechen. Die Amerikaner im Jahr 2020 hatten dafĂŒr großen Bedarf.

Biden-Familie bei der Trauerfeier fĂŒr Beau: Er starb im Alter von 46 Jahren an einem Hirntumor.
Biden-Familie bei der Trauerfeier fĂŒr Beau: Er starb im Alter von 46 Jahren an einem Hirntumor. (Quelle: Patrick Semansky/ap-bilder)

Die Nation ist erschĂŒttert, auch wegen des lustlosen Krisenmanagements im Weißen Haus, wegen der mehr als 230.000 Covid-Toten, Millionen Arbeitslosen und Hungernden. Sie ist aufgewĂŒhlt von Polizeigewalt gegen Schwarze und eine nationale Diskussion ĂŒber strukturellen Rassismus.

Trump hatte dazu nichts zu sagen, Biden schon: Er nahm Corona ernst und trug eine Maske. Er konnte PlĂŒnderungen verdammen und gleichzeitig ĂŒber Rassismus sprechen. Am Morgen des Wahltags ging er in die Kirche, Trump ging ins FrĂŒhstĂŒcksfernsehen.

Das große Versprechen

Biden kommt aus einer Zeit, in der die VerstĂ€ndigung mit dem politischen Gegner noch ĂŒblich war. In der polarisierten US-Gesellschaft kam das zuletzt aus der Mode, doch gleichzeitig gibt es auf beiden Seiten eine große Sehnsucht nach VerstĂ€ndigung.

Hier wird und muss ein PrĂ€sident Biden ansetzen. Es wird schwer genug: Sein Mandat ist nicht so groß wie es die Umfragen zwischenzeitlich nahelegten. Und seine Demokraten werden wohl die Mehrheit im Senat verfehlen. Die Republikaner könnten seine PrĂ€sidentschaft somit von Anfang an ausbremsen. Biden muss also schnell beweisen, dass er wie behauptet BrĂŒcken bauen kann.

Interessieren Sie sich fĂŒr die US-Wahl? Washington-Korrespondent Fabian Reinbold schreibt ĂŒber seine Arbeit im Weißen Haus und seine EindrĂŒcke aus den USA unter Donald Trump einen Newsletter. Hier können Sie die "Post aus Washington" kostenlos abonnieren, die dann einmal pro Woche direkt in Ihrem Postfach landet.

Dabei kommt ihm zugute, dass er kein Ideologe ist. Er nimmt gemĂ€ĂŸigte Positionen ein und fĂŒhrte schon den Wahlkampf als Pragmatiker. Hielt die linke Basis bei Laune und gewann enttĂ€uschte Republikaner fĂŒr sich. Dieser Spagat fĂ€llt im Wahlkampf allerdings leichter als in der Regierung.

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Biden setzt auf VerbĂŒndete wie Deutschland

Geht es um Amerikas Rolle in der Welt, ist Biden ein Traditionalist, das heißt, er glaubt, dass Amerika in der Welt Gutes bewirken kann, wenn es mit seinen Partnern zusammenarbeitet. Er wird sein Land zurĂŒckbringen in das Pariser Klimaabkommen. Biden setzt dafĂŒr auf VerbĂŒndete wie Deutschland. In den vergangenen Jahren war er etwa regelmĂ€ĂŸiger Gast beim wichtigen Jahrestreffen der Transatlantiker, der Sicherheitskonferenz in MĂŒnchen. 2019 sagte er dort: "Wir werden zurĂŒckkommen."

Die RĂŒckkehr zu einem alten Amerika, das war es, womit Biden in den vergangenen Jahren Politik und Wahlkampf machte. Mit dem Versprechen, Amerika könne zu einer wenig zerstrittenen Politik zurĂŒckkehren, und Amerika könne in der Welt so etwas wie moralische FĂŒhrungskraft zeigen.

Dass die Sehnsucht danach vorhanden ist, zeigt sein Sieg. Jetzt muss er seine Versprechen nur noch halten.

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