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Diese Frage spaltet die USA – Fall Kyle Rittenhouse: Kind oder Killer?


Kind oder Killer? Diese Frage spaltet die USA

  • Bastian Brauns
Von Bastian Brauns, Washington

Aktualisiert am 16.11.2021Lesedauer: 6 Min.
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18-Jähriger vor Gericht: Kyle RittenhouseVergrößern des Bildes
18-Jähriger vor Gericht: Kyle Rittenhouse (Quelle: imago-images-bilder)

Wie tief die Risse in Teilen der amerikanischen Gesellschaft sind, zeigt derzeit der Gerichtsprozess um den Teenager Kyle Rittenhouse. Die Angst vor gewalttätigen Eskalationen wächst.

Kyle Rittenhouse ist 17 Jahre alt, als er sich Ende August vergangenen Jahres mit einem AR-15, einem halbautomatischen Gewehr, auf den Weg nach Kenosha im US-Bundesstaat Wisconsin macht. Wenige Stunden später sind zwei Menschen tot: der 36-jährige Joseph Rosenbaum und der 26-jährige Anthony Huber. Ein dritter Mann, Gaige Grosskreutz (26), ist schwer verletzt.

Rund ein Jahr später steht der heute 18 Jahre alte Kyle Rittenhouse vor Gericht. Er und sein Anwalt plädieren auf nicht schuldig. Das Argument: Selbstverteidigung, weil die Männer ihn angegriffen hätten. Die Anklage plädiert auf schuldig und reicht unter anderem von fahrlässiger Tötung bis zu vorsätzlicher Tötung. Kyle Rittenhouse drohen damit bis zu 60 Jahre Haft. Er würde das Gefängnis als 78-jähriger Mann verlassen.

So klar sich der Fall Rittenhouse im ersten Moment für viele anhören mag, so sehr spaltet die Interpretation der Geschehnisse die Vereinigten Staaten. Denn vor Gericht steht nicht nur Kyle Rittenhouse. Hochpolitische und gesellschaftliche Grundsatzfragen werden hier mitverhandelt. Es geht um Rassismus und Polizeigewalt, um Waffenrechte, gewaltsamen und friedlichen Protest und um das Recht auf Selbstverteidigung. Und schließlich geht es auch um Donald Trump und Joe Biden, um die Republikaner und die Demokraten und darum, wer in diesem Land wofür steht und wer recht hat. Egal, wie das Urteil ausfallen wird: Beobachter fürchten eine Eskalation, weil Anhänger beider Seiten die Entscheidung des Richters nicht akzeptieren könnten.

Aufruhr und Ausnahmezustand

In der 100.000-Einwohner-Stadt, gelegen direkt am Ufer des Michigan Lake, herrscht an diesem verhängnisvollen 25. August 2020 Ausnahmezustand. Nachdem der 29 Jahre alte Afroamerikaner Jacob Blake von einem Polizisten mit sieben Schüssen in den Rücken niedergestreckt worden war, kommt es zunächst zu friedlichen Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus. Erst im Mai war der Afroamerikaner George Floyd von einem Polizisten getötet worden, weil dieser minutenlang auf dessen Hals kniete, ohne auf sein Flehen zu hören. Sein letzter Hilferuf "I can't breathe" ging um die ganze Welt.

Die Proteste in Kenosha gegen die Schüsse eines Polizeibeamten auf den schwarzen Jacob Blake, der bis heute querschnittsgelähmt ist, aber schlagen an diesem Tag im August teils auch in Gewalt um. Scheiben von Autos und Geschäften werden zerstört und Brände gelegt. Der 17-jährige Kyle Rittenhouse fühlt sich nach eigenen Angaben dazu berufen, eine offenbar mit der Situation überforderte Polizei mit seinem AR-15-Gewehr und seiner Anwesenheit zu unterstützen. Es ist eine Art der Berufung, wie sie viele Menschen in den USA vorgeben zu verspüren, und die sich deshalb in bewaffneten Bürgerwehren organisieren.

Zwei komplett unterschiedliche Deutungen

Es gibt zahlreiche Videoaufnahmen (Vorsicht, gewalttätige Szenen!) der Schüsse von Kyle Rittenhouse, welche den Jurymitgliedern auch gezeigt wurden. Doch so klar, wie man annehmen könnte, wird die Angelegenheit durch das vorhandene Bildmaterial offenbar nicht.

Die Verteidigung interpretiert die Szenen so: Kyle Rittenhouse, der das Gewehr ohnehin rechtmäßig mit sich geführt habe, sei ganz klar angegriffen worden. Mal mit Händen, mal mit Fußtritten, mal mit einem Skateboard und im Fall des verletzten Gaige Grosskreutz auch mit einer Pistole. In Zeitlupe und anhand von Millisekundenschnipseln versuchte der Verteidiger Mark Richards, in seinem Abschlussstatement zu belegen, dass sein Mandant nur reagiert habe, um sein eigenes Leben zu schützen.

Die späteren Opfer seien letztlich selbst schuld, denn sie hätten angesichts des Gewehrs auch schlicht das Weite suchen können. Stattdessen hätten sich die Männer ihrerseits entschieden, Rittenhouse, der im Grunde noch ein Kind sei, anzugreifen.

Ganz anders die Staatsanwaltschaft: Schon allein, dass Kyle Rittenhouse als 17-Jähriger mit einer solch gefährlichen Waffe unterwegs war, verstoße gegen das Gesetz. Wer als "Chaos-Tourist" so weit aus seiner Heimat im benachbarten Bundesstaat Illinois anreise, plane den Einsatz der Waffe und kalkuliere damit auch eine Tötung wissentlich mit ein. Ohne erkennbare Not habe Rittenhouse insgesamt auf drei Menschen geschossen.

Schon nach dem ersten Schuss hätte dieser sich um den am Boden liegenden Mann kümmern oder zumindest den Notruf wählen müssen, sagte der Staatsanwalt Thomas Binger. Stattdessen habe Rittenhouse die Umstehenden über den Tathergang angelogen und dann weitere tödliche Schüsse abgegeben. Die Getroffenen hätten den Schützen überwältigen wollen, weil sie dachten, es handele sich bei Rittenhouse um einen Amokläufer.

Eine frühe Politisierung

Kein Geringerer als der damalige US-Präsident Donald Trump hatte den Schützen Kyle Rittenhouse wenige Tage nach dem Vorfall im August 2020 mit den Worten verteidigt: "Ich denke, er war in großer Not. Er wäre wahrscheinlich getötet worden." Schon mitten im Wahlkampf machte Trump "linke Demokraten" dafür verantwortlich, mit derlei gewalttätigen Protesten "Aufruhr und Anarchie" im Land zu schüren. Noch vor Beginn irgendeiner Verhandlung hatte er damit Partei ergriffen und die Angelegenheit zum Politikum gemacht.

Heute werfen die Republikaner mithilfe von Fox News und der Mutter des Angeklagten Joe Biden vor, sich schon vor einem Urteil in die Angelegenheit eingemischt zu haben. In einem Interview mit dem berüchtigten Trump-Versteher Sean Hannity sprach Wendy Rittenhouse vor wenigen Tagen davon, Joe Biden habe ihren Sohn diffamiert. Denn dieser habe Kyle implizit als "White Supremacist", also einen Rassisten bezeichnet. Das sei ihr Sohn aber nicht. Seither schäumt Amerikas Rechte noch mehr als ohnehin gegen Joe Biden.

Tatsächlich hatte die Biden-Kampagne kurz nach einem TV-Duell mit Donald Trump vor der Präsidentschaftswahl ein Video verbreitet, in dem neben zahlreichen Rassisten auch ein Foto von Kyle Rittenhouse auftaucht. Dazu der Satz: "Der Präsident der Vereinigten Staaten weigerte sich gestern Abend, sich während der Debatte auf offener Bühne von weißen Rassisten zu distanzieren."

Angesprochen auf die erhobenen Vorwürfe von Rittenhouses Mutter sagte Bidens Sprecherin Jen Psaki am Montag, man wolle sich nicht zum laufenden Verfahren äußern. Sie legte dann aber nach: "Es ist die Ansicht des Präsidenten, dass wir im Großen und Ganzen keine Bürgerwehren haben sollten, die in unseren Gemeinden mit Sturmgewehren patrouillieren." Es sollte keine Opportunisten geben, die friedliche Proteste dadurch korrumpieren, indem sie randalieren und Gemeinden irgendwo im Land niederbrennen, die sie angeblich vertreten.

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Ein neuer Märtyrerkult der Rechten

Die Gesinnung von Kyle Rittenhouse dürfte derweil relativ klar zu belegen sein. Zumindest feierte er nach den Geschehnissen im August in einer Bar in Wisconsin, die für ihre rechtsextreme Klientel bekannt ist. Er traf dort Anhänger der rechtsradikalen sogenannten Proud Boys, posierte für gemeinsame Fotos, formte dabei mit den Händen in der Szene bekannte Code-Zeichen und trug ein T-Shirt mit der Aufschrift "free as fuck". Rittenhouse ist ein Trump-Fan, liebt Waffen und hat ein Faible für alles Polizeiliche und Militärische. Die Fotos, die Rittenhouse bei diesem Treffen zeigen, hat der bei den Vertretern der Anklage umstrittene Vorsitzende Richter Bruce Schroeder als Beweismittel allerdings nicht zugelassen.

Vor Gericht brach der 18-Jährige zuletzt bei seiner Aussage bitterlich in Tränen aus. Im ganzen Land und auf allen Fernsehkanälen liefen diese Szenen in Dauerschleife. Das eine Lager versucht nun, Rittenhouse als einen armen, traumatisierten Jungen darzustellen, der vollkommen zu Unrecht auf der Anklagebank sitzt, weil er sich vor gewalttätigen Linksextremisten retten wollte und sich mutig zur Wehr setzte. Die andere Seite hingegen warnt vor einem längst aufgebauten Märtyrerkult der Rechtsextremen. Sollte Rittenhouse freikommen, die politische Rechte könnte es als Triumph feiern. Sollte er verurteilt werden, würde er zu einem weiteren Symbol der Systemfeinde.

Angst vor dem Urteil

Die Jury beginnt mit ihren Beratungen an diesem Dienstag. Die Beratungen können Stunden, Tage oder sogar Wochen dauern. Schon vor der Urteilsverkündung aber versammeln sich vor dem Gerichtsgebäude in Kenosha Demonstranten beider Seiten. Auf den jeweiligen Fernseh- und Social-Media-Kanälen heizen die Anhänger mit ihren Botschaften die Stimmung bereits an.

Sollte Rittenhouse freikommen, brauche man sich über Gewalt in den Straßen nicht wundern, heißt es bei den einen. Bei den anderen heißt es, der Fall sei eine "widerwärtige Anklage" gegen einen kleinen Jungen, in Auftrag gegeben vom US-Präsidenten Joe Biden persönlich. So verbreitete es etwa der evangelikale, rechtskonservative Republikaner James David Vance in einem Videostatement auf Twitter. Die Patrioten müssten nun aufstehen, rief er seine Anhänger auf. "Es könnte euer Baby Boy sein, den sie holen werden. Es könnten eure Kinder sein, deren Leben sie versuchen, zu zerstören, wenn niemand sonst mehr die Gemeinden verteidigt."

Nach solchen Ansagen dürfte sich in den USA keiner mehr wundern, wenn die grenzenlos wirkende Wut aufeinander demnächst wieder Menschenleben fordert. Legale Waffen dafür gibt es hier genug. Und an der Bereitschaft, sie ohne Bedenken und offiziellen Auftrag einzusetzen, fehlt es ebenfalls nicht. Auch nicht bei einem 17-Jährigen.

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