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"Anne Will" | Lindner und Habeck: Diese Worte klingen nach Zusammenarbeit

Klima-Talk bei "Anne Will"  

Lindner und Habeck – diese Worte klingen nach Zusammenarbeit

Eine TV-Kritik von Christian Bartels

20.09.2021, 09:50 Uhr
"Anne Will" | Lindner und Habeck: Diese Worte klingen nach Zusammenarbeit. Christian Lindner bei Anne Will: "Noch eine Woche bis zur Wahl – was ist uns das Klima wert? war das Thema der Sendung. (Quelle: imago images)

Christian Lindner bei Anne Will: "Noch eine Woche bis zur Wahl – was ist uns das Klima wert? war das Thema der Sendung. (Quelle: imago images)

Bei "Anne Will" klangen der Grünen-Co-Chef und der FDP-Chef beinahe so, als würden sie schon Koalitionsverhandlungen führen. Außerdem sorgte ein kaum unterbrechbarer Ministerpräsident für Aufsehen in der Talkshow. 

Annalena Baerbock sprach im letzten Fernseh-Triell auf den Sendern der ProSiebenSat.1-Gruppe gerade ihre Abschlussworte, da begann in der ARD die letzte "Anne Will"-Talkshow vor der Bundestagswahl – ganz ohne auf die Sendung der privaten Konkurrenz einzugehen. In der Ausgabe mit dem Titel "Noch eine Woche bis zur Wahl – was ist uns das Klima wert?" ging es statt um allgemeinen Wahlkampf-Schlagabtausch bemerkenswert konkret ums Topthema Klimapolitik.


Die Gäste:


Die Parteien der drei Kanzlerkandidaten waren also jeweils mit Parteichefs oder Stellvertretern präsent. Das erste Wort erhielt der Chef der in den Triellen nicht vertretenen FDP. Christian Lindner widersprach der Ansicht, die FDP baue beim Klimaschutz allein auf den Markt. Der Staat müsse einen "klaren Ordnungsrahmen" setzen, aus dem sich die Klimaziele ergeben, etwa "dass die Mobilität mit dem Auto klimaneutral wird". Bloß der Weg dorthin solle nicht vorgegeben werden.

"Verbote und ordnungsrechtlicher Rahmen sind das gleiche", sagte Grünen-Co-Chef Habeck und widersprach damit der auch von Will formulierten Ansicht, dass die Grünen vor allem auf Verbote setzten. Allerdings sei der von der aktuellen Bundesregierung gegebene Ordnungsrahmen "zu lasch". Die Gesamtziele fürs Klima zu erreichen, sei rechnerisch gar nicht möglich, wenn der Kohleausstieg erst 2038 stattfindet. Auf Wills Nachfrage bekundete Habeck, dass er "eine Koalition nicht an der Rhetorik der Ideologie scheitern lassen" würde, sofern die Klimaziele in der Summe erreicht würden. Das klang so, als würden Lindner und Habeck im Talkshow-Studio schon mal Koalitionsverhandlungen aufnehmen.

Journalistin Cerstin Gammelin von der "Süddeutschen Zeitung" forderte, die Parteien müssten beim Klima mehr auf "gesellschaftlichen Konsens" setzen, aber auch ehrlich sagen, dass Klimaschutz sowohl Geld als auch Veränderungen im Lebensstil kosten werde.

Bouffier ist kaum zu stoppen

Dann erst kamen die Parteien, die die aktuelle Bundesregierung bilden, zu Wort. SPD-Vorsitzende Saskia Esken von Will eingangs mit einem "Pommesbuden"-Scherz begrüßt (mit Bezug auf ihre Nicht-Teilnahme an der Will-Show der Vorwoche) – argumentierte, dass das inzwischen oft scharf kritisierte Kohleausstiegsgesetz den Ausstieg aus dem fossilen Brennstoff erst fürs Jahr 2038 festschreibt, eben um gesellschaftlichen Konsens zu gewährleisten. Es sei aber so angelegt, dass die Industrie durchaus früher aussteigen könne.

Der hessische Ministerpräsident Bouffier hielt sich, nachdem er 20 Minuten geschwiegen hatte, durch lange Redebeiträge schadlos. Der CDU-Politiker äußerte die Sorge, dass "sehr viele Länder, gerade die großen", in eine andere Richtung als Deutschland und die EU gehen und eher noch stärker auf fossile Brennstoffe setzen. Nur wenn Deutschland seinen Wohlstand erhält, könne es andere Staaten überzeugen, seinem klimapolitischen Weg zu folgen.

Die Probleme, die Bouffier ansprach ("Wir haben den teuersten Strom, den wir jemals hatten") und seine Vorschläge, etwa "das Planungsrecht zu entschlacken", klangen freilich so, als habe er mit der Partei, die seit 16 Jahren die Bundesregierung führt, nichts am Hut. Zugleich sprach Bouffier Saskia Esken wiederholt als "Frau Eskens" an und nutzte zusehends aus, dass seine sonore Stimme sich, einmal in Schwung gekommen, kaum unterbrechen lässt.

Wasserstoff als der "Champagner der Energiewende"

Immer wieder konkret wurde es dank Habeck, der sich als schleswig-holsteinischer Energie- und Umweltminister mit Themen wie dem Planungsrecht für Stromleitungen ja "sechs Jahre lang hauptberuflich" befasst hatte, wie er sagte. Der Grüne argumentierte etwa, dass lineare Klimaziel-Berechnungen, "die den Fokus auf das Enddatum legen", in die Irre führen würden, da der Fokus immer auf der Gegenwart liegen müsse und so "Kräfte, von denen wir heute noch gar nichts ahnen", freisetzen könne. Das klang ähnlich wie Lindners Faible für den Markt. Ebenfalls gemeinsam sprachen der Grüne und der FDP-Chef von Wasserstoff als dem "Champagner der Energiewende". Lindner sieht da zukünftig großes Potenzial, Habeck ist eher skeptisch. Jedenfalls sollte dieser "Champagner" für besonders energieintensive Bereiche wie die chemische Industrie reserviert bleiben.

Und während Habeck am SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz wiederholt scharfe Kritik ("Ich halte ja Herrn Scholz für einen fähigen Bürgermeister von Hamburg ...") einstreute, erinnerte das, was er und Lindner über öffentliche, also steuerfinanzierte Investitionen, die die Grünen fordern, über private Investitionen, die die FDP favorisiert, und über schnellere steuerliche Abschreibungen als mögliche Kompromiss-Formel sagten, schon wieder an Koalitionsverhandlungen.

So war Anne Wills letzte Talkshow vor der Wahl am kommenden Sonntag eine vergleichsweise konzentriert um ein wichtiges Politikfeld kreisende Sendung – und konnte vielleicht tatsächlich zur Meinungsbildung noch unentschlossener Wählerinnen und Wähler beitragen. Kleiner Wermutstropfen, zumindest für die Moderatorin: Die letzten Sendungsminuten sicherte sich Bouffier im Alleingang, sodass Will ihre Show fast ohne Abmoderation auffällig abrupt beendete.

Verwendete Quellen:
  • "Anne Will" vom 19.9.2021

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