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Abtreibungsärztin Kristina Hänel: Sie lässt sich vom Hass nicht unterkriegen

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Abtreibungsärztin Kristina Hänel  

Diese Frau lässt sich vom Hass nicht unterkriegen

Von "chrismon"-Chefredakteurin Ursula Ott

05.08.2018, 11:29 Uhr
Abtreibungsärztin Kristina Hänel: Sie lässt sich vom Hass nicht unterkriegen. Kristina Hänel steht im Visier radikaler Abtreibungsgegner. (Quelle: Evelyn Dragan)

Kristina Hänel steht im Visier radikaler Abtreibungsgegner. (Quelle: Evelyn Dragan)

Kristina Hänel wurde verurteilt, weil sie darüber informiert, dass sie Schwangerschaftsabbrüche macht. Radikale Abtreibungsgegner wollen sie "zerstückeln". Für ihre Patientinnen ist sie oft die letzte Rettung.

Am Tag des Urteils, als die Ärztin Kristina Hänel (61) erschöpft vom Amtsgericht in Gießen nach Hause kommt, auf ihren Hof in Linden, wartet dort Peggy (14). "Sie haben dich wirklich verurteilt? Dich?" Das Mädchen ist den Tränen nah. Peggy kümmert sich auf dem Hof um die Pferde. Und die Pferde sind nervös in diesen Tagen. Kristina Hänel hat zu viel mit Anwälten und Journalisten zu tun, zu viel mit TV und Twitter, zu wenig Zeit zum Reiten und Füttern. Ricardo, der Wallach, ist wild geworden und hat Peggy abgeworfen. "Aber weißt du was, Kristina", sagt die 14-Jährige, "ich hab mir was überlegt. Wenn man runterfällt, muss man ganz schnell entscheiden: Ich steh wieder auf."

So endet dieser 24. November 2017, an dem Kristina Hänel, Ärztin und Psychotherapeutin, weltberühmt wurde. Verurteilt wegen des Paragrafen 219a zu 6.000 Euro Geldstrafe, weil sie auf der Homepage ihrer Praxis darüber informiert hatte, dass sie nach den strengen Richtlinien der deutschen Beratungsregelung zulässige Schwangerschaftsabbrüche vornimmt. Das Amtsgericht Gießen wertete dies als "unerlaubte Werbung".

Seit diesem Urteil wird sie durch Fernsehsendungen und die Weltpresse gereicht, auch die "New York Times" war schon da. Sie wird von Abtreibungsgegnern schikaniert und mit Hassmails gequält. Sie träumt manchmal nachts davon, dass diejenigen, die ihr per Mail den "langsamen Foltertod" wünschen, tatsächlich zur Waffe greifen. "Ich habe lange in der Psychiatrie gearbeitet, ich weiß, wozu wahnhafte Menschen in der Lage sind." Seither ist das Leben der Ärztin ziemlich aus den Fugen. Aber an diesem 24. November muss sie ent­schieden haben: Aufstehen. Weiter.

Ihre Oase ist der Reiterhof

Zum Gespräch kommt sie im alten, abgelebten rosa T-Shirt mit zwei Löchern, in halblangen roten Turnhosen, sie ist zwischen Sprechstunde und Abendessen noch schnell neun Kilometer zum Hof geradelt und zurück. Der Reiterhof ist nach langen Arbeitstagen ihre Oase: "Reiten bringt mein Körpergefühl zurück." Sie ist ungeschminkt und spricht schnell, zwischendurch ruft die Putzfrau an, das Portemonnaie der Chefin liegt noch in der Praxis. Es muss vieles Platz haben im Arbeitstag dieser Frau.

 Diese Geschichte erscheint in Kooperation mit dem Magazin "chrismon". Die Zeitschrift der evangelischen Kirche liegt jeden Monat mit 1,6 Millionen Exemplaren in großen Tages- und Wochenzeitungen bei – unter anderem "Süddeutsche Zeitung", "Die Zeit", "Die Welt", "Welt kompakt", "Welt am Sonntag" (Norddeutschland), "FAZ" (Frankfurt, Rhein-Main), "Leipziger Volkszeitung" und "Dresdner Neueste Nachrichten". Die erweiterte Ausgabe "chrismon plus" ist im Abonnement sowie im Bahnhofs- und Flughafenbuchhandel erhältlich. Mehr auf: www.chrismon.deAn ihrem Hals baumelt ein silberner Kokopelli, Fruchtbarkeitssymbol der Hopi-Indianer. Der Kokopelli, ein kleiner Tänzer, spielt Flöte, wie Kristina, die manchmal in der Fußgängerzone steht, Flöte spielt und singt. "Die Gedanken sind frei", singt sie, manchmal auch jiddische Lieder, und sie singt das Lied der Buchenwald-Frauen. "Seid gegrüßt, ihr Lieben am unbekannten Ort, gedenket manchmal meiner, die ich musste fort." Seit Jahren engagiert sie sich für die Auschwitz-Lagergemeinschaft, singt Klezmerlieder, tritt in Gedenkstätten auf. Sie findet, das sei die Aufgabe ihrer Generation, "Teil meiner Geschichte, über die meine Eltern nie gesprochen haben". Wie so viele Deutsche, die in den 50er Jahren geboren sind, weiß sie nicht ganz genau um die Schuld ihrer Eltern. "Aber ich will verhindern, dass die Geschichte irgendwann weg ist." Gedenket meiner, ich musste fort.

Sie zeigt ihren Kindern nicht alle Hass-Zuschriften

An dieser Stelle ist sie verletzbar. Dass die Abtreibungsgegner ausgerechnet den Holocaust verhöhnen und ihre Kampagne gegen Dr. Hänel und andere Ärztinnen "Babycaust" nennen – da könnte sie „die Wand hoch gehen“. Und diese eine Mail – "Du mit deiner Semiten-Hackfresse" –, die hat sie ihren Kindern nie vorgelesen.

Ihre Kinder sind inzwischen erwachsen, selbst Arzt und Ärztin, haben selbst wieder Kinder. Alle halten zu ihr, klar, die erwachsene Tochter hat ihr den Kokopelli als Glücksbringer geschenkt, der Sohn hat sie zum Gerichtssaal gefahren und geweint beim Abschied. Aber die Kinder haben auch gelitten unter dem Job der Mutter. "Ganz ehrlich; welches Kind will schon, dass die Mama Abtreibungsärztin ist?"

Ihr Reiterhof ist Kristina Hänels Oase. Doch selbst hier arbeitet sie mit Menschen, die Hilfe brauchen. (Quelle: Evelyn Dragan)Ihr Reiterhof ist Kristina Hänels Oase. Doch selbst hier arbeitet sie mit Menschen, die Hilfe brauchen. (Quelle: Evelyn Dragan)

Dass Kristina Hänel schon in den 80er Jahren bei Pro Familia arbeitete, hatte, ganz pragmatisch, mit ihrem eigenen Kinderwunsch zu tun. Die Arzttochter – alle in dieser Familie, wirklich alle, sind Ärzte – war zielstrebig und fleißig. Abitur mit 18, Physikum mit 25, während des Studiums zwei Wunschkinder, "ich liebte das Leben und meinen Partner". Die Beziehung ging in die Brüche, die Kinder zog sie alleine auf, das Zweitstudium Psychologie schaffte sie irgendwann nicht mehr als junge Mutter, "mir fielen abends einfach die Augen zu".

Also Pro Familia, geregelte Arbeitszeiten, kein Sonntagsdienst. Schon damals im Visier der Abtreibungsgegner. "Ich stand am Fußballplatz mit meinem Sohn und seinem Sportkamerad. Dessen Vater sagte vor den Kindern zu mir: 'Ich habe genug Material zusammen, um Sie ins Gefängnis zu bringen.'" Schon in den 80er Jahren wird sie zu öffentlichen Diskussionen eingeladen, sagt aber auch mal ab, weil die Tochter weint: "Mama, bitte nicht ins Fernsehen gehen." Sie will die Kinder schützen, unbedingt, drum zeigt sie ihnen auch die Drohbriefe und die Postkarten nicht. Und lässt ihre Nummer aus dem Telefonbuch nehmen.

"Alle brauchen mich, bloß die Hand darf man mir nicht geben"

Gießen ist in den 80er Jahren ein Ort des Aufbruchs. Rund um den Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter entsteht die Antipsychiatrie-Bewegung. Hänel arbeitet als Laienhelferin in der Psychiatrie, trifft dort auf traumatisierte russische Soldaten, auf verwirrte Kriegsveteranen – und auf viele vergewaltigte und sexuell missbrauchte Frauen. Sie gründet einen "Wildwasser"-Verein, und sie fängt an, auf ihrem Hof Therapie für missbrauchte Kinder anzubieten. Der Einsatz trägt sich finanziell nicht, liegt ihr aber am Herzen und tut ihr, der preisgekrönten Dressurreiterin, auch selbst gut.

Die kleinen Patienten kommen aus zerrütteten Familien, viele leben im evangelischen Kinderheim. "Die machen dort sehr gute Arbeit", lobt Hänel, wie sie überhaupt für sich entschieden hat: "Ich unterstütze die Guten in meiner evangelischen Kirche." Das Kinderheim. Die Pfarrerin, die sie um Rat fragt, wenn sie mit einem Missbrauchsfall zu tun hat. Die Gemeinde, in der sie Heiligabend Flöte spielt. Hänel ist Mitglied der evangelischen Kirche.

Hass und Gott – das geht für die Christin nicht zusammen. (Quelle: Evelyn Dragan)Hass und Gott – das geht für die Christin nicht zusammen. (Quelle: Evelyn Dragan)

Dass auch die selbst ernannten Lebensschützer sich auf den lieben Gott berufen? Kann sie nicht ernst nehmen. "Wer mich mit Gott teeren und federn will", sagt sie, "ist nicht wahrhaftig." Wahrhaftigkeit, das Wort sagt sie gern. "Nur Dinge, die wahr sind, berühren mein Herz." Wer hasst und sich dabei auf Gott beruft – "ist in meinen ­Augen gottlos". Und: "Jesus mochte auch keine Pharisäer."

Und von denen gibt es viele unter den Abtreibungsgegnern. Zu den vielen Frauen, denen sie in den Jahren geholfen hat, gehören auch solche aus dem evangelikalen Spektrum. "Alle brauchen mich, bloß die Hand darf man mir nicht geben."

Geholfen? Darf man das sagen, wenn man eine Schwangerschaft abbricht: helfen?

Jeder Abbruch ein Drama

Kristina Hänel zeigt eine Mail. Sie ist ja jetzt berühmt, inzwischen schreiben ihr Frauen, die vor vielen Jahren eine Schwangerschaft abgebrochen haben, heute längst glückliche Familienmütter sind. Und die jetzt ihre Ärztin von damals in der Tagesschau sehen, als Angeklagte. "Diese Schwangerschaft war das Drama meines Lebens", steht in der Mail, "alle waren damals gegen mich, aber bei Ihnen habe ich mich aufgehoben gefühlt."

Drama. Das ist es immer noch und wird es immer sein. Keine Frau tut sich leicht mit der Entscheidung, eine Schwangerschaft abzubrechen. Gerade heute, sagt Kristina Hänel in unserem Gespräch, heute hat sie geheult, mit der Patientin zusammen. Eine junge Frau aus einer türkischen Familie, mit einer schweren Behinderung, sie hat sich mühsam das Studium erkämpft. Eigentlich hätte die Frau das Kind gerne bekommen. "Sie sagte, sie habe noch nicht mal einen Regenwurm getötet in ihrem Leben." Aber ihr Freund, der zum Termin mitgekommen ist, will sie nicht heiraten – es ist klar, dass sie ledig mit Kind aus der Familie verstoßen würde.

Da hat die Ärztin sie erst noch mal zum Nachdenken weggeschickt. Das tut sie oft. Aber am Ende hat sie den Abbruch gemacht. So wie bei der jungen Verkäuferin, die nach Jahren der Arbeitslosigkeit eine Stelle hat – und schwanger wird. Oder bei der vierfachen Mutter, die nach der Geburt ihres letzten Kindes vom Mann verlassen wurde. Oder bei der Geliebten eines amerikanischen Soldaten, die gerade erfahren hat: Der Mann ist in den USA schon verheiratet. Dramen ohne Ende im Sprechzimmer. "Oft würde ich die Frauen am liebsten nach Haus mitnehmen und trösten."

Durchs Dachfenster zum Patienten

Darum ist Kristina Hänel froh, dass sie zum Ausgleich den Reiterhof hat. Und den Rettungsdienst. "Da wird weniger geheult." Wenn sie vom RTW erzählt, vom Rettungswagen mit dem "super Zusammenhalt", wird sie noch mal richtig munter. Sie ist drahtig, klettert schon mal durchs Dachfenster in eine Dusche, um ein Herzinfarktopfer rauszuhieven. Schreckt nicht zurück vor vermüllten Zimmern und verwahrlosten alten Leuten, bei denen die Fliegen auf den Exkrementen sitzen. Das kennt sie aus der Psychiatrie. Gleich beim ersten Einsatz als Rettungsärztin hat sie einen Herzinfarktpatienten reanimiert. Er überlebte. Das, sagt sie, sei "der Hammer".

Ärztin Kristina Hänel: Sie und ihre Praxis in Gießen waren auf einmal berühmt. (Quelle: Evelyn Dragan)Ärztin Kristina Hänel: Sie und ihre Praxis in Gießen waren auf einmal berühmt. (Quelle: Evelyn Dragan)

Aber es kostet Kraft. In den Wochen nach dem Urteil haben ihre Arzthelferinnen ihr manchmal verboten, nachts Rettungsdienst zu fahren. Jetzt hat sie erst mal aufgehört damit. Sie erzählt solche Sachen ungern, die Abtreibungsgegner sollen nicht das Gefühl haben, sie hätten es geschafft, sie zu zermürben. Denn sie hat sich das ja alles nicht ausgesucht. Sie ist Ärztin. Jetzt wird sie nicht nur von den Abtreibungsgegnern attackiert, die sie wahlweise "zerstückeln" und "in ein Fass werfen" wollen oder zumindest die "Todesstrafe" für sie fordern.

Immer für die Schwächeren

Auch die Szene der Unterstützer will sie bisweilen als Galionsfigur vereinnahmen. Sie musste eine studentische Hilfskraft anstellen, die ihre Medienkontakte koordiniert. Ein befreundeter Polizist hilft ihr bei der Entscheidung: Welchen Kampf ausfechten? Welchen nicht? Viele Mails auf ihrem Laptop wären justiziabel. Viele Drohungen klingen wirklich ernst. Aber soll sie ihre Energie nur noch in Prozesse investieren?

Diesen einen Prozess will sie gewinnen: Am 6. September wird am Landgericht Gießen über ihre Berufung verhandelt. Schon im August laufen Prozesse gegen Kasseler Ärztinnen, die ebenfalls von den Abtreibungsgegnern angezeigt wurden. Mittlerweile ist auch die Politik aufgewacht. Justizministerin Katarina Barley hält das jetzige Gesetz für "unhaltbar", Ende Juni lud der Rechtsausschuss im Bundestag Experten. Bis zum Gerichtstermin wird es wohl kein neues Gesetz geben. Sommer, Berlin hat gerade andere Sorgen. Und Kristina Hänel guckt Fußball. Für wen sie fiebert? "Wie immer im Leben", sagt sie, "ich bin für die Schwächeren. Und wenn sich abzeichnet, dass die doch gewinnen – dann bin ich ab da für die anderen."

Sabrina H. war schwanger, als die Diagnose Down-Syndrom kam. Da stellte ihr Mann sie vor die Wahl: Entweder sie treibt ab oder er verlässt die Familie. Weiterlesen auf chrismon.de

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