• Home
  • Politik
  • Deutschland
  • Gesellschaft
  • Berlin ist Deutschlands Pr├╝gelknabe ÔÇô Abneigung gegen die Hauptstadt


Meinung
Was ist eine Meinung?

Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung ├╝bernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Warum Berlin Deutschlands Pr├╝gelknabe bleiben wird

Ein Gastbeitrag von Lukas Haffert

Aktualisiert am 18.03.2022Lesedauer: 6 Min.
Berlin-Kreuzberg (Archivbild): Die deutsche Hauptstadt ist f├╝r viele Nicht-Berliner immer wieder Objekt der Kritik.
Berlin-Kreuzberg (Archivbild): Die deutsche Hauptstadt ist f├╝r viele Nicht-Berliner immer wieder Objekt der Kritik. (Quelle: Wolfram Steinberg/dpa-bilder)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Symbolbild f├╝r einen TextHeftige Unwetter: Viele Sch├ĄdenSymbolbild f├╝r einen TextS├Âhne besuchen Becker im Gef├ĄngnisSymbolbild f├╝r ein Video2.000 Jahre alte Schildkr├Âte ausgegrabenSymbolbild f├╝r einen TextDeutsche verbrauchen weniger GasSymbolbild f├╝r einen TextBundesliga-Klubs starten neue KooperationSymbolbild f├╝r einen TextLudowig-Tochter zeigt sich im BikiniSymbolbild f├╝r einen TextScholz: Kaliningrad-Transit deeskalierenSymbolbild f├╝r ein VideoNuklear-Hotel soll jahrelang fliegenSymbolbild f├╝r einen TextVerstappen gegen Sperre f├╝r F1-LegendeSymbolbild f├╝r einen TextNarumol zeigt ihre T├ÂchterSymbolbild f├╝r einen TextEinziges Spa├čbad von Sylt muss schlie├čenSymbolbild f├╝r einen Watson TeaserBecker bekommt erfreulichen Knast-BesuchSymbolbild f├╝r einen TextErdbeersaison auf dem Hof - jetzt spielen

Deutschland streitet gern, doch in einer Beziehung sind sich viele Menschen einig: in der Abneigung gegen die sogenannte Berliner Blase. Warum der Hauptstadt so viel Abneigung entgegenschl├Ągt, erkl├Ąrt Politologe Lukas Haffert.

Bei keiner Bundestagswahl war der Stadt-Land-Graben so tief wie bei der im September 2021. W├Ąhrend die Gr├╝nen in vielen Gro├čst├Ądten triumphierten, zog die AfD ihre Kraft verst├Ąrkt aus dem l├Ąndlichen Raum. L├Ąngst hat dieser Graben nicht nur die Wahlergebnisse erfasst, sondern pr├Ągt auch unseren politischen Diskurs.

So geh├Ârt es in Teilen des politischen Spektrums mittlerweile zum guten Ton, ├╝ber die "urbanen Eliten" zu schimpfen, die in der "Berliner Blase" l├Ąngst vom Latte Macchiato zum Flat White ├╝bergegangen sind, den sie dann auch noch auf Englisch bestellen. "Das ist hier nicht Berlin-Kreuzberg", erkl├Ąrte Friedrich Merz seinem Publikum im th├╝ringischen Apolda, "das ist mitten in Deutschland" ÔÇô und klang damit tats├Ąchlich ein wenig wie der deutsche Donald Trump, als der er gerne karikiert wurde.

Lukas Haffert, Jahrgang 1988, ist ├ľkonom und Politikwissenschaftler, er lehrt und forscht an der Universit├Ąt Z├╝rich. Zuvor verbrachte Haffert Forschungsaufenthalte an der Georgetown University und der Harvard University in den USA. Gerade erschien mit "Stadt, Land, Frust. Eine politische Vermessung" sein neuestes Buch.

Das Schreckensszenario, mit dem Jens Spahn 2021 in den Wahlkampfendspurt zog, lautete, eine SPD-gef├╝hrte Regierung werde aus Deutschland "ein gro├čes Berlin-Mitte machen". Warum brechen sich die wachsenden politischen Gegens├Ątze zwischen Stadt und Land gerade auf diese Weise Bahn? Woher kommt diese symbolische Aufladung, und warum macht sie sich so sehr an Berlin fest?

ANZEIGEN
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Meistgelesen
Italiens Regierungschef Draghi bricht Nato-Gipfel ab
Mario Draghi in Madrid: Der italienische Regierungschef nimmt am Donnerstag an einer Kabinettssitzung teil.


Selbst Donald Trump wurde kritisiert

Zun├Ąchst kann man festhalten, dass die gro├če Stadt nicht nur in Deutschland ein popul├Ąres Ziel politischer Attacken ist. Insbesondere in rechtspopulistischen Narrativen verk├Ârpern Metropolen gerne all das, was in der Gesellschaft vermeintlich falsch l├Ąuft. So musste sich ausgerechnet Donald Trump 2016 im innerparteilichen Vorwahlkampf vorwerfen lassen, er habe "New York Values".

In dieser Kritik ist New York eine Chiffre f├╝r ganz unterschiedliche Gruppen: f├╝r Vegetarier und Fahrradfahrer, f├╝r Einwanderer, Waffengegner, Abtreibungsbef├╝rworter und vieles andere mehr ÔÇô f├╝r all diejenigen also, mit denen das "wahre" Amerika au├čerhalb der Metropole nichts zu tun haben m├Âchte. Solche Kritik soll dazu dienen, eine diverse Anh├Ąngerschaft durch einen Appell an ihre geteilte Abneigung gegen├╝ber einem gemeinsamen Gegner zusammenzuf├╝hren und politisch zu mobilisieren.

Dabei erlaubt Gro├čstadtkritik, zwei Gegner gleichzeitig zu markieren, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben. Die Metropole repr├Ąsentiert die politischen, ├Âkonomischen und kulturellen Eliten, sie repr├Ąsentiert aber gleichzeitig auch die "Einwanderer", das andere gro├če Feindbild des Rechtspopulismus. Au├čerdem ruft diese Kritik einige weitere traditionelle Kassenschlager des Rechtspopulismus auf.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen modifizierten Auszug aus dem neuen Buch "Stadt, Land, Frust. Eine politische Vermessung

So erscheinen Gro├čst├Ądte h├Ąufig als Horte der Kriminalit├Ąt und der politischen Korruption. Und die Erz├Ąhlung vom faulen Berlin, das dem Rest des Landes auf der Tasche liege, f├╝gt sich exzellent ein in die rechtspopulistische Unterscheidung zwischen den produktiven, hart arbeitenden "Makers" und den "Takers", die auf die eine oder andere Weise von Steuergeld leben.

Gro├čstadtkritik ist immer en vogue

Schlie├člich passt die Metropolenkritik ganz vorz├╝glich in die Strategie, die vermeintliche Elite durch Grenz├╝berschreitungen, Geschmacklosigkeiten oder Tabubr├╝che zur Selbstentlarvung zu bringen: Indem man die Provokation kritisiert, gibt man sich als Teil der Elite zu erkennen und belegt damit vermeintlich, wie treffend die Kritik war. Da die meisten Produzenten ├Âffentlicher Deutung selbst in Gro├čst├Ądten leben, funktioniert dieser Mechanismus bei kaum einem anderen Thema so gut wie bei Gro├čstadtkritik.

Seit jeher ist in Deutschland Berlin die Metropole, die zur Zielscheibe solcher Kritik wird. Nur in den wenigen Jahrzehnten der deutschen Teilung firmierte West-Berlin in der bundesrepublikanischen Rhetorik als "Leuchtfeuer der Freiheit", das "den Westen" und seine Werte symbolisierte. Ansonsten hie├č es in der politischen Rhetorik meistens: Ich bin kein Berliner.

Lukas Haffert: Der Forscher besch├Ąftigt sich mit den angeblichen und tats├Ąchlichen Unterschieden zwischen Stadt und Land.
Lukas Haffert: Der Forscher besch├Ąftigt sich mit den angeblichen und tats├Ąchlichen Unterschieden zwischen Stadt und Land. (Quelle: privat)

Dabei zeigen sich erstaunliche Parallelen zwischen den aktuellen Attacken und fr├╝heren Wellen der Berlinkritik. Diese Kritik setzte mit der Reichsgr├╝ndung 1871 ein, als Deutschland mit der neuen Hauptstadt zum ersten Mal eine echte Metropole bekam. Ihren H├Âhepunkt erreichte diese vor allem aus nationalistischen und rechtskonservativen Kreisen kommende Kritik aber in der Weimarer Republik.

In den 1920er-Jahren wurde Berlin zum Symbol f├╝r die neue politische und gesellschaftliche Ordnung und all das, was mit ihr einherging. Die Hauptstadt, so der Journalist und Autor Jens Bisky, verk├Ârperte symbolisch die gesamte Gesellschaft: "Wie man zur Republik stand, zur neuen Kulturindustrie, zur neuen Baukunst, zu Volk oder Revolution ÔÇô all das lie├č sich leicht am Urteil ├╝ber die Hauptstadt ablesen. Und auf ein solches wollten die wenigsten verzichten."

Das Chicago Europas?

Dass die Berlinkritik gerade in den 1920er-Jahren einen H├Âhepunkt erreichte, hat zweifellos mit den besonderen politischen Bedingungen der Zeit zu tun. Die junge Republik war von Beginn an revisionistischen Angriffen von rechts ausgesetzt, die in Berlin eine willkommene Zielscheibe fanden. Zur Intensit├Ąt der Kritik d├╝rfte aber auch beigetragen haben, dass die ├Âkonomischen und kulturellen Unterschiede zwischen Berlin und dem Rest des Landes selten so gro├č waren wie in den 1920er-Jahren.

Angetrieben von AEG und Siemens war Berlin seit dem sp├Ąten 19. Jahrhundert weltweit f├╝hrend in der Elektrotechnik. 1923 wurde der Flughafen Tempelhof er├Âffnet, 1924 fand die erste Internationale Funkausstellung statt. Im selben Jahr wurde die erste Ampel am Potsdamer Platz aufgestellt. W├Ąhrenddessen waren l├Ąndliche Regionen noch immer fast vollkommen agrarisch gepr├Ągt.

Berlin zog auch deshalb eine so scharfe Polemik auf sich, weil die ├Âkonomischen und kulturellen Ver├Ąnderungsprozesse der Zeit hier kaum durch l├Ąnger bestehende Strukturen aufgehalten oder gebrochen wurden. Das einzigartig rasante Wachstum des 19. Jahrhunderts hatte aus einer mittleren Residenzstadt binnen weniger Jahrzehnte eine Weltstadt gemacht.

Mark Twains ber├╝hmte Charakterisierung Berlins als "europ├Ąisches Chicago" brachte gerade dieses f├╝r europ├Ąische St├Ądte untypische Fehlen tiefer historischer Kontinuit├Ąten zum Ausdruck. Entsprechend war eine Attacke auf Berlin tats├Ąchlich eine Attacke auf eine reine, kaum durch Ablagerungen fr├╝herer Epochen verdeckte Moderne.

CDU-Chefin im Abseits

Betrachtet man die Welle der Berlinkritik des Kaiserreichs und der 1920er-Jahre vor dem Hintergrund dieser strukturellen Besonderheiten, dann zeigen sich erstaunlich viele Gemeinsamkeiten mit der Gegenwart. Zun├Ąchst einmal betrifft das die Kritik selbst: Der Historiker Ralf Stremmel identifiziert in einer Studie f├╝nf "Grundtendenzen" der konservativen Berlinkritik der Weimarer Republik.

Diese bezog sich demnach erstens auf die Internationalit├Ąt der Stadt, zweitens auf den dort herrschenden Individualismus, drittens auf Kriminalit├Ąt und fehlende Moral, viertens auf die Dominanz der politischen Linken und f├╝nftens auf die Modernit├Ąt des Alltagslebens.

Loading...
Loading...
Loading...
Friedrich Merz: Der heutige CDU-Chef bem├╝ht bisweilen auch Berlin-Klischees.
Friedrich Merz: Der heutige CDU-Chef bem├╝ht bisweilen auch Berlin-Klischees. (Quelle: Kay Nietfeld/dpa-bilder)

Praktisch alle diese Motive tauchen auch heute wieder auf: In Jens Spahns Klage, man k├Ânne in Berlin Mitte in vielen Restaurants nur noch auf Englisch bestellen, in der Angst vor der Clan-Kriminalit├Ąt, in Hans-Georg Maa├čens Twitter-Polemik gegen das "sozialistische Berlin" oder in Annegret Kramp-Karrenbauers verungl├╝ckter Karnevalsrede ├╝ber "die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten f├╝r das dritte Geschlecht einf├╝hren" wolle.

Den rhetorischen Gemeinsamkeiten entsprechen strukturelle Parallelen. Wenngleich in anderer Form als 1871 stellten auch die Wiedervereinigung und der Hauptstadtumzug f├╝r Berlin einen grundlegenden Neustart dar. Deshalb konnten viele gesellschaftliche Entwicklungen der letzten 30 Jahre, die an anderen Orten in bestehende Strukturen eingepasst und durch diese ged├Ąmpft wurden, sich hier ganz frei entfalten.

Berlin holt auf

Berlin ist heute vielleicht nicht das Shenzhen Europas, aber verglichen mit anderen europ├Ąischen St├Ądten relativ frei von historischen Pfadabh├Ąngigkeiten. Selbstverst├Ąndlich ist Berlin eine zutiefst von Geschichte durchzogene Stadt. Aber seine Sozial- und Wirtschaftsstruktur sind viel weniger historisch vorgepr├Ągt als in westdeutschen St├Ądten. Berlin repr├Ąsentierte in den 1920er-Jahren die Quintessenz der Gegenwart und war deshalb besonders angreifbar. Genau das ist auch heute wieder in vieler Hinsicht der Fall.

Loading...
Symbolbild f├╝r eingebettete Inhalte

Embed

Das hat damit zu tun, dass der Aufstieg Berlins sehr ungleichm├Ą├čig verlief. W├Ąhrend Berlin sich in den zwei Jahrzehnten nach der Wiedervereinigung zu einer politischen und kulturellen Metropole entwickelte, kam die Stadt ├Âkonomisch kaum vom Fleck. Seit etwa zehn Jahren ist allerdings ein massiver ├Âkonomischer Aufholprozess in Gang gekommen. Nachdem jahrelang kein einziges Berliner Unternehmen im DAX vertreten war, sind es nach dessen Aufstockung auf 40 Unternehmen mittlerweile vier ÔÇô Delivery Hero, Deutsche Wohnen, HelloFresh und Zalando.

Wie diese Namen schon zeigen, ist dieser Aufschwung allerdings kein Ausdruck eines versp├Ąteten Aufstiegs zur Metropole der Deutschland AG. Stattdessen stehen im Zentrum des Berliner Wirtschaftsmodells die Kreativwirtschaft und der Digitalsektor. Insbesondere wurde Berlin zur deutschen Start-up-Metropole. Wie in den 1920 er-Jahren ist die Struktur der Berliner Wirtschaft heute deshalb wenig repr├Ąsentativ f├╝r gro├če Teile des Landes.

Zugleich hat sich Berlin seit der Wiedervereinigung zu einer Metropole der Deutungshoheit entwickelt. Berlin setzt heute die Themen f├╝r die gesellschaftlichen Debatten und gibt diesen Debatten eine Richtung, die wiederum selbst von den Besonderheiten der Entwicklung Berlins gepr├Ągt ist.

Beliebteste Videos
1
Mutige Heldentat um Orang-Utan
Symbolbild f├╝r ein Video

Alle VideosPfeil nach rechts

Verk├Ârperung der Unterschiede

Diese Mischung aus ├Âkonomischer Sonderentwicklung und kultureller Dominanz gibt der heutigen Berlinkritik ihre spezifische Form. Die fehlende wirtschaftliche Potenz der Stadt verhindert, dass "Berlin" in gleicher Weise wie "London", "Wien" oder "Paris" als Chiffre f├╝r alle Mitglieder der Elite dienen kann. Gleichzeitig tr├Ągt sie aber dazu bei, dass die Berlinkritik besonders scharf ausf├Ąllt und sich einseitig auf kulturelle Aspekte konzentriert.

Die Intensit├Ąt dieser Berlinkritik d├╝rfte auch kaum nachlassen, wenn der ├Âkonomische Aufschwung der Start-up-Hauptstadt anhalten sollte. Denn er mag zwar dazu beitragen, dass Berlin irgendwann nicht mehr der gr├Â├čte Empf├Ąnger des L├Ąnderfinanzausgleichs ist. Sowohl kulturell als auch mit Blick auf die Wirtschaftsstruktur vergr├Â├čert er die Unterschiede zwischen Berlin und dem Rest des Landes aber sogar noch. Viel spricht deshalb daf├╝r, dass Polemiken gegen Berlin auch weiter Konjunktur haben werden.

Die in Gastbeitr├Ągen ge├Ąu├čerten Ansichten geben die Meinung der Autoren wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online-Redaktion.

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
  • Lars Wienand
Von Lars Wienand
AfDApoldaCDUChicagoDeutschlandDonald TrumpEuropaFriedrich MerzJens SpahnNew YorkSPDUSA
Aktuelles zu den Parteien

Politik international




t-online - Nachrichten f├╝r Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Str├Âer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverl├Ąngerung FestnetzVertragsverl├Ąngerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website