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Katholikentag ringt um Reformen – deutliche Kritik am Papst

Von dpa
26.05.2022Lesedauer: 4 Min.
BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier (l) und Georg BĂ€tzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz: Steinmeier sicherte seine UnterstĂŒtzung fĂŒr die geplanten Reformen zu.
BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier (l) und Georg BĂ€tzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz: Steinmeier sicherte seine UnterstĂŒtzung fĂŒr die geplanten Reformen zu. (Quelle: Marijan Murat/dpa-bilder)
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Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz hat den lange fehlenden Schutz von Missbrauchsopfern in der Kirche beklagt. Papst Franziskus wurde fĂŒr seinen Umgang mit dem Ukraine-Krieg scharf kritisiert.

Rufe nach grundlegenden Kirchenreformen haben die ersten beiden Tage des Katholikentags in Stuttgart bestimmt. "In der Situation, wo wir jetzt sind, betrĂŒgen wir viele Menschen um eine BrĂŒcke zu Gott, und das ist das, woran ich leide", sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg BĂ€tzing, am Donnerstag in einer Diskussion. "Ich schöpfe daraus die Kraft, alles zu tun, was in meiner Macht steht, es zu verĂ€ndern." Beim sexuellen Missbrauch habe die Kirche lange gebraucht, um nicht die TĂ€ter, sondern die Opfer zu schĂŒtzen, rĂ€umte BĂ€tzing ein. "Ich kann es ja selber nicht fassen, wie man so lange nur auf die TĂ€ter geschaut hat."

Der Katholikentag mit 1.500 Veranstaltungen findet erstmals seit vier Jahren wieder in PrĂ€senz statt. Allerdings werden bis Sonntag viel weniger Teilnehmer erwartet als sonst, etwa 25.000. Darunter sind allein 7.000 Mitwirkende. Zum Katholikentag 2018 in MĂŒnster waren noch 90.000 Menschen gekommen. Ursachen fĂŒr diesen RĂŒckgang dĂŒrften zum einen die Corona-Pandemie sein, zum anderen die krisenhafte Situation der Kirche mit dem immer noch nur schleppend aufgearbeiteten Missbrauchsskandal.

Steinmeier betont Arbeit des Synodalen Wegs

Der frĂŒhere BundestagsprĂ€sident Norbert Lammert (CDU) verwies darauf, dass neuerdings erstmals eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung nicht mehr Mitglied in einer der beiden großen Kirchen sei. Viele Menschen trĂ€ten aus der Kirche aus, weil sie der Meinung seien, dass sie ihren Glauben auch ohne sie leben könnten.

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An BÀtzing gewandt, sagte Lammert: "Sie werden meinem Eindruck nicht völlig widersprechen wollen, dass neben denen, die seit langem keine Bindung zur Institution Kirche mehr hatten, jetzt zunehmend die gehen, die eine solche Bindung hatten."

Frank-Walter Steinmeier beim Katholikentag in Stuttgart: Der BundesprĂ€sident hĂ€lt Reformen fĂŒr notwendig.
Frank-Walter Steinmeier beim Katholikentag in Stuttgart: Der BundesprĂ€sident hĂ€lt Reformen fĂŒr notwendig. (Quelle: Marijan Murat/dpa-bilder)

Vor diesem Hintergrund sprach sich auch BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier fĂŒr Reformen aus. Er wolle jene "ermutigen, die sich tatkrĂ€ftig fĂŒr die Erneuerung der katholischen Kirche in Deutschland einsetzen", sagte er. "Ich darf Ihnen sagen, dass nicht nur ich, sondern viele Menschen mit Neugier, mit Erwartung auf die Arbeit des Synodalen Wegs schauen."

Der Synodale Weg ist ein seit 2019 laufender Reformprozess in der katholischen Kirche in Deutschland. Dabei geht es um vier Themenbereiche: die katholische Sexualmoral, den Umgang mit Macht, die Stellung der Frau und die priesterliche Pflicht zur Ehelosigkeit (Zölibat).

Bischöfe aus den USA protestieren gegen Reformen

BÀtzing sagte, dass es gegen die deutschen Reformversuche "massive Gegenbewegungen" in der Weltkirche gebe. "Ich bekomme all die schönen Briefe und beantworte sie auch freundlich, höflich, aber hoffentlich auch entschieden", sagte er. Zuletzt hatten konservative Bischöfe aus den USA und anderen LÀndern in einem Offenen Brief gegen den Synodalen Weg protestiert.

Die PrĂ€sidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, wies den Vorwurf zurĂŒck, dass die deutschen Katholiken auf eine Abspaltung zusteuerten. "Es ist relativ leicht, uns Spaltung vorzuwerfen und auf der anderen Seite nicht bereit zu sein, mit uns ins GesprĂ€ch zu gehen." Der Vatikan akzeptiert als GesprĂ€chspartner nur die Bischöfe und nicht die im ZdK vertretenen Laien.

Theologin: Papst agiert zögerlich

Auf dem Katholikentag ist zudem das Verhalten der Kirche zum russischen Angriff auf die Ukraine thematisiert worden. Die Haltung des Vatikans ist dabei in Stuttgart auf Kritik gestoßen. Die Theologin Regina Elsner warf Papst Franziskus am Donnerstag Zögerlichkeit vor.

"Der Papst traut sich nicht, in die Ukraine zu reisen", sagte Elsner und vertrat die Ansicht, der Papst nehme damit RĂŒcksicht auf die Russisch-Orthodoxe Kirche. Es sollte weiterhin einen Dialog geben, aber keine freundlichen Grußworte des Vatikans an Russland, forderte die Wissenschaftlerin vom Zentrum fĂŒr Osteuropa- und internationale Studien in Berlin.

Zugleich forderte sie einen neuen Umgang deutscher Kirchenvertreter mit der Russisch-Orthodoxen Kirche. Diese unterstĂŒtze den Krieg gegen die Ukraine und missbrauche zudem zynisch die Ökumene, die eigentlich das Ziel der Versöhnung habe, sagte Elsner. "Wir mĂŒssen ĂŒberprĂŒfen, mit wem wir dort kĂŒnftig sprechen."

RekordverdÀchtiger Martinsmantel soll geteilt werden

Der Beauftragte fĂŒr HumanitĂ€re Hilfe vom Weltkongress der Ukraine, Andrij Waskowycz, zeigte VerstĂ€ndnis fĂŒr die Forderungen seines Landes nach Waffenlieferungen. Die Ukraine kĂ€mpfe um ihr Überleben, sagte der ehemalige PrĂ€sident der Caritas Ukraine. Im Westen sei das Bewusstsein fĂŒr die Grausamkeiten des Krieges erst seit den Verbrechen von Butscha angekommen. Dabei herrsche in der Ukraine bereits seit Jahren Krieg, sagte Waskowycz. Bei Kirchenvertretern in Deutschland nehme er dagegen unterschiedliche Strömungen im Umgang mit dem Ukraine-Krieg wahr.

Die Theologin Elsner betonte, niemand mache es sich leicht bei der Frage nach Waffenlieferungen. Der Krieg sei auch fĂŒr die Kirchen eine Herausforderung. Die Friedensethik mĂŒsse sich kĂŒnftig neu aufstellen.

Blickfang bei einem zentralen Open-Air-Gottesdienst am Himmelfahrtstag war in Stuttgart ein rekordverdĂ€chtig großer Martinsmantel aus Hunderten von StoffstĂŒcken. Beim Abschlussgottesdienst am Sonntag soll der Mantel – in Anlehnung an den Heiligen Martin als Diözesanpatron und das Leitwort des Katholikentags "leben teilen" – wieder geteilt und vergeben werden. Die 1.100 unterschiedlichen StoffstĂŒcke sind von Kindern und Jugendlichen gestaltet und eingesandt worden.

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