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Am Ziel machte er einen großen Fehler

Ein PortrÀt von Jonas Schaible

Aktualisiert am 08.10.2018Lesedauer: 7 Min.
Markus Söder neben Angela Merkel in Ottobeuren: In der Auseinandersetzung mit der Kanzlerin wurde Söder immer kÀlter und unversöhnlicher.
Markus Söder neben Angela Merkel in Ottobeuren: In der Auseinandersetzung mit der Kanzlerin wurde Söder immer kÀlter und unversöhnlicher. (Quelle: Alexandra Beier/Getty Images)
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Markus Söder arbeitete jahrelang darauf hin, die Nummer Eins zu sein. Als es ihm gelungen war, machte er einen entscheidenden Fehler. Jetzt droht eine historische Niederlage.

Am 16. Dezember 2017 ist Markus Söder unter den bayerischen Lebenden ganz oben angekommen. Auf dem Parteitag in NĂŒrnberg haben ihn die Delegierten zum designierten MinisterprĂ€sidenten gewĂ€hlt. Über ihm stehen nur noch zwei aus dem Jenseits: der liebe Gott und Franz Josef Strauß. Söder ist jetzt die Eins, nicht mehr CSU-Chef Horst Seehofer.

Alle wissen es, aber Söder muss es trotzdem beweisen. Als er auf der BĂŒhne steht und die Delegierten applaudieren, winkt er Seehofer nach oben. Dann nimmt er Seehofers Hand und reißt sie nach oben wie ein Preisrichter den Arm des siegreichen Boxers. In Wirklichkeit kĂŒrt sich der Sieger selbst.

Da steht er also, Markus Söder, 50 Jahre, angegraut, in NĂŒrnberg, wo er auf die Welt kam, aufwuchs, Abitur machte, Wehrdienst leistete, studierte und promovierte. Neben ihm der geschlagene Alte. Es ist der Moment, auf den ein ganzes Söderleben zugelaufen war.

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Strauß-Poster im Kinderzimmer, Stoiber-Fan. Wahlkampf auf dem Fahrrad. Mitglied der CSU mit 16, Landtagsabgeordneter mit 27, Chef der Jungen Union mit 28, GeneralsekretĂ€r mit 36. Europa-, Umwelt- und Finanzminister. Jetzt endlich: Landeschef.

Die Bundesrepublik hat viele Politiker gesehen, von denen alle wussten, dass sie mal noch mehr werden, bis es auf einmal vorbei war. Scharping, Merz, Guttenberg. Söder ist gelungen, was fast nie gelingt: Er wurde vom Kronprinz zum Chef.

Söder steht vor einer historischen Niederlage

Horst Seehofer, Markus Söder
Horst Seehofer, Markus Söder (Quelle: Michaela Rehle/Reuters-bilder)

Im MĂ€rz wurde er vereidigt. Das GlĂŒck wĂ€hrte nur wenige Monate.

Wenige Tage vor der Landtagswahl in Bayern am 14. Oktober geht es fĂŒr die CSU in Umfragen bestĂ€ndig nach unten. Söder ist einer Umfrage zufolge der unbeliebteste MinisterprĂ€sident Deutschlands. Die absolute Mehrheit scheint unerreichbar, eine Koalition gegen die CSU ist denkbar. Söder und Seehofer schieben sich schon vorab die Schuld am schlechten Abschneiden zu. Die Wahrheit ist, und das macht die besondere Tragik aus: Beide tragen Schuld. Seehofer, aber eben auch Söder.

Die einstige Ausnahmepartei droht zur 30-Prozent-Kraft zu werden. Kaum hatte er sie, hat sich der Mann, der vor allem die Macht wollte, verkalkuliert.

Derbleckt wie kaum einer

In der bayerischen Politik gibt es einige Fixpunkte im Jahr, viele haben mit Bier zu tun: Der politische Aschermittwoch. Der Gillamoos. Und der Starkbieranstich auf dem Nockherberg. Da sitzen die wichtigsten bayerischen Politiker, heben ihre KrĂŒge und bekommen in einer kabarettistischen Rede und einem Singspiel mit Politiker-Darstellern eine ĂŒbergezogen. Derblecken heißt das. Kaum einer wird so hingebungsvoll derbleckt wie Söder.

Im Jahr 2007 hĂ€lt der Kabarettist Django AsĂŒl die Rede. Söder ist GeneralsekretĂ€r der CSU, Edmund Stoiber, sein Mentor und Vorbild, noch der starke Mann. "Wie nahe Sekret und SekretĂ€r sich sind", das zeige, sagt AsĂŒl an Stoiber gewandt, die Schleimspur, die Söder hinterlasse. Söder nahm es hin.

Ehrgeizig, inhaltlich vage, devot, wenn es nĂŒtzt – das Bild wurde zum SelbstlĂ€ufer. Vom Ehrgeiz zerfressen, sagte Seehofer ĂŒber Söder. Der unternahm wenig, um das Bild zu korrigieren. Ein Soze wird er nie werden, aber alle Varianten von Schwarz scheinen fĂŒr ihn in Ordnung, wenn sie helfen. Er war etwas grĂŒner als Umweltminister, etwas einwanderungsfeindlicher als WahlkĂ€mpfer, etwas umverteilungsfreundlicher als Franke.

Entgrenzt, ungeniert, unterhaltsam

So wandelbar seine Positionen sind, so klar gibt es eine spezielle Söder-Art, Politik zu machen. Sie beruht darauf, dass er entgrenzter ist als andere, ungenierter und auch deshalb unterhaltsamer. Er bot dem von der Absetzung bedrohten SandmÀnnchen Asyl beim Bayerischen Rundfunk. Er reiste an den Gardasee, um bayerische Vögel vor italienischen Kochtöpfen zu retten. Das war oft etwas peinlich, meistens einprÀgsam, immer unterhaltsam.

Söder 2012 als Punker auf dem Fasching in Veitshöchheim: Als MinisterprÀsident muss er im Smoking kommen.
Söder 2012 als Punker auf dem Fasching in Veitshöchheim: Als MinisterprÀsident muss er im Smoking kommen. (Quelle: Michaela Rehle/Reuters-bilder)

Im Nockherberg-Singspiel 2010, Karl-Theodor zu Guttenberg ist der Star, sagt der falsche Söder: "Ihr braucht fei net denken, dass die Show hier zu Ende ist, auch wenn ihr mich nimmer aufm Zettel habt". Und dann brĂŒllt er wie die Techno-Band Scooter: Söder, Söder! Söder, Söder! Söööööder!

Immer ist Söder etwas tumb, immer etwas zu laut, immer etwas zu aggressiv. Aber immer ist seine Figur auch der Star des Abends. Auf dem Nockherberg, aber nicht nur dort.

Auf dem Fasching im frĂ€nkischen Veitshöchheim sind Söders Verkleidungen seit Jahren Kult. Er kam als Homer Simpson, als Mahatma Gandhi, als Punker und Edmund Stoiber, sogar als Marilyn Monroe. Söder macht sich lĂ€cherlich – kalkuliert zwar, aber es funktioniert. Im Februar 2019, als MinisterprĂ€sident, wird Söder im Smoking kommen mĂŒssen. So verlangt es die Tradition.

Söders starker Staat soll ĂŒberall sichtbar sein

Zu Beginn seiner Amtszeit schien er entschlossen, sich vom schamlos-skurrilen Folklore-Ich zu lösen wie vom FaschingskostĂŒm. Seine erste RegierungserklĂ€rung geriet zum Gestaltungsversprechen des starken kĂŒmmernden Staates. Ein mutiges Konzept, potentiell wegweisend.

Schon als Finanzminister hatte Söder Ämter ĂŒbers Land verteilt wie Monarchen Triumphbögen. Er gab etwa Kulmbach ein Strahlenschutzzentrum und verlegte das Krebsregister nach GemĂŒnden in Unterfranken. Daran knĂŒpfte er an: Garmisch sprach er ein "Health Care Robotic Zentrum" zu, Straubing ein Zentrum fĂŒr "Bayernsprit". Ansonsten versprach er viel innere Sicherheit, auch durch eine berittene Polizei in den StĂ€dten. Söder sendet gern Zeichen. Und er sendet Geld: Pflegegeld, Familiengeld, Baukindergeld, Hebammengeld.

In diesen ersten Söder-Monaten legte die CSU in den Umfragen zu, 39 Prozent, 40, 42, 44. Der ruhigere Söder kam an. Oder: Die Ruhe kam an.

Söder trainierte sich den Populismus an

Gleichzeitig konnte man zusehen, wie sich Söder den Populismus antrainierte – die Ineinssetzung mit dem Volk, die Verachtung der da oben. Es begann mit einem Interview in der "ARD". "Dieses Jamaika-Projekt darf nicht am Ende ein Projekt von wenigen Eliten werden", sagt er da. In seiner Parteitagsrede legt er nach. Er wolle nicht Politik fĂŒr die linke Berliner Tageszeitung "taz" machen, sondern "Anwalt der BĂŒrger in Bayern und der Normalverdiener sein". Egal, dass selbst der Chefredakteur der taz in Bayern ein armer Schlucker wĂ€re.

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Söder kann ganz kalt: Im Sommer gab er sich unnachgiebig und hart.
Söder kann ganz kalt: Im Sommer gab er sich unnachgiebig und hart. (Quelle: Lennart Preiss/Getty Images)

Einige Monate spĂ€ter, im Sommer, bekam er Gelegenheit, seine neuen FĂ€higkeiten auszuprobieren. In Berlin verschĂ€rfte sich der Streit um die Migrationspolitik. CSU-Chef Seehofer forderte die ZurĂŒckweisung von einigen FlĂŒchtlingen an der deutsch-österreichischen Grenze. Die Kanzlerin lehnte das ab. Wahrscheinlich trieb die CSU die Idee, sie könne der AfD durch Imitation WĂ€hler abjagen. Vielleicht ging es auch um persönliche Motive. Jedenfalls wurden die Beteiligten immer verhĂ€rmter.

Am 21. Juni gab Söder ein "ZDF"-Interview. Dunja Hayali sprach ihn auf den Begriff "Asyltourismus" an. Er kanzelte sie ab. Die Ängste der Menschen wĂŒrden nicht ernst genommen, es gebe eine "Belehrungsdemokratie". Söder hatte alles Spielerische abgelegt, das seine Ambition so lange abgefedert hatte. Er war kalt und hart geworden.

Viele AnhÀnger entsetzten KÀlte und HÀrte

Der neue Ernst und der neue Populismus ergaben eine giftige Mischung. Sie wurde noch giftiger, weil Söder seiner Politik der Entgrenzung treu blieb: Er ĂŒbersöderte die Berliner Krawallmacher.

Es war Seehofer, der die Konfrontation mit der Kanzlerin begann. Es war Landesgruppenchef Alexander Dobrindt, der irrefĂŒhrende Informationen streute. Aber es war Söder, der von einem "Endspiel um die GlaubwĂŒrdigkeit" sprach und ein "Ende des geordneten Multilateralismus" ausrief, als sich sein Parteichef gerade mit den rechtsextremen Amtskollegen Herbert Kickl aus Österreich und Matteo Salvini aus Italien verbĂŒndete.

Alte Konservative, denen Westbindung und Multilateralismus heilig sind, reagierten entsetzt. Nach und nach distanzierten sich Altpolitiker wie Theo Waigel, LandrÀte und Kirchenleute. Ihnen missfiel die neue HÀrte, die Unnachgiebigkeit, die KÀlte. Den WÀhlern schien es genauso zu gehen. Im Sommer 2018 begannen die Umfragewerte der CSU zu sinken. 40 Prozent, 39, 38.

Nach einigen Wochen korrigierte sich Söder, es war eine wahrhaft atemberaubende Wende. Er werde den Begriff "Asyltourismus" nicht mehr verwenden, erklĂ€rte er. Und ĂŒberdrehte ganz ungeniert wieder: Er sorge sich um die politische Kultur im Land. Fortan veröffentlichte er Fotos mit KĂ€tzchen und Hundewelpen. Seine Reden wurden wieder sanfter.

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Aber trotzdem verliert die CSU in den Umfragen weiter. 37 Prozent, 36, 35, 34, 33. Etwas ist zerbrochen zwischen der Staatspartei und ihrem Volk.

Er fand keine Balance zwischen HĂ€rte und Milde

Es ist beinahe tragisch, weil der Bruch vermeidbar war. Man erkennt das in einem Festzelt in SchwabmĂŒnchen, sĂŒdlich von Augsburg, etwa einen Monat vor der Wahl. Volles Zelt, Brezen, Bier. Viel graues Haar. Söder preist Bayern als stĂ€rksten Teil Deutschlands, stichelt ohne Unterlass gegen Berlin und Journalisten. Als er vom Familiengeld ĂŒbergangslos zur Forderung kommt, Kindergeld lieber an heimische Kinder und nicht an Kinder aus anderen EU-Staaten auszuzahlen, jubeln die Zuhörer.

Aber noch lauter jubeln sie, als Söder die AfD geißelt. GefĂ€hrlich sei die, seit Chemnitz habe er das endlich ĂŒberrissen: "Wer so einen Schuss hat, den möchte ich in Bayern nicht im Parlament sehen." So laut wird es an diesem Abend nicht mehr.

Die Balance zwischen der Ablehnung von Fremden einerseits und dem antifaschistischen SelbstverstÀndnis andererseits, zwischen Egoismus und Hilfsbereitschaft, zwischen HÀrte und Milde, hat Söder in den Sommermonaten nicht gefunden. Vielleicht auch gar nicht gesucht.

Das nÀchste selbst geschaffene Problem wartet

Stattdessen ging er entschlossen auf den Gegner los. So wie er jetzt weiter entschlossen auf seine Gegner losgeht: Plötzlich die AfD, noch mehr aber Berlin und die GrĂŒnen. Wieder humorvoller, aber immer noch entgrenzt und ungeniert. Selbst die Wahrheit ist fĂŒr Söder offenbar nur eine Option.

Söder auf einem Volksfest in Murnau: Söders Bierzeltreden sind gut. Im Land sind seine Beliebtheitswerte schlecht.
Söder auf einem Volksfest in Murnau: Söders Bierzeltreden sind gut. Im Land sind seine Beliebtheitswerte schlecht. (Quelle: Michaela Rehle/Reuters-bilder)

Söder schafft es auch so, Berlin als Babylon darzustellen. Trotzdem behauptet er im Bierzelt ohne Not noch, es gebe dort flĂ€chendeckende Islamkunde. TatsĂ€chlich besuchten in Berlin Stand Oktober 2017 genau 1,54 Prozent der SchĂŒler islamischen Religionsunterricht. Ähnlich bei den GrĂŒnen: Seine Zuhörer glauben ihm ohnehin, dass die GrĂŒnen nicht gut fĂŒr Bayern sind. Trotzdem sagt Söder, sie seien fĂŒr unbegrenzte Zuwanderung und wĂŒrden ihre grĂ¶ĂŸten Demonstrationen abhalten, um die Abschiebung von StraftĂ€tern zu verhindern. Beides ist nicht wahr.

Doch es wirkt. Fragt man im Bierzelt nach einer schwarz-grĂŒnen Koalition, verziehen viele das Gesicht. Nein, die GrĂŒnen mögen sie nicht. Aber es könnte gut sein, dass Söder mit ihnen koalieren muss, um seine Macht zu retten.

Dann hÀtte sich der MinisterprÀsident Söder schon wieder ein Problem ohne Not selbst geschaffen.

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