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In Leipzig-Connewitz gab es weitere Bewusstlose

  • Lars Wienand
Von Lars Wienand und Jerome Baldowski

Aktualisiert am 10.01.2020Lesedauer: 6 Min.
(Quelle: Benjamin Springstrow)
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Ein nach Attacken von mutma├člichen Linksextremisten schwer verletzter Polizist pr├Ągte tagelang die Diskussion ├╝ber die Silvesternacht in Leipzig-Connewitz. Doch es gab mindestens zwei weitere Bewusstlose.

Thomas Kumbernu├č ├Ąrgert sich ├╝ber den Satz des Polizisten: "Verpiss Dich". Kumbernu├č, f├╝r die Satirepartei "Die Partei" in Leipzigs Stadtrat gew├Ąhlt, wollte einen Mann versorgen, der reglos auf der Karl-Liebknecht-Stra├če im Stadtteil Connewitz lag. Der Mann war einer von mindestens zwei Bewusstlosen, die es neben einem schwer verletzten Polizisten in der Silvesternacht gegeben hat. Beide sind offenbar in Videoszenen zu sehen, die wir hier ausschnittsweise zeigen.

Gerade haben Polizisten ihren verletzten Kollegen weggeschleift, einen 38-J├Ąhrigen, der kurz darauf im Krankenhaus am Ohr operiert wird. Von einer "Not-OP" schreibt die Polizei noch in der Nacht um 4.42 Uhr. Der Eindruck von Lebensgefahr steht da zuerst im Raum.

Manches aus der ersten Pressemeldung best├Ątigt sich sp├Ąter so nicht. Anderes wird ├╝berlagert von der Emp├Ârung ├╝ber den brutalen Angriff auf die Polizisten. Es war keine Rede von Bewusstlosen aus der Gruppe der Menschen, die dort zum gr├Â├čten Teil nur feiern oder gucken wollten, w├Ąhrend eine kleine Gruppe r├╝cksichtslos den Kampf mit der Polizei suchte. t-online.de hat die F├Ąlle von zwei Betroffenen recherchiert.

Selbst gebackener Kuchen mitten im Chaos

Kumbernu├č k├╝mmerte sich um einen Mann, der auch auf Bildern in einem von "zeit.de" ver├Âffentlichten Video mit der schlagzeilentr├Ąchtigen Attacke auf den Polizisten zu sehen sei: Es passiert am Rande der Szene um 0.15 Uhr. Der Polizist will mit einem Kollegen einen Mann abf├╝hren. Sie ziehen ihn vom Stra├čenrand in Richtung der Verkehrsinsel, auf der "Die Partei" eine Kundgebung mit dem Titel "Bier statt B├Âller" angemeldet hat und selbst gebackenen Kuchen verteilt. Von diesem Ort aus filmt jemand, hier steht auch Kumbernu├č und ist entsetzt von der Gewalt in der folgenden Szene.

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Ein als Polizeifahrzeug dekorierter Einkaufswagen: Kurz vor der folgenschweren Attacke war er von Unbekannten in Richtung von Polizisten gesto├čen worden, aber an den Gleisen umgekippt.
Ein als Polizeifahrzeug dekorierter Einkaufswagen: Kurz vor der folgenschweren Attacke war er von Unbekannten in Richtung von Polizisten gesto├čen worden, aber an den Gleisen umgekippt. (Quelle: Sebastian Willnow/dpa-bilder)

Die beiden Polizisten haben keine eigentlich zu erwartende Absicherung durch Kollegen, als Angreifer auf sie losgehen. Es folgt ein Kung-Fu-Tritt in Genickh├Âhe gegen den einen, ein Schlag von oben mit Anlauf gegen den anderen. Beide gehen zu Boden. Ein Helm fliegt davon, auch danach bekommt der Polizist noch Tritte gegen den Kopf. Ein weiterer Polizist ist zu Boden gegangen. In diesen Sekunden sind von mehreren Seiten teils Maskierte auf die Polizei losgegangen: Blindw├╝tige Gewalt, die lebensbedrohlich h├Ątte sein k├Ânnen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchten Mordes.

"Seht ihr nicht, dass der nichts mitbekommt?"

W├Ąhrend hinzugeeilte Beamte ihren verletzten Kollegen wegschleifen, ist im Video im Hintergrund ein Mann am Boden zu sehen, auf den sich ein Polizist kniet. Die Polizisten h├Ątten dann versucht, diesen Mann mit mehreren Leuten auf die Beine zu stellen, so Kumbernu├č. "Ich bin dann hin und habe gesagt: 'Seht Ihr nicht, dass der gar nichts mitbekommt?'"

Silvester in Leipzig-Connewitz: Viele Feiernde, die Polizei und einige Gewaltt├Ąter.
Silvester in Leipzig-Connewitz: Viele Feiernde, die Polizei und einige Gewaltt├Ąter. (Quelle: Sebastian Willnow/dpa-bilder)

Kumbernu├č beugt sich ├╝ber den Verletzten und will ihm helfen, als ihn nach seinen Worten ein Polizist anherrscht: Er soll sich verpissen. "Ich habe trotzdem Erste Hilfe geleistet, ihn in stabile Seitenlage gelegt." Den Polizisten habe er gesagt, sie sollen einen Krankenwagen holen. Doch die ziehen sich zur├╝ck zu ihrer Einheit in der Seitenstra├če.

Sie lassen den Mann zur├╝ck, der eben noch festgenommen werden sollte. "Nach zwei, drei Minuten ist er langsam wieder zu sich gekommen, desorientiert zun├Ąchst", berichtet Kumbernu├č. Auch ein anderer Zeuge best├Ątigt das. Von Anwohnern sei der Mann dann weggebracht worden, in ein nahes Krankenhaus, hei├čt es. Die Spur verliert sich.

Die Ermittler haben dort nach Informationen von t-online.de niemanden ausfindig gemacht, den sie mit dem Brutalo-Angriff in Verbindung bringen. Warum der Mann festgenommen werden sollte und wie er das Bewusstsein verlor, bleibt unklar.

N├Ąchster Bewusstloser 50 Meter entfernt

50 Meter weiter von dem Schauplatz gibt es vor einem AOK-Geb├Ąude um 0.50 Uhr wieder Aufregung um einen Bewusstlosen. Ein Video belegt das: "Mann, der ist ohnm├Ąchtig oder was, h├Ârt doch mal auf hier", beginnt die Aufnahme aus der Selneckerstra├če. Der Mann, der gefilmt hat, ist nach eigenen Angaben Anwohner und war zum Gucken am Kreuz. "Ich habe angefangen zu filmen, weil dort pl├Âtzlich gebr├╝llt wurde", sagte er zu t-online.de.

Die Aufnahme ist ├╝ber weite Strecken sehr dunkel, etliche Menschen sprechen durcheinander. "Ran an die Beine!", kommt ein Kommando. "Los jetzt, die Beine hoch!" "Schwer verletzt, wir k├╝mmern uns um ihn", erkl├Ąrt jemand.

"Weil Ihr reingehauen habt!"

Dann ist zu sehen, wie Beamte mit Helm eine Person ein kleines St├╝ck wegtragen. Ein Polizist spricht nun mahnend zum Filmenden: "Geh mal bitte weg, der Mann ist verletzt, okay? Der ist verletzt, der blutet." Der Filmer geht etwas weg, ein anderer Polizist schubst ihn dennoch.

In bes├Ąnftigendem Ton meldet sich der ruhig wirkende Beamte von zuvor erneut zu Wort: "Wir haben hier schwer verletzte Leute. Nicht nur Polizisten, sondern auch normale Leute." Laut ruft jemand zur├╝ck: "Wei├čt Du, warum die schwer verletzt sind? Weil ihr reingehauen habt, Mann!"

t-online.de hat mit dem Anwalt des Mannes gesprochen: Sein Mandant sei durch die Polizeima├čnahme verletzt worden und habe auch das Bewusstsein verloren, sagte er t-online.de. Er sei mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht worden.

LKA beantwortet Fragen zu Szenen nicht

t-online.de hat die Polizei nach den Szenen und den Verletzten gefragt. Das LKA wollte Fragen dazu nicht beantworten, da es um laufende Verfahren gehe. Eine Sprecherin best├Ątigte, dass ein Verd├Ąchtiger im Krankenhaus medizinisch behandelt werden musste: der einzige verletzte Nicht-Polizist, ├╝ber den die Polizei informiert. Es ist der Mann vor der AOK.

Vom Krankenhaus aus kam er in U-Haft, er war eine von vier Personen, gegen die Haftbefehle erlassen wurden. Einer davon ist bereits zu sechs Monaten auf Bew├Ąhrung verurteilt. Er hat einem Polizisten ein Bein gestellt und sich mehrfach entschuldigt. Den anderen wird zumindest Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte vorgeworfen. Laut LKA geht es aber auch um t├Ątliche Angriffe auf Polizisten, um versuchte und vollendete K├Ârperverletzung.

Gro├čteil der Feiernden hatte nichts mitbekommen

Mit der Szene, bei der der Polizist schwer verletzt wurde, werden sie allesamt nicht in Verbindung gebracht. "Die Gewaltt├Ąter, die dort mit Brutalit├Ąt die Polizisten angegriffen und sich dann zerstreut haben, hat man nicht", sagt Michael Freitag von der "Leipziger Internet Zeitung", der wie in den Vorjahren in der Silvesternacht in Connewitz war. "Daf├╝r sind manche Polizisten dann wegen eigentlicher Nichtigkeiten auf Leute losgegangen, ├╝ber die sie sonst eher hinwegsehen w├╝rden. Zehn Sekunden haben die Situation danach f├╝r einige Zeit zum Chaos gemacht. Familien mit Kindern und alte Leute sahen heranst├╝rmende Polizeibeamte, die zuschlugen."

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"Chaos bis zwei Uhr": Nach dem Angriff durch Unbekannte mit einem schwerverletzten Polizisten ging die Polizei nach Aussagen von Zeugen sehr ruppig auch gegen Unbeteiligte vor. Menschen wurden auch reihenweise zu Boden geschubst. Umgekehrt flogen auch immer wieder Flaschen.
"Chaos bis zwei Uhr": Nach dem Angriff durch Unbekannte mit einem schwerverletzten Polizisten ging die Polizei nach Aussagen von Zeugen sehr ruppig auch gegen Unbeteiligte vor. Menschen wurden auch reihenweise zu Boden geschubst. Umgekehrt flogen auch immer wieder Flaschen. (Quelle: Screenshot Facebook/felix.schimanski.3)

Freitag erkl├Ąrt sich das so: Auf der einen Seite sind Polizisten, bei denen sich die Nachricht von einem vielleicht lebensbedrohlichen Zustand des Kollegen nach einem ├ťberfall rumspricht, "die sind dann hoch emotionalisiert, hysterisiert, die reagieren anders." Auf der anderen Seite Connewitzer, die ├╝berwiegend vom gravierenden Zwischenfall nichts wissen, sich kriminalisiert f├╝hlen und verst├Ąndnislos sind ├╝ber das massive Auftreten. "Und es gab ja keine richtige Kommunikation, nicht innerhalb der Polizei, und erst recht nicht zwischen Polizei und den Leuten." Die meist gestellte Frage ist in der Nacht: "Was ist hier los?" Bis zwei Uhr sieht er mehrfach weinende Frauen.

Bewusstloser: Am Boden getreten und geschlagen worden?

Die Linken-Landtagsabgeordnete Juliane Nagel aus Connewitz kennt die Attacke auf die Polizisten nicht, als sie in der Nacht von "ekliger Polizeigewalt" und "kalkulierter Provokation" twittert. Diesen Tweet w├╝rde sie so nicht mehr schreiben, sagt sie sp├Ąter dem MDR. Es seien aber unbeteiligte Menschen umgerannt worden. Sie wisse von einigen, die blaue Augen und blutige Nase davon getragen h├Ątten. Das Portal BuzzFeed hat mit einigen Betroffenen gesprochen, die diese Schilderungen best├Ątigen.

Abgeordnete Nagel kennt auch den Fall des Bewusstlosen vor der AOK kennt sie: "Er soll Zeugen zufolge noch getreten und geschlagen worden sein, als er schon auf dem Boden lag." Ihre Fraktion im s├Ąchsischen Landtag hat inzwischen die Aufarbeitung der Silvesternacht beantragt. Einsatzplanung, Kommunikationsstrategie und die Umst├Ąnde, die zur Verletzung von Menschen f├╝hrten, sollen Thema sein.

Eine Anzeige hat der Mann bisher nicht erstattet. Nach Angaben des LKA gibt es 13 Ermittlungsverfahren in Zusammenhang mit strafbaren Handlungen in der Silvesternacht in Connewitz, aber bisher keine Anzeigen und keine Ermittlungsverfahren gegen Polizisten. Betroffene sehen aber auch vielfach keine Chance in Anzeigen und f├╝rchten Gegenanzeigen, ergab eine Studie des Kriminologen Tobias Singelnstein. Von 3.375 Personen, die sich als Betroffene gemeldet und Frageb├Âgen beantwortet hatten, hatten nur neun Prozent Anzeige erstattet.

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