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"Wilde-Wiesn": Markus Söders Corona-Kurs ist gefährlich

MEINUNG"Wirtshaus-Wiesn"  

Warum Söders Corona-Kurs so gefährlich ist

"Wilde-Wiesn": Markus Söders Corona-Kurs ist gefährlich. Eine Oktoberfest-Bedienung mit Mundschutz hebt zwei Maßkrüge: In Bayern dürfen die Kneipen wieder öffnen. Ist das eine gute Idee? (Quelle: AP/dpa/Matthias Schrader)

Eine Oktoberfest-Bedienung mit Mundschutz hebt zwei Maßkrüge: In Bayern dürfen die Kneipen wieder öffnen. Ist das eine gute Idee? (Quelle: Matthias Schrader/AP/dpa)

Das Oktoberfest absagen? Kommt nicht in Frage! Deshalb darf nun in ganz München auf vielen kleinen Partys munter gefeiert werden. Die Entscheidung zeigt einmal mehr die inkonsequente und riskante Corona-Politik von Regierungschef Markus Söder. 

Der Virologe Christian Drosten sagt: "An einer Pandemie ist niemand schuld." Er hat wie so oft Recht. Denn das Virus ist nun mal in der Welt. Und wir alle müssen lernen, damit umzugehen. Schuldzuweisungen helfen nicht weiter.

Doch die gibt es mehr denn je: Viele Medienvertreter und Politiker machen es sich leicht und stellen Maskenverweigerer und Quarantänebrecher an den Pranger. Getreu dem Motto: Seht her, diese Menschen sind unser Hauptproblem und Bestrafung das beste Mittel, um die Lage in den Griff zu bekommen. 

Bei einfachen Lösungen ist immer Vorsicht angesagt. Und im Fall von Corona sind sie schlichtweg weltfremd und verlogen. Was zuletzt in Garmisch-Partenkirchen passierte, macht geradezu fassungslos.

Eine Frau wird zum Sündenbock

Dort wurde eine Frau voreilig als sogenannte "Superspreaderin" gebrandmarkt, nachdem sie trotz Symptomen und Corona-Verdachts mehrere Gaststätten besucht hatte. Allerdings stellt man bei genauerer Betrachtung fest, dass sich das eigentliche "Superspreading" in der Unterkunft der Frau ereignet hatte und nicht bei ihren Abendtouren.

Aber wen interessieren schon die Details, wenn es einen Sündenbock braucht?

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) jedenfalls mimte erneut den harten Corona-Bekämpfer und kündigte hohe Strafen für die "Quarantänebrecherin" an. Es ist der gleiche Söder, der jetzt wieder alle Kneipen und Bars in Bayern öffnen will. Sicher nicht ganz zufällig startet an diesem Wochenende auch das traditionelle Oktoberfest. Zwar nicht als große Wiesn-Ausgabe mit Millionen Besuchern auf der Theresienwiese, aber an vielen Orten in kleinerem Rahmen.

Saufen und Feiern ist wieder okay – andere anstecken nicht

Söders Signal ist eindeutig: Wir lassen uns das Feiern und Trinken in Bayern auch nicht durch eine Pandemie verbieten. Tradition ist stärker als ein Virus. Klingt irgendwie sympathisch, steht allerdings im Widerspruch zum öffentlichen Bild von Söder – und zu den Fakten über das Coronavirus.

Hier zur Erinnerung noch einmal einige der wichtigsten:

Der Münchner Oktoberfest-Ersatz schafft also genau die Situationen, die massenhafte Ansteckungen wahrscheinlich machen. Man könnte sogar sagen: Ein schöneres Umfeld gibt es für das Virus gar nicht. 

Die Söder-Logik scheint aber zu lauten: Wenn wir den Leuten das Feiern erlauben und das Sich-Gegenseitig-Anstecken unter Strafandrohung verbieten, sind Superspreading-Events im Grunde ausgeschlossen.

Damit verschiebt der Staat die Verantwortung auf die Bürger. Selbst Schuld, wer seine Freiheit nutzt!

Ausgerechnet Bayern – das Land mit den meisten Fällen

Die tatsächliche Lage gibt einen solchen staatlich abgesegneten Feier-Freibrief nämlich überhaupt nicht her: Die Infektionszahlen sind wieder gestiegen. Die allermeisten Neuinfektionen gibt es – wieder einmal – in Bayern. Es ist das Bundesland mit der höchsten 7-Tage-Inzidenz, also den meisten Infektionen je 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche.

Seit Beginn der Epidemie belegt Bayern einen Spitzenplatz in der Corona-Statistik. Trotzdem konnte sich Söder einen Ruf als entschiedenster Krisenmanager Deutschlands verschaffen, als ein Mann, der zupackt und die Lage im Griff hat.

Der bayerische Ministerpräsident versteht intuitiv, wonach sich die Menschen in Krisenzeiten sehnen. Manchmal ist das eben ein Sündenbock. Und manchmal ist das ein Stück Normalität. München ohne Oktoberfest war bis vor kurzem undenkbar. Die Stadt lebt davon – wirtschaftlich gesehen sowieso.

Klar: Die Brauereien und Gastwirte sind in ihrer Existenz bedroht und machen Druck. Doch die Strategie der Lockerung schafft, wenn überhaupt, nur kurzfristig Erleichterung. Die Hoffnung lautet, dass genug Menschen kommen, um die Betriebe am Leben zu erhalten, aber nicht zu viele, damit die Epidemie nicht außer Kontrolle gerät. Zur Not soll es Ausschankverbote und Sperrstunden geben. Der gesunde Menschenverstand sagt: Das kann nicht gut gehen.

In München wird eine "Wilde Wiesn" erwartet

Offiziell dürfen die Bars und Kneipen ab dem 19. September unter den gleichen Auflagen wie andere Gaststätten wieder öffnen. Musik soll demnach nur im Hintergrund laufen. Bedienung gibt es nur am Tisch. Es besteht teilweise eine Maskenpflicht. Das heißt dann wohl: kein Schlager, kein Mitsingen, kein Bierzelt-Schunkeln.

Würden sich die 50 Veranstalter der "Wirtshaus-Wiesn" tatsächlich jederzeit und vollumfänglich daran halten, gäbe es wohl eher ein gepflegtes Dinner als ein Oktoberfest. Das ist unrealistisch. Und die Verantwortlichen wissen genau, dass sie kaum verhindern können, dass es hier und da eine "Wilde Wiesn" geben wird. Um sich aus der Verantwortung zu stehlen, wird brav an die Vernunft der Leute appelliert.

Folklore ist kein gutes Argument

Es sei gesellschaftlich nicht vertretbar, Großveranstaltungen wie das Oktoberfest ganz abzusagen, heißt es aus Bayern. Das würden die Menschen nicht mitmachen. Schließlich sei ihnen schon so viel zugemutet worden.

Das ist aber, leider leider, kein Argument.

Tradition und Folklore sind keine Güter, die die Gefährdung von Menschenleben rechtfertigen. Das gilt für die Wiesn genauso wie für Berliner Techno-Partys und den Kölner Karneval.

Wenn Markus Söder das Coronavirus selbst so ernst nähme, wie er es von den Bürgern immer wieder fordert, müsste seine Regierung konsequent handeln – und nicht widersprüchliche Signale senden. Alle zu einer landesweiten Kneipentour einzuladen und dann das unvernünftige Verhalten Einzelner anzuprangern, ist nämlich genau das: inkonsequent.

Söder ist gut darin, die Widersprüche in seiner Politik zu überspielen. Wenn es schiefgeht, wird er die vermeintlich Verantwortlichen benennen und Konsequenzen ankündigen. Damit hat er nach den Testpannen im Sommer inzwischen eine gewisse Routine. 

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