Sie sind hier: Home > Politik > Deutschland >

Astrazeneca: Der Corona-Impfstoff mit dem Image-Schaden – woran liegt das?

Ladenhüter Astrazeneca  

Der Impfstoff mit dem Image-Schaden

18.02.2021, 08:11 Uhr
Astrazeneca: Der Corona-Impfstoff mit dem Image-Schaden – woran liegt das?. Der Impfstoff von Astrazeneca: Viele Grippeimpfstoffe haben auch keine höhere Wirksamkeit. (Quelle: Reuters/Clodagh Kilcoyne)

Der Impfstoff von Astrazeneca: Viele Grippeimpfstoffe haben auch keine höhere Wirksamkeit. (Quelle: Clodagh Kilcoyne/Reuters)

Erst wurden die Lieferengpässe bei Astrazeneca zum Politikum – nun ist der Impfstoff da, aber kaum jemand will ihn. Nur jede elfte Dosis ist bislang gespritzt worden. Woran liegt das? 

Zu Beginn des Jahres hätte es nicht genug vom Astrazeneca-Impfstoff geben können. Produktionsprobleme und Lieferausfälle führten sogar zu einer öffentlichen Schlammschlacht zwischen den Verantwortlichen des Pharmakonzerns, der EU und der Bundesregierung. Man fühlte sich scheinbar benachteiligt, schließlich bekamen Großbritannien und die USA das Mittel trotzdem millionenfach. Mitte Februar hat Astrazeneca nun über 780.000 Dosen des Vakzins nach Deutschland geliefert, ein großer Teil davon lagert bereits in den Impfzentren der Bundesländer. Doch offenbar will es niemand mehr.

Das Robert Koch-Institut veröffentlicht Zahlen, die aufhorchen lassen: Im Impfmonitor der Behörde vom 16. Februar ist bis auf die Vakzin-Dosis genau aufgeschlüsselt, wie viele Astrazeneca-Impfungen bereits durchgeführt wurden. Ein Auszug:

  • 211 Astrazeneca-Impfungen in Baden-Württemberg
  • 1.134 in Berlin
  • Sachsen kommt auf 784 Impfungen 
  • im Saarland haben 892 Menschen den Impfstoff bekommen
  • Spitzenreiter beim Verimpfen des Vakzins ist NRW: 28.508
  • Schlusslicht ist Brandenburg: Null Impfungen – hier startet die Gabe von Astrazeneca allerdings auch erst an diesem Mittwoch

Macht insgesamt lediglich 64.000 Impfdosen, die an den Arm gebracht wurden. Bedeutet: Gerade einmal eine von elf Impfdosen ist verbraucht – eine absurd niedrige Quote. Wie kann das sein? Auf der einen Seite herrscht in Deutschland ein extremer Impfstoffmangel. Um die Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen, muss Deutschland möglichst schnell möglichst viele Menschen impfen. Drei Impfstoffe sind in Deutschland bislang zugelassen. Die beiden neuartigen mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und von Moderna sowie der klassische Vektorimpfstoff von Astrazeneca, dessen Technik so auch bei vielen anderen Impfungen gegen klassische Viren verwendet wird.

Astrazeneca – mehr als nur 60 Prozent Wirksamkeit

Auf der anderen Seite hat Astrazeneca offenbar ein Imageproblem: In wichtigen Studien vor der Impfstoffzulassung wurden Fehler gemacht, Datensätze nachträglich zusammengefügt – das Mittel noch dazu zu wenig älteren Probanden gespritzt, so dass hier die Datenlage unsicher ist. In Deutschland ist das Vakzin daher zunächst nur für Personen unter 65 Jahren zugelassen. Deshalb soll Astrazeneca vor allem an Pflegekräfte, Ärzte und Rettungskräfte verimpft werden. Diese wären laut Impfreihenfolge in der die Coronavirus-Impfverordnung eigentlich erst später dran gewesen – doch warum stehen sie nicht Schlange?

Da wäre zum einem die Wirksamkeit: 60 Prozent – das klingt nach wenig im Vergleich zu den 90 Prozent der mRNA-Impfstoffe von Biontech und Moderna. Doch der Wert ist irreführend, denn er bedeutet nicht, dass sich fast die Hälfte der Menschen trotz Impfung mit dem Virus infizieren. Es bedeutet vielmehr, dass die Wahrscheinlichkeit einer Infektion nach einer Impfung um 60 Prozent niedriger liegt. Das ist ein Spitzenwert, den jährliche Grippevakzine so nur selten erreichen. Neue Studien der Uni Oxford deuten zudem darauf hin, dass der Impfstoff besser wirkt als angenommen, wenn die Impfungen mindestens zwölf Wochen auseinanderliegen. Auch deutet sich mittlerweile an, dass der Astrazenca-Impfstoff sehr gut gegen schwere oder gar tödliche Verläufe einer Corona-Erkrankung schützt. 

Und dann wären da noch die Nebenwirkungen. Nach Klagen von Klinikangestellten sind in Niedersachsen Impfungen mit Astrazeneca an zwei Orten gestoppt worden. Das Herzogin-Elisabeth-Hospital in Braunschweig teilte auf Anfrage mit, geplante Impfungen mit diesem Präparat zu verschieben. Am Klinikum Emden galt zwischenzeitlich ebenfalls ein Stopp für Impfungen mit dem Astrazeneca-Mittel.

In der Braunschweiger Klinik traten von 88 Beschäftigten, die am Donnerstag geimpft wurden, 37 wegen "Impfreaktionen" vorübergehend nicht zur Arbeit an. Die weiteren Impfungen würden nun ausgesetzt – auch, um den Betrieb nicht zu gefährden, sagte eine Sprecherin. Am Klinikum Emden meldeten sich Beschäftigte ebenfalls nach Impfungen krank.

Daraufhin kündigte der Landkreis Leer zunächst an, das Mittel nicht mehr zu spritzen. "Denn unsere Impfdosen stammen vermutlich aus der gleichen Charge wie in Emden", hieß es. Nach Rücksprache mit dem Land wurde diese Maßnahme wieder aufgehoben. Auch in anderen Teilen Deutschlands gibt es diese Probleme: Ganze Sanitäts- und Krankenhausschichten fielen aus, Dienststellen konnten nicht mehr besetzt werden, weil Geimpfte ans Bett gefesselt waren.

Dazu muss gesagt sein: Nebenwirkungen bei Impfungen sind normal. Auch Geimpfte, die die Mittel von Biontech/Pfizer oder Moderna gespritzt bekommen, klagen über Schmerzen in der Einstichstelle oder über kurzfristige Grippesymptome. Bei Astrazeneca gibt es sie, genauso wie sie bei der jährlichen Influenza-Impfung auftreten. Das für die Sicherheit von Impfstoffen zuständige Paul-Ehrlich-Institut wurde bereits über das Auftreten der Nebenwirkungen informiert.

Eine Einschätzung zu den konkreten Fällen sei derzeit noch nicht möglich, sagte eine Sprecherin des Instituts der "Braunschweiger Zeitung". Aktuell werde untersucht, ob die Reaktionen über das hinausgingen, was in den klinischen Prüfungen beobachtet wurde. Der Hersteller hingegen sieht keinen Grund zu Sorge. "Derzeit sind die gemeldeten Reaktionen so, wie wir sie aufgrund der Erkenntnisse aus unserem klinischen Studienprogramm erwarten würden", teilte Astrazeneca Anfang der Woche mit.

Pfleger erscheinen nicht zur Impfung

Doch die Sorge über ein unsicheres, nicht so wirksames Mittel gegen Corona ist in der Welt: Das Gesundheitsministerium in NRW hat bereits einzelne Hinweise erhalten, dass die Impfbereitschaft mit Blick auf Astrazeneca bislang tendenziell verhalten sei, teilte ein Sprecher t-online mit. "Das Ministerium betrachtet dies mit Sorge und wirbt für die Akzeptanz des Impfstoffs", heißt es. "Ja, bei uns wurden Termine abgesagt, Leute sind nicht gekommen", sagte zudem eine Sprecherin des Kreises Paderborn. Grund sei offensichtlich Skepsis wegen des Impfstoffes.

Absagen gab es nach einem Bericht der "Siegener Zeitung" auch im Impfzentrum Siegen-Wittgenstein, wo Menschen über Impfreaktionen wie Abgeschlagenheit, Fieber oder Gliederschmerzen geklagt hätten. Die "Westfälischen Nachrichten" berichteten, dass in Münster etwa 30 Prozent der für die Impfung vorgesehenen Rettungsdienstmitarbeiter und ambulanten Pflegerinnen und Pfleger ihre Termine in der vergangenen Woche nicht wahrgenommen haben.

"Wir würden gerne sehr viel mehr Menschen impfen"

Auch in Berlin zeigt sich eine fehlende Impfbereitschaft: Hier werden in den Impfzentren der Stadt unterschiedliche Impfstoffe verimpft. Das Zentrum in Tegel spritzt Astrazeneca. Wie der rbb erfuhr, sind das bisher nur rund 150 Dosen am Tag. "Wir würden gerne sehr viel mehr Menschen impfen", sagte eine Mitarbeiterin des Impfzentrums der "rbb-Abendschau".

Das Ministerium für Soziales und Integration in Baden-Württemberg, auch zuständig für das Thema Gesundheit, begründet die niedrige Zahl der Astrazeneca-Impfungen offiziell mit den späten Impfstart. Erst seit der vergangenen Woche konnten Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen die Dosen aus den Impfzentren abholen. Ein Sprecher sagt: "Somit kann dieser erst nach und nach verimpft werden. Die statistische Erfassung erfolgt in den jeweiligen Impfzentren, hier sind auch zeitliche Verzögerungen zwischen Impfung und Erfassung denkbar."

Sachsen: Notfalls sollte man stattdessen Lehrer impfen

In Niedersachsen will das Gesundheitsministerium keine Angaben machen, ob die Impfwilligen bei Astrazeneca zurückhaltender seien als bei den Vakzinen von Biontech und Moderna. Dazu lägen keine Daten vor, hieß es. Eine geringere Bereitschaft zur Impfung mit dem Vakzin zeigte sich im Saarland. Dort kritisierte Gesundheitsministerin Monika Bachmann, dass am Wochenende bei einer "Sonderimpfung im medizinischen Bereich" 54 Prozent von 200 zur Impfung angemeldeten Personen nicht erschienen seien, ohne den Termin abzusagen.

Frank Ulrich Montgomery sprach sich wegen der geringeren Wirksamkeit gegen eine Astrazeneca-Impfung bei medizinischem Personal aus. (Quelle: imago images/Thomas Trutschel)Frank Ulrich Montgomery sprach sich wegen der geringeren Wirksamkeit gegen eine Astrazeneca-Impfung bei medizinischem Personal aus. (Quelle: Thomas Trutschel/imago images)

Auch in Sachsen stellen die Behörden fest, "dass es derzeit noch freie Impftermine für Astrazeneca gibt. Aus unserer Sicht darf es nicht sein, dass Impfstoff vorhanden ist, aber nicht verimpft wird. Daher setzen wir uns dafür ein, dass die Priorisierung geöffnet wird und Astrazeneca auch Erzieher, Lehrer und Mitarbeiter des öffentlichen Gesundheitsdienstes erhalten können", so ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. "Dies werden man auch gegenüber dem Bund so vertreten."

Spahn: Es werden sich genug Pflegekräfte und Ärzte finden

Unterdessen ist bereits auch ein Streit unter Medizinexperten um den britisch-schwedischen Impfstoff entbrannt: Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, sprach sich wegen der geringeren Wirksamkeit in der "Rheinischen Post" gegen eine Astrazeneca-Impfung bei medizinischem Personal aus – die Probleme ließen sich nicht "wegdiskutieren".
 

 
Unterstützung bekommt Astrazeneca hingegen von zwei Medizinern, die wie kaum andere für den Kampf gegen die Corona-Pandemie stehen. So springt SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach für den Astrazeneca-Impfstoff in die Bresche. Auf Twitter schreibt er am Dienstag: "Ich werde ab Ende Februar auch regelmäßig als Impfarzt in Leverkusen mitarbeiten. Das gesamte Team, auch ich, werden uns mit dem Astra Impfstoff impfen. Wir vertrauen ihm." Ähnliches hört man im erfolgreichsten Pandemie-Podcast.

Im "Coronavirus-Update" des NDR wirbt Virologe Christian Drosten für Astrazeneca: Der Impfstoff sei unverändert ein wichtiges Instrument im Kampf gegen die Pandemie. Es gebe keinen Grund, in Deutschland nicht mit dem Mittel zu arbeiten. "Wir müssen alles daransetzen, jetzt so schnell wie möglich in der Breite zu impfen", bilanzierte der Virologe. "Die Impfstoffe, die wir haben, die sind extrem gut gegenüber dem, was man erwarten konnte. Es gibt immer irgendwo ein Haar in der Suppe und manche schauen da mit dem Vergrößerungsglas drauf."

"Wer aus Gründen des Populismus und der Selbstdarstellung den Impfstoff von Astrazeneca schlechtredet, indem er die Wirksamkeit anzweifelt (...), macht sich mitschuldig daran, wenn der Lockdown länger dauert als nötig und gerade die älteren Menschen weiter an Covid-19 sterben", erklärte Dirk Heinrich, Vorsitzender des Virchowbunds, einem Verband niedergelassener Ärzte. Auch Gesundheitsminister Jens Spahn verwies am Mittwoch erneut auf das Privileg, in Zeiten von knappen Vakzinen eine Impfung bekommen zu dürfen und trat Zweifeln um den Impfstoff vehement entgegen: Sich impfen zu lassen, sei in dieser Pandemie ein Gebot der Vernunft. "Wer damit wartet, riskiert schwer zu erkranken, und er riskiert auch, das Virus weiter zu verbreiten."

Zentralinstitut sieht Impfzeitplan des Bundes in Gefahr

Das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung warnte am Mittwoch vor den Folgen der stockenden Astrazeneca-Impfungen: Man rechne damit, dass es den Impfzeitplan der Bundesregierung um mehrere Wochen zurückwerfen könnte, wenn weiterhin nur ein Bruchteil des Astrazeneca-Mittels verimpft würde. "Ohne den Impfstoff von Astrazeneca könnte es bis zu zwei Monate länger dauern, bis dieses Ziel erreicht ist", sagt ZI-Chef Dominik von Stillfried dem "Handelsblatt". Das Institut hatte in einem Bericht für das Bundesgesundheitsministerium errechnet, dass bis Mitte September allen Bürgern ein Impfangebot gemacht werden könnte – unter der Voraussetzung, dass auch die bislang nicht zugelassenen Impfstoffe von Johnson & Johnson und Curevac zum Einsatz kommen.

Der Gesundheitsminister will es so weit nicht kommen lassen. Spahn betonte, es bleibe kein Impfstoff liegen. "Wenn Leute, die ihn angeboten bekommen, ihn nicht nehmen, werden wir ihn eben dem nächsten anbieten." Es werde sehr viele Bürger geben, die sich über einen sicheren und wirksamen Impfschutz freuten – auch hinreichend viele Pflegekräfte und Ärzte. Das bleibt zu hoffen: Denn allein von Astrazeneca soll Deutschland bis Anfang April fast fünf Millionen weitere Dosen geliefert bekommen.

Verwendete Quellen:

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Alba Modatchibo.deOTTODeichmannbonprix.deLIDLBabistadouglas.deXXXLutz

shopping-portal