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Corona-Krise: Merkel und die Ministerpräsidenten haben ein Zahlen-Problem

Vor dem nächsten Corona-Gipfel  

Merkel und die Ministerpräsidenten haben ein Zahlen-Problem

Von Sonja Eichert

09.04.2021, 07:55 Uhr
Corona-Krise: Merkel und die Ministerpräsidenten haben ein Zahlen-Problem. Müller, Merkel und Söder nach der letzten Bund-Länder-Runde: Derzeit scheint fraglich, ob das Treffen am Montag überhaupt stattfindet (Archivbild). (Quelle: dpa/Michael Kappeler)

Müller, Merkel und Söder nach der letzten Bund-Länder-Runde: Derzeit scheint fraglich, ob das Treffen am Montag überhaupt stattfindet (Archivbild). (Quelle: Michael Kappeler/dpa)

Die Corona-Zahlen sind nach Ostern zunächst gesunken. Ein Wunder? Mitnichten. Die Statistik ist grob verzerrt, kann kaum als Grundlage für Entscheidungen dienen. Das wird zum Problem für die Politik. 

20.407 Corona-Neuinfektionen meldet das Robert Koch-Institut (RKI) am Donnerstag. Hinter den Zahlen steht jedoch ein großes "Aber": Durch die Osterfeiertage sind diese noch immer verzerrt und spiegeln nicht die Realität des Infektionsgeschehens in Deutschland wider. Der aktuellen Debatte zwischen Lockdown- und Lockerungsforderungen fehlt somit die statistische Grundlage. Auch die nächste Ministerpräsidentenkonferenz am Montag wird sich diesem Problem stellen müssen – wenn sie denn stattfindet.

Positivrate steigt

Bei Abruf der Fallzahlen über das Dashboard heißt es vom RKI: Bei der Interpretation sei zu beachten, dass in der Ferienzeit rund um die Feiertage weniger Tests durchgeführt würden. Somit würden weniger Corona-Fälle an die Gesundheitsämter gemeldet. Dass dies stimmt, zeigen auch die Zahlen des Laborverbands ALM: In der Kalenderwoche 13, also der Woche bis Ostersonntag, sind 18 Prozent weniger PCR-Tests durchgeführt worden als in der Vorwoche.

Aber: Die Zahl der positiven Tests ist nur um ca. 2,5 Prozent zurückgegangen, die Positivrate stieg erheblich: In der Karwoche betrug sie 11,3 Prozent, in der Woche zuvor noch 9,5 Prozent. Das heißt: Es wurden zwar weniger Menschen getestet, von denen, die getestet wurden, waren jedoch deutlich mehr mit dem Coronavirus infiziert.

Meldungen von Gesundheitsämtern fehlen

Ein zweites Problem beschreibt das RKI in seinem täglichen Lagebericht: Es könne sein, dass nicht alle Gesundheitsämter und zuständigen Landesbehörden an allen Tagen die Fallzahlen übermittelten. Das bestätigt eine Recherche der "Zeit": Am Ostermontag meldeten nur 234 Kreise ihre Zahlen dem RKI, auch am Mittwoch waren es nur 336 von 401 Ämtern. Damit fehlt ein erheblicher Teil des Infektionsgeschehens in der statistischen Erfassung.

Das lässt sich auch an den Zahlen des RKI erkennen. Von den 20.407 Neuinfektionen, die das Institut am Donnerstag veröffentlichte, sind nur 16.115 "neue Meldungen" der Gesundheitsämter vom Mittwoch. Der Rest entfällt auf Nachmeldungen der Gesundheitsämter an das RKI: 3.764 Infektionen wurden für Dienstag nachgemeldet, 233 für den Ostermontag und noch 166 für Ostersonntag. Daher sind die häufig herangezogenen Kennwerte – 7-Tage-Inzidenz und R-Wert – derzeit nicht belastbar, da sie sich aus den Infektionswerten der jeweils vergangenen Woche berechnen.

Lockerungen nach vermeintlich niedrigen Zahlen

Dennoch wird bereits auf Grundlage der vermeintlich über Ostern gesunkenen Werte gehandelt: In einigen bayrischen Kommunen lag die Inzidenz durch die Feiertage mindestens drei Tage unter 100 – die sogenannte Corona-Notbremse wurde daher in einigen Landkreisen und auch in München wieder gelockert. Dort war die Notbremse erst am Ostersonntag in Kraft getreten.

Auch in Schleswig-Holstein wird gelockert: Die Außengastronomie darf ab Montag dort wieder öffnen, wenn auch nur in Landkreisen, in denen die Inzidenz sieben Tage unter 100 liegt. Mit Ausnahme des Kreises Segeberg ist dies aktuell jedoch überall der Fall – traut man den Zahlen über Ostern.

Eine Sieben-Tage-Regelung führte am Mittwoch auch Nordrhein-Westfalen ein und verschärft somit die "Corona-Notbremse". Statt drei müssen die Kommunen nun sieben Tage unter der Inzidenz von 100 liegen, um die Maßnahmen wieder lockern zu können. Ohne diese Verschärfung hätten die Kreise Olpe, Wesel und Rhein-Sieg-Kreis die Kriterien in den vergangenen Tagen bereits erfüllt.

Abkehr von der Inzidenz im Saarland

Einen anderen, vom Bund unabhängigen Weg beschreitet das Saarland: Hier läuft seit Dienstag ein Modellversuch. Außengastronomie, Fitnessstudios, Theater und Kinos sind wieder geöffnet, notwendig ist ein negativer Test. An der Inzidenz will man sich hier nur noch bedingt orientieren: Steigt sie auf über 100, wird die Testpflicht zwar ausgeweitet, eine Rücknahme der Lockerungen gibt es aber zunächst nicht. Diese ist von der Landesregierung nur für den Fall einer "drohenden Überlastung des Gesundheitssystems" vorgesehen – wann genau diese eintritt, ist aber nicht festgelegt. Mit einer Inzidenz von 78,6 ist das Saarland von Verschärfungen der Maßnahmen aktuell jedoch weit entfernt.

Intensivmediziner schlagen Alarm

Die Intensivmediziner schlagen hingegen jetzt schon Alarm. "Liebe Entscheidungsträger, wie hoch sollen die Zahlen denn noch steigen, bevor Ihr reagieren wollt???", schrieb der wissenschaftliche Leiter des Divi-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, am Mittwoch auf Twitter. In einigen Städten wie Bonn, Bremen und Köln gebe kaum noch freie Intensivbetten, weder für Covid-Patienten noch für Menschen, die zum Beispiel einen Herzinfarkt erlitten haben.

Die Zahl der Intensivpatienten steigt bereits seit Mitte März kontinuierlich an. Durch die Zeit zwischen Infektion und Einlieferung auf die Intensivstation spiegelt sie das Infektionsgeschehen mit etwa zwei Wochen Verzögerung wider. Am Donnerstag waren 4.474 Corona-Patienten auf deutschen Intensivstationen in Behandlung. "Wenn das so weitergeht, werden wir in Kürze auch leider Gottes über 5.000 Covid-19 Patienten haben", sagte der ehemalige Divi-Präsident Uwe Janssens am Mittwoch den Sendern RTL/ntv. Ab einer Zahl von 5.000 bis 6.000 Intensivpatienten könne es sein, dass einige Krankenhäuser wieder auf den Notbetrieb umstellen müssten.

Die Berliner Charité zog bereits am Donnerstag Konsequenzen: Ab kommender Woche werden planbare Eingriffe hier wieder zurückgefahren. In Berlin sind derzeit nur noch 9 Prozent der Intensivbetten frei.
 

 
Niedersachsen: "Lage entspannt"

In anderen Teilen des Landes will man von solchen Problemen nichts wissen: "Die Lage in den Krankenhäusern in Niedersachsen ist entspannt", sagte der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) am Donnerstagmorgen im ZDF. Für sein Bundesland gibt das Divi-Intensivregister aktuell 13,7 Prozent freie Betten an.

Trotz der geringen Aussagekraft der Corona-Zahlen aufgrund der Ostertage sieht Weil eine positive Entwicklung: "Immer mehr Teile unseres Landes wachsen gerade aus der Notbremse heraus. Und ich habe den Eindruck, dass viele Menschen ihr Verhalten geändert haben." Er habe "große Zweifel", dass Niedersachsen einen bundesweiten Lockdown mittragen würde. "Dafür sehe ich schlicht die Umstände nicht", begründete er seine Haltung. "Diesen exponentiellen Anstieg, den wir ja befürchten mussten, den sehe ich nicht."

Das Infektionsgeschehen in Deutschland wächst dann exponentiell, wenn der R-Wert über 1 liegt, also durchschnittlich jeder Infizierte mehr als einen weiteren ansteckt. Aktuell gibt das RKI den Sieben-Tage-R-Wert mit 0,76 an – schränkt aber deutlich ein, dass man den Wert aufgrund der Osterfeiertage erst in einigen Tagen wieder verlässlich bewerten kann. Am Mittwoch vor Ostern war der R-Wert erstmals wieder unter 1 gesunken – zuvor lag er mehrere Wochen über 1.

Droht die Absage des Corona-Gipfels?

Nach dem Vorschlag des NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU), einen bundesweiten "Brücken-Lockdown" zu beschließen, hatten sich zuletzt auch der bayrische Landeschef Markus Söder (CSU) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für einen Lockdown ausgesprochen. Sie begründeten ihre Forderungen mit der Belastung der Intensivstationen und der geringen Aussagekraft der aktuell niedrigeren RKI-Zahlen. Söder verwies dabei auch auf die Schulferien, die Ansteckungen und Tests in den Schulen vermieden. "Dort liegen die Inzidenzen sehr hoch", sagte er im ZDF.

Doch zuletzt mehrten sich nicht nur die Zweifel, dass eine solche Verschärfung der Maßnahmen bei der Ministerpräsidentenkonferenz durchzusetzen wäre. Etliche Ministerpräsidenten sträuben sich gegen bundeseinheitliche Regelungen, darunter Stephan Weil (Niedersachsen), Daniel Günther (Schleswig-Holstein), Tobias Hans (Saarland) und Bodo Ramelow (Thüringen).

Infrage steht nun auch, ob die Beratungen überhaupt stattfinden: Bereits am Mittwoch hatte Söder eine Verschiebung ins Gespräch gebracht, sollte sich keine einheitliche Linie abzeichnen. Am Donnerstag sprach sich nun auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) gegen ein Treffen aus: Mit der Notbremse habe man "im Moment alle Instrumente, die man braucht", sagte sie. "Wir brauchen gar nicht neue Beschlüsse."

Verwendete Quellen:

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