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Corona-Pandemie: Hat der Inzidenzwert in Deutschland ausgedient?

Inzidenzwert ade?  

Diese Corona-Werte könnten bald entscheiden

23.07.2021, 17:56 Uhr
Corona-Pandemie: Hat der Inzidenzwert in Deutschland ausgedient?. Eine Ärztin berät einen Impfling in Wuppertal: Die hohe Impfquote und der gleichzeitige Vormarsch der Delta-Variante stellen das Inzidenz-Modell auf den Prüfstand. (Quelle: dpa/Malte Krudewig)

Eine Ärztin berät einen Impfling in Wuppertal: Die hohe Impfquote und der gleichzeitige Vormarsch der Delta-Variante stellen das Inzidenz-Modell auf den Prüfstand. (Quelle: Malte Krudewig/dpa)

Die Corona-Regeln werden maßgeblich durch die Zahl der Infektionen pro 100.000 Einwohner in den letzten sieben Tagen bestimmt. Doch wie aussagekräftig ist dieser Wert mit wachsender Impfquote noch? Es werden Alternativen gesucht.

Ganz eindeutig wirkt der Kurs von Jens Spahn noch nicht. Man müsse sich weiter darum bemühen, die Coronazahlen niedrig zu halten, sagte der Bundesgesundheitsminister zuletzt. Fast wie eine Drohung stellte er dann eine Zahl in den Raum: Mit dem aktuellen Tempo der Infektionen seien im Oktober deutschlandweite Inzidenzen bis zu 800 möglich.

Auf der anderen Seite machte Spahn deutlich, dass die aktuellen Modelle und die Kopplung der Corona-Regeln an Inzidenzwerte wohl nicht mehr zeitgemäß seien. Die steigende Impfquote sorge für mehr Schutz und verhindere auch bei steigenden Infektionszahlen, dass die Intensivstationen schnell überlastet werden. Es scheine so zu sein, dass "200 das neue 50 ist", sagte Spahn im Hinblick auf einen der Grenzwerte für Corona-Maßnahmen. "Die Inzidenz verliert zunehmend an Aussagekraft", hatte er bereits vor knapp zwei Wochen getwittert.

"Denkaufgabe für den Herbst"

Ist eine Inzidenz von 800 im Oktober also eine Zahl zum Fürchten? Oder ist sie inzwischen ein Wert mit schwindender Aussagekraft? Die Politik ringt momentan noch um eine Antwort.

Von einer "Denkaufgabe für den Herbst" soll CSU-Chef Markus Söder in einer internen Sitzung gesprochen haben. Allerdings könnte eine Lösung deutlich schneller notwendig sein. Denn schon jetzt steigen die Infektionszahlen wieder in Deutschland – und zwar zum Teil so schnell, dass die Grenzwerte von 35 oder 50 an einigen Orten wieder überschritten sind.

Spitzenreiter ist momentan die Stadt Solingen in NRW mit einem Wert von 67. In der zuletzt vom Hochwasser geplagten Region sprang der Wert innerhalb von nur wenigen Tagen um 20 Punkte nach oben. Damit verbunden sind neue Verschärfungen, obwohl der Abwärtstrend bei den Intensivpatienten noch nicht gebrochen ist.

Impfungen sorgen für mehr Freiheiten

Die Antwort auf die Denkaufgabe könnte aus mehreren Teilen bestehen: Im Gespräch ist etwa, die Grenzwerte für Verschärfungen nach oben zu setzen. Das hält auch der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, für vertretbar. "Wir werden aufgrund der steigenden Impfquote mit höheren Inzidenzzahlen entspannter umgehen können als im vergangenen Winter", sagte Reinhardt t-online. Das Beispiel Großbritannien zeige, dass bei hoher Impfquote schwere Krankheitsverläufe immer seltener werden.

Offen für eine Anhebung der Inzidenzwerte ist wohl auch Niedersachsen. Die Landesregierung plant, ihre Corona-Maßnahmen möglichst zeitnah anzupassen. Denkbar sei es, die ersten Verschärfungen ab einer Inzidenz von 50 statt bei 35 auszusprechen, sagte der stellvertretende Ministerpräsident Bernd Althusmann (CDU) der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Die zweite Stufe wäre dann erst ab dem Wert 100 erreicht. Allerdings werde man auch die einzelnen Maßnahmen überprüfen. Unter Umständen würden man ansonsten Bereiche lockern, die zum Infektionsgeschehen beitrügen, heißt es von der stellvertretenden Regierungssprecherin des Landes, Kathrin Riggert.

"Inzidenzwert hat längst ausgedient"

Gleichzeitig könnten andere statistische Werte bald mehr Gewicht erhalten. Eine Anpassung hat Jens Spahn bereits vorgenommen. Seit Mitte des Monats melden die deutschen Krankenhäuser dem Robert Koch-Institut präzisere Werte zu allen eingelieferten Covid-Patienten: Ermittelt werden seitdem etwa Alter, Art der Behandlung und auch der Impfstatus. Dieser sogenannte Hospitalisierungswert wird vom RKI bereits als "zusätzlicher Leitindikator" bezeichnet.

"Der Inzidenzwert als alleiniger Indikator hat längst ausgedient", stellte auch die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP, Christine Aschenberg-Dugnus, fest. Durch die Impfungen müsse man die Zahlen neu interpretieren, sagte die Politikerin t-online. "Wir sollten nicht mehr ausschließlich auf die Sieben-Tage-Inzidenz blicken", glaubt auch Klaus Reinhardt.

Undurchsichtige Datenlage

Der Hospitalisierungswert hat allerdings einen Haken. Anders als die Sieben-Tage-Inzidenz veröffentlicht das RKI in seinen Berichten bisher nicht, wo in Deutschland die Patienten eingeliefert wurden. Dadurch lässt sich von außen nicht abschätzen, wo besonders viele Covid-Patienten behandelt werden müssen. Gegenüber der "Zeit" teilte das RKI mit, dass solche Veröffentlichungen auch in Zukunft nicht geplant seien. Über die Gründe wolle man sich öffentlich nicht äußern.

Auf Anfrage von t-online erklärte das RKI, dass Länder und Kreise zwar über solche Daten verfügen. Es sei für das Institut allerdings weder machbar noch angestrebt, die Krankenhausaufenthalte regional aufzuschlüsseln, teilte eine Sprecherin mit.

Dreiklang die Lösung?

Uwe Janssens hat dafür wenig Verständnis. Die Hospitalisierungen seien  einer " der nun wesentlich mitentscheidenden Marker für die Schwere der Pandemie", sagte der Intensivmediziner t-online. "Es sollte selbstverständlich sein, die Hospitalisierungen nach Regionen geordnet zu veröffentlichen. Das ist zwingend erforderlich. Alles andere macht doch keinen Sinn", kritisiert Janssens, der bis Ende des vergangenen Jahres Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin war.

Aus seiner Sicht sei nur eine Kombination von mehreren Werten aussagekräftig: "Es muss einen Dreiklang geben: Krankenhausaufenthalte, Belegung der Intensivbetten und der Inzidenzwert." Dadurch sei die Intensität der Pandemie auch mit einer Vielzahl geimpfter Personen abschätzbar.

Ähnlich sieht es auch die Gesundheitspolitikerin der Grünen, Kordula Schulz-Asche: Der Inzidenzwert sei weiterhin von Bedeutung. Dennoch sei es "zu begrüßen, wenn auch andere Indikatoren zur Bewertung der Gesamtsituation wie zum Beispiel die Zahl der Hospitalisierungen, hinzugezogen werden", sagte sie t-online.

Bund und Länder scheinen in jedem Fall gewillt, eine baldige Lösung zu finden. Ursprünglich war der nächste Corona-Gipfel erst für Ende August geplant. Mehrere Länder wie Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern oder Niedersachsen drängen aber auf ein zeitnahes Treffen. Auch Bundeskanzlerin Merkel hatte zuletzt ihre Bereitschaft signalisiert.

Verwendete Quellen:

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