• Home
  • Politik
  • Deutschland
  • Innenpolitik
  • Vertauschtes NSU-Opfer Yunus Turgut lebt in der TĂŒrkei


Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Symbolbild fĂŒr einen TextLufthansa bringt Mega-Jumbo A380 zurĂŒckSymbolbild fĂŒr einen TextWaldbrand in Brandenburg außer KontrolleSymbolbild fĂŒr einen TextGelbe Giftwolke tötet zehn MenschenSymbolbild fĂŒr einen TextOligarchen-Jacht soll versteigert werdenSymbolbild fĂŒr einen TextHut-Panne bei Königin MĂĄximaSymbolbild fĂŒr einen TextManchester United will Bayern-Star Symbolbild fĂŒr einen TextARD-Serienstar wird ersetztSymbolbild fĂŒr ein VideoWimbledon: Deutscher verpasst SensationSymbolbild fĂŒr einen TextZweitliga-Topspieler wechselt in BundesligaSymbolbild fĂŒr ein VideoDorfbewohner stoppen RiesenkrokodilSymbolbild fĂŒr einen TextErster Wolf in Baden-WĂŒrttemberg entdecktSymbolbild fĂŒr einen Watson TeaserRoyal-Expertin sorgt sich um KateSymbolbild fĂŒr einen TextJetzt testen: Was fĂŒr ein Herrscher sind Sie?

Yunus Turgut - das vertauschte NSU-Opfer

dpa, Von Nuri Almak

Aktualisiert am 09.06.2013Lesedauer: 4 Min.
Yunus Turgut, NSU-Mordserie
Yunus Turgut mit den vertauschten PĂ€ssen von ihm und seinem Bruder Mehmet (Quelle: dpa-bilder)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo

Wenn man Yunus Turgut gegenĂŒbersteht, fĂ€llt es schwer zu glauben, dass er tot sein soll. Erschossen am 25. Februar 2004 in Rostock, von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, den Terroristen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU), ermordet in einem Dönerstand, kurz nach 10 Uhr vormittags. Yunus Turgut wurde 25 Jahre alt. So jedenfalls steht es in den Akten der deutschen Sicherheitsbehörden.

Doch Yunus Turgut lebt. Er ist Bauer in Kayalik. Das kurdische Dorf liegt weit oben in den Bergen Ostanatoliens, 150 Menschen leben dort. Eine Schule gibt es hier nicht, dafĂŒr eine Moschee, einen Dorffriedhof. In einem einfachen Bauernhaus empfĂ€ngt Yunus und erzĂ€hlt aus seinem Leben. Es ist die Geschichte eines brutalen Mordes und einer folgenschweren Verwechslung. Und eine Geschichte vom Umgang der deutschen BĂŒrokratie mit der RealitĂ€t einer kurdischen Bauernfamilie. Sie beginnt Anfang der 80er Jahre.


Foto-Serie NSU-Prozess: Die Angeklagten und ihr Richter

Beate ZschÀpe, NSU-Prozess
Wolfgang Stahl, ZschÀpes Anwalt
+6

Behörden vertauschten Geburtsdaten

Als Yunus' Vater Hanifi fĂŒr seine Söhne KinderpĂ€sse beantragt, vertauschen die tĂŒrkischen Behörden die Geburtsdaten. Mehmet bekommt das Geburtsjahr 1977, Yunus 1979. Aus dem JĂŒngeren wurde der Ă€ltere Bruder. Als die Jungen alt genug sind und nun Bilder in ihren Ausweisen kleben, beschließen sie, die PĂ€sse einfach zu tauschen. Jetzt stimmt immerhin das Geburtsdatum. Fehlerhafte Angaben sind in der ostanatolischen HalbwĂŒste mit ihren heißen Sommern und harten Wintern das kleinste Problem. Es weiß doch jeder im Dorf, dass Yunus in Wirklichkeit der zwei Jahre jĂŒngere Mehmet ist. Zum Problem wurde es erst in Deutschland.

ANZEIGEN
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Meistgelesen
Erster Angriff mit neuer Waffe hat drastische Folgen


"Drei MĂ€nner pro Haus sind damals nach Deutschland gegangen", sagt Yunus Turgut. Mehmet und er waren zwei von ihnen. Yunus Turgut klingt dabei wie jemand, der einen großen Fehler begangen hat und der nun versucht, sich zu erklĂ€ren. Immer wieder reibt er sich ĂŒber die eingefallenen Wangen und schaut zu Boden. Zweimal war sein Bruder Mehmet illegal in Deutschland. Er wird abgeschoben. Nach seinem dritten Versuch kommt er in einem Sarg zurĂŒck.

Stundenlang verhört

Er wurde das fĂŒnfte Opfer des NSU, aber das wussten die Behörden damals nicht. Sie hatten Kurden im Verdacht, tĂŒrkische Nationalisten, Drogendealer. Es war die Zeit als der Begriff "Dönermord" entstand.

Auch Yunus lebte damals in Rostock. Die deutschen Behörden werden ihn spĂ€ter zuerst in Rostock und dann - er ging wenige Monate nach dem Mord zurĂŒck in die TĂŒrkei - in Ankara stundenlang verhören und ihn wieder und wieder fragen, wer seine Feinde sind, wer ihn, Yunus Turgut, töten wollte. "Sie sagten, eigentlich hĂ€tte es mich treffen sollen. Nur wegen der Namensverwechslung sei Mehmet von Auftragskiller ermordet worden." Heute ist "Mordkommission" eines der wenigen deutschen Wörter, das er noch kennt.

Nur die Familie glaubte noch an seine Unschuld

Yunus lebt mit seiner Frau SongĂŒl und zwei kleinen Kindern wieder in Kayalik, dem Dorf seiner Vorfahren. Er ist Bauer, besitzt vier Schafe und eine Kuh. Seine Eltern haben Bruder Mehmet nach dem Mord begraben und danach das Dorf fĂŒr immer verlassen. Vater Hanifi ist 57 Jahre, er leidet seit dem Tod seines Sohnes an Parkinson und ist zuckerkrank. Die Mutter ist 53 Jahre alt, sie bestehe nur noch aus Haut und Knochen, sagt Yunus.

Als damals die Polizei nach Kayalik kam und die Bewohner tagelang verhörte, fingen die Leute an zu reden. Was hatte sich Mehmet zu schulden kommen lassen? Gab es womöglich Familienfehden? An seine Unschuld glaubte irgendwann nur noch seine Familie. Seit bekannt ist, wer Mehmet wirklich getötet haben soll, ist die Familie etwas erleichtert. Jetzt wissen sie und mit ihnen das ganze Dorf, dass Mehmet kein Krimineller war, sondern das Opfer deutscher Neonazis.

NebenklÀger im NSU-Prozess

Den Prozess in Deutschland will Yunus nicht besuchen, obwohl er NebenklĂ€ger ist. MĂŒnchen ist weit weg. Ohnehin glaubt er nicht daran, dass der Prozess die HintergrĂŒnde der Morde aufklĂ€ren kann. Der sonst so ruhige 36-JĂ€hrige redet sich in Rage. Er wird laut, gestikuliert wild. "Deutschland ist ein modernes, hochentwickeltes Land. Wie konnte es diese Morde nicht aufdecken?"

Es gibt aber auch jemanden in Deutschland, dem die Turguts dankbar sind: Barbara John, Ombudsfrau der Bundesregierung fĂŒr die NSU-Opfer. Sie steht auch den Familien in der TĂŒrkei zur Seite. Die Turguts haben eine EntschĂ€digung bekommen, die Eltern je 10.000 Euro, die Geschwister je 5000. Mustafa, mit 19 Jahren jĂŒngster von den fĂŒnf Turgut-Geschwistern, hat Barbara Johns Angebot angenommen und ist seit Anfang Mai in Deutschland. Er wird Yunus spĂ€ter wohl erzĂ€hlen, wie es war, der mutmaßlichen Komplizin der Mörder seines Bruders in die Augen zu schauen.

Und Yunus? Der wird dann vielleicht wie so oft auf den kahlen HĂŒgel hinter seinem Haus steigen. Dort liegt der Dorffriedhof. Hier ist sein kleiner Bruder begraben. "Mehmet Turgut" steht in schwarzer Schrift auf dem weißen Grabstein. Der Name von NSU-Opfer Nummer fĂŒnf. In der Anklageschrift gegen Beate ZschĂ€pe nennt ihn die Bundesanwaltschaft noch immer Yunus. Dass er in Wirklichkeit Mehmet heißt, steht nur in den Fußnoten.

Liebe Leserin, lieber Leser,

wir haben uns dazu entschlossen, in diesem Artikel keine Kommentare zuzulassen. ErfahrungsgemĂ€ĂŸ ist zu diesem Thema keine sachliche Diskussion möglich. Wir bitten Sie um Ihr VerstĂ€ndnis.

Mit freundlichen GrĂŒĂŸen
Ihre Redaktion von t-online.de

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
  • Tim Kummert
Von Tim Kummert
  • Johannes Bebermeier
Von J. Bebermeier, S. Böll, M. Hollstein
DeutschlandMordRostockTĂŒrkei
Politiker

t-online - Nachrichten fĂŒr Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Ströer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverlÀngerung FestnetzVertragsverlÀngerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website