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Nach Giffey-Affäre: Warum so viele Politiker nach einem Doktortitel lechzen

Ministerin Giffey  

Warum so viele Politiker nach einem Doktortitel lechzen

18.11.2020, 15:09 Uhr | Von Christian Füller

Nach Giffey-Affäre: Warum so viele Politiker nach einem Doktortitel lechzen. Franziska Giffey: Die Familienministerin verzichtet auf ihren Doktortitel. (Quelle: imago images)

Franziska Giffey: Die Familienministerin verzichtet auf ihren Doktortitel. (Quelle: imago images)

Nichts ist für Spitzenpolitiker wie Franziska Giffey wichtiger als Anerkennung. Sie wissen, dass ein Dr. vor dem Namen dabei immer hilfreich ist – um fast jeden Preis.

Als Franziska Giffey vor wenigen Tagen auf ihr erneutes Promotionsproblem angesprochen wurde, redete sie gerade über eines ihrer wichtigsten Reformprojekte. Mit der "Konzertierten Aktion Pflege" will sie Arbeitsbedingungen, Ausbildung und Ansehen von Pflegern verbessern – also im Prinzip alles an diesem von der Pandemie so beanspruchten Beruf.

Und es war eigentlich auch wie fast immer bei Giffey: Sie stellte ein vernünftiges Projekt vor, das irgendwie jeder unterstützt. Ungewöhnlich war allerdings, dass eine der letzten politischen Superstars, die die SPD noch hat, einen Moment lang genervt wirkte auf die Frage nach ihrem Titel. Anders als sonst strahlte sie nicht oder machte einen Scherz, sondern verdrehte tatsächlich die Augen. So kannte man Giffey bisher nicht. 

Dieses Verhaltensmuster ist menschlich

In einer späteren Erklärung stellte sie zwei Sätze heraus – handschriftlich wohlgemerkt: "Was mich als Mensch ausmacht, liegt nicht in diesem akademischen Grad begründet. Was mich als Mensch ausmacht, liegt nicht in diesem akademischen Grad begründet." Das war selbstmitleidig, fast theatralisch. Und darin verbirgt sich ein narzisstisches Motiv. Narzissten gieren nach Anerkennung. Wird sie ihnen verwehrt, schlägt ihre Selbstverliebtheit leicht in Selbstmitleid um. 

Dieses Verhaltensmuster ist nicht etwa krank, sondern zutiefst menschlich. Die Psychologie weiß, dass nichts anderes unser Motivationssystem stärker befeuert als von anderen gesehen und anerkannt zu werden. In Zeiten von Social Media ist das gut am sogenannten "fear of missing out" zu erkennen, also der zwanghaften Sorge, ein befriedigendes Ereignis zu verpassen.

Likes, Retweets, mehr Follower – damit lösen die großen Plattformen bei Nutzern gezielte Dopaminstöße aus, um unsere Sucht nach Anerkennung auszubeuten. Eine extreme Ausprägung dieser Sucht ist die narzisstische Persönlichkeitsstörung. 

Doktortitel, die Krone der Anerkennung

Solche Charaktere vermitteln "ein übertriebenes Gefühl von Wichtigkeit", sie hoffen eine Sonderstellung einzunehmen und zu verdienen. In der hysterischen Variante dieser Krankheit, so erklärt das Lexikon der Psychologie, sind Übertreibungen kennzeichnend, "theatralisches Verhalten, Tendenz zur Dramatisierung und dauerndes Verlangen nach Anerkennung und Aufmerksamkeit". Das klingt wie ein überspitztes Porträt von Politikern, die ja um Anerkennung durch Parteifreunde, Wähler und Journalisten werben müssen. Es gehört zu ihrer Jobbeschreibung.

Anders formuliert: Süchtige machen einen Entzug, Narzissten eine Therapie – und Politiker holen sich einen Doktortitel. Die Krone der Anerkennung, das Sahnehäubchen hoch droben auf dem Amt: Dr. Franziska Giffey, Bundesministerin für Familie und so weiter. 

Handwerklich muss sich Franziska Giffey gar nicht so viel vorwerfen lassen – wenn man bedenkt, dass sie ihre wissenschaftliche Arbeit an der Freien Universität Berlin nebenbei schrieb, als sie bereits voll in ihre Karriere als Berufspolitikerin gestartet war, gerade heiratete und ein Kind zur Welt brachte.

Giffey tat damals, was Journalisten und Studierende täglich tun: Sie zitierte nicht nur die gerade gelesene Literatur, sondern zusätzlich dort aufgefundene Sätze und Thesen aus dritten Quellen. Ohne die Originale zu konsultieren. Womöglich kürzte sie bei der Schlussredaktion noch die eine oder andere Fußnote weg. Das ist nicht okay, aber dennoch normal. Nur für eine Doktorarbeit reicht das eben nicht.

Giffey hätte ihren Doktortitel für eine derart laxe Zitierweise nicht bekommen dürfen. Was nicht allein ihre Schuld ist, sondern auch die der Gutachter. Die hatten sogar zugelassen, dass die damalige Europabeauftragte des Berliner Stadtteils Neukölln mit "Europas Weg zum Bürger" ein Thema bearbeitete, das ihrem Job bedenklich nahe kam. "Was ich richtig leiden kann, sind Vanity-Promotionen wie die von Dr. fake Franziska Giffey, denen man die Titel-Geilheit schon an der Konzeption der Arbeit ansieht", ätzten Kritiker auf Twitter entsprechend. 

Warum aber tun sich Politiker wie Giffey so etwas überhaupt an? Schließlich ist eine Doktorarbeit arbeitsmäßig eine Ochsentour. Aber anerkennungspolitisch hilft ein entsprechender Titel in der Spitzenpolitik eben durch die gläserne Decke. Das gilt auch für einen rhetorisch begabten und authentisch daherkommenden Politprofi wie Giffey.

Von dem, was Guttenberg hinlegte, ist Giffey meilenweit entfernt

Ein Doktortitel hat noch immer etwas Adeliges und verleiht die Extraportion Glaubwürdigkeit. Frau Dr. Giffey hätte vielleicht das Zeug zur nächsten Dr. Angela Merkel gehabt. Frau Giffey kämpft nun um ihre politische Karriere.

Franziska Giffey ist mit diesem Schicksal nicht allein. Auch andere Powerpolitiker, die gern so tun, als würden sie kein Stein auf dem anderen lassen, hat es erwischt. Auch Ursula von der Leyen verlor ihren Doktortitel wegen Plagiaten. Und Karl-Theodor zu Guttenberg, der besonders dreist abschrieb, ebenfalls. 

Man mag Giffeys Umgang mit der Kritik an ihr selbst für kritikwürdig halten. Aber vom dem, was Guttenberg bei seinem Auf- und Abtritt hinlegte, ist sie noch weit entfernt. Sein Schauspiel war ein Lehrstück für ein psychologisches Standardwerk. Glanz und Elend, überschießender Anspruch und tränenheischendes Selbstmitleid lagen dabei viel zu nahe beieinander. Im US-Exil erschrieb er sich sogar erneut einen Doktortitel per Fernstudium. Dabei ist er auch sonst viel beschäftigt und hat Frau und drei Kinder. Ein Narzisst steigt offenbar auch zweimal in denselben Fluss.

Ob Giffey den Titel nicht doch wieder führt, muss sich erst noch erweisen

Was also ließe sich tun? Der Historiker Marko Demantowsky sagt, die Lösung sei einfach: "Eine Promotion darf keine namensrechtlichen Auswirkungen haben." Sei der Doktortitel kein Namensbestandteil mehr, bekämen die Hochschulen mit einem Schlag die eitlen Politikerinnen und Politiker vom Hals. Zumal der Doktor im Namen ohnehin ein Überbleibsel aus alter Zeit sei: "In der Vormoderne waren Promotionsurkunden standesrechtlich den Adelsurkunden in gewisser Weise gleichgestellt."

So plausibel das klingt, alle Fälle erklärt es nicht. Adelsgleichheit kann nicht Guttenbergs Motiv gewesen sein, sondern es muss etwas geben, das stärker ist. Viel stärker sogar – die Sucht nach Anerkennung. Und ob Franziska Giffey nicht doch wieder ihren Titel führt, sofern die Universität ihr den Dr. auch im zweiten Prüfverfahren nicht entziehen sollte, muss sich erst erweisen.

Die Wahrnehmung für tatsächliche Begebenheiten ist bei Narzissten mitunter verschwommen. Bei Politikern ist das nicht anders. 

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche

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