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Tagesanbruch: Aufstieg der Grünen – "Die unpopulistischste aller Parteien"

MEINUNGTagesanbruch  

Was heute Morgen wichtig ist

Von Florian Harms

19.10.2018, 03:30 Uhr

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

Tarek Al-Wazir, Volker Bouffier (Quelle: AP/dpa/Roland Holschneider/dpa)Tarek Al-Wazir, Volker Bouffier (Quelle: Roland Holschneider/dpa/AP/dpa)

Neun Tage sind es noch bis zur Landtagswahl, aber schon jetzt bahnt sich in Hessen ein politischer Umbruch an: In der jüngsten Umfrage stürmen die Grünen auf 22 Prozent. Zweiundzwanzig! Das ist fast schon ein Volkspartei-Wert, zumal die ehemalige Volkspartei SPD und die Immer-noch-Volkspartei CDU auch dort massiv an Zustimmung verlieren. Wie schon in Bayern dürfte dafür auch in Hessen, neben regionalen Gründen, das verkorkste Agieren der großen Koalition in Berlin mit schuld sein. Wenn, ja wenn es am übernächsten Sonntag wirklich so kommt. Und dann? Dann kämen in Wiesbaden nur eine Jamaika-Koalition (CDU, Grüne, FDP), eine Ampel (SPD, FDP, Grüne) oder ein grün-rot-rotes Mal-was-Neues-wagen-Bündnis auf eine Mehrheit – vielleicht sogar mit dem zweiten grünen Ministerpräsidenten Deutschlands.

Wenn Sie jetzt denken: Das wäre ein politisches Beben!, dann widerspreche ich Ihnen nicht. Rücktritte von Parteichefs, Platzen der Bundesregierung, Merkels Sturz: Das wäre dann alles denkbar. Es wäre aber noch mehr. Oder nein, es ist schon viel mehr. Wir erleben eine tektonische Verschiebung des deutschen Parteiensystems: Der Zwei-Lager-Dualismus der Nachkriegszeit wandelt sich zum Spektrum-Pluralismus, und das ist ein Abbild der gewandelten deutschen Gesellschaft. Traditionelle Bindungen verlieren ihren Wert, kurzfristige Entscheidungen bestimmen immer stärker nicht nur die Politik, sondern auch den Beruf und das Privatleben. Wir entscheiden uns heute für diese Automarke und beim nächsten Kauf für jene, wählen heute diese Partei und morgen jene.

Das vielleicht interessanteste Phänomen ist dabei nicht der Aufstieg der AfD, sondern jener der Grünen. Unter der Führung ihrer neuen Vorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock sowie ihres Strategen, Bundesgeschäftsführer Michael Kellner, gelingt es der ehemaligen Öko-Klientelpartei, für breite Bevölkerungsschichten zur wahren Alternative zur ausgelaugten CDUCSUSPD-Regierungspartei heranzureifen. Die Grünen scheinen inzwischen präzise das Lebensgefühl vieler Menschen zu treffen: ökologisches Bewusstsein gepaart mit Heimatliebe und moderatem Sicherheitsdenken. Also: Umstieg auf E-Autos und Ausstieg aus der Kohle. Schluss mit Massentierhaltung und neuen Autobahnschneisen in unberührter Natur. Keine Rüstungsexporte in Krisenregionen, aber mehr gut ausgerüstete Polizisten. Eine klar begrenzte Zuwanderung, aber keine Obergrenze beim Asylrecht. Aufgeklärte Vernunft statt dumpfer Parolen.

"Das Konzept der Volkspartei ist nicht mehr die Antwort auf das 21. Jahrhundert", sagt Baerbock im "Focus". "Die großen Parteien können sich nur noch auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen." Das führe dazu, dass Union und SPD nichts mehr entscheiden oder vorantreiben. "Angesichts einer solchen Politikstarre wenden sich immer mehr Menschen ab, sogar von der Demokratie."

Der Erfolg der Grünen dagegen habe "damit zu tun, dass wir in unserer Haltung klar geblieben sind", ergänzt der hessische Spitzenkandidat Tarek Al-Wazir in der "FAZ". "Wir sind eine Partei, die unsere weltoffene, demokratische und vielfältige Gesellschaft verteidigt. Alle anderen haben sich von der AfD verrückt machen lassen. Wenn Sie so wollen, sind wir die unpopulistischste aller Parteien. Und es gibt viele Leute, die absolut genervt sind von einer Politik, die sich nicht an der Sache orientiert, sondern rein auf Stimmungen setzt."

Man muss das nicht alles unterschreiben, um es interessant zu finden.

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WAS STEHT AN?

Drei neue russische Medienkanäle berichten aus Berlin. Dass sie vom Kreml finanziert werden, verbergen sie den Zuschauern.  (Quelle: t-online.de/ Nour Alnader)Drei neue russische Medienkanäle berichten aus Berlin. Dass sie vom Kreml finanziert werden, verbergen sie den Zuschauern. (Quelle: t-online.de/ Nour Alnader)

Ein gläsernes Gebäude in Berlin-Mitte, teuerste Lage zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor, die US-Botschaft schräg gegenüber. Drei Namen stehen neben einem Klingelknopf: Ruptly, Redfish, Maffick. Seltsame Namen. Brisante Namen. Sie bezeichnen nicht irgendwelche Start-ups oder Mode-Labels. Nein, sie bezeichnen Russlands heimliche Medienzentrale in Europa. Denn hinter den merkwürdigen Namen verbergen sich Facebook-Kanäle mit Millionen von Followern, die in der deutschen Öffentlichkeit das Weltbild des Kreml verbreiten – und ihre Identität mit viel Aufwand verschleiern. Das haben die exklusiven Recherchen meines Kollegen Jan-Henrik Wiebe ergeben. Anders als bisher widmen sich russische Medien nicht mehr nur den Auftritten von Rechten, Pegida, Björn Höcke und Co. Nun versuchen sie, verstärkt auch Linke und Ökos zu infiltrieren. Selbst eine Bundestagsabgeordnete wurde beim Dreh einer Reportage getäuscht. Die ganze Geschichte lesen Sie hier.

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Fotoprobe König Lear (Quelle: dpa/Christian Charisius/ dpa)Lina Beckmann, Edgar Selge in "König Lear" (Quelle: Christian Charisius/ dpa/dpa)

Es gibt viele große Schauspieler in Deutschland, aber Edgar Selge zählt zu den großartigsten. Wer ihn am Deutschen Schauspielhaus in Houellebecqs Dystopie "Unterwerfung" gesehen hat, kann sich vor diesem Bühnenkünstler nur verneigen. Ich jedenfalls saß damals in der Premiere und war begeistert, wie Selge zweieinhalb Stunden lang allein auf der Bühne die Spannung hielt, das Publikum mitriss und es in keiner Sekunde verlor. Heute Abend steht er wieder dort auf den Brettern, aber in einer anderen Rolle: Er verwandelt sich in Shakespeares "König Lear", an seiner Seite die ebenso großartige Lina Beckmann als Narr. Da wäre ich gern dabei.

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WAS LESEN?

Die Fantastischen Vier im Jahr 1992. (Quelle: imago/teutopress)Die Fantastischen Vier im Jahr 1992. (Quelle: imago/teutopress)

Vor gefühlt 260 Jahren stand ich an einem Freitagabend auf der Tanzfläche der Diskothek "Müsli" in Stuttgart. Ich gestehe es hier nur äußerst ungern, aber damals trug ich tatsächlich zwei Zöpfe: einen hinten am Kopf, einen vorn über der Stirn. Wollte cool sein damals. Um kurz vor Mitternacht legte der DJ einen neuen Song auf – und schon die ersten Takte elektrisierten mich: Ein Hip-Hop-Rhythmus, bei dem man mit muss, eine einfache Melodie, und der Gesang: deutsch! "Ist es die da, die da am Eingang steht? Oder die da, die dir den Kopf verdreht? Ist es die da, die mitm dicken Pulli an? Nein, es ist die Frau, die freitags nicht kann!" Die vier Jungs, die das damals rappten, sind heute, gefühlte 260 und tatsächliche 26 Jahre später, immer noch so cool wie damals, was echt eine Kunst ist. Wie macht man das, und wer ist eigentlich der größte Frauenschwarm der Fanta4? Darüber hat meine Kollegin Janna Specken mit Michi Beck gesprochen. Ein launiges Interview, das ich vermutlich nicht bekommen hätte. Bin halt nicht mehr cool genug.

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Was war das für ein wunderbarer, warmer Sommer! Aber nun fangen wir wieder an zu frösteln. Und mit dem Frieren kommen die fiesen Erkältungen, denn die Viren sind bei Kälte stabiler als bei Wärme. Sich gegen die rund 200 Erregertypen zu wehren, ist nicht einfach. Im Schnitt erwischt Erwachsene wie Sie und mich deshalb vier Mal im Jahr ein Erkältungsinfekt. Brrr! Aber Moment mal, können wir der Krankheit nicht vorbeugen? Klar, können wir. Ich jedenfalls habe meinen Redakteuren gestern in der Morgenkonferenz gesagt, dass sie alle fleißig Zink nehmen sollen. Eine Tablette täglich wirkt Wunder! Hinterher nahm mich allerdings unsere Gesundheitsredakteurin Larissa Koch beiseite und sagte mir, hm, ganz so einfach sei das nicht mit den Wundermittelchen, auf die wir Laien schwören. Och Mann, was hilft denn dann?, habe ich gefragt. Also hat sie es aufgeschrieben.

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Zehn Jahre bei einem Fußballverein zu arbeiten, ist inzwischen eine Besonderheit. Der Sport ist schnelllebig und Kontinuität rar gesät. Max Eberl hat es trotzdem geschafft, heute vor zehn Jahren fing er als Sportdirektor bei Borussia Mönchengladbach an. Wie hat er das gemacht, und warum bezeichnet er ausgerechnet den Hoeneß-Uli als guten Mentor? Das hat Eberl im Interview mit meinem Kollegen Benjamin Zurmühl erzählt.

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WAS AMÜSIERT MICH?

Gesitteten Hunden sind wir diese Woche ja schon begegnet, und wer von Ihnen den Link zu dem tanzenden Roboter-Vierbeiner gestern nicht öffnen konnte, findet ihn hier noch mal. Aber nicht nur das gezähmte Haustier beherrscht die Regeln der Höflichkeit. Auch die wilde Bestie geht unserer Spezies gelegentlich zur Hand und macht freundlicherweise schon mal das Auto auf. Gut, über das Timing lässt sich streiten ... aber so ist sie eben, die unberechenbare, animalische Natur. Film ab für: Harry, hol schon mal den Wagen!

Ich wünsche Ihnen einen gesitteten Freitag und dann ein schönes Herbstwochenende. Denken Sie an das Zink!

Ihr Florian Harms
Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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