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Explosion in Beirut: Die Libanesen brauchen unsere Unterstützung


Das darf uns nicht kaltlassen

Von Florian Harms

Aktualisiert am 05.08.2020Lesedauer: 7 Min.
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Helfer bergen einen Verwundeten in Beirut.
Helfer bergen einen Verwundeten in Beirut. (Quelle: Hussein Malla/ap-bilder)
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

An kaum einem anderen Flecken auf der Welt prallen Gegensätze so schrill aufeinander. Villen von Superreichen neben Flüchtlings-Slums. Schickeria-Lokale zwischen Moscheen, Kirchen und Tempeln. Antike Ruinen neben futuristischen Wolkenkratzern. Bärtige Hisbollah-Kämpfer neben Mädchen im Bikini. Skipisten nur eine halbe Stunde von Mittelmeerstränden entfernt. Der Libanon war immer schon ein Versprechen der Vielfalt, er zelebrierte die Gegensätze, kostete sie aus, profitierte von ihnen und litt unter ihnen. Als ich vor mehr als 20 Jahren durch Beirut streifte, ragten im Zentrum noch die zerschossenen Bürgerkriegsruinen in den Himmel, während aufgebrezelte Jugendliche in Kellerclubs um die Wette tanzten. Im Süden und Osten hatte die schiitische Hisbollah das Sagen, im Norden die Sunniten, dazwischen die Christen und Drusen. Und über allen lag die eiserne Hand des syrischen Assad-Regimes. Hier führte man kein einfaches Leben, aber ein pralles. Der Schwarzmarkt blühte, die Petrodollars sprudelten, die Beats wummerten, die Muezzins sangen, Maler, Schriftsteller und Kaffeehausrevolutionäre entwarfen kühne Zukunftsvisionen. Zerstrittene Politiker rauften sich immer wieder zusammen, die Erinnerung an den grausamen Bürgerkrieg mit 90.000 Toten, 20.000 Vermissten und 800.000 Geflohenen war noch allen eine Mahnung.

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Doch zur Ruhe kam der Libanon nie. Arabische Potentaten rüsteten ihre jeweiligen Verbündeten auf, die Rebellion des "Arabischen Frühlings" mündete in einen klirrenden Winter, Zigtausende Syrer flohen vor dem Krieg in ihrer Heimat ins Nachbarland, wo aber schon seit Jahrzehnten überfüllte palästinensische Flüchtlingslager standen. Binnen Monaten verwandelten sich ganze Stadtviertel in Elendsquartiere, das fragile politische Gleichgewicht geriet aus dem Lot. Richtig gefährlich wurde die Lage aber erst durch die Misswirtschaft der wechselnden Regierungen. Ob Marionetten der Syrer, der Saudis oder der Iraner: Ein Kabinett schraubte die Staatsverschuldung höher als das andere; wer ein Amt besaß, bediente sich nach Gutdünken aus dem Staatssäckel.

Das Ergebnis ist ein Desaster: Die Inflation galoppiert, jeder vierte Bürger ist arbeitslos, ein Drittel aller Libanesen ist in die Armut gestürzt. Der Staat ist de facto pleite. Als der milliardenschwere Ministerpräsident Saad al-Hariri die Steuern erhöhen wollte, gingen Zigtausende auf die Straße und forderten Gerechtigkeit, Schluss mit Pfusch und Korruption, eine Zukunft für sich und ihre Kinder. Die Antwort der Regierenden war ein Offenbarungseid: Kungelei, Vetternwirtschaft, Missmanagement und religiöse Ideologie verhindern bis heute jede Reform.

Inzwischen ist der Traum vom Aufbruch ausgeträumt. Das Geld: nichts mehr wert. Lebensmittel, Strom, Benzin: überall Mangel. Wer ausreisen kann, hat es längst getan, die Verbliebenen kämpfen nicht mehr für Reformen, sondern ums Überleben. Schon Zehntausende Libanesen hungern, bald dürften zwei Drittel aller Einwohner von humanitärer Hilfe abhängig sein. Beobachter rechnen quasi täglich mit dem Zusammenbruch der Regierung – was die Konflikte weiter verschärfen würde. Schon malen die ersten das Schreckensbild eines neuen Bürgerkriegs an die Wand.

All das sollte man wissen, um erahnen zu können, wie heftig die gestrigen Explosionen das gebeutelte Land getroffen haben. Noch ist der Grund für das Unglück im Hafen von Beirut unklar, womöglich geriet in einem Lagerhaus Ammoniumnitrat in Brand; US-Präsident Trump vermutet gar eine Bombe. Die Folgen aber sind ebenso offensichtlich wie verheerend: mindestens 100 Tote, mehr als 4.000 Verletzte und eine erschütterte Metropole. Große Teile der Hafenanlagen – Libanons wichtigste Verbindung zur Welt – wurden zerstört. In der ganzen Stadt war die zweite Detonation zu hören, Videobilder zeigen ihre Wucht. Die Schäden an Häusern, Straßen, Geschäften erstreckten sich kilometerweit; Telefon und Internet fielen aus. "Wir saßen in unserem Wohnzimmer, und plötzlich fiel uns die Wand auf den Kopf", berichtet ein Überlebender. "Ich war in der Küche und kochte, als ich plötzlich ins Wohnzimmer geworfen wurde“, erzählt eine Frau, auch ihre Kinder wurden verletzt. Ein Helfer aus Deutschland beschreibt, wie er verletzte Menschen aus ihren Häusern in Sicherheit getragen hat. "Was ich gesehen habe, kann man nicht mit Worten beschreiben", berichtet Serkan Eren in einem Gespräch mit meinem Kollegen Lars Wienand.

Wenn ein Land, das ohnehin im Elend steckt, von einer derartigen Katastrophe getroffen wird, dann darf uns das nicht kalt lassen. Die Libanesen verdienen unsere Unterstützung. Die EU hat noch gestern Abend Notfallhilfe in Aussicht gestellt und "uneingeschränkte Solidarität" zugesichert, Kanzlerin Merkel versprach "Unterstützung". Bei Lippenbekenntnissen darf es nicht bleiben. Europa kann kein Interesse daran haben, dass nach Syrien und Libyen noch ein weiteres Mittelmeer-Land ins Chaos stürzt. Jetzt sind die Krisendiplomaten aus Berlin, Paris und Brüssel gefordert. Der Libanon gehört oben auf die Agenda europäischer Außenpolitiker. Schwer genug, in diesem komplizierten Land die Dinge zum Besseren zu wenden. Aber versuchen sollte man es. Dringend.

Die Explosionen erschütterten Beirut und waren bis in Vororte zu hören.
Die Explosionen erschütterten Beirut und waren bis in Vororte zu hören. (Quelle: Karim Sokhn/Instagram via REUTERS)
Die Detonationen haben enorme Verwüstungen angerichtet.
Die Detonationen haben enorme Verwüstungen angerichtet. (Quelle: Mohamed Azakir/Reuters-bilder)
Gebäude wurden zerfetzt, Autos durch die Luft gewirbelt.
Gebäude wurden zerfetzt, Autos durch die Luft gewirbelt. (Quelle: Issam Abdallah/Reuters-bilder)
Verstörte Menschen flohen vom Explosionsort.
Verstörte Menschen flohen vom Explosionsort. (Quelle: Mohamed Azakir/REUTERS/Reuters-bilder)

WAS STEHT AN?

Urlaubsende, Rückreiseverkehr, Schulstart: Nach und nach werden die Deutschen in den kommenden Wochen an Schreibtische, Werkbänke und Schulklassen zurückkehren. Das Alltagsleben läuft wieder an, verbunden mit der Hoffnung, dass es irgendwie gutgehen wird. Oder wird das Coronavirus uns erneut voll erwischen? Was ist im Herbst, wenn das Leben sich nach drinnen verlagert? Zwar stecken die Wissenschaftler immer noch tief in der Forschung zum Verhalten des tückischen Erregers, dennoch wissen wir inzwischen genug, um einige Antworten geben zu können. Das Virus ist ein seltsamer Geselle: Tücke und Chance liegen dicht beieinander. Umso wichtiger ist es, dass wir uns klarmachen, mit wem wir es zu tun haben, bevor wir in die kritische Phase der zweiten Jahreshälfte starten.

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Es ist vor allem eine Eigenschaft, mit der das Virus uns immer wieder überrascht: das Superspreading. Zu Beginn der Pandemie haben wir gelernt, dass ein Infizierter im Durchschnitt zwei bis drei weitere Menschen ansteckt. Ebenfalls hängen geblieben ist bei vielen Leuten die Vorstellung, dass die Krankheit sich sofort gnadenlos und mit exponentiellem Wachstum verbreitet, sobald wir ihr die Chance dazu geben. Aber das stimmt nicht. Covid-19 wird vor allem durch einige wenige Infizierte verbreitet, die sehr viele Menschen in einem Rutsch anstecken. Solche Superspreader sind nicht irgendwelche fiesen Unholde, auch Sie oder ich können ein Superspreader sein. Wen es trifft, der ahnt nicht einmal, wie das Virus ihn als Vehikel benutzt. Das Ergebnis aber ist: Wenige infizieren viele. Und viele infizieren niemanden. Die Mehrheit der Erkrankten steckt keinen oder höchstens einen Mitmenschen an. Das ist die Kehrseite der Superspreading-Medaille. Den Mittelwert von drei weiteren Infektionen pro Erkranktem gibt es nur auf dem Papier.

Die Konsequenzen sind bemerkenswert und lassen sich mit einer Metapher erklären: Der Erreger verbreitet sich wie im Funkenflug – und die meisten Funken verglimmen folgenlos. Nur wenige fallen glühend in trockenes Gehölz. Dort kokelt es ein bisschen: ein erstes Superspreading-Ereignis, das aus einem Funken viele macht. Aber wenn aus dem ersten Zündeln nicht schnell weitere Superspreader-Funken hervorgehen, ist das Feuerchen schnell wieder aus. Manchmal jedoch entsteht ein kleiner Brandherd. Dann ist die Ausbreitung des Feuers und ein verheerender Waldbrand nur durch eine schnelle, entschlossene Löschaktion zu stoppen. Nichts davon kann man im Moment der Initialzündung vorhersagen. Ob der erste Funken sofort wieder vergessen ist oder in die Katastrophe führt, darüber bestimmt nur eines: der Zufall.

Beispiel gefällig? Bitte sehr: Es ist noch nicht lange her, dass wir uns fragen mussten, warum Covid-19 in einem Land wie Südafrika nicht Fuß zu fassen schien. Gähnend leere Intensivstationen – trotz beengter Lebensverhältnisse in den Armenvierteln, wo Abstandhalten und Drinnenbleiben auch während der Ausgangssperren kaum möglich war: Gibt es dort vielleicht eine geheimnisvolle Immunität? Es gibt sie nicht. Es war nur eine Frage der Zeit. Bis der erste Funke zündete, dauerte es einfach ein bisschen.

Die Flatterhaftigkeit des Coronavirus ist Segen und Fluch zugleich. Sind die Infektionsraten niedrig, so wie vielerorts in Deutschland, dann spielt der Zufall eine tragende Rolle und bestimmt, wann Covid-19 Fahrt aufnimmt. Das bedeutet: Nicht jeder Fehler führt zu einem Großproblem. Wenn man Pech hat, dann ja. Aber vielleicht lässt der erste Superspreader noch ein bisschen auf sich warten. Das gibt uns die Chance, die Lücken in unserer Verteidigung gegen das Virus schnell noch zu schließen – kann aber genauso zu gefährlichen Irrtümern verleiten. Auf Masken und Abstand verzichten, Großveranstaltungen wieder zulassen, die nervigen Beschränkungen loswerden: Geht doch jetzt! So könnte man denken, und es ist sogar gut möglich, dass es eine Weile gut geht. Bis man in der Superspreading-Lotterie die unausweichliche Niete zieht.

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Die Gewissheiten, die wir alle so gerne hätten, um uns das Leben in den kommenden Monaten zu vereinfachen, bleiben uns also versagt. Wir bestimmen mit unserem Verhalten, den Regeln und ihren Lockerungen nicht, wann das Virus zurückkehrt. Sondern nur, wie weit wir ihm die Tür öffnen. Manchmal ziert es sich erst noch ein bisschen. Sicher ist nur, dass es am Ende jeder Einladung folgt. Und genau deshalb ist es so wichtig, vorsichtig zu bleiben.


WAS LESEN?

Hendrik Streeck plädiert für mehr Gelassenheit im Umgang mit Corona.
Hendrik Streeck plädiert für mehr Gelassenheit im Umgang mit Corona. (Quelle: privat/Andreas Zitt)

Moment, oder kann man das auch anders sehen? Kann man offenbar: Der Virologe Hendrik Streeck plädiert für mehr Gelassenheit im Umgang mit Corona. Im Interview mit unseren Gesundheitsredakteurinnen Nicole Sagener und Melanie Weiner spricht er über die Erkenntnisse der neuen Heinsberg-Studie und seine Idee einer Eingreiftruppe für Infektionskrankheiten.


Noch immer wirken bei vielen Bürgern die Bilder vom Wochenende nach: Tausende Menschen, die in Berlin gegen die Corona-Regeln demonstrierten – und diese demonstrativ missachteten. Unsere Kolumnistin Ursula Weidenfeld hat sich mit den wirtschaftlichen Folgen beschäftigt und meint: Wenn wir jetzt nicht aufpassen, gefährden wir den einsetzenden Aufschwung und unsere Jobs.


Die Deutsche Fußball Liga möchte wieder Fans in die Stadien holen, auch andere Großveranstaltungen werden wieder erwogen. Machbar? Auf keinen Fall, sagt der Epidemiologe Markus Scholz im Interview mit meiner Kollegin Nicole Sagener, die Gefahr einer zweiten Welle sei zu groß.


"Smoooke on the Waaaaaater": Wissen Sie noch? Genau, Deep Purple. Was machen die alten Herren eigentlich heute, wo sie nun nicht mehr durch die Hallen touren können? Zum Beispiel Interviews geben: Frontmann Ian Gillan hat meinem Kollegen Sebastian Berning erzählt, wie man auch mit 74 Jahren blutjung bleibt.


WAS AMÜSIERT MICH?

Apropos blutjung: Wer so einen Ohrwurm einmal beherrscht, der kann halt überall punkten!

Ich wünsche Ihnen einen beschwingten Tag.

Herzliche Grüße,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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