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Corona: "Wenn auf Parkplätzen die Leichen der Opfer verbrannt werden"

MEINUNGTagesanbruch  

Seuche außer Kontrolle

05.05.2021, 10:35 Uhr
Corona: "Wenn auf Parkplätzen die Leichen der Opfer verbrannt werden". Trauernde Angehörige eines Corona-Opfers in Mumbai. (Quelle: dpa/Rafiq Maqbool/AP)

Trauernde Angehörige eines Corona-Opfers in Mumbai. (Quelle: Rafiq Maqbool/AP/dpa)

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Jede Minute ein Toter

Woran erkennt man, dass eine Gesellschaft die Grenze des Erträglichen überschreitet? Ist es der Moment, wenn Ärzte die Eingänge der Krankenhäuser verrammeln, weil drinnen die Sterbenden schon auf den Fluren liegen? Wenn auf Parkplätzen Tag und Nacht die Leichen der Opfer verbrannt werden und nebendran Lungenkranke auf Auto-Rückbänken um ihr Leben röcheln? Wenn Helfer aus fernen Ländern eingeflogen kommen, aber ihre Beatmungsgeräte nur einem Bruchteil der Leidenden zugutekommen? Wenn Politiker die Menschen auffordern, schön vorsichtig zu sein, aber sich selbst einen Teufel um Vorsichtsmaßnahmen scheren? Wenn sie Veranstaltungen für Hunderttausende zulassen und drei Wochen später die Zahl der Infizierten in die Höhe schießt?




Ja, es gibt Gründe für die Corona-Katastrophe in Indien, und die Doppelmutation B1.617 ist nur einer davon. Das Land mit der zweitgrößten Bevölkerung der Erde ist sehenden Auges ins Inferno geschlittert, und nun wartet der Tod vielerorts buchstäblich hinter jeder Ecke. Seit zwei Wochen meldet das Gesundheitsministerium täglich mehr als 300.000 neue Infektionsfälle, gestern wurde die Schwelle von 20 Millionen seit Beginn der Pandemie überschritten, die tatsächliche Zahl dürfte um ein Vielfaches höher liegen. Im April starb statistisch jede Minute ein Inder an oder mit Covid-19, inzwischen sind es täglich mehr als 3.500 Menschen, insgesamt schon mehr als 222.000. Nur die USA und Brasilien haben mehr Opfer zu beklagen – noch.

Indiens Krankenhäuser, wie hier in Neu-Delhi, sind überfüllt. (Quelle: imago images)Indiens Krankenhäuser, wie hier in Neu-Delhi, sind überfüllt. (Quelle: imago images)

Verbrennung der Leichen von Corona-Opfern in Indiens Hauptstadt. (Quelle: Manish Rajput/SOPA Images via ZUMA Wire/dpa)Verbrennung der Leichen von Corona-Opfern in Indiens Hauptstadt. (Quelle: Manish Rajput/SOPA Images via ZUMA Wire/dpa)

Das Desaster ist vor allem dem Leichtsinn zuzuschreiben, sowohl seitens der Politiker und Behörden als auch seitens vieler Bürger. Zu viele hegten nach dem vergleichsweise glimpflichen Verlauf im vergangenen Jahr den Irrglauben, Corona sei bereits besiegt, sei eigentlich gar nicht so schlimm. Zu viele befolgten die Hygiene- und Abstandsregeln allenfalls lax, Hunderttausende pilgerten zu den hinduistischen Festivitäten Kumbh Mela nebst Massenbad im Ganges, zu Wahlkampfveranstaltungen, zu Bauernprotesten. Die Regierung von Ministerpräsident Narendra Modi unterstützte die Massenaufläufe und weigert sich nach wie vor, einen harten, landesweiten Lockdown zu verhängen. Lieber empfahl sie esoterische Praktiken und Yoga als Gegenmittel und bestärkte den Volksglauben an Quacksalber und Wunderheilung.

Wie Herr Bolsonaro in Brasilien und ehedem Herr Trump in Amerika wähnt sich auch Herr Modi stärker als das Virus, verachtet auch er moderne Wissenschaft, sucht auch er die Schuld gern bei anderen und lässt sich selbst in einer Jahrhundertkrise nicht von seinem populistischen Gebaren abbringen. So nahm die Katastrophe ihren Lauf. Bisher sind vor allem Großstädte betroffen – doch nach den Festen sind nun viele Wanderarbeiter in ihre Dörfer und ins benachbarte Nepal zurückgekehrt. Das Virus haben sie mitgenommen.

Sauerstoff für Corona-Patienten wird in Indien zu Wucherpreisen gehandelt. (Quelle: imago images)Sauerstoff für Corona-Patienten wird in Indien zu Wucherpreisen gehandelt. (Quelle: imago images)

Wozu führt das? Ich wollte es genauer wissen und habe deshalb mit Elke Wisch gesprochen. Die 53-Jährige arbeitet seit Langem als Krisenhelferin für das UN-Kinderhilfswerk Unicef, sie hat das Grauen in Ruanda und die Pest in Madagaskar erlebt. Seit drei Jahren ist sie in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu eingesetzt und kümmert sich dort nun gemeinsam mit lokalen Kräften rund um die Uhr um Covid-Kranke. In unserem Videogespräch nennt sie die Lage vor Ort "beängstigend" und schildert sie so:

"Wir sind mittendrin in der zweiten Corona-Welle, das Land ist der Virusmutation ausgeliefert. Viele Wanderarbeiter haben sich in Indien infiziert und die Krankheit nach Hause mitgebracht. Binnen Tagen erkranken komplette Familien, oft sterben kurz nacheinander mehrere Familienmitglieder. Das Gesundheitssystem ist überfordert, es ist ja noch schwächer als das indische. Die Hospitäler sind alle voll, es gibt zu wenig Pfleger, außerdem haben sich viele selbst mit Covid infiziert. Deshalb müssen viele Angehörige die Patienten auf den Stationen selbst versorgen. Dadurch wird es in den Krankenhäusern noch enger, und noch mehr Menschen stecken sich an. Es fehlt an allem: Tests, Sauerstoff, Masken, Zelten für mobile Krankenstationen – und vor allem Impfstoff. Bisher hatte Nepal den indischen Astrazeneca-Impfstoff Covishield bekommen, aber angesichts der dramatischen Lage behält Indien nun alles für sich und liefert nichts mehr hierher."

Was denn getan werden könnte, habe ich Elke Wisch gefragt.

"Wir brauchen Ausrüstung, und zwar schnell", antwortete sie. "Vor allem Sauerstoffzylinder, aber auch PCR-Tests, Masken, Schmerzmittel, Remdesivir und andere Medikamente. Wer helfen kann: Bitte schickt das Material hierher!“

Als wir unser Gespräch beendet hatten und Frau Wisch vom Bildschirm verschwunden war, da habe ich geschluckt. Hierzulande freuen wir uns über unseren Impftermin, über die Aufhebung der Beschränkungen, über das absehbare Ende des Corona-Schlamassels – und andernorts bricht die Seuchenhölle jetzt erst richtig los. Unsere Erleichterung muss das nicht trüben, aber Mitgefühl und Solidarität wären schon angebracht. Statt acht Euro kostet die Füllung einer Sauerstoffflasche in Indien derzeit das Dreißigfache. Die meisten Erkrankten können sich das nie und nimmer leisten. Sie brauchen Hilfe. Und die Hilfsorganisationen vor Ort brauchen Unterstützung. Falls Sie also ein paar Euro übrig haben, gut aufgehoben wären sie zum Beispiel hier oder hier oder hier.

Elke Wisch versorgt ein Kind in Kathmandu mit Vitamin A.  (Quelle: Unicef)Elke Wisch versorgt ein Kind in Kathmandu mit Vitamin A. (Quelle: Unicef)

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Noch eine gute Investition

Seit Monaten können Kinder und Jugendliche nur unregelmäßig in die Schule gehen. Das hat Folgen für die körperliche und psychische Gesundheit – und auch für die Bewältigung des Unterrichtspensums. Etwa ein Drittel des Lernstoffs aus einem Schuljahr könnte durch die Pandemie verlorengehen, schätzt der Bildungsökonom Ludger Wößmann; besonders Kinder aus sozial schwachen Milieus drohen den Anschluss zu verlieren. Um das Problem zu lindern, haben sich Familienministerin Franziska Giffey (SPD) und Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) auf ein zwei Milliarden Euro schweres Corona-Aufholprogramm verständigt, das für Nachhilfe- und Förderangebote gedacht ist. Heute soll es vom Bundeskabinett beschlossen werden, auch dazu kann man wirklich uneingeschränkt sagen: Es handelt sich um gut investiertes Geld.

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A bissle Aufbruch

Einen "Aufbruch für Baden-Württemberg" hatten die Grünen zu Beginn der Koalitionsverhandlungen mit der CDU versprochen und als Ziel ausgelobt, das Musterländle zum "europäischen Klimamusterland" zu machen. Zuletzt allerdings dämpfte Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Erwartungen, und angesichts gebeutelter Kassen machte das schnöde Wort "Finanzierungsvorbehalt" die Runde. Wenn Herr Kretschmann und sein CDU-Vize Thomas Strobl heute in Stuttgart den Koalitionsvertrag der neuen grün-schwarzen Landesregierung vorstellen, wird es also spannend zu sehen sein, was von den Ambitionen übrig geblieben ist. Immerhin steht der Musterländlevater bei seiner Basis im Wort und wollte den Vertrag eigentlich mit dicker grüner Handschrift schreiben. Am Samstag sollen die Regierungsparteien dann digital über das Ergebnis abstimmen.

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Andere Welten

Zuletzt erschütterte der Skandal um den vermeintlichen Dokumentarstreifen "Lovemobil" die Filmbranche, weil der, wie sich herausstellte, eben nicht dokumentarisch, sondern inszeniert war. Das ändert jedoch nichts daran, dass Dokumentarfilme – wenn sie denn wirklich die Wirklichkeit abbilden – ihre Zuschauer auf fesselnde Weise in Welten entführen können, die ihnen sonst verschlossen blieben. Heute startet das digitale DOK.fest München mit der Präsentation von 131 Filmen aus 43 Ländern; vielleicht mögen Sie ja hineinschauen.

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Was lesen?

Napoleon auf dem Sterbebett: Bildnis von Horace Vernet, gemalt 1825. (Quelle: imago images)Napoleon auf dem Sterbebett: Bildnis von Horace Vernet, gemalt 1825. (Quelle: imago images)

Er war ein Emporkömmling – und brachte es mit Schläue, strategischem Geschick und Skrupellosigkeit bis zum Kaiser Frankreichs: Heute vor 200 Jahren schloss Napoleon Bonaparte, der sein Land modernisiert und Europas Großmächte gedemütigt hatte, für immer die Augen. Unser Zeitgeschichteredakteur Marc von Lüpke hat zehn wenig bekannte Fakten über den berühmt-berüchtigten Korsen zusammengetragen.

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Endlich hat die Kripo den Hauptverdächtigen im Fall "NSU 2.0" verhaftet. Die Kollegen der "Süddeutschen Zeitung" haben Details zu dem Mann, der jahrelang Drohschreiben verschickt und Informationen aus Polizeicomputern besessen haben soll.

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Reisen, shoppen, feiern: Die Bundesregierung will Geimpften schon in den kommenden Tagen ihre Grundrechte zurückgeben – doch viele Fragen sind noch offen. Meine Kollegen Annika Leister und David Ruch bringen Licht ins Dunkel.

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Nach Astrazeneca-Impfungen sind mehrere Fälle von Hirnvenenthrombosen aufgetreten. Nun haben Mediziner herausgefunden, wie sich die Krankheit erfolgreich behandeln lässt. Meine Kollegin Melanie Weiner erklärt es Ihnen.

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Was amüsiert mich?

Erinnern Sie sich an die Meldung über die schnieke Waitzstraße im Hamburger Westen, in der alle paar Wochen betagte Herrschaften beim Einparken in die Schaufenster der Geschäfte krachten? Genau, da wurden für viel Geld Poller eingebaut. Aber was soll ich Ihnen sagen? Es ist schon wieder passiert.

Ich wünsche Ihnen einen behüteten Tag.

Herzliche Grüße und bis morgen,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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