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EM 2021: So kann Deutschland den Klassiker gegen England gewinnen

MEINUNGTagesanbruch  

So sehen Sieger aus

29.06.2021, 08:15 Uhr
EM 2021: So kann Deutschland den Klassiker gegen England gewinnen . Im Jahr 2011 trafen sich der englische Wembley-Torschütze Geoff Hurst und der ehemalige deutsche Nationaltorwart Hans Tilkowski wieder (Quelle: imago images)

Im Jahr 2011 trafen sich der englische Wembley-Torschütze Geoff Hurst und der ehemalige deutsche Nationaltorwart Hans Tilkowski wieder (Quelle: imago images)

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

Geoff Hurst ist ein ehrgeiziger Mensch. Von Kindesbeinen an hatte er nur den Fußball im Kopf. Mit 15 kickte er für den Klub West Ham United, erst im Mittelfeld, dann im Sturm. Am 23. Februar 1966 bestritt er sein erstes Länderspiel, Bundesrepublik Deutschland hieß der Gegner. Nur fünf Monate später stand er mit der englischen Nationalmannschaft in London im Finale der Weltmeisterschaft, wieder gegen Deutschland. Es wurde das Spiel seines Lebens. Er schoss den 1:1-Ausgleich. Er schoss das 3:2. Er schoss den 4:2-Siegtreffer. Der einzige Hattrick in einem WM-Finale. Nach seiner Karriere engagierte er sich für die Demenzforschung, nachdem fünf seiner Mitspieler die Diagnose Alzheimer erhalten hatten. Er machte das exzessive Kopfballspiel dafür verantwortlich. "Im Training baumelte ein Ball von der Decke. Den köpften wir wieder und wieder, 20 Minuten lang", erzählte er später. "Anschließend spielten wir Kopfball-Tennis". Das war sicher nicht gesund. Er gab alles für seinen Sport.

Doch auf der Insel berühmt und hierzulande berüchtigt wurde Geoff Hurst nicht wegen seines Kopfballspiels – sondern wegen seines Treffers zum 3:2 im WM-Finale: dem Wembley-Tor. In der 101. Minute der Verlängerung zog er vor dem deutschen Torwart Hans Tilkowski aus kurzer Distanz ab, der Ball prallte von der Unterkante der Latte auf den Boden, sprang wieder hoch, dann köpfte ihn ein deutscher Verteidiger ins Aus. Drin oder nicht drin? Die ganze Fußballwelt rätselte jahrzehntelang. Der Schiedsrichter gab das Tor, heute wissen wir: fälschlicherweise. Der Ball war auf, nicht mit vollem Umfang hinter der Linie aufgeprallt. Wer will, kann es in der Zeitlupe sehen.

Aber Geoff Hurst sah etwas anderes. Wobei, eigentlich sah er gar nicht viel, sondern er glaubte vor allem etwas anderes, wie er später berichtete: "Ich behaupte auch weiterhin gegenüber jeder Persönlichkeit im Weltfußball, dass der Ball mindestens einen Meter hinter der Linie war! Punkt. Aber ehrlich gesagt habe ich ja aus der Drehung geschossen und bin danach gestürzt. Ich hatte also nur eine sehr schlechte Sicht. Der Ball sprang hinter Tilkowski auf. Ich konnte ihn aus meiner Position gar nicht sehen. Aber wenn man 24 ist und es im WM-Finale 2:2 gegen Deutschland steht, dann will man mit jeder Faser seines Körpers unbedingt daran glauben, dass der Ball die Linie überschritten hat." So redet einer, der alles für seinen Sport gibt.

WM-Finale 1966: Geoffrey Hurst schießt das Siegtor zum 4:2 gegen Deutschland.  (Quelle: imago images)WM-Finale 1966: Geoffrey Hurst schießt das Siegtor zum 4:2 gegen Deutschland. (Quelle: imago images)

Auch Oliver Bierhoff ist ein ehrgeiziger Mensch. Von Kindesbeinen an drehte sich seine Welt um den Fußball. Er stürmte für den Klub Essener SG 99/06, später für Uerdingen, den Hamburger SV und Mönchengladbach, aber so richtig startete er erst in Österreich und dann in Italien durch. Er traf und traf und traf, seine präzisen Kopfbälle waren gefürchtet. Am 21. Februar 1996, fast auf den Tag genau 30 Jahre nach Geoff Hurst, gab er sein Debüt in der Nationalmannschaft, der deutschen natürlich. Nur vier Monate später stand er im Finale der Europameisterschaft. Auch hier war es das Wembley-Stadion in London. Die Mannschaft war geschwächt: Kohler, Freund, Basler und Bobic verletzt, Möller und Reuter wegen Gelber Karten gesperrt. Der Gegner Tschechien spielte stark auf, aber keine vier Minuten nach seiner Einwechslung köpfte Oliver Bierhoff das 1:1-Ausgleichstor.

Dann die Verlängerung – gleich zu Beginn kam es zu einer außergewöhnlichen Szene: Lange Helmer-Flanke, Klinsmann bedient Bierhoff, der mit dem Rücken zum Tor steht, trotzdem schießt, der tschechische Torwart klatscht den Ball nur ab – und der kullert in den Kasten. Es ist das erste und einzige Golden Goal im Herrenfußball, Deutschland ist Europameister. Noch heute kann man beim Anschauen Gänsehaut bekommen. "Ich habe im Leben nicht daran gedacht, dass der Ball reingeht", gestand Bierhoff später. Aber er hat es versucht. Er hat es einfach versucht. Er gab in diesem Moment alles für seinen Sport.

Geoff Hurst und Oliver Bierhoff: zwei Stürmer, die im Abstand von 30 Jahren jeweils mit einem außergewöhnlichen Tor ein Finale entschieden haben. Unterschiedliche Spielertypen, aber eines hatten sie gemeinsam: den unbedingten Willen, die Pille im Kasten zu versenken, den Zug zum Tor, den Drang, selbst aus unmöglichen Positionen den Erfolg zu erzwingen. Und falls Sie sich nun fragen, warum ich Ihnen all diese Details aus der Fußballhistorie heute Morgen auftische, füge ich noch diesen Gedanken hinzu: Womöglich ist es genau so ein Spieler, der das Achtelfinale heute Abend im neuen Wembley-Stadion entscheiden kann. England gegen Deutschland, der Klassiker. Das verspricht Energie, Tempo, Spannung. Vielleicht einen Schlagabtausch wie bei den beiden Torspektakeln Spanien/Kroatien und Frankreich/Schweiz gestern Abend. Vor allem aber einen Stürmer, der mit unbedingtem Siegeswillen gesegnet ist – und mit dem Schneid, ein außergewöhnliches Tor zu schießen. Lieber mit dem Fuß als mit dem Kopf, das ist gesünder. Und am allerliebsten natürlich in den Kasten des Herrn, der nicht Manuel heißt.


Oliver Bierhoff nach seinem Golden Goal im EM-Finale 1996. (Quelle: imago images)Oliver Bierhoff nach seinem Golden Goal im EM-Finale 1996. (Quelle: imago images)


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Deutsche Antiterrordiplomatie

Als "kleinen Marathon des Multilateralismus" bezeichnete Heiko Maas seine Italienreise. Gestern ging es für den Außenminister zunächst nach Rom, wo sich die Internationale Allianz gegen den "Islamischen Staat" darauf verständigte, die Aktivitäten der Terrormiliz in Afrika stärker in den Blick zu nehmen. Herr Maas sprach sich dabei trotz des Anschlags auf deutsche Soldaten in Mali gegen einen Abzug der Bundeswehr aus dem westafrikanischen Land aus: "Wir müssen uns darüber klar werden, dass die Region droht, zu einer Drehscheibe des internationalen Terrorismus zu werden." Deshalb sei es notwendig, sich dort gemeinsam mit Partnern weiter zu engagieren. Heute nimmt der deutsche Chefdiplomat am Treffen der Außen- und Entwicklungsminister der G20-Staaten im süditalienischen Matera teil. Dabei stehen die Corona-Pandemie, der Klimaschutz, der Handel und nochmals die jüngsten Entwicklungen in Nordafrika auf der Agenda. "Wir lassen den Terroristen keinen Fußbreit", verkündete Herr Maas. Hoffentlich kein zu großes Versprechen.

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Gedenken an das Grauen

Es gehört nicht zum gängigen Kanon unserer Erinnerungskultur und bedarf genau deshalb der Erwähnung: das Pogrom an den Juden von Iaşi, verübt vor 80 Jahren, am 29. Juni 1941. In der rumänischen Stadt lebten zu dieser Zeit rund 100.000 Menschen, zu mehr als einem Drittel Juden. Durch strenge Rassengesetze waren sie vom gesellschaftlichen Leben bereits weitgehend ausgeschlossen, als am 27. Juni der profaschistische Militärdiktator Ion Antonescu, der sich auch am deutschen Überfall auf die Sowjetunion beteiligte, die Order ausgab, Iaşi "von Juden zu säubern". Sein Befehl wurde mit kalter Brutalität ausgeführt. Am Morgen des 29. Juni 1941 durchkämmten Soldaten die Straßen des jüdischen Viertels, hämmerten an die Türen, brüllten: "Alle Judenmänner raus!". Deutsche Offiziere und SS-Mitglieder halfen beim staatlich organisierten Massaker. Am nächsten Tag wurden mehrere Tausend Menschen in Züge gepfercht und deportiert. Insgesamt starben mindestens 13.000 Juden, es war der Auftakt zum Holocaust in Rumänien. Heute erinnert vor der Großen Synagoge von Iaşi ein Obelisk aus schwarzem Marmor an das Grauen jener Tage. Es ist das einzige von ursprünglich 110 jüdischen Gotteshäusern, das den Krieg überstand.

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Was lesen?

Annalena Baerbock und Armin Laschet ringen ums Kanzleramt.  (Quelle: Bernd Elmenthaler/imago images)Annalena Baerbock und Armin Laschet ringen ums Kanzleramt. (Quelle: Bernd Elmenthaler/imago images)

Viele Bürger fürchten sich vor dem, was nach der Bundestagswahl womöglich alles auf sie zukommt. Dabei kann einiges wirklich nur besser werden, schreibt unser Kolumnist Christoph Schwennicke.

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Geld ist nicht alles. Dennoch fragen vielleicht auch Sie sich, welche Partei Sie bei der Bundestagswahl wählen sollten, um ab Herbst mehr Netto vom Brutto zu haben. Mein Kollege Mauritius Kloft kann diese Frage beantworten.

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Bei einigen Menschen treten nach der Corona-Impfung Nebenwirkungen auf. "Das zeigt, dass die Impfung gewirkt hat", meinen viele – aber stimmt das? Meine Kollegin Christiane Braunsdorf klärt Sie auf.

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Die US-Demokraten haben im Kongress nur eine hauchdünne Mehrheit. Ausgerechnet ein demokratischer Senator blockiert nun wichtige Initiativen von Joe Biden. Scheitert der Präsident an Joe Manchin? Unser Reporter Bastian Brauns hat die Hintergründe.

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Was amüsiert mich?

Gut, dass bei so einer Europameisterschaft immer der Sport im Mittelpunkt steht.


 (Quelle: Mario Lars) (Quelle: Mario Lars)


Ich wünsche Ihnen einen ersprießlichen Tag. Morgen kommt der Tagesanbruch von meinem Kollegen Steven Sowa, von mir lesen Sie ab Donnerstag wieder.

Herzliche Grüße, 

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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