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Corona: Es ist Zeit für 2G und einen Teil-Lockdown für Ungeimpfte

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Der unerträglichste Corona-Mythos

15.11.2021, 12:49 Uhr
Corona: Es ist Zeit für 2G und einen Teil-Lockdown für Ungeimpfte. Alle leiden unter der Überlastung der Krankenhäuser: Notaufnahme an der Uniklinik in Düsseldorf. (Quelle: imago images)

Alle leiden unter der Überlastung der Krankenhäuser: Notaufnahme an der Uniklinik in Düsseldorf. (Quelle: imago images)

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

wenn es darum geht, wen diese vierte Corona-Welle am meisten trifft, ist zunächst ein Blick auf die Zahlen naheliegend: In Bayern ist die Inzidenz der Ungeimpften fast zehnmal so hoch wie die der (vollständig) Geimpften, in Sachsen nahezu zwanzigmal, in Baden-Württemberg rund fünfundzwanzigmal

Die Unterschiede sind so deutlich, dass zuletzt immer häufiger der Satz die Runde machte, wir erlebten mittlerweile eine "Pandemie der Ungeimpften". Einerseits stimmt das, was unter anderem Jens Spahn sagt, weil Ungeimpfte eben ein weitaus höheres Infektionsrisiko haben – und auch viel öfter ins Krankenhaus oder sogar auf die Intensivstation müssen.

Andererseits trifft die Corona-Krise längst nicht mehr nur die rund 30 Prozent Ungeimpften. Medizinisch betrachtet liegt das daran, dass Geimpfte zwar ein deutlich geringeres Risiko haben, sich aber eben auch anstecken und das Virus weitergeben können. So zu tun, als hätten sie mit Corona gar nichts mehr zu tun, dürfte viele in falscher Sicherheit wiegen. Das ist riskant.

Richtig ärgerlich wird es, wenn man das Gerede von der "Pandemie der Ungeimpften" gesellschaftlich analysiert: Dann handelt es sich eindeutig um einen Mythos, und zwar um den derzeit unerträglichsten Mythos.

Allein mehr als 15 Millionen Erwachsene, für die es seit Monaten zugelassene Produkte gibt, haben sich bislang einer Impfung verweigert. Ihre Entscheidung gegen einen höheren, eigenen Schutz ist aber auch ein Votum gegen die Solidarität. Denn aus Sicht der Impfgegner sollen sich ja die anderen jenen vermeintlichen Risiken einer Immunisierung aussetzen, die man für sich selbst nicht in Kauf nehmen will. Mit anderen Worten: Die anderen sollen die pandemische Drecksarbeit machen.

Sie müssen die Krise jetzt entschlossen bekämpfen: Die Möchtegern-Koalitionäre von SPD, Grünen und FDP. (Quelle: imago images/Mike Schmidt)Sie müssen die Krise jetzt entschlossen bekämpfen: Die Möchtegern-Koalitionäre von SPD, Grünen und FDP. (Quelle: Mike Schmidt/imago images)

Das ließe sich notfalls noch hinnehmen, wenn es ausreichend Vernünftige gäbe, um die Herdenimmunität zu erreichen. So wie es in vielen Staaten der Fall ist. Experten des Robert Koch-Instituts hatten im Sommer ein Ziel von mindestens 85 Prozent vollständig Geimpften bei den 12- bis 59-Jährigen und von 90 Prozent bei den Senioren ab 60 Jahren ausgegeben, um eine vierte Welle zu verhindern.

Das hat nur der deutsche Impfmeister Bremen geschafft, das kleinste Bundesland. Doch selbst wenn man eine weniger ambitionierte Marke ansetzen würde, etwa "85 Prozent Erwachsene mit Erstimpfung", könnten nur noch Hamburg, Nordrhein-Westfalen, das Saarland und Schleswig-Holstein Vollzug melden. Also gerade einmal 5 von 16 Bundesländern.

Weil es leider ist, wie es ist, müssen nun jedoch nicht nur die mehr als 15 Millionen ungeimpften Erwachsenen die Konsequenzen tragen. Nein, betroffen sind auch sehr, sehr viele Geimpfte:

  • Patienten, die etwa Krebs haben und dringend operiert werden müssten, deren Eingriff aber verschoben wird.
  • Menschen, die einen Schlaganfall oder Herzinfarkt erleiden, allerdings einen längeren Weg ins Krankenhaus in Kauf nehmen müssen.
  • Kinder, in deren Schulen wieder Wechselunterricht stattfindet oder in denen sogar der Präsenzunterricht ausgesetzt wird.
  • Eltern, die wieder im Homeoffice arbeiten und sich im Zweifel gleichzeitig ums Homeschooling kümmern müssen.
  • Unternehmer, die Geschäfte, Restaurants oder Kultureinrichtungen betreiben und weniger Umsatz machen.
  • Und so weiter.

Bei dieser Aufzählung sind all jene besonders stark betroffenen Menschen, seien es Behinderte, Alleinerziehende, einsame Ältere, noch nicht einmal berücksichtigt. Und all die Ärzte und Pfleger, die seit mehr als anderthalb Jahren bis zum Anschlag arbeiten, natürlich auch nicht.

Was die derzeitige Situation geradezu unerträglich macht, ist die Tatsache, dass sie vermeidbar gewesen wäre – zumindest in diesem Ausmaß.

Eine überfällige Einschränkung: 2G-Hinweis vor einem Lokal.  (Quelle: imago images)Eine überfällige Einschränkung: 2G-Hinweis vor einem Lokal. (Quelle: imago images)

Deshalb hat die Mehrheit der Geimpften nun das gute Recht zu sagen: Einen solchen Schlamassel wie im November 2021 darf es nicht noch einmal geben. Wir machen die in der aktuellen Situation notwendigen, deutlich schärferen Corona-Maßnahmen für alle ein letztes Mal mit, aber dann nie wieder. Zumindest nicht, solange uns neue Viren oder Mutationen nicht vor neue Herausforderungen stellen.

Was daraus folgt? Weil Impfungen der vorerst einzige Weg sind, diese Pandemie, wenn schon nicht zu beenden, dann zumindest in den Griff zu bekommen, braucht es jetzt einen Gesellschaftsvertrag. Sein Leitmotiv muss lauten: "Überall Vorfahrt für Vernunft!"

Wie die Maßnahmen aussehen müssten? Flächendeckend 2G, von Restaurants über Fitnessstudios bis hin zu Theatern, am besten auch in Geschäften und im Zweifel mit zusätzlichem Test (2G plus). 3G am Arbeitsplatz und in Zügen, besser mit PCR- als mit Schnelltest. Und am besten auch im Nahverkehr. Absage größerer Veranstaltungen. Einen Teil-Lockdown für Ungeimpfte. Und, weil es daran ebenfalls hapert: schärfere Kontrollen.

Sie stehen wieder an: Schlange vor einer Impfstation im Münchner Rathaus.  (Quelle: imago images/Alexander Pohl)Sie stehen wieder an: Schlange vor einer Impfstation im Münchner Rathaus. (Quelle: Alexander Pohl/imago images)

Parallel dazu müssen wir endlich alles – und dieses Mal wirklich alles – mobilisieren, um so rasch wie möglich die Herdenimmunität zu erreichen. Dazu sollte auch eine Impfpflicht unter anderem für Beschäftigte in Krankenhäusern und Pflegeheimen gehören. Auch für Lehrer und Schüler darf sie kein Tabu mehr sein. Und wir brauchen dringend einen Plan, wie wir schnellstmöglich Auffrischungsimpfungen organisieren – und diese, sofern es sich als notwendig erweist, dauerhaft etablieren. 

Jeder besitzt die individuelle Freiheit, sich all dem weiterhin zu verweigern. Aber er hat nun endgültig jedes Recht verwirkt, die Freiheit der anderen noch ein weiteres Mal einzuschränken. Wer nicht mitspielen will, kann in Zukunft gern am Rand stehen, zugucken und ja: auch meckern. Aber die Mehrheit wird nicht mehr hinhören und die Regeln für alle bestimmen.

Wie viel Österreich wird in Deutschland möglich?

Darüber, wie konsequent die Corona-Maßnahmen tatsächlich ausfallen, entscheidet in dieser Woche der Bundestag. Die wahrscheinlichen Ampelkoalitionäre wollen die bisherige Rechtsgrundlage für Beschränkungen durch ein neues Infektionsschutzgesetz ersetzen. Dieses soll einen kleineren Katalog möglicher Corona-Maßnahmen enthalten. Im vorläufig eingesetzten Hauptausschuss des Parlaments findet heute ab 13 Uhr die Expertenanhörung dazu statt. Die nächsten Tage werden auch zeigen, wie gut Olaf Scholz Krise kann

Österreich ist bei den Inzidenzen, aber auch den Maßnahmen, längst ein paar Schritte weiter: An diesem Montag beginnt bei unseren Nachbarn ein Lockdown für Ungeimpfte. Sie dürfen nur noch aus zwingenden Gründen ihr Zuhause verlassen.

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Jetzt wird es wirklich ernst

Die Koalitionsverhandlungen zwischen SPD, Grünen und FDP gehen langsam in die Schlussphase: In Berlin kommt um 10 Uhr die 21-köpfige Hauptverhandlungsgruppe zusammen. Sie wird an viele Themen bereits einen Haken machen können, muss aber auch noch einige sehr grundsätzliche Probleme lösen. Die Grünen hatten sich zuletzt über zu geringe Fortschritte beim Klimaschutz beklagt und sogar mit einem Platzen der Gespräche gedroht. Das war wohl nur Verhandlungstaktik, zeigt aber auch, dass von der anfänglichen Harmonie-Inszenierung nicht mehr allzu viel übrig ist.

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Er will's noch mal wissen

Am Abend trifft sich der Kreisvorstand der CDU Hochsauerland, um Friedrich Merz für den Vorsitz der Bundespartei zu nominieren. Es ist sein dritter Anlauf in gut drei Jahren. Für Merz gilt inzwischen nicht mehr "Er ist wieder da", sondern "Er war nie richtig weg".

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Eine Ministerpräsidentin für höhere Aufgaben

Hat wahrscheinlich nicht nur in Schwerin noch einiges vor: SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig.  (Quelle: imago images/Frank Hormann)Hat wahrscheinlich nicht nur in Schwerin noch einiges vor: SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. (Quelle: Frank Hormann/imago images)

In Schwerin wählt die neue rot-rote Koalition am Mittag Manuela Schwesig erneut zur Ministerpräsidentin. Sollte die SPD-Frau in den kommenden Jahren ähnlich geräuschlos und effizient regieren wie zuletzt, gehört sie zum Favoritenkreis für die Kanzlerkandidatur ihrer Partei 2029.

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Was lesen?

Apropos Mecklenburg-Vorpommern: Chef der Linkspartei dort ist der ehemalige Stasimitarbeiter Torsten Koplin. Zwar hat er sich von seiner Vergangenheit distanziert. Doch diskret pflegt er weiter Kontakte ins Milieu der Ehemaligen, wie mein Kollege Jonas Müller-Töwe recherchiert hat. 

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Hier geht es nicht weiter: In der Nähe der Grenze zu Belarus fingen die Beamten unsere Reporter ab.  (Quelle: Michael Körner für t-online)Hier geht es nicht weiter: In der Nähe der Grenze zu Belarus fingen die Beamten unsere Reporter ab. (Quelle: Michael Körner für t-online)

Meine Kollegen Tim Kummert und Michael Körner sind seit mehreren Tagen im Grenzgebiet zwischen Polen und Belarus unterwegs. Die Lage der Flüchtlinge dort scheint dramatisch zu sein. Doch die Tragödie spielt sich unter weitgehendem Ausschluss der Weltöffentlichkeit ab, denn unabhängige Berichterstatter kommen dort praktisch nicht hin. Lesen Sie hier Tim Kummerts beklemmende Eindrücke.

Eine Frau, die das Leid gesehen hat: t-online-Reporter Tim Kummert im Gespräch mit Hanna Machińska in Warschau. (Quelle: Michael Körner für t-online)Eine Frau, die das Leid gesehen hat: t-online-Reporter Tim Kummert im Gespräch mit Hanna Machińska in Warschau. (Quelle: Michael Körner für t-online)

Er hat auch ein Interview mit Hanna Machińska geführt. Sie ist stellvertretende Menschenrechtskommissarin in Polen. Und eine der ganz wenigen, die aktuell ins Sperrgebiet dürfen. Sie sagt: "Wir haben davon erfahren, dass eine junge Mutter einen Schwamm ausgewrungen und das schmutzige Wasser mit dem Milchpulver für ihr Kind vermischt hat. Sie wusste, was sie tat: Es war der sichere Tod für das Baby, aber sie konnte nicht anders, das Kind hatte Hunger." Sie sollten das ganze Interview lesen.

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Was ist von den Ergebnissen des Klimagipfels zu halten? "In Glasgow ist viel gelungen", schreiben die Kollegen von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Von einer "bitteren Realität" spricht dagegen die Süddeutsche Zeitung, schließlich werde der Ausstoß von Treibhausgasen weiter wachsen statt zu schrumpfen.

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Mehr als 50 Millionen Deutsche leiden im Laufe ihres Lebens unter Kopfschmerzen. Doch wie findet man heraus, welche Ursache dahintersteckt und was am besten hilft? Meine Kollegen Axel Krüger und Sandra Sperling haben mit einer Expertin gesprochen und eine Reihe an Tipps zusammengestellt.

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Was mich amüsiert

Vielleicht ist es ja wirklich so ...

 (Quelle: Mario Lars) (Quelle: Mario Lars)

Ich wünsche Ihnen trotzdem einen schönen Tag!

Morgen schreibt an dieser Stelle wieder Florian Harms für Sie. 

Ihr

Sven Böll
Managing Editor t-online
Twitter: @SvenBoell

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Mit Material von dpa.

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