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Das war 2022: Klimakanzler, Klimakleber, Klimakonferenz


"Das ist natürlich ein komplettes Unding"

  • Sonja Eichert
Von Sonja Eichert

Aktualisiert am 30.12.2022Lesedauer: 7 Min.
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Winter 2022/23: Skifahrer im tschechische Spindlermühle.
Winter 2022/23: Skifahrer im tschechischen Spindlermühle. (Quelle: IMAGO/David Tanecek)
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Klimakanzler, Klima-Kleber, Klimakonferenz: 2022 war ein turbulentes Jahr für den Klimaschutz. Ein Rück- und Ausblick mit Forscher Stefan Rahmstorf.

Ein turbulentes Jahr geht zu Ende – auch mit Blick auf die Klimapolitik. Der heiße Sommer ließ Deutschland über zukünftige Temperaturen spekulieren und der Ukraine-Krieg entfachte die Debatte über klimafreundliche Energiegewinnung neu. Nicht zuletzt setzten die Protestaktionen der "Letzten Generation" die Klimakrise auf die öffentliche Agenda – trotz aller Streitereien um die Aktionen an sich.

Einer, der all diese Entwicklungen genau beobachtet, ist der renommierte Klimaforscher Stefan Rahmstorf. Im t-online-Interview erklärt der Wissenschaftler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, warum die Zeit drängt, was droht, wenn die internationalen Klimaziele nicht erreicht werden – und wieso viele Deutsche ihre Urlaubspläne in Zukunft wohl überdenken müssen.

t-online: Herr Rahmstorf, es sind Grüne an der Macht, ein "Klimakanzler" an der Regierungsspitze. Wie blicken Sie auf die Klimapolitik der Ampel?

Stefan Rahmstorf: Ich bin enttäuscht. Ich habe das Gefühl, das Label "Klimakanzler" war für Olaf Scholz tatsächlich nur etwas für den Wahlkampf. Mein Eindruck ist: Unser Kanzler engagiert sich kaum für den Klimaschutz.

Ein hartes Urteil. Woran machen Sie das fest?

Wir erleben eine Koalition, in der es mit der FDP der kleinste Koalitionspartner offensichtlich darauf anlegt, Klimaschutz zu behindern, wo es nur geht – und SPD und Grüne lassen sich das gefallen. Das hat fatale Folgen. Jetzt sind die letzten Jahre, in denen wir es noch schaffen können, unter 1,5 Grad zu bleiben. Viele Länder tun dafür mehr als wir. Da hatte ich mir von der Ampelkoalition mehr erhofft.

Regierungsvertreter sagen: Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine hat alles auf den Kopf gestellt. Lassen Sie das als Ausrede gelten?

Nein. Denn der Krieg zeigt uns doch einmal mehr: Wir müssen den Einsatz erneuerbarer Energien noch schneller ausbauen. So lösen wir uns aus der Abhängigkeit von Russland – und bekämpfen die Klimakrise.

Stefan Rahmstorf: Der Wissenschaftler forscht seit 1996 am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.
Stefan Rahmstorf: Der Wissenschaftler forscht seit 1996 am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. (Quelle: IMAGO/IPON)

Also hat der Krieg in diesem Sinne fast etwas Gutes?

Zumindest erwartet die Internationale Energieagentur in ihrem aktuellen Bericht, dass die Energiewende dadurch beschleunigt wird. Ich bin aber nicht sicher, ob es in Deutschland auch wirklich so kommt. Denn gleichzeitig investiert die Bundesregierung in einem Ausmaß in Terminals für Flüssiggas, das nicht wirklich notwendig ist, um akute Energieknappheit zu überwinden. So droht uns langfristig ein weiteres Festhalten an den fossilen Energien.

Neue Gasinfrastruktur, ein wieder gestiegener Anteil der Kohlekraftwerke bei der Stromproduktion: Wie groß ist der Klimaeffekt davon tatsächlich?

Natürlich ist das ein schlechtes Signal. Aber die Kraftwerke laufen unter dem europäischen Emissionshandel. Der Klimaeffekt des Kohleaufschwungs hält sich deswegen sehr in Grenzen: Wenn wir mehr Kohle verbrennen, muss anderswo CO2 eingespart werden. Und außerdem ersetzen die Kohlekraftwerke ja Gaskraftwerke.

So entwickeln sich die Emissionen im deutschen Strommix.
So entwickeln sich die Emissionen im deutschen Strommix.

Aber ist Gas nicht klimafreundlicher als Kohle?

Beim CO2 schon, da verursacht Erdgas nur etwa halb so viele Emissionen. Aber es entstehen auch Methanemissionen, schon bei der Förderung, ebenso bei Lecks in den Pipelines. Methan ist ein deutlich potenteres Treibhausgas als CO. Ob Gas zur Stromerzeugung insgesamt überhaupt klimafreundlicher ist als Kohle, ist deshalb unklar.

Bei der Klimakonferenz in Ägypten gab es keine Fortschritte zur Begrenzung der Erderhitzung. Noch ist das 1,5-Grad-Ziel aber erreichbar – zumindest theoretisch. Was müsste sich dafür im Alltag der Deutschen ändern?

Ein wichtiger Teil ist die Verkehrswende: Es reicht nicht, die Autos mit Verbrennungsmotoren zu ersetzen. Die Zahl der Autos muss insgesamt sinken.

Haben Sie noch eins?

Nein. Ich erledige mein ganzes Leben lang, seit der Grundschule, alles mit dem Fahrrad.

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Allerdings leben Sie auch in der Stadt.

Das stimmt. Wer auf dem Land wohnt, kommt so nicht weit, da braucht es andere Lösungen. Allerdings muss Klimaschutz nicht immer Verzicht bedeuten: Wer auf einem Induktionsherd statt auf einem Gasherd kocht, hat keine Nachteile. Dasselbe gilt für das Heizen mit einer Wärmepumpe. Appelle an den Einzelnen reichen aber nicht. Die Regierung ist gefragt: Wir brauchen einen grundlegenden Umbruch.

Stefan Rahmstorf, geboren 1960, ist Ozeanograf und einer der renommiertesten Klimaforscher der Welt. Am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung leitet er die Abteilung Erdsystemanalyse, zudem lehrt er Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Von 2004 bis 2013 war er Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung.

Der zeichnet sich im Moment allerdings nicht ab. Nehmen wir an, die Erderwärmung überschreitet die Marke von 1,5 Grad. Wäre das wirklich so schlimm?

Ganz klare Antwort: Ja! Denn diese 1,5 Grad sind eine globale Durchschnittstemperatur. 72 Prozent der Erdoberfläche besteht aus Ozeanen, und der Ozean erwärmt sich langsamer und weniger als die Landoberfläche. Wenn wir von 1,5 Grad globaler Erwärmung reden, sprechen wir an Land eher schon von drei Grad mehr.

Was hieße das?

Das zieht eine massive Veränderung der Ökosysteme nach sich. Denken Sie an den Regenwald im Amazonas: Ab wann vertrocknet er? Wann geht er in Flammen auf? Auch bei uns sehen wir jetzt schon massive Waldschäden durch Hitze und Dürre.

Und Hitzewellen werden durch die Klimakrise immer häufiger.

Genau. Aber auch andere Extremwetterereignisse, etwa Überflutungen wie letztes Jahr im Ahrtal. Was viele nicht wissen: Auch heftige Niederschläge nehmen durch die Erderwärmung zu.

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Warum?

Das ist einfache Physik: Warme Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen, transportieren und abregnen. Pakistan hat dieses Jahr beides erlebt: erst extreme Hitze, dann massive Überflutung von 30 Prozent des Landes. Dort und in anderen tropischen Regionen wird es wegen großer Hitze zunehmend zu warm werden, um sich im Freien aufzuhalten, wenn die Erderhitzung 1,5 Grad deutlich überschreitet. Und schleichend wird der Meeresspiegelanstieg zu einem Riesenproblem für die Menschheit.

Das klingt dramatisch.

Deswegen sprechen wir in der Klimaforschung auch von der 1,5-Grad-Grenze, nicht von einem Ziel. Es geht auch darum, das Überschreiten von Kipppunkten zu verhindern.

Müssen wir uns nicht eigentlich eher darauf vorbereiten, dass die 1,5-Grad-Marke ohnehin fallen wird?

Das ist leider wahrscheinlich. Die Anpassung läuft ja auch längst, wenn auch unzureichend. Wir haben beispielsweise hier in Brandenburg ein Waldumbauprogramm. Schleswig-Holstein errichtet Klimadeiche, um sich für den Meeresspiegelanstieg zu wappnen. Aber grundsätzlich ist Anpassung keine Alternative. Wir müssen uns anpassen und zugleich eine nicht beherrschbare Verschlimmerung der Erderwärmung verhindern.

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Schon in diesem Jahr war es extrem heiß. Wie sieht der Sommer der Zukunft aus?

Der Rekordsommer 2022 wäre früher statistisch gesehen fast unmöglich gewesen. 2003 hatten wir 70.000 Hitzetote in Europa, ein vermeintlicher Jahrhundertsommer. Der ist inzwischen allerdings auf Platz fünf der heißesten Sommer in Europa gerutscht.

In zehn, 20 Jahren wird ein solcher Sommer ganz normal sein. Die Rekorde, die wir dann sehen werden, werden noch deutlich heißer sein – und sie werden immer häufiger.

(Quelle: Heike Aßmann)

Auch klassische Urlaubsländer wie Spanien, Italien oder Griechenland sind betroffen. Können wir diese künftig nur noch im Herbst bereisen?

Im Mittelmeerraum nehmen Hitze und Dürre besonders stark zu. Deswegen ist das gut möglich – denn wer möchte dort im Sommer noch Urlaub machen, wenn man sich bei Temperaturen über 40 Grad vor Mattheit kaum bewegen kann und dazu vielleicht noch die Rauchbelastung von Waldbränden in der Umgebung kommt? Waldbrände werden ein zunehmendes Problem auf unserer Erde. Wir haben das in Australien und Nordamerika schon gesehen und auch Deutschland ist davor nicht gefeit.

Und wie sieht der Winter der Zukunft aus? Mit weißen Weihnachten hat es in diesem Jahr mal wieder nicht geklappt, dafür ist der Jahreswechsel ungewöhnlich warm.

Auch die Winter werden immer wärmer. Allerdings werden sie dabei immer wieder für ein oder zwei Wochen unterbrochen durch einen Einbruch von polarer Kaltluft. Da kann es teilweise sogar neue Kälterekorde geben.

Wie das?

Der Polarwirbel, der über der Arktis sitzt, wird instabiler, und die Arktis erwärmt sich viermal stärker als die globale Durchschnittstemperatur. Es gibt dieses schöne Bild: Der Polarwirbel ist wie ein Zaun um eine Pferdeweide. Und wenn dieser Zaun defekt ist, dann bricht die Pferdeherde, also die Kaltluft, aus und rennt auf die angrenzenden Kontinente.

Schnee haben viele für ihren Skiurlaub fest eingeplant. Geht das auch in zehn oder 20 Jahren noch?

Wir sehen schon jetzt, dass in immer mehr Skigebieten massiv mit Schneekanonen nachgeholfen wird – in Bayern sogar aus der Staatskasse subventioniert. Das ist natürlich ein komplettes Unding. Der Steuerzahler sollte nicht den Kunstschnee für die Skifahrer finanzieren.

Zumal Schneekanonen echte Energiefresser sind.

Das ist ein kleines Beispiel, zeigt aber: Wir haben noch überhaupt nicht angefangen, ernsthafte Anstrengungen zu unternehmen, die 1,5-Grad-Grenze einzuhalten. Kaum eine Regierung kann behaupten, sie strenge sich ernsthaft an, die Pariser Klimaziele einzuhalten. Auch Angela Merkel hatte für den Klimaschutz nur schöne Worte. In der Praxis hat sie sich gegenteilig engagiert – gegen strengere Abgasnormen, gegen den Ausbau der erneuerbaren Energien.

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Die Aktivisten der "Letzten Generation" fordern die Einführung eines Tempolimits sowie eine Rückkehr zum 9-Euro-Ticket. Wie sinnvoll ist das für den Klimaschutz?

Ich denke, die Bewegung fordert bewusst sehr bescheidene Dinge, die man auf jeden Fall machen sollte, die aber für sich genommen nur kleine Schritte sind. Auch wenn es nur wenig bringt: Das Tempolimit wirkt sofort und ist noch dazu gratis in der Umsetzung. Was mich wirklich erschreckt hat, ist die Reaktion von vielen Politikern und Medien auf die Protestaktionen: Eine völlig überzogene Kriminalisierung dieser jungen Menschen – auch wenn sie in Museen nur eine Glasscheibe beschmutzt und kein Gemälde ernsthaft beschädigt haben.

Eine zweite Gruppe, die für Wirbel sorgte, war "Scientists Rebellion": Wissenschaftler, die zum Beispiel im Oktober das Verkehrsministerium blockierten. Haben Sie schon mal überlegt, da mitzumachen?

Nein. Allerdings nicht, weil ich schlecht finde, was sie machen. Sondern, weil ich meine Rolle in der sachlichen Aufklärung über die Klimakrise sehe und nicht bei dieser Art von Protesten.

Es gibt den Vorwurf, Klimaforscher betrieben nur Schwarzmalerei. Was gibt Ihnen Hoffnung?

Große Hoffnung gibt mir das rapide Wachstum der erneuerbaren Energien. 80 Prozent der weltweiten Investitionen in die Stromerzeugung gehen in die Erneuerbaren, Netze und Speicher. Sie haben bei der Stromerzeugung weltweit die Kernenergie bereits überholt und werden in etwa drei Jahren auch die Stromerzeugung durch Kohle überholen. Das ist jetzt eigentlich ein Selbstläufer.

Wenn es jetzt nicht schon so dringend wäre, wäre ich sehr optimistisch, dass wir die Klimakrise lösen können. Trotzdem bin ich heute optimistischer, als ich es vor fünf Jahren war.

Herr Rahmstorf, vielen Dank für das Gespräch.

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Verwendete Quellen
  • Interview mit Stefan Rahmstorf per Videokonferenz am 12.12.2022
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