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Hamburg: Warum tötete der "Trümmermörder"?

"Bestie in Menschengestalt"  

Warum tötete der Hamburger "Trümmermörder"?

Von Dietmar Seher

04.02.2019, 10:05 Uhr
Hamburg: Warum tötete der "Trümmermörder"?. Hamburg 1947: In den Ruinen der Hansestadt wurden vier Leichen entdeckt. (Quelle: ullstein bild/Hugo Schmidt-Luchs)

Hamburg 1947: In den Ruinen der Hansestadt wurden vier Leichen entdeckt. (Quelle: Hugo Schmidt-Luchs/ullstein bild)

Kurz nach Kriegsende versetzte ein "Unhold" Hamburgs Bürger in Schrecken. Vier Leichen wurden 1947 in den Ruinen der Stadt gefunden – unbekleidet und erdrosselt. Die "Trümmermorde" wurden zur geheimnisvollsten Tötungsserie der Nachkriegszeit.

Der Hungerwinter 1947 setzt den Hamburgern zu. Dauerhaft herrschen Temperaturen unter minus 20 Grad Celsius. Die Elbe? Eine riesige Eisfläche. Zu essen gibt es Gerstensuppe. Maden, obwohl proteinreich, sind vorher besser herauszufischen. Für die Kinder werden – trotz Kälte – die Trümmergrundstücke der kriegszerstörten Hansestadt zum idealen Spielplatz. In der Baustraße 13 – heute heißt sie Hinrichsenstraße – ist von der alten Akkumulatorenfabrik nahe dem S-Bahnhof Landwehr nach Kriegsbrand und Sprengungen nur noch eine Ruine übrig.

Der kleine Kurt stöbert mit anderen Kindern durch ihre eiskalte Steinwüste, als er an einer Mauer die nackte Leiche eines jungen Mädchens findet. Schlank. Mittelblond. Blaue Augen. Eine ausgeheilte Blinddarmnarbe hat sie und "keine Arbeitshände". So beschreibt es bald der Polizeibericht. Der Tod ist durch Erdrosseln eingetreten.

Was steckt hinter den Morden?

An diesem Montagnachmittag, es ist der 21. Januar, hat der Neunjährige die erste Spur einer mysteriösen Mordserie geortet, die bald ganz Nachkriegsdeutschland erregt. Im Abstand weniger Tage werden drei weitere Opfer von unterschiedlichsten Stellen der großen Stadt gemeldet. Auch heute, nach mehr als 70 Jahren, kennt man weder ihre Namen noch ihren Mörder. Geblieben sind nur abschließende Vermutungen der Ermittler: Steckt ein dunkles Familiengeheimnis hinter den Taten?

Kilometer von der früheren Baustraße entfernt, in Wandsbek, ist heute Hamburgs Staatsarchiv zu finden. Unter den gewaltigen Dokumentationsbeständen der Hansestadt belegen zwei alte, gut gefüllte Leitz-Ordner die verzweifelte Trümmermörder-Fahndung der 1940er- und 1950er-Jahre. Es sind die "Mordhandakten" des Falles. Angegilbte Papiere, Zeitungsausschnitte und abschreckende Fotos von Leichen heften darin. Manchmal ist die Unterschrift des Cheffahnders zu lesen: gez. Stave. Der Autor Cay Rademacher hat in seinem Roman über die Vierfachmorde den Oberinspektor Frank Stave zur zentralen Figur gemacht.

Hamburg im Hungerwinter 1946/1947: Kinder suchen nach Kohle. (Quelle: ullstein bild/Erich Andres)Hamburg im Hungerwinter 1946/1947: Kinder suchen nach Kohle. (Quelle: Erich Andres/ullstein bild)

Damals war Staves Leuten binnen Kurzem klar: Hier ist ein Serientäter unterwegs. Am 25. Januar taucht in einem Ruinenfeld an der Eimsbütteler Lappenbergsallee die zweite Leiche auf. Die eines älteren Mannes, 65 bis 70 Jahre alt, gepflegte Erscheinung. Nackt, wie das Mädchen gefesselt und erdrosselt. Sieben Tage später: In einem Fahrstuhlschacht an der Billstraße entdeckt der Bootsverwahrer John Thiele ein totes Kind, weiblich, vielleicht sechs oder acht Jahre alt. Dem folgt eine tote, 30 Jahre alte Frau, der Fundort nahe dem Berliner Tor. Dann reißt die Serie ab.

Die Opfer wurden andernorts getötet

Die Mordkommission am Hamburger Karl-Muck-Platz, der heute nach Johannes Brahms benannt ist, sieht schnell die Übereinstimmungen der Taten. Neben den Fundstellen (Kriegstrümmer) und der Todesart (Erdrosseln mit dünnem Seil oder Draht) ein ungewöhnlich guter Allgemeinzustand der Opfer: Besser genährt, akzeptable Gesundheit, mit Ausnahme des älteren Mannes auch fast vollständige Gebisse.

Kampfspuren? Keine. Auf spitzen Steinen konnten Schleiflinien ausgemacht werden. Die Fundorte, dafür spricht viel, sind nicht die Tatorte. Allen Toten fehlen die Kleider. Die ersten daraus abgeleiteten Vermutungen haben mit der Armut der Zeit zu tun. Der Täter könnte ein Raubmörder sein. Er handelte allein. Die Opfer sind nicht gemeldete "Durchreisende". Haben sie vielleicht wärmende Pelze getragen?

Der Hamburger Polizeipräsident spitzt seinen Fahndungsaufruf mit einer heute undenkbaren Formulierung zu: Eine "Bestie in Menschengestalt" gehe um. Die Hamburger möchten doch bitte eher in Straßenmitte als an den Ruinen entlang gehen, wo man "aus dem Kellerloch angesprungen" werden könne. 1.000, dann 5.000, dann 10.000 Reichsmark sind für Hinweise auf den Täter ausgesetzt, am Ende zusätzlich 1.000 Zigaretten.

Furcht herrschte in der Hansestadt

Die Identität der Opfer zu ergründen ist ein erstes Fahndungsziel. "Wo wurden verdächtige Frauenkleidungsstücke zum Tausch oder Kauf angeboten?", fragt die Kripo, die 55.000 Plakate in alle vier Besatzungszonen Deutschlands schickt, auch in die sowjetische. Die Tat könne "zwischen der Zonengrenze und Hamburg" passiert sein, der Leichentransport dann per Auto zu den Fundorten, mutmaßen die Ermittler.

Als schnelle Erfolge ausbleiben, steigert sich die Nervosität in eine Art Panik. Die Stadt ist voll von Kriegsheimkehrern, Flüchtlingen, Plünderern und Schwarzhändlern. Der Leiter des "Baltenlagers" wird nach Vermissten gefragt und die Ausgabestellen der Lebensmittelkarten nach den Berechtigten der nicht abgeholten Karten für "Displaced Persons". Britische Polizisten helfen den deutschen.

Ermittlungsakte: Die Polizei bat die Bevölkerung 1947 um Mithilfe bei der Aufklärung der Trümmermorde. (Quelle: Staatsarchiv Hamburg/Dietmar Seher)Ermittlungsakte: Die Polizei bat die Bevölkerung 1947 um Mithilfe bei der Aufklärung der Trümmermorde. (Quelle: Staatsarchiv Hamburg/Dietmar Seher)

Aber die Möglichkeiten der Ermittlungen sind beschränkt. Personal und Ausstattung sind knapp. Viele altgediente Fahnder hatte die Besatzungsmacht konsequenterweise gefeuert, weil diese vor Kriegsende überzeugte Nazis waren. Nur fünf Einsatzfahrzeuge stehen für ganz Hamburg zur Verfügung. Könnte das Blut der Opfer weiterhelfen – ein DNA-Abgleich als Teil der Spurensuche? So kann man nur 2019 fragen: Bis das forensisch möglich ist, wird 1947 noch fast ein halbes Jahrhundert vergehen.

Auch ein Hellseher mischte mit

Andere Spitzenermittler haben sich versucht, auch ein Oberkommissar namens Hans Lühr. Aber auch zwei Jahre nach den Vierfachmorden, nach der Überprüfung von 1.000 Personen und der Einschaltung eines "Astrologen und Hellsehers" aus Bremen ist die Polizei kaum weiter. Da macht ein Informant auf Rudolf Pleil aufmerksam. Der Mann sitzt in Braunschweig in Haft, hat im Harz mindestens zehn Frauen umgebracht. Er nennt sich selbst der "Totmacher" und prahlt mit 15 weiteren Taten.

Nach Hamburg gebracht und mit den Tatorten von Januar und Februar 1947 konfrontiert gesteht er gerne – nur um das schnell wieder zurückzunehmen: "Ich kann schließlich nicht alles gemacht haben." Erdrosseln sei übrigens nicht seine Sache. Auch seine Vernehmer sind überzeugt: Der Mann hat keine Tatortkenntnis. Er ist, unfassbar, ein Aufschneider in Sachen Mord.

War ein Verwandter der Täter?

Im Hamburger Staatsarchiv liegen die "Trümmermord"-Dokumente unter dem Aktenzeichen KK II A/1 wieder in den Regalen. Ein letztes aufschlussreiches Papier darin stammt vom 17. August 1955. Geschrieben wurde es vom Bundeskriminalamt in Wiesbaden. Die BKA-Experten nehmen eine frühere Vermutung ihrer Hamburger Kollegen auf. Eine "gewisse Ähnlichkeit" der vier "offenbar begüterten" Opfer untereinander deute auf einen "Beseitigungsmord von Familienangehörigen" hin.


"Ich glaube immer mehr, dass es sich bei den Ermordeten um eine Familie handelte und der Mörder das fünfte Glied dieser Kette ist", bestätigte 1967 Kriminalrat Hans Lühr die BKA-These gegenüber dem "Hamburger Abendblatt". Was Raum für Spekulationen lässt. War es, zum Beispiel, eine Aktion, um unliebsame Vorerben und mögliche Mitwisser einer Erbschaft aus dem Weg zu schaffen?

Verwendete Quellen:

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