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Missbrauch in Lügde: Auf dem Campingplatz hat immer jemand weggesehen

Über 40 Kinder missbraucht  

Lügde: Eine Chronik des Versagens

Von Dietmar Seher

26.04.2019, 14:37 Uhr
 (Quelle: t-online.de)
Jahrelanger Kindesmissbrauch auf Campingplatz in NRW

Auf einem Campingplatz in Lügde sollen etwa 20 Kinder über Jahre hinweg missbraucht worden sein. (Quelle: t-online.de)

Nordrhein-Westfalen: Auf diesem Campingplatz sind mutmaßlich Kinder über Jahre hinweg missbraucht worden. (Quelle: t-online.de)


Über 40 Opfer, über 1.000 Taten: Die Missbrauchsfälle von Lügde sollen bald zur Anklage kommen. Aufgeklärt werden müssen auch Fehler der Behörden. Eine Chronik des Verbrechens – und des Versagens.

"Es wird keine Ewigkeit mehr dauern", sagt der Detmolder Oberstaatsanwalt Ralf Vetter. Das bedeutet: Schon bald könnte Addi angeklagt werden. Die Kinder, die der Mann über Jahre um sich versammelte, haben ihn einfach Addi genannt. Addi hat mit ihnen gespielt, Ausflüge organisiert, ein Trampolin vor seinem Wohnwagen aufgebaut und ihnen ganz praktische Dinge beigebracht. Rasen mähen, zum Beispiel. Addi, der sie seinerseits "kleine Mäuse" rief, hat sie aber auch massenhaft missbraucht und Bilder und Filme vom Missbrauch verbreitet. Davon sind die Ermittler überzeugt. Seit dem 6. Dezember 2018 sitzt Andreas V. – so der bürgerliche Name des Verdächtigen – aus dem westfälischen Lügde in U-Haft.

Nach einer vorläufigen Einschätzung sind auf dem Campingplatz Eichwald bis zu 34 Mädchen und 14 Jungen Opfer des 56-Jährigen geworden. Er soll sechs Komplizen gehabt haben. Auch gegen sie wird ermittelt. Von mehr als 1.000 Einzeltaten an 4- bis 13-jährigen Kindern ist die Rede. Außerdem soll ein 19-Jähriger mit Behinderung betroffen sein. Die erste Tat ist offenbar vor mehr als 17 Jahren erfolgt. Der Fall Lügde ist damit einer der größten sexuellen Missbrauchsfälle in den letzten Jahrzehnten. Vielleicht sogar der größte.

Was besonders schockiert: Die umfangreiche Liste der Pannen und Versäumnisse, die sich nordrhein-westfälische und niedersächsische Jugendämter und Polizeidienststellen geleistet haben, obwohl sie offenbar die Möglichkeit zur Verhinderung vieler Taten oder zumindest einer frühzeitigeren Aufklärung hatten. Die Staatsanwaltschaft Detmold ermittelt deshalb nicht nur gegen die mutmaßlich Tatbeteiligten, sondern auch gegen 14 Mitarbeiter von Behörden und Wohlfahrtsverbänden.

Die Chronik des Behördenversagens

Ein erster Verdacht. In einer tabellarischen Übersicht der Kreispolizeibehörde Lippe wird im Februar 2002 ein Eintrag vorgenommen. Er bezieht sich auf Andreas V., den Dauercamper und heutigen Hauptbeschuldigten. Es geht um die Annahme, dass der Mann ein achtjähriges Mädchen missbraucht hat. Weitere Ermittlungen gibt es ebenso wenig wie nach einem zweiten Eintrag vom 28.01.2008. Wieder lautete der Verdacht: Missbrauch. 

Die Hinweise werden massiver. Im August 2016 meldet sich ein Vater von minderjährigen Töchtern beim Kinderschutzbund Hameln. V. habe sich auf einem Fest seinen Kindern unsittlich genähert, berichtet er. Der Kinderschutzbund meldet das der Polizei. Sie leitet keine Ermittlungen ein, gibt die Meldung aber an das Jugendamt Hameln weiter. Das verfolgt die Sache nicht weiter und tut das auch dann nicht, als wenige Wochen später die Psychologin eines Kindergartens von einer Sechsjährigen erzählt, die sich seit Langem und öfter bei V. auf dem Campingplatz aufhält. Sie mutmaßt, bei dem Verhältnis könne "Pädophilie" im Spiel sein. Das Jugendamt kann keine Grundlage für diese Behauptung erkennen. 

Der Besuch im Jobcenter. Im Osten des NRW-Kreises Lippe liegt Blomberg. Im November 2016 erscheint im Jobcenter der Stadt Andreas V. Er hat ein kleines Mädchen dabei. Die Mitarbeiterin hat nach dem Gespräch den Eindruck, dass ein Kindesmissbrauch vorliegen könnte. Laut einem Bericht mehrerer Medien soll der Mann angedeutet haben, dass das Kind ihn "heiß" mache, es manchmal widerspenstig sei, aber für Schokolade alles tue. Die Mitarbeiterin schickt der Kreispolizeibehörde Lippe eine E-Mail mit ihrem Verdacht. Auf Information der Polizei hin inspiziert das Jugendamt Blomberg die Unterkunft auf dem Campingplatz. Es bemängelt dabei die Unordnung. Bei zwei Besuchen stellt es aber keinen Hinweis auf sexuellen Missbrauch fest. Die Staatsanwaltschaft bleibt auch jetzt außen vor.

Das Pflegekind. Trotz der verbreitet unguten Gefühle und Verdachtsmomente: Andreas V. wird durch das Jugendamt Hameln zum 1. Januar 2017 zum Pflegevater für die Sechsjährige bestimmt, die der Psychologin im September aufgefallen war. Das Jugendamt kann bis heute nicht nachvollziehen, warum das geschehen ist. Der zuständige Landrat sagt später, Mitarbeiter hätten sehr wohl ein Muster erkannt, nämlich: dass "V. über Jahre immer wieder Kontakt zu jüngeren Mädchen gesucht und sie dann in ein Abhängigkeitsverhältnis gebracht" habe: Als die Staatsanwaltschaft mehr als ein Jahr später die Akten beschlagnahmt, findet sie davon zunächst wenig: Passagen zu diesem Bereich sind gelöscht.

Die Anzeige. Im August 2018 erstattet die Mutter einer Neunjährigen aus Bad Pyrmont Anzeige gegen Andreas V. Der Verdacht: schwere sexuelle Nötigung. Tatzeit: im Juni und Juli zuvor. Tatort: der Campingplatz Lügde. Weil zunächst die Tochter und dann wohl auch die Mutter Angst vor V. hatten, haben sich beide erst im Herbst bei der Polizei gemeldet. Bei einer Befragung im niedersächsischen Bad Pyrmont macht das Mädchen Angaben, wonach V. auch ihre Freundin, seine Pflegetochter, missbraucht. Die niedersächsische Polizei übermittelt die Aussagen 14 Tage später an die Kollegen im nordrhein-westfälischen Lügde, die den Fall übernehmen. Einen Tag später nimmt das Jugendamt in Blomberg die Pflegetochter in seine Obhut. 

Razzia und Haft. Der Fall kommt, immer noch langsam, ins Rollen. Die Kreispolizeibehörde Lippe beantragt Durchsuchungsbeschlüsse und einen Haftbefehl für den Verdächtigen. Am 6. Dezember erfolgen Durchsuchungen, gleichzeitig wird Andreas V. in U-Haft genommen. Beschlagnahmte Internetbilder und Videos belegen, dass seit 2008 mindestens acht Kinder missbraucht wurden. Doch die Kreispolizei schickt weder eine WE-Meldung ("Wichtiges Ereignis") an die vorgesetzten Behörden noch richtet sie sofort eine Ermittlungskommission ein, kritisiert später der NRW-Innenminister. Der große Alarm fällt aus.

Ein Koffer fehlt. Vier Tage vor Weihnachten verschwinden aus dem Auswerteraum der Kreispolizei Lippe ein Alu-Koffer und eine Mappe mit 155 beschlagnahmten CDs und DVDs. Ein Polizeischüler hatte sie bearbeitet – und dann unregistriert und ungesichert liegengelassen. Der Schüler weiß später auch nicht mehr, wer ihm den Auftrag zu der Arbeit erteilt hat. Das alles fällt der Dienststelle erst Mitte Januar auf. Es dauert noch einmal vier Wochen, bis der Vorgang am 14. Februar 2019 dem Landeskriminalamt NRW und der Landesregierung mitgeteilt wird. Landesinnenminister Herbert Reul spricht von Polizeiversagen. In der Folge wird der Chef der inzwischen eingerichteten Ermittlungskommission "Camping" vom Dienst suspendiert. Er hatte mit der Sicherung von Asservaten öfter Probleme und wird der Strafvereitelung in einem anderen Sexualstrafverfahren und des Siegelbruchs in zwei weiteren Ermittlungsverfahren beschuldigt. 

Wie schlampig wird durchsucht? Februar 2019. Inzwischen haben auf Anweisung aus Düsseldorf Landeskriminalamt und obere Polizeibehörden in Bielefeld die Regie. Ende Februar und Anfang März durchsuchen sie erneut Örtlichkeiten, die teils schon im Dezember gefilzt worden waren. In fünf Wohnwagen, zwei Wohnungen, einem Kellerraum und einem Auto von V. finden Ermittler Unterlagen, Computer und CDs. Ein Teil davon war bei der ersten Durchsuchung übersehen worden. Aber auch die neuen Ermittler leisten sich Pannen. Im April 2019 lässt der Betreiber des Campingplatzes die Holzhütte abreißen, in der der Missbrauch stattgefunden hat. Dabei entdeckt das Abrissunternehmen weitere drei CDs und zwei Disketten, die in einem Hohlraum im Boden versteckt waren. Die Polizei hatte sie übersehen. 

Wie konnten Fehler in diesem Umfang geschehen?

Viel deutet derzeit darauf hin, dass die Staatsanwaltschaft den mutmaßlichen Kinderschänder Andreas V. weitgehend aufgrund von Zeugenaussagen anklagen wird – die mühsam gesicherten elektronischen Beweismittel wären dann von geringerer Bedeutung, eine fehlende Vollständigkeit unerheblich. Doch das erübrigt nicht grundsätzliche Fragen: Was war bei den Jugendämtern los? Wieso wurde ein Polizeischüler beauftragt, die komplizierten digitalen Beweismittel auszuwerten? Warum waren die Asservate nicht mit Barcodes gesichert? Überhaupt: Wie können Fehler in dem Umfang passieren?

Im Blick ist dabei die Personallage der beteiligten Behörden. Schon 2017 hatte der speziell mit Internetkriminalität befasste Gießener Oberstaatsanwalt Alexander May das Bundeskriminalamt gewarnt, ohne massive personelle Aufrüstung in diesem Bereich werde man scheitern.

Als wäre Lügde ein Beweis für seine These: Von jetzt auf gleich mussten 51 Experten nach Ostwestfalen geschickt werden, um vier Terrabyte Daten mit Kinderpornografie zu analysieren. Sie wurden beim LKA, in Großstädten wie Düsseldorf, Dortmund und Köln abgezogen. Und fehlten dort. Sogar eine eigene Auswertungssoftware musste erst einmal beschafft werden. 

Quereinsteiger gegen den Personalmangel

Sebastian Fiedler ist Vorsitzender des Bundes der Kriminalbeamten (BDK). Er sagt t-online.de : "Das ist kein isoliertes Problem der Kriminalpolizei in Lippe/Detmold. Wir haben ein Strukturproblem. Es gibt zu wenig Kriminalbeamte und vor allem zu wenige Spezialisten. Tausende Leute zu wenig." Fiedlers will die Rekrutierung umbauen: "Wir sollten Quereinsteiger bei der Kripo zulassen." Anders als NRW öffneten Länder wie Bayern und Sachsen interessierten Informatikern den Einstieg bei der Polizei – "nicht fürs große Geld, sondern für die spannende Aufgabe. Sie brauchen nicht erst Streife fahren und Fußballspiele sichern, sondern sind nach einem Jahr Zusatzausbildung Cybercops".

Doch ist das Verhalten der Polizei nicht auch eine Frage der eigenen Einstellung? So sieht es zumindest der Bochumer Kriminalwissenschaftler Thomas Feltes. Im Deutschlandfunk sagte er: "Wir wissen, dass dort, wo Menschen arbeiten, Fehler gemacht werden. Das ist im Gesundheitssystem so, auch bei der Polizei. Das Problem ist, dass sich in der Polizei leider keine wirkliche Fehlerkultur entwickelt hat." Wenn man Fehler erkannt habe, dann "wird erst mal versucht, sie möglichst zu vertuschen. Nur in seltenen Fällen wir dann tatsächlich sofort und umfassend informiert".
 

 
Auch BDK-Chef Fiedler spricht von gewaltigem Reformbedarf: "Das Wichtigste, was wir tun müssen, ist offen zu diskutieren und klar zu machen, dass es nicht nur um Lügde geht. Wir haben riesengroße Baustellen. In zahlreichen Behörden."

Verwendete Quellen:

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