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LĂŒgde: Eine Chronik des Versagens

  • Dietmar Seher
Von Dietmar Seher

Aktualisiert am 26.04.2019Lesedauer: 6 Min.
Campingplatz Eichwald: Bei den Ermittlungen zum Missbrauch in LĂŒgde haben die Behörden viele Fehler gemacht.
Campingplatz Eichwald: Bei den Ermittlungen zum Missbrauch in LĂŒgde haben die Behörden viele Fehler gemacht. (Quelle: dpa-bilder)
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Über 40 Opfer, ĂŒber 1.000 Taten: Die MissbrauchsfĂ€lle von LĂŒgde sollen bald zur Anklage kommen. AufgeklĂ€rt werden mĂŒssen auch Fehler der Behörden. Eine Chronik des Verbrechens – und des Versagens.

"Es wird keine Ewigkeit mehr dauern", sagt der Detmolder Oberstaatsanwalt Ralf Vetter. Das bedeutet: Schon bald könnte Addi angeklagt werden. Die Kinder, die der Mann ĂŒber Jahre um sich versammelte, haben ihn einfach Addi genannt. Addi hat mit ihnen gespielt, AusflĂŒge organisiert, ein Trampolin vor seinem Wohnwagen aufgebaut und ihnen ganz praktische Dinge beigebracht. Rasen mĂ€hen, zum Beispiel. Addi, der sie seinerseits "kleine MĂ€use" rief, hat sie aber auch massenhaft missbraucht und Bilder und Filme vom Missbrauch verbreitet. Davon sind die Ermittler ĂŒberzeugt. Seit dem 6. Dezember 2018 sitzt Andreas V. – so der bĂŒrgerliche Name des VerdĂ€chtigen – aus dem westfĂ€lischen LĂŒgde in U-Haft.

Nach einer vorlĂ€ufigen EinschĂ€tzung sind auf dem Campingplatz Eichwald bis zu 34 MĂ€dchen und 14 Jungen Opfer des 56-JĂ€hrigen geworden. Er soll sechs Komplizen gehabt haben. Auch gegen sie wird ermittelt. Von mehr als 1.000 Einzeltaten an 4- bis 13-jĂ€hrigen Kindern ist die Rede. Außerdem soll ein 19-JĂ€hriger mit Behinderung betroffen sein. Die erste Tat ist offenbar vor mehr als 17 Jahren erfolgt. Der Fall LĂŒgde ist damit einer der grĂ¶ĂŸten sexuellen MissbrauchsfĂ€lle in den letzten Jahrzehnten. Vielleicht sogar der grĂ¶ĂŸte.

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Was besonders schockiert: Die umfangreiche Liste der Pannen und VersĂ€umnisse, die sich nordrhein-westfĂ€lische und niedersĂ€chsische JugendĂ€mter und Polizeidienststellen geleistet haben, obwohl sie offenbar die Möglichkeit zur Verhinderung vieler Taten oder zumindest einer frĂŒhzeitigeren AufklĂ€rung hatten. Die Staatsanwaltschaft Detmold ermittelt deshalb nicht nur gegen die mutmaßlich Tatbeteiligten, sondern auch gegen 14 Mitarbeiter von Behörden und WohlfahrtsverbĂ€nden.

Die Chronik des Behördenversagens

Ein erster Verdacht. In einer tabellarischen Übersicht der Kreispolizeibehörde Lippe wird im Februar 2002 ein Eintrag vorgenommen. Er bezieht sich auf Andreas V., den Dauercamper und heutigen Hauptbeschuldigten. Es geht um die Annahme, dass der Mann ein achtjĂ€hriges MĂ€dchen missbraucht hat. Weitere Ermittlungen gibt es ebenso wenig wie nach einem zweiten Eintrag vom 28.01.2008. Wieder lautete der Verdacht: Missbrauch.

Die Hinweise werden massiver. Im August 2016 meldet sich ein Vater von minderjĂ€hrigen Töchtern beim Kinderschutzbund Hameln. V. habe sich auf einem Fest seinen Kindern unsittlich genĂ€hert, berichtet er. Der Kinderschutzbund meldet das der Polizei. Sie leitet keine Ermittlungen ein, gibt die Meldung aber an das Jugendamt Hameln weiter. Das verfolgt die Sache nicht weiter und tut das auch dann nicht, als wenige Wochen spĂ€ter die Psychologin eines Kindergartens von einer SechsjĂ€hrigen erzĂ€hlt, die sich seit Langem und öfter bei V. auf dem Campingplatz aufhĂ€lt. Sie mutmaßt, bei dem VerhĂ€ltnis könne "PĂ€dophilie" im Spiel sein. Das Jugendamt kann keine Grundlage fĂŒr diese Behauptung erkennen.

Der Besuch im Jobcenter. Im Osten des NRW-Kreises Lippe liegt Blomberg. Im November 2016 erscheint im Jobcenter der Stadt Andreas V. Er hat ein kleines MĂ€dchen dabei. Die Mitarbeiterin hat nach dem GesprĂ€ch den Eindruck, dass ein Kindesmissbrauch vorliegen könnte. Laut einem Bericht mehrerer Medien soll der Mann angedeutet haben, dass das Kind ihn "heiß" mache, es manchmal widerspenstig sei, aber fĂŒr Schokolade alles tue. Die Mitarbeiterin schickt der Kreispolizeibehörde Lippe eine E-Mail mit ihrem Verdacht. Auf Information der Polizei hin inspiziert das Jugendamt Blomberg die Unterkunft auf dem Campingplatz. Es bemĂ€ngelt dabei die Unordnung. Bei zwei Besuchen stellt es aber keinen Hinweis auf sexuellen Missbrauch fest. Die Staatsanwaltschaft bleibt auch jetzt außen vor.

Das Pflegekind. Trotz der verbreitet unguten GefĂŒhle und Verdachtsmomente: Andreas V. wird durch das Jugendamt Hameln zum 1. Januar 2017 zum Pflegevater fĂŒr die SechsjĂ€hrige bestimmt, die der Psychologin im September aufgefallen war. Das Jugendamt kann bis heute nicht nachvollziehen, warum das geschehen ist. Der zustĂ€ndige Landrat sagt spĂ€ter, Mitarbeiter hĂ€tten sehr wohl ein Muster erkannt, nĂ€mlich: dass "V. ĂŒber Jahre immer wieder Kontakt zu jĂŒngeren MĂ€dchen gesucht und sie dann in ein AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnis gebracht" habe: Als die Staatsanwaltschaft mehr als ein Jahr spĂ€ter die Akten beschlagnahmt, findet sie davon zunĂ€chst wenig: Passagen zu diesem Bereich sind gelöscht.

Die Anzeige. Im August 2018 erstattet die Mutter einer NeunjĂ€hrigen aus Bad Pyrmont Anzeige gegen Andreas V. Der Verdacht: schwere sexuelle Nötigung. Tatzeit: im Juni und Juli zuvor. Tatort: der Campingplatz LĂŒgde. Weil zunĂ€chst die Tochter und dann wohl auch die Mutter Angst vor V. hatten, haben sich beide erst im Herbst bei der Polizei gemeldet. Bei einer Befragung im niedersĂ€chsischen Bad Pyrmont macht das MĂ€dchen Angaben, wonach V. auch ihre Freundin, seine Pflegetochter, missbraucht. Die niedersĂ€chsische Polizei ĂŒbermittelt die Aussagen 14 Tage spĂ€ter an die Kollegen im nordrhein-westfĂ€lischen LĂŒgde, die den Fall ĂŒbernehmen. Einen Tag spĂ€ter nimmt das Jugendamt in Blomberg die Pflegetochter in seine Obhut.

Razzia und Haft. Der Fall kommt, immer noch langsam, ins Rollen. Die Kreispolizeibehörde Lippe beantragt DurchsuchungsbeschlĂŒsse und einen Haftbefehl fĂŒr den VerdĂ€chtigen. Am 6. Dezember erfolgen Durchsuchungen, gleichzeitig wird Andreas V. in U-Haft genommen. Beschlagnahmte Internetbilder und Videos belegen, dass seit 2008 mindestens acht Kinder missbraucht wurden. Doch die Kreispolizei schickt weder eine WE-Meldung ("Wichtiges Ereignis") an die vorgesetzten Behörden noch richtet sie sofort eine Ermittlungskommission ein, kritisiert spĂ€ter der NRW-Innenminister. Der große Alarm fĂ€llt aus.

Ein Koffer fehlt. Vier Tage vor Weihnachten verschwinden aus dem Auswerteraum der Kreispolizei Lippe ein Alu-Koffer und eine Mappe mit 155 beschlagnahmten CDs und DVDs. Ein PolizeischĂŒler hatte sie bearbeitet – und dann unregistriert und ungesichert liegengelassen. Der SchĂŒler weiß spĂ€ter auch nicht mehr, wer ihm den Auftrag zu der Arbeit erteilt hat. Das alles fĂ€llt der Dienststelle erst Mitte Januar auf. Es dauert noch einmal vier Wochen, bis der Vorgang am 14. Februar 2019 dem Landeskriminalamt NRW und der Landesregierung mitgeteilt wird. Landesinnenminister Herbert Reul spricht von Polizeiversagen. In der Folge wird der Chef der inzwischen eingerichteten Ermittlungskommission "Camping" vom Dienst suspendiert. Er hatte mit der Sicherung von Asservaten öfter Probleme und wird der Strafvereitelung in einem anderen Sexualstrafverfahren und des Siegelbruchs in zwei weiteren Ermittlungsverfahren beschuldigt.

Wie schlampig wird durchsucht? Februar 2019. Inzwischen haben auf Anweisung aus DĂŒsseldorf Landeskriminalamt und obere Polizeibehörden in Bielefeld die Regie. Ende Februar und Anfang MĂ€rz durchsuchen sie erneut Örtlichkeiten, die teils schon im Dezember gefilzt worden waren. In fĂŒnf Wohnwagen, zwei Wohnungen, einem Kellerraum und einem Auto von V. finden Ermittler Unterlagen, Computer und CDs. Ein Teil davon war bei der ersten Durchsuchung ĂŒbersehen worden. Aber auch die neuen Ermittler leisten sich Pannen. Im April 2019 lĂ€sst der Betreiber des Campingplatzes die HolzhĂŒtte abreißen, in der der Missbrauch stattgefunden hat. Dabei entdeckt das Abrissunternehmen weitere drei CDs und zwei Disketten, die in einem Hohlraum im Boden versteckt waren. Die Polizei hatte sie ĂŒbersehen.

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Wie konnten Fehler in diesem Umfang geschehen?

Viel deutet derzeit darauf hin, dass die Staatsanwaltschaft den mutmaßlichen KinderschĂ€nder Andreas V. weitgehend aufgrund von Zeugenaussagen anklagen wird – die mĂŒhsam gesicherten elektronischen Beweismittel wĂ€ren dann von geringerer Bedeutung, eine fehlende VollstĂ€ndigkeit unerheblich. Doch das erĂŒbrigt nicht grundsĂ€tzliche Fragen: Was war bei den JugendĂ€mtern los? Wieso wurde ein PolizeischĂŒler beauftragt, die komplizierten digitalen Beweismittel auszuwerten? Warum waren die Asservate nicht mit Barcodes gesichert? Überhaupt: Wie können Fehler in dem Umfang passieren?

Im Blick ist dabei die Personallage der beteiligten Behörden. Schon 2017 hatte der speziell mit InternetkriminalitĂ€t befasste Gießener Oberstaatsanwalt Alexander May das Bundeskriminalamt gewarnt, ohne massive personelle AufrĂŒstung in diesem Bereich werde man scheitern.

Als wĂ€re LĂŒgde ein Beweis fĂŒr seine These: Von jetzt auf gleich mussten 51 Experten nach Ostwestfalen geschickt werden, um vier Terrabyte Daten mit Kinderpornografie zu analysieren. Sie wurden beim LKA, in GroßstĂ€dten wie DĂŒsseldorf, Dortmund und Köln abgezogen. Und fehlten dort. Sogar eine eigene Auswertungssoftware musste erst einmal beschafft werden.

Quereinsteiger gegen den Personalmangel

Sebastian Fiedler ist Vorsitzender des Bundes der Kriminalbeamten (BDK). Er sagt t-online.de : "Das ist kein isoliertes Problem der Kriminalpolizei in Lippe/Detmold. Wir haben ein Strukturproblem. Es gibt zu wenig Kriminalbeamte und vor allem zu wenige Spezialisten. Tausende Leute zu wenig." Fiedlers will die Rekrutierung umbauen: "Wir sollten Quereinsteiger bei der Kripo zulassen." Anders als NRW öffneten LĂ€nder wie Bayern und Sachsen interessierten Informatikern den Einstieg bei der Polizei – "nicht fĂŒrs große Geld, sondern fĂŒr die spannende Aufgabe. Sie brauchen nicht erst Streife fahren und Fußballspiele sichern, sondern sind nach einem Jahr Zusatzausbildung Cybercops".

Doch ist das Verhalten der Polizei nicht auch eine Frage der eigenen Einstellung? So sieht es zumindest der Bochumer Kriminalwissenschaftler Thomas Feltes. Im Deutschlandfunk sagte er: "Wir wissen, dass dort, wo Menschen arbeiten, Fehler gemacht werden. Das ist im Gesundheitssystem so, auch bei der Polizei. Das Problem ist, dass sich in der Polizei leider keine wirkliche Fehlerkultur entwickelt hat." Wenn man Fehler erkannt habe, dann "wird erst mal versucht, sie möglichst zu vertuschen. Nur in seltenen FÀllen wir dann tatsÀchlich sofort und umfassend informiert".


Auch BDK-Chef Fiedler spricht von gewaltigem Reformbedarf: "Das Wichtigste, was wir tun mĂŒssen, ist offen zu diskutieren und klar zu machen, dass es nicht nur um LĂŒgde geht. Wir haben riesengroße Baustellen. In zahlreichen Behörden."

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