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Menschenhandel in Nigeria: Der Handel mit Kleinkindern boomt

Illegale Banden in Nigeria  

Nigerias Menschenhändler setzen auf Baby-Fabriken

07.01.2020, 14:24 Uhr | dpa

Menschenhandel in Nigeria: Der Handel mit Kleinkindern boomt. Die fünfjährige Semilore Adebiyi: Das Mädchen wurde als Zweijährige von einer Frau entführt, die Polizei fand sie später in einer sogenannten Baby-Fabrik. (Quelle: dpa/Sam Olukoya)

Die fünfjährige Semilore Adebiyi: Das Mädchen wurde als Zweijährige von einer Frau entführt, die Polizei fand sie später in einer sogenannten Baby-Fabrik. (Quelle: Sam Olukoya/dpa)

Der Druck auf junge Paare in Nigeria ist hoch: Nur eine kinderreiche Ehe gilt als erfolgreich. Immer mehr von ihnen kaufen Kinder aus sogenannten Baby-Fabriken. Dort herrschen unmenschliche Verhältnisse.

Die junge Frau wirkte harmlos. Sie bewarb sich dem Schmuckladen der nigerianischen Geschäftsfrau Adebiyi um eine Lehrstelle, kurze Zeit später fing sie dort an. Doch eine Woche nach ihrer Einstellung war die Frau verschwunden – mit Adebiyis zweijähriger Tochter.

"Ich hatte keinen Grund anzunehmen, dass die Frau Teil eines kriminellen Netzwerks war", erinnert sich Adebiyi heute in Lagos. "Erst nachdem sie meine Tochter entführt hatte, entdeckte ich, dass die Details in ihrer Bewerbung gefälscht waren", berichtet sie. Einen Monat später entdeckte die Polizei Adebiyis kleine Tochter im 600 Kilometer entfernten Bundesstaat Abia: Sie war in einer sogenannten Baby-Fabrik gelandet.

"Der Handel mit Babys aus Nigeria boomt"

Bei dieser ungewöhnlichen Art von Menschenhandel handelt es sich um Einrichtungen, in denen kriminelle nigerianische Gruppen meist Babys zum Verkauf anbieten. Ob es sich um geraubte Kleinkinder wie in Adebiyis Fall handelt oder um frisch geborene Babys: Die Täter können mit einer hohen Nachfrage rechnen. "Der Handel mit Babys aus Nigeria boomt", hatte die Hilfsorganisation SOS-Kinderdörfer kurz vor Weihnachten gewarnt und eine schärfere strafrechtliche Verfolgung der Händler und der Käufer gefordert. Die kämen auch aus Europa.

"Menschenhändler vermitteln die Säuglinge nach der Geburt an kinderlose Paare aus der ganzen Welt", betonte Erhumwunse Eghosa, Leiter der Hilfsorganisation in Nigeria. Die meisten Babys würden zum Zweck illegaler Adoption gehandelt, es gebe aber auch Kindersklaverei, sexuellen Missbrauch und Organhandel.

Für 1.245 Euro bekommt man einen kleinen Jungen

Die Polizei des westafrikanischen Landes hatte erst im Oktober in der Wirtschaftsmetropole 19 schwangere Frauen und 4 Babys aus den Händen solcher Menschenhändler gerettet. Die meisten jungen Frauen wurden aus dem armen Ostteil des Landes mit dem Versprechen auf Arbeit in die Großstadt gelockt, gekidnappt und geschwängert, um die frisch geborenen Babys dann zu verkaufen. 500.000 Naira – umgerechnet etwa 1.245 Euro – kostete ein kleiner Junge, erklärt Lagos Polizeisprecher Bala Elkana. Weibliche Babys gab es dagegen schon ab 300.000 Naira.

Bei den jungen Frauen handelt es sich oft um schwangere Teenager, die von ihren Familien verstoßen wurden und die somit verwundbar sind. Nach Berichten von entkommenen Opfern wurden sie auch nach dem Verkauf ihrer Babys nicht freigelassen, sondern in heruntergekommenen Gebäuden so lange zum Sex gezwungen, bis sie erneut schwanger waren.

Wie viele solcher Baby-Fabriken im Lande existieren, ist unklar. "Weil sie im Untergrund tätig sind, ist eine Schätzung ihrer Zahl sehr schwierig", sagt Arinze Orakwue von der Nationalen Agentur für das Verbot von Menschenhandel der Deutschen Presse-Agentur.

Auch in anderen Ländern floriert das Geschäft

Die meisten der bisher entdeckten Babyfabriken befinden sich laut SOS Kinderdörfer in Südnigeria, wo seit 2006 knapp 300 Frauen befreit wurden. "Allerdings ist der Handel mit Babys nicht allein auf Nigeria beschränkt, auch aus dem Tschad, Ägypten, Äthiopien, Ghana, Kenia, Liberia, Sierra Leone, Südafrika und Uganda wurden Fälle gemeldet", so die Hilfsorganisation.

Käufer sind oft kinderlose Paare. Potenziellen "Kundinnen" wird häufig eine Substanz verabreicht, die den Bauch aufblähen und so eine Schwangerschaft vortäuschen. Der soziale Druck auf verheiratete Frauen, Kinder zu gebären, befeuert das Geschäft der Menschenhändler. "Nach unserem gesellschaftlichen Gefühl ist eine Heirat nicht erfolgreich, solange ein Paar keine Kinder hat; viele versuchen daher unter allen Umständen, Kinder zu bekommen", sagt die nigerianische Kinderrechts-Aktivistin Betty Abah. Da legale Adoptionen jedoch sehr bürokratisch und zeitaufwendig sind, greifen viele Paare auf das Angebot der Menschenhändler zurück.

Nicht nur kinderlose Paare interessieren sich für die Babys

Mary Ikoku ist Teil einer Kampagne gegen die Baby-Fabriken in ihrer Heimat. Nach ihren Erkenntnissen gibt es bisher keine gesicherten Erkenntnisse darüber, dass alle verkauften Babys in der Hand von kinderlosen Paaren landen. Einige gelangen wohl auch in die Hände von Pädophilen oder okkulten Zirkeln oder landen im Ausland.

Das wäre auch das Schicksal der kleinen Tochter von Adebiyi gewesen, die innerhalb eines Monats viermal weiterverkauft worden war. Es habe bereits Pläne gegeben, sie außer Landes zu bringen, berichtet ihre Mutter.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa

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