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Wladimir Planlos gerät ins Torkeln – so schwach ist Putin geworden


Wladimir Planlos gerät ins Torkeln

Von Florian Harms

Aktualisiert am 18.11.2022Lesedauer: 6 Min.
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Putin auf dünnem Eis in einer Gletscherhöhle (Archivbild).
Putin auf dünnem Eis in einer Gletscherhöhle (Archivbild). (Quelle: Reuters)
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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

rin in die Kartoffeln, raus aus die Kartoffeln: Zugegeben, es ist ein bisschen salopp, so mit einem Thema umzugehen, das das Schicksal von Hunderten Millionen Menschen betrifft. Aber immerhin kommt erstens ein Lebensmittel darin vor. Das passt, weil es heute um Lebensmittel gehen soll. Zweitens kann man das, was Kremlchef Wladimir Putin gerade veranstaltet, gar nicht besser beschreiben.

Mit großem Getöse hatte Russland sich zunächst aus dem Abkommen verabschiedet, das der Ukraine den Export von Getreide durch das Schwarze Meer ermöglichte: Schluss mit den Exporten, befahl Putin. Vier Tage später dann Kommando zurück, isvinite, wir machen jetzt doch wieder mit. Freundlichst, Euer Wladimir. Zwei Wochen ist das Zickzack-Manöver jetzt her, nach Putin'scher Zeitrechnung also eine kleine Ewigkeit. Inzwischen hat der Oberstratege aus Moskau zunächst eventuell vielleicht unter Umständen lieber doch nicht mehr mitmachen wollen, gestern aber auch diese Position begraben und den Getreidedeal doch durchgewunken. Morgen verlängert sich das Abkommen also automatisch, da die Russen von einem Veto absehen.

Das ist ein Segen. Die Vereinbarung hat dem Hunger erfolgreich entgegengewirkt. Ihre Verlängerung sorgt rund um den Globus für Erleichterung. Aber warum torkelte Putin über die Ziellinie, statt einen geradlinigen Kurs zu verfolgen? Was ist da im Kreml eigentlich los?

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Zockerpech und Planlosigkeit, das ist los. Putin hat taktische Fehler gemacht und sich in die Ecke manövriert. Der Herr blufft gern, zeigt sich aber erstaunlich schlecht vorbereitet, wenn seine Gegenspieler beim Politpoker überraschend weiter mitbieten, statt die Karten hinzuschmeißen. Dazu muss man wissen: Das Getreideabkommen zwischen den Kriegsgegnern Ukraine und Russland wird von den Vereinten Nationen und der Türkei ermöglicht. Sie tragen nicht nur als Vermittler Botschaften hin und her, sondern halten auch bei der praktischen Abwicklung die Fäden in der Hand.

Das hat erstaunliche Konsequenzen. Als Putin Ende Oktober versuchte, das Abkommen zu Fall zu bringen und die Getreideschiffe zu stoppen, haben alle übrigen Partner mit einem schlauen Schachzug reagiert: einfach weitermachen. So tun, als wäre nichts gewesen. Und noch was drauflegen. Noch nie seit Beginn des Krieges wurden an einem Tag so viele Tonnen Getreide aus der Ukraine verschifft wie nach der großspurigen russischen Erklärung, nicht mehr mit von der Partie zu sein. Wir halten weiter am Abkommen fest, beschied man Putin in Ankara, Kiew und dem UN-Hauptquartier in New York. Vierzig Schiffe, die im Schwarzen Meer schon im Stau standen und auf ihre Inspektion warteten, wurden besonders beflissen abgefertigt. Gemäß der Vereinbarung wären dabei auch russische Kontrolleure mit an Bord gewesen. Ihr wisst Bescheid, lautete die Botschaft an sie, kommt doch vorbei. Oder auch nicht. Ist euer Bier.

Tja, da hat der Wladimir auf einmal ganz schön blöd dagestanden. Denn die russischen Optionen sind nicht mehr so üppig, wie sie mal waren. Eine Blockade auf See funktioniert nämlich nur dann, wenn sich die Blockierten davon tatsächlich beeindrucken lassen – oder wenn man sie mit Gewalt durchsetzt. Als imposante Flotte können russische Kreuzer und Zerstörer allerdings nicht mehr auslaufen. Die hohe See ist für sie gefährlich geworden. Das ehemalige Flaggschiff, die "Moskwa", haben ukrainische Raketen versenkt, andere Schiffe der Flotte sind sogar im vermeintlich sicheren Hafen angegriffen worden. Natürlich ist die russische Marine trotzdem in der Lage, einzelne unbewaffnete Getreidefrachter, die sogar ohne Geleitschutz unterwegs sind, zu attackieren und zu versenken. Skrupel und Zurückhaltung dürfen wir bei Putin und seinen Admirälen wohl kaum erwarten. Dennoch ist die militärische Option nicht Teil ihres Plans gewesen, wie das russische Rumgeeiere zeigt.

Für den Gewaltverzicht auf hoher See gibt es gute Gründe. Der eine: Putin sucht nach neuen Freunden. Auch wenn es manchmal so scheint, als ob sich in seinem Universum alles nur um die Ukraine dreht, dürfte er doch auch wissen: Ohne Ersatz für die ehemaligen Geschäftspartner im Westen geht es nicht. In Asien, Afrika und Südamerika findet der einsame Verkäufer offene Ohren für seine Klage, nur das Vormachtstreben des Westens sei schuld an der ganzen Misere: am Krieg und dessen Folgen, an knappem Sprit und teurem Brot. Aber wenn der herzensgute Putin zugleich Getreidefrachter versenkt, kann er sich die Puste für das Lamento auch sparen.

Der andere Grund für die Kehrtwende des Kremls sitzt in Ankara, schaut sich das hektische Lavieren der anderen an und lehnt sich genüsslich zurück. Ja, dem Herrn Präsidenten Erdoğan ist ein fulminantes Comeback gelungen. Eben war er noch der Nichtskönner, der im Alleingang die eigene Wirtschaft in den Ruin treibt und es sich mit jedem westlichen Verbündeten verscherzt hat. Nun glänzt er als Strippenzieher, ohne den in der Region nicht mehr viel geht. Den Sanktionen gegen Russland hat er sich widersetzt und die Tore nach Moskau weit offengelassen. Das Geschäft boomt. Die Türkei ist dabei, Deutschland als ehemals drittgrößten Handelspartner Russlands abzulösen.

Der Strom der Waren ist ein Segen für den wirtschaftlich arg verzwergten russischen Riesen. Auf dem Umweg über die Zweigstelle am Bosporus kann Moskau unbeschwert einkaufen und viele lästige Sanktionen umgehen. Auch als neue Verteilstation für Putins Gas ist die Türkei im Gespräch. Erdoğan wittert ein fettes Geschäft und Putin seine Chance. Denn wenn in der Ostsee eine Pipeline nach der nächsten auf mysteriöse Weise Löcher bekommt, muss all das Gas schließlich irgendwo anders anlanden. Die Zeiten sind nicht mehr die alten. Auf Erdoğan als Partner, Broker und Vermittler kann Putin nicht mehr verzichten. Und wenn der Pascha Getreide will, beugt sich der Zar.

In den letzten Tagen vor der Verlängerung des Abkommens hat Putin versucht, sich zu zieren, um noch das eine oder andere Zugeständnis herauszuholen. Zu wilden Wendungen allerdings war er nicht mehr fähig, übrig geblieben ist bloß ein schwächliches Zappeln. Das Tauziehen um den Getreidedeal führt uns die neuen Kräfteverhältnisse im Klub der Despoten vor. Die wirtschaftlichen Interessen der beiden Alphamännchen haben Erdoğan an den Tisch gelockt und Putin dorthin gezwungen. So hat das wichtige Abkommen überlebt.

Um das Schicksal vieler Millionen Menschen, die das teure Getreide tiefer in die Armut und in den Hunger treibt, geht es dabei nur am Rande. Lediglich die Vereinten Nationen vertreten am Verhandlungstisch deren Belange – als schwächster Akteur in diesem Spiel. Das Ergebnis, zumindest für diesmal: Die Schiffe schippern, der Getreidepreis fällt. Abermillionen Menschen weltweit können aufatmen.

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Dass die eigentlich Betroffenen gewonnen hätten, lässt sich trotzdem nicht behaupten. Als Zaungäste sind sie zum Zuschauen verdammt, während die Despoten zynisch zocken. Hoffen und beten, mehr ist nicht drin – ganz wie früher, als eine gute Ernte vom Wetter abhing. Ob auf dem Teller genug zu essen liegt, entscheidet inzwischen die politische Großwetterlage. Der Stoßseufzer aber ist gleich geblieben: Da haben wir ja noch mal Glück gehabt!

Getreidefrachter im Marmarameer.
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Ich wünsche Ihnen einen dynamischen Tag. Morgen kommt der Tagesanbruch-Podcast von Sven Böll und unserem G20-Reporter Patrick Diekmann.

Herzliche Grüße

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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