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Israel: Der Gaza-Krieg wird zur Gefahr für Europa


Tagesanbruch
Gleichgültigkeit rächt sich

MeinungVon Florian Harms

Aktualisiert am 01.03.2024Lesedauer: 6 Min.
Meinung
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Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung übernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Was Meinungen von Nachrichten unterscheidet.
Israelischer Soldat nach einem Kampfeinsatz im Gazastreifen.Vergrößern des Bildes
Israelischer Soldat nach einem Kampfeinsatz im Gazastreifen. (Quelle: Amir Cohen/REUTERS)

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

mit manchen Themen tut man sich als Tagesanbruch-Autor schwer. Zum Beispiel, weil man schon ahnt, dass Sie, liebe Leserschaft, bei der bloßen Erwähnung des Stichworts am liebsten die Flucht ergreifen würden. "Gewalt im Nahen Osten" ist so ein Themenkomplex, oder noch spezifischer: der Krieg in Gaza. Die Berichte wiederholen sich, die Diskussion verläuft wie auf Schienen, alles scheint gesagt. Überdruss ist naheliegend, aber auch riskant. Im Einerlei der deprimierenden Gewalt kann es nämlich passieren, dass man eine Entwicklung von fundamentaler Bedeutung übersieht.

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Desinteresse ist ein Luxusgut. Sich mit Krieg, Tod und Untergang nur am Rande beschäftigen zu wollen, muss man sich leisten können. Der Luxus, in dem wir schwelgen, ist der unserer eigenen Sicherheit: Schon schlimm, was alles auf der Welt passiert, und in Gaza ist's noch schlimmer – aber bei uns kommt das nicht an. Wir haben unsere eigenen Probleme, und das sind andere. Also weiter im Text.

Nun könnte man lange darüber sinnieren, wie verwerflich eine solche Haltung ist, aber die Puste darf man sich sparen. Menschen sind nun einmal so gestrickt, und das nicht nur im verhätschelten Europa. Wir binden uns vielleicht das Leid der Nächsten, aber ganz sicher nicht das Leid der ganzen Menschheit ans Bein – jedenfalls nicht auf Dauer. Moralinsaure Ausführungen ändern daran wenig, also Schwamm drüber. Der vermeintliche Luxus unserer eigenen Sicherheit hat einen ganz anderen Haken: nämlich den, dass es um diese Sicherheit nicht gut bestellt ist. Nur erschließt sich diese Gefahr nicht auf den ersten Blick.

Vielleicht fällt Ihnen an dieser Stelle das Fest der Liebe ein. Weihnachten ist noch nicht lange vorbei und ging diesmal wieder mit Warnungen vor Anschlägen auf Weihnachtsmärkte einher. Ein Wunder ist das nicht. Der Krieg in Gaza mobilisiert die Anhänger extremistischer Terrorsekten. Entsprechend ist die Gefahr gestiegen, die von Organisationen wie dem "Islamischen Staat" ausgehen, seit die Hamas unter israelischen Zivilisten ein Blutbad angerichtet und Israel mit dem Gegenangriff auf Gaza begonnen hat. Aber die konkrete terroristische Bedrohung in Deutschland ist von der politischen Lage abhängig und geht auch wieder vorbei – jedenfalls dann, wenn das Gemetzel in Gaza irgendwann endlich beendet ist.

Abseits des Tagesgeschäfts der Sicherheitsbehörden tut sich jedoch ein viel größeres Risiko auf. Haltungen verändern sich – langsam, nachhaltig, grundlegend, aber zunächst ohne auffallende praktische Auswirkungen. Man kann die Verwandlung vorhersagen, weil es das schon einmal gab.

Ein anderer Krieg, eine andere Zeit: Die Mauer war noch nicht lange gefallen und die Welt befand sich im Umbruch. Die Amerikaner beherrschten die Bühne. In Moskau regierten der Raubtierkapitalismus und die Mafia. Der Ostblock war Geschichte, Jugoslawien zerfiel. Dort, im Bergland Bosniens und der Ebene der Herzegowina, wurde in diesen Jahren eines der düstersten Kapitel der europäischen Nachkriegsgeschichte aufgeschlagen. Die Gräuel, die in idyllischen Dörfern und malerischen Wäldern begangen wurden, kann ich Ihnen hier im Tagesanbruch allenfalls in Andeutungen beschreiben. Es genügt, zu wissen, dass von durchschnittenen Kehlen über lebendig verbrannte Menschen bis zu massenhaften Vergewaltigungen jede Grausamkeit dabei war, die sich die menschliche Fantasie auszudenken vermag. Konzentrationslager waren zurück in Europa.

Keine Konfliktpartei in dieser Mordraserei konnte von sich behaupten, frei von Schuld zu sein – aber gleich verteilt war die Schuld nicht: Die Opfer waren in überwältigender Mehrheit Muslime, die Täter dagegen Katholiken und serbisch-orthodoxe Christen. Der Rest Europas starrte fassungslos, aber weitgehend untätig auf die Gewaltorgie. Die Amerikaner, als letzte verbliebene Weltmacht, hielten sich vornehm zurück. Es gab eine Menge Gründe dafür, sich so wenig wie möglich in den Bosnienkrieg verstricken zu wollen. Gleich drei Kriegsparteien, die wechselnde Koalitionen eingingen, machten die Lage albtraumhaft kompliziert. Erklärte das die jahrelange Zögerlichkeit? Es gab noch eine andere Lesart: Wären die Opfer Christen gewesen, wären Europäer und Amerikaner schneller auf den Plan getreten. Erst nach dem Massaker von Srebrenica, wo serbische Milizen 1995 mehr als 8.000 Muslime abschlachteten, griff der Westen endlich mit Nachdruck ein. Das Blatt wendete sich. Wenige Monate später war der Krieg vorbei.

Die schrecklichen Ereignisse sind bei uns nach und nach in den Hintergrund gerückt, aber ihre Bedeutung in der arabischen Welt lässt sich kaum überschätzen – mit gravierenden Folgen: Die westliche Heuchelei hat eine tiefe Desillusionierung hervorgerufen und das Bild einer Zivilisation gezeichnet, die Muslime wegen deren Glaubens über die Klinge springen lässt. Dass das auch noch mitten in Europa, also direkt vor der Haustür der Westler geschah, sorgte für die besondere Schwere der Schuld. Der Boden für den Aufstieg islamistischer Extremisten war damit bereitet. Vor allem Al-Qaida unter der Führung Osama bin Ladens profitierte davon. Die Quittung kam erst nach Jahren der Verzögerung, aber sie kam: Der 11. September 2001 eröffnete fast zwei Jahrzehnte eines in dieser Dimension bis dahin ungekannten islamistischen Terrors. Dessen Gründe lagen mitnichten nur in religiösem oder politischem Fanatismus. Es war Rache.

Nicht nur Gewalt schafft Gegengewalt, auch Teilnahmslosigkeit kann rasende Wut heraufbeschwören: Dieser Lehre sollten wir uns dringend erinnern. Gleichgültigkeit schützt nicht vor Konsequenzen. Die unerträglichen Zustände im Gazastreifen haben das Zeug dazu, für einen ähnlichen Einschnitt zu sorgen wie einst der Krieg auf dem Balkan. Denn was sich in Gaza abspielt, ist nicht normal – auch nicht im Krieg. Eines der am dichtesten bewohnten Gebiete der Erde so intensiv zu bombardieren, wäre furchtbar genug. Aber das Alleinstellungsmerkmal ist ein anderes: Es gibt keine Fluchtmöglichkeit. Der Gazastreifen ist eine Falle. Man kommt nicht hinaus. Und fast nichts kommt hinein.

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Mehr als 25.000 palästinensische Frauen und Kinder seien seit Beginn der israelischen Militäroffensive im Oktober getötet worden, meldete der US-Verteidigungsminister gestern. Nicht Hamas-Kämpfer, nein: Frauen und Kinder. Mehr als 25.000. Präsident Joe Biden trübt die Hoffnung auf eine schnelle Feuerpause zwischen den Kriegsparteien; und die Vereinten Nationen warnen vor einer Hungersnot: Schon jetzt müssen sich Flüchtlinge um Notrationen prügeln.

Kein Wunder also, dass sich bei Menschen in der arabischen Welt Gefühle der Ohnmacht und des Zorns verbreiten – und wieder der Eindruck der besonderen Schwere der Schuld entsteht. Nicht allein die Anschläge der Extremisten von heute sollten uns deshalb Sorgen machen, sondern die Entstehung neuer Bewegungen, die aus der ohnmächtigen Wut erwachsen. Europa hatte die Jahre des islamistischen Terrors gerade erst einigermaßen hinter sich gelassen. Was in Gaza jetzt geschieht, könnte die Geister der Vergangenheit in ungeahntem Ausmaß zurückholen.


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Zum Schluss

Deutschland im Jahr 2024: Stillstand allerorten.

Lassen Sie sich bitte nicht aufhalten. Ich wünsche Ihnen einen dynamischen Tag.

Herzliche Grüße

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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