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Russlands rätselhafte Todesfälle in der Wirtschaft: Was steckt dahinter?


Rätselhafte Todesfälle in Russland
"Ein Fenstersturz ist ein deutliches Signal"


26.10.2022Lesedauer: 6 Min.
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Ravil Maganow: Hier erhält der gestorbene Ölmanager 2019 einen Orden von Präsident Wladimir Putin.Vergrößern des Bildes
Rawil Maganow (r.) erhielt 2019 noch einen Orden von Kremlchef Wladimir Putin. Im September 2022 fiel der Ölmanager aus einem Krankenhausfenster. (Quelle: Mikhail Metzel via www.imago-images.de)

Gut ein Dutzend Manager sind in Russland allein seit Jahresbeginn ums Leben gekommen, meist unter mysteriösen Umständen. Steckt der Kreml dahinter?

Mal stürzt ein Wirtschaftsboss aus einem Krankenhausfenster, ein anderes Mal wird ein Manager mit Schusswunde in einem Pool gefunden. Ein anderer hochrangiger Konzernmitarbeiter soll sich erhängt haben, wieder einer stürzt beim Wandern von einer Klippe – seit Monaten häufen sich in Russland rätselhafte Todesfälle unter einflussreichen Wirtschaftslenkern. Allein seit Jahresbeginn sind elf Männer unter dubiosen Umständen zu Tode gekommen. Was steckt dahinter?

Spekulationen über die Hintergründe gibt es viele. Von Auftragsmorden ist in Medienberichten die Rede, vom Geheimdienst, der dahintersteckt, viele vermuten gar Wladimir Putin als Drahtzieher und fragen: Entledigt sich der Kremlchef so unbequemer Kritiker? Andere meinen: Es werde Wirtschaftsbetrug vertuscht.

Für den Russlandexperten Fabian Burkhardt gibt es nicht den einen Drahtzieher. "Dafür sind die Fälle zu unterschiedlich", sagt er im Gespräch mit t-online." Viele Tode ließen sich wohl nie klären, doch bei manchen seien die Strukturen leichter zu durchschauen. Der Kreml und sein Geheimdienst kämen nur sehr selten in Betracht.

Burkhardt rät zu einem tieferen Blick in die russische Wirtschaftselite – also jener Riege, die dem Kreml zwar nahesteht, in der aber unterschiedlichste Wirtschaftsbosse, Magnaten und Emporkömmlinge versuchen, ihre Interessen durchzusetzen.

Beispielsweise beim Todesfall des Managers Rawil Maganow der Firma Lukoil. Das rein privatwirtschaftliche Unternehmen ist Russlands zweitgrößter Mineralölkonzern, sein Hauptgeschäft ist die Förderung und Produktion von Erdöl und Erdgas. Seit der Gründung in den Neunzigerjahren ging es für Lukoil bergauf: Expansion, Börsengang, Milliardenumsätze.

Anfang dieses Jahres dann der Einbruch: Der russische Überfall auf die Ukraine und all seine wirtschaftlichen Folgen setzen dem Unternehmen massiv zu.

(Quelle: IOS/Wolfgang Steinbacher)

Fabian Burkhardt

Burkhardt forscht am Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg unter anderem zu politischen Institutionen in Russland und politischen Systemen in postsowjetischen Staaten. Er ist Redakteur der "Russland-Analysen" und der "Ukraine-Analysen".

Russland hat bekanntermaßen die Gasexporte in den Westen weitgehend eingestellt. Importe nach Russland, etwa von Technologie und Know-how, sind in vielen Sparten nahezu zum Erliegen gekommen. Russische Topmanager, die oft Großaktionäre ihrer Unternehmen sind, so auch bei Lukoil, landeten teils auf den Sanktionslisten des Westens, ihr Vermögen wurde eingefroren. Und vor allem: In Russland ist seitdem deutlich weniger Geld im Umlauf. (Mehr zu den Auswirkungen der Sanktionen in Russland lesen Sie hier.)

Das, sagt Burkhardt, führe zu heftigen "Verteilungskämpfen innerhalb der Wirtschaftselite". Und die würden teilweise härter ausgefochten als die zwischen Kreml und der "klassischen" politischen Opposition, sagt er. Russlands Wirtschaftsbosse bekriegen sich also untereinander, um im Sanktionsstrudel und der ökonomischen Krise nicht unterzugehen.

Die Kriegsfolgen brachten auch Lukoil heftig ins Schlingern. Gleich zwei Firmengrößen verließen deshalb das Unternehmen: Wagit Alekperow und Leonid Fedun, Gründerväter und Großaktionäre von Lukoil. Sie räumten ihre Posten im April und Juni – eine Zäsur in der 30-jährigen Unternehmensgeschichte. Sie machten Platz für Rawil Maganow. Doch Maganow sollte nicht lange an der Spitze von Lukoil bleiben.

Beim Rauchen gestolpert?

Denn nur wenige Monate später, am 1. September, starb der 67-Jährige überraschend. In einem eigentlich gut bewachten Krankenhaus fiel er nach einer Behandlung aus einem Fenster im sechsten Stock. Lukoil teilte anschließend mit, Maganow sei einer schweren Krankheit erlegen, habe an Herzproblemen und Depression gelitten.

Behörden meldeten, er habe Suizid begangen. Russische Medien schrieben, er sei beim Rauchen gestolpert.

Alles Erklärungen, die der Experte Burkhardt anzweifelt. Es sei unwahrscheinlich, dass der Fenstersturz zufällig passierte. Seine Vermutung: Es hat wohl eher jemand Hand angelegt, um "ein Zeichen" zu setzen. "Ein Fenstersturz ist in der Elite ein deutliches Signal, dass jemand ermordet wurde." Sicherheitsorgane bedienten sich dieses Mittels ebenfalls, ab und zu falle jemand bei Verhören aus dem Fenster.

Kampf um die Macht

Aber wer war im Fall Maganow am Werk? Burkhardt vermutet Vertreter der Wirtschaftselite, die womöglich unzufrieden über die Personalie Maganow waren. Nach dem Weggang der Gründerväter Alekperow und Fedun wurde die Macht in der Verwaltung unter mehreren Topmanagern aufgeteilt, die Folge: Konkurrenz und Verteilungskämpfe.

Doch der mutmaßliche Fenstersturz müsse nicht zwingend aus Lukoil selbst heraus gesteuert worden sein, sagt Burkhardt. Er könne auch von anderen Wirtschaftsakteuren und verbündeten Sicherheitsorganen ausgeführt worden sein. Jenen, die sich Kontrolle – direkt oder indirekt – "über Lukoil verschaffen wollten".

Das Unternehmen hatte per Mitteilung zudem im Frühjahr öffentlich den Krieg kritisiert und dessen Ende gefordert. Manch einer vermutete, dass der Kreml deshalb unter anderem Maganow aus dem Weg schaffen wollte. Burkhardt überzeugt das nicht. Maganow sei damals keine treibende Kraft bei Lukoil gewesen, sagt er, das seien zu dem Zeitpunkt noch Alekperow und Fedun gewesen.

Stress, Drogen und Besuche bei Schamanen

Maganow war nicht der erste Tote bei Lukoil. Unter geradezu bizarren Umständen war ein früherer hochrangiger Vertreter der Firma, Alexander Subbotin, bereits im Mai ums Leben gekommen. Sein Fall liegt laut Burkhardt allerdings etwas anders. Denn Subbotin hatte bei Lukoil schon damals nichts mehr zu sagen und ein direkter Zusammenhang mit den internen Turbulenzen sei "eher auszuschließen".

Der 43-Jährige starb während eines Besuchs bei einem Schamanen im Norden Moskaus. Offenbar wollte er dort mit Hahnenblut und Krötengift seine Alkoholsucht oder die Folgen eines Rauschs behandeln lassen. Nach Abschluss einer Zeremonie legte sich Subbotin Medienberichten zufolge im Keller des Schamanen schlafen – wachte aber nicht mehr auf. Mehr dazu lesen Sie hier.

Auch wenn ein Mord natürlich nicht unmöglich sei, sagt Burkhardt, könne dieser Tod eher banale Gründe haben. "Einige russische Topmanager pflegen einen sehr ungesunden Lebensstil. Sie stehen unter extremem Stress, trinken viel Alkohol und nehmen harte Drogen." Da sei es durchaus denkbar, dass Subbotins Körper schlicht "aufgegeben" habe.

Gazprom-Mitarbeiter setzen sich ins Ausland ab

Auch im Umfeld des Staatskonzerns Gazprom hatten sich zuletzt die Todesfälle gehäuft. Gazprom ist ein riesiges Unternehmenskonglomerat und leidet ebenfalls stark unter den Wirtschaftsturbulenzen infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine. Hochrangige Mitarbeitende setzten sich ins Ausland ab, vereinzelt traten Chefs zurück, der interne Unmut wuchs – und die Zahl der Toten stieg.

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Fünf Manager aus dem Umfeld des Energieunternehmens starben allein in diesem Jahr. Juri Woronow, 61, wurde im Juli im Pool seiner Villa in einem St. Petersburger Vorort mit einer Schusswunde im Kopf tot aufgefunden. Der Multimillionär führte ein Logistikunternehmen, das Gazprom zuarbeitete.

Medien berichteten, zuvor habe es Auseinandersetzungen unter Geschäftsleuten rund um Gazprom gegeben. Auch hier könnten also Verteilungskämpfe innerhalb der Konzernverflechtungen eine Rolle gespielt haben. Jedoch bleibt es schwierig, diese Strukturen zu entflechten.

Ein weiterer Fall wurde im Mai bekannt. Andrej Krukowskij, Manager eines von Gazprom betriebenen Skiresorts, kam ebenfalls ums Leben. Beim Wandern nahe Sotschi soll der 37-Jährige von einer Klippe gestürzt sein. Die staatliche Nachrichtenagentur Tass fasste sich zu dem Thema kurz und schrieb: "Er liebte die Berge und fand dort Ruhe."

Thinktank: Vertuschung von Betrug

Eine Erklärung für Todesfälle bei Gazprom führt der polnische Thinktank "Warsaw Institute" an. Demnach könnten die Personen aus dem Weg geräumt worden sein, um Betrugsfälle in dem Staatskonzern zu vertuschen. Sicherheitsleute des Unternehmens, die an Tatorten gesehen worden waren, deuteten darauf hin.

Es ist die Theorie, dass Menschen, die zu viel wissen, "unschädlich" gemacht werden. Sie kursiert in Russland seit Jahrzehnten und reicht in weitere Bereiche abseits der Wirtschaft hinein, etwa in den Journalismus. Anna Politkowskaja etwa, Investigativreporterin, wusste wohl auch zu viel. Sie wurde 2016 ermordet. In diesem Fall soll der Kreml hinter der Tat stecken.

Immer wieder taucht bei den Spekulationen außerdem das Wort "Todesliste" auf. Führt der Kreml solche Tabellen und gibt gelegentlich Anweisung, Personen zu "liquidieren"?

Der Forscher Burkhardt hält das für denkbar: "Es mag sein, dass Todeslisten existieren. Und sicherlich gibt es in manchen Fällen von oben grünes Licht." Die Giftattacken im In- und Ausland könnten Beispiele dafür sein, etwa jene auf Sergej und Julija Skripal in Großbritannien sowie auf Alexej Nawalny und den Spion Alexander Litwinenko. Aber auch die Ermordung eines Georgiers im Berliner Tiergarten im Jahr 2019 sei so ein Fall, bei dem der Kreml den Auftrag gab, wie mittlerweile auch gerichtlich nachgewiesen wurde.

Den Kreml aber per se für die Todesfälle seit Jahresbeginn verantwortlich zu machen, gehe zu weit, so Burkhardt. Auch Selbstmord sei in manchen Fällen denkbar. "Auffällig ist aber", sagt er, "dass Russland sehr viel unruhiger geworden ist. Methoden wie der Fenstersturz, die wir eigentlich aus den Neunzigerjahren kennen, sind mittlerweile zurückgekehrt."

Hinweis: Hier finden Sie sofort und anonym Hilfe, falls Sie viel über den eigenen Tod nachdenken oder sich um einen Mitmenschen sorgen.

Verwendete Quellen
  • Telefongespräch mit Fabian Burkhardt am 20.10.2022
  • Kreml-Nachrichtenagentur tass.ru: Погиб гендиректор курорта "Красная Поляна" Андрей Круковский (russisch)
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