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Corona-Lage in Schweden – alles wieder gut?

  • Melanie Muschong
Von Melanie Muschong

Aktualisiert am 30.07.2020Lesedauer: 5 Min.
Schweden: Ist in Bezug auf die Coronavirus-Pandemie einen Sonderweg gegangen, dort gibt es keine vorgeschriebenen Corona-Regeln (Symbolbild).
Schweden: Ist in Bezug auf die Coronavirus-Pandemie einen Sonderweg gegangen, dort gibt es keine vorgeschriebenen Corona-Regeln (Symbolbild). (Quelle: TT/imago-images-bilder)
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Schweden hat einen Sonderweg in der Corona-Krise eingeschlagen. Erst kam es zu einem Anstieg der Infektionszahlen, inzwischen flacht die Kurve ab. Wie ist die Situation im Land? ZDF-Korrespondent Hebestreit berichtet ĂŒber die Lage vor Ort.

Skandinavische LĂ€nder wie Norwegen und DĂ€nemark schlossen zu Beginn der Coronavirus-Pandemie Schulen und GeschĂ€fte. In Schweden blieb vieles offen. Weniger BeschrĂ€nkungen, kein Lockdown. Der schwedische Sonderweg fĂŒhrte zwischenzeitlich zu hohen Infektionszahlen und vergleichsweise vielen TodesfĂ€llen pro Einwohner. Laut Johns-Hopkins-UniversitĂ€t gibt es bis heute mehr als 79.000 bestĂ€tigte InfektionsfĂ€lle, fast 6.000 Menschen sind an den Folgen von Covid-19 gestorben.


Diese bekannten Forscher sitzen im neuen Expertenrat

Prof. Dr. Christian Drosten: Der Chefvirologe der Berliner CharitĂ© zĂ€hlt zu den bekanntesten Gesichtern seit der Corona-Pandemie. Drostens Forschungsschwerpunkte sind neu auftretende Viren – insbesondere mit Coronaviren kennt sich der Virologe seit Jahren aus. Sein Wissen teilt er regelmĂ€ĂŸig im NDR-Podcast "Coronavirus-Update".
Prof. Dr. med. Christian Karagiannidis: Er ist GeschĂ€ftsfĂŒhrender Oberarzt der Lungenklinik Köln-Merheim und Leiter des dortigen Ecmo-Zentrums. Außerdem ist er wissenschaftlicher Leiter des Intensivregisters der Deutschen InterdisziplinĂ€ren Vereinigung fĂŒr Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) und PrĂ€sident der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN).
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Doch wĂ€hrend ganz Europa derzeit ĂŒber die Gefahr einer zweiten Welle diskutiert, sinken die Zahlen in Schweden plötzlich – die Kurve der positiven Corona-Tests flacht ab. Am Mittwoch wurden 308 neue FĂ€lle gemeldet. Mehr als 500 FĂ€lle registrierte das Land zuletzt am 8. Juli.

Henner Hebestreit ist seit acht Jahren ZDF-Korrespondent fĂŒr Schleswig-Holstein, Skandinavien und Schweden. Er berichtet bei t-online.de ĂŒber die aktuelle Lage im Land – und erklĂ€rt, warum dort die Infektionszahlen inzwischen wieder zurĂŒckgehen.

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"Habe mitbekommen, wie die Leute Schlange standen"

Er sagt: "Die Lage in Schweden ist ruhig, es gibt keinerlei Unruhe, man trĂ€gt allgemein keine Masken. Es gibt keine Maskenpflicht, wie das in Deutschland der Fall ist. Es gibt keine QuarantĂ€ne fĂŒr ReiserĂŒckkehrer. Die Infektionszahlen sind stabil und auf niedrigem Niveau."

Zuvor war die Infektionskurve ab Mitte Juni immer weiter angestiegen und hatte Ende des Monats einen Höhepunkt von 2.500 Infizierten pro Tag erreicht. Hebestreit hat dafĂŒr eine mögliche ErklĂ€rung: "Vor knapp zwei Monaten an Pfingsten hat man angefangen, in den Apotheken Tests fĂŒr jedermann auszulegen, die man sich kaufen konnte. Parallel dazu gab es private Gesundheitsdienstleister. Solche haben wir in Deutschland nicht."

"Ich habe mitbekommen, wie die Leute dort Schlange standen, um sich testen zu lassen. Das kostete jeweils umgerechnet 70 Euro. Das ist nach wie vor eine private Firma und nach wie vor schicken viele Unternehmen ihre Mitarbeiter dorthin, um zu sehen, wie der Infektionsstand ist. Das hat sicher auch dazu beigetragen, dass die Zahlen nach Pfingsten so nach oben gegangen sind. Wenn man viel testet, bekommt man auch mehr Ergebnisse."

Henner Hebestreit: Ist seit 2012 ZDF-Korrespondent fĂŒr Schleswig-Holstein, Skandinavien und Schweden.
Henner Hebestreit: Ist seit 2012 ZDF-Korrespondent fĂŒr Schleswig-Holstein, Skandinavien und Schweden. (Quelle: Hoffmann/imago-images-bilder)

Greift die HerdenimmunitÀt im Land?

Inzwischen ist die Kurve wieder abgeflacht. "Ich gehe davon aus, dass die erste Welle der Testbereiten durch ist. Es ist eine gewisse SĂ€ttigung an Testbedarf eingetreten. Entsprechend weniger Leute mĂŒssen dann auch die Testmöglichkeiten wahrnehmen. Wenn sich weniger Menschen testen lassen, bekommt man vielleicht weniger Infektionszahlen", so der ZDF-Korrespondent.

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Geht es um die Hauptstadt des Landes, kommt immer wieder die HerdenimmunitĂ€t zur Sprache: Wenn ein grĂ¶ĂŸerer Teil der Bevölkerung schon mit dem Virus infiziert war, wird die Verbreitung somit vermindert und die restliche Bevölkerung ist relativ geschĂŒtzt. In Stockholm sind rund 23.000 Covid-19-Erkrankungen registriert worden.

"40 Prozent der Stockholmer könnten gegen das neue Coronavirus immun sein", sagte Johan Carlson, der Generaldirektor des schwedischen Gesundheitsamts im Juli. Allerdings besteht die Frage, inwiefern eine ImmunitĂ€t gegen das Coronavirus ĂŒberhaupt möglich ist.

"Konzept ist interessant"

Auch Henner Hebestreit sagt: "Ich bin kein Mediziner. Allerdings gab es ja in Bayern den ersten deutschen Corona-Patienten. Er hat nach angeblich ĂŒberstandener Infektion keine Antikörper mehr – das ging jedenfalls durch die Medien. Deswegen ist die Frage, ob das Konzept der Schweden aufgeht."

Der langjĂ€hrige Skandinavien-Experte sagt allerdings auch: "Das Konzept ist interessant. Ob das jetzt in irgendeiner Art und Weise die Situation in Schweden, gegenĂŒber uns in Deutschland, in Bezug auf eine zweite Welle verbessert, vermag ich nicht zu sagen."

Pro Million Menschen 40 Prozent mehr TodesfÀlle als die USA

Anfang Juni sagte Schwedens Chef-Epidemiologe Anders Tegnell dem dortigen Sender Sveriges Radio: "WĂŒrden wir auf die gleiche Krankheit treffen, mit dem heutigen Kenntnisstand, denke ich, wir wĂŒrden irgendwo in der Mitte landen zwischen dem, was Schweden getan hat, und, was der Rest der Welt gemacht hat."

Anders Tegnell: Der 64-JĂ€hrige ist der Chef-Epidemiologe in Schweden.
Anders Tegnell: Der 64-JĂ€hrige ist der Chef-Epidemiologe in Schweden. (Quelle: TT/imago-images-bilder)

"Diese Aussage hat Tegnell Anfang Juni getroffen. Er bezieht sich im Wesentlichen darauf, dass er die schwer betroffenen Risikogruppen hĂ€tte besser schĂŒtzen wollen. Bei den Bereichen Altenpflege, Altenbetreuung und enge Wohnbebauung hĂ€tte er rĂŒckblickend mehr Schutz angeordnet", berichtet Hebestreit.

TatsÀchlich sind in Schweden bereits 5.702 Menschen an dem Coronavirus gestorben. Die Zahl klingt zwar gering, ist jedoch im Vergleich zu anderen LÀndern hoch. Schweden hat rund zehn Millionen Einwohner. Pro einer Million Menschen hat das Land 40 Prozent mehr TodesfÀlle als die USA, zwölfmal mehr als Norwegen, wie die "New York Times" berichtet.

"Da haben die Schweden hohen Preis bezahlt"

"Es hat sehr viele Opfer im Bereich der Altenbetreuung gegeben und auch im Bereich prekĂ€rer WohnverhĂ€ltnisse im Umfeld von Einwanderervierteln, in denen anfangs auch sprachliche HĂŒrden ein Problem darstellten. Da haben die Schweden einen sehr hohen Preis bezahlt und das ist auch das, was man Schweden immer wieder vorwirft."

In den Bereichen der Risikogruppen hat es in Schweden mehr Todesopfer gegeben als in Deutschland. "Das hat aber auch damit zu tun, dass es schwedische Sonderfaktoren in Bezug auf die Altenpflege gibt. Es hat damit zu tun, dass viele prekĂ€r beschĂ€ftigte Mitarbeiter die Pflege ĂŒbernehmen. Das heißt, das Personal wechselt stĂ€ndig, hat unterschiedliche Arbeitgeber. Durch diese Rahmenbedingungen hat man bei einer Verbreitung des Virus viele Multiplikatoren", so der ZDF-Korrespondent.

Zweite Welle oder "nur" steigende Zahlen?

Inzwischen glaubt Henner Hebestreit, dass auch im Bereich der Risikogruppen die Opferzahlen zurĂŒckgegangen sind: "Ich gehe davon aus, dass die Schweden das jetzt in den Griff bekommen haben, denn die Infektionszahlen stagnieren ja."

So wie die Deutschen vermehrt an die Nord- und Ostsee reisen, treibt es auch die Schweden in die eigene Natur außerhalb der GroßstĂ€dte. Bewohner aus Stockholm reisen beispielsweise nach Åre, um zu wandern. Doch darin sieht Hebestreit eher ein geringes Risiko fĂŒr neue Anstiegszahlen: "Was die Verteilung im Inland angeht, wĂ€re ich vorsichtig, weil besonders diese speziellen Gruppen betroffen waren, die eher nicht zu den touristisch aktiven Inlandsreisenden zĂ€hlen. Ob es eine große zweite Welle sein wird oder eine Steigerung von FĂ€llen, mĂŒssen wir abwarten."

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In Stockholm ist der Tourismus immens zurĂŒckgegangen

In Deutschland sind die neu gemeldeten Corona-FĂ€lle zuletzt wieder gestiegen. Das Robert Koch-Institut (RKI) befĂŒrchtet eine Trendumkehr in Deutschland. RKI-PrĂ€sident Lothar Wieler sagte zuletzt, dass die neuesten Entwicklungen "große Sorgen" bereiten wĂŒrden.

Stockholm: Die Hauptstadt Schwedens hat einen Touristen-RĂŒckgang zu verzeichnen.
Stockholm: Die Hauptstadt Schwedens hat einen Touristen-RĂŒckgang zu verzeichnen. (Quelle: blickwinkel/imago-images-bilder)

Dies könnte auch Schweden treffen. "Wenn man sich die Entwicklung in Deutschland anschaut und sieht, dass die FĂ€lle durch ReiserĂŒckkehrer aus dem Ausland steigen, dann mag das in Schweden sicher auch ein Faktor sein. Mit Blick auf die deutschen Erfahrungen kann es sein, dass auch die Schweden feststellen, dass sie aus dem Ausland etwas mitbringen."

Zumindest reisen aktuell weniger Touristen nach Stockholm. Karin MĂ€ntymĂ€ki von "Visit Stockholm" berichtet t-online.de: "Stockholm hat unter einem RĂŒckgang an Touristen gelitten. Normalerweise kommen zu diesem Zeitpunkt des Jahres mehr internationale Besucher, als dies gerade der Fall ist. Im Juni waren die Hotels nur zu 15 Prozent belegt, normalerweise sind sie zu 75 Prozent belegt."

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Auch Schweden leidet trotz sinkenden Infektionszahlen also weiterhin unter den Folgen der Pandemie.

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