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"Ich hetze den Russen meine Hunde auf den Hals"

  • Annika Leister
Von Annika Leister, Daniel Mützel

28.02.2022Lesedauer: 6 Min.
Wohnhaus in Kiew: Die Bewohner der ukrainischen Hauptstadt suchen Sicherheit in Kellern und U-Bahnhöfen.
Wohnhaus in Kiew: Die Bewohner der ukrainischen Hauptstadt suchen Sicherheit in Kellern und U-Bahnhöfen. (Quelle: Yuliia Ovsiannikova/imago-images-bilder)
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Seit fünf Tagen greift die russische Armee Kiew an. Einige Bewohner sind geflohen, andere harren in Kellern aus. Sie haben Angst, noch größer aber ist ihre Wut auf Putin. Vier Protokolle.

Die russischen Panzer stehen keine 30 Kilometer entfernt. Zwar nahmen Vertreter von Russland sowie der Ukraine am Donnerstag an einem Verhandlungstisch Platz – gleich danach aber wurden erneut heftige Explosionen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew gemeldet. Auch in Charkiw und anderen Großstädten ertönten wieder die Alarmsirenen und versetzten die Bewohner in Angst vor neuen Raketen. Sollten die Verhandlungen scheitern, muss mit der nächsten Angriffswelle gerechnet werden.

t-online hat mit vier Menschen gesprochen, die sich seit Tagen vor Bomben in Kellern verstecken, ihre Heimat verlassen haben oder Frontsoldaten frische Unterwäsche bringen – und sich trotz rollender Panzer Putin nicht ergeben wollen.

"Putins Plan wird nicht aufgehen, er hat uns geeint"

Lena Onishuk, 44 Jahre alt, arbeitet für eine IT-Firma:

Meine Freundin hat mich am Donnerstagmorgen um 5 Uhr geweckt, sie hat gerufen: "Der Krieg hat angefangen." Ich habe zuerst gar nicht begriffen, was sie meint. Seitdem hören wir jeden Tag Explosionen in unserer direkten Nähe, vor allem am Morgen, am Abend und in der Nacht. Ich wohne mit meinem Mann und meiner Tochter in einem kleinen Ort, fünf Kilometer außerhalb von Kiew, zwischen der Stadt Bucha und dem Flughafen Zhuliany im Südwesten von Kiew.

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Viele unserer Nachbarn sind geflohen. Auch wir haben überlegt zu gehen. Aber unsere Familien leben in Kiew – und sie wollen ihr Zuhause nicht verlassen. Weil sie bleiben, bleiben wir auch.

Explosion in Kiew am Donnerstagmorgen: Russland attackiert die Hauptstadt seit fünf Tagen.
Explosion in Kiew am Donnerstagmorgen: Russland attackiert die Hauptstadt seit fünf Tagen. (Quelle: Ukrainian Presidents Office/imago-images-bilder)

Sobald wir Explosionen hören, gehen wir in den Keller unseres Hauses. Über Telegram tauschen wir uns mit unseren Nachbarn aus, auch das Militär fährt durch die Straßen und informiert über die Lage und die Angriffe. Unsere Männer organisieren sich in den Territorialen Verteidigungskräften, sie patrouillieren in der Nachbarschaft und halten Ausschau nach russischen Angreifern. Aber uns fehlen Waffen – nur wenige Menschen hier sind bewaffnet.

Der Zusammenhalt ist unfassbar groß. In den vergangenen Tagen durften wir die Häuser nicht verlassen, die Geschäfte waren geschlossen. Viele Familien waren nicht auf den Krieg vorbereitet, sie haben keine Vorräte angeschafft, keine Medikamente, manchmal fehlt das Nötigste. Deswegen packen Nachbarn Pakete, liefern Medizin, backen Brot, kochen. Jeder hilft jedem, jeder gibt alles.

Keller in Kiew: Nachbarn versorgen einander mit dem Nötigsten.
Keller in Kiew: Nachbarn versorgen einander mit dem Nötigsten. (Quelle: Yuliia Ovsiannikova/imago-images-bilder)

Ich denke nicht, dass Gespräche mit Putin noch einen Sinn machen. Der Bastard hat keinen klaren Menschenverstand mehr. Doch sein Plan wird nicht aufgehen. Alles, was uns vorher getrennt hat, worüber wir gestritten haben, ist vergessen. Sein Angriff hat uns alle zusammengebracht, er hat uns geeint.

"Ich hetze den Russen meine Hunde auf den Hals"

Anastasia Hranko, 29 Jahre alt, Personalleiterin:

Putin hat sich entschieden, in mein Land zu kommen, in meine Ukraine. Er will ein neues, größeres Russland. Aber seine Soldaten werden sterben, unsere Soldaten werden sie töten. Die Russen sollten lieber in ihr Land zurückkehren.

Ich lebe mit meinem Mann und meiner Tochter Kira in Kiew. Kira ist erst sechs Jahre alt. Wenn wir Bomben gehört haben, sind wir in den Keller unseres Hauses geflohen. Aber dort hast du keine Toilette, kein Wasser, keine Betten, es gibt Ratten und Mäuse. Also sind wir gestern zu meinen Eltern gefahren, in ein Dorf 16 Kilometer entfernt von Kiew. Hier ist die Lage ruhig, man hört keine Explosionen.

Schutzsuchende in einem Keller in Kiew: Die Bewohner vernetzen und warnen sich über Telegram.
Schutzsuchende in einem Keller in Kiew: Die Bewohner vernetzen und warnen sich über Telegram. (Quelle: Yuliia Ovsiannikova/imago-images-bilder)

Auf dem Weg wurden wir an einer Brücke von ukrainischen Truppen angehalten. Sie stoppten uns, durchsuchten unser Auto und ließen uns dann passieren. "Los, los, los", sagten sie. Aber unser Tank war fast leer, wir brauchten dringend Benzin. An der Tankstelle musste mein Mann drei Stunden lang warten, um einen vollen Kanister zu bekommen. So viele Menschen warteten dort.

Andrang an einer Tankstelle im Westen der Ukraine am Donnerstag: Die Schlangen sind lang.
Andrang an einer Tankstelle im Westen der Ukraine am Donnerstag: Die Schlangen sind lang. (Quelle: Yurii Rylchuk/imago-images-bilder)

Präsident Selenskyj hat mich in diesem Krieg wahnsinnig überrascht. Er ist ein sehr cooler Typ, so stark, hat überhaupt keine Angst vor dem verdammten Putin. Er ist jetzt unser Präsident.

Sollen sie nur kommen, die Russen. Ich habe zwei Hunde, die hetze ich ihnen auf den Hals.

“Das schönste Geschenk ist, wenn der Bombenalarm aufhört“

Iulia Iatsun, 32 Jahre alt, Angestellte eines Schönheitssalons:

Um 5.30 Uhr morgens ging der Bombenalarm los und mir war sofort klar: Ich muss aus Kiew raus. Das war letzten Donnerstag. Ich bin zu meinen Eltern nach Mykolajiw am Schwarzen Meer gefahren. Sie fragten mich noch, ob es nicht besser wäre, wenn sie nach Kiew kämen, weil russische Truppen schon in der Nähe seien. Mykolajiw ist nur 150 Kilometer Luftlinie von der Krim entfernt. Aber ich danke Gott, dass wir nicht in Kiew geblieben sind. Ich wohne im 15. Stock eines Hochhauses, wir wären leichte Beute für die russische Luftwaffe.

Iulia und ihre Mutter im hauseigenen Luftschutzbunker: "Putin wird nicht aufhören. Wir haben das jetzt verstanden."
Iulia und ihre Mutter im hauseigenen Luftschutzbunker: "Putin wird nicht aufhören. Wir haben das jetzt verstanden." (Quelle: Privat/leer)

In Mykolajiw haben wir ein Haus und können uns in unserem kleinen Luftschutzkeller verstecken, wenn die Sirenen losgehen. Wir haben Angst, aber es ist besser gemeinsam Angst zu haben als allein. Im Keller ist es kalt. Wir haben Gurken, eingelegte Tomaten im Glas, Marmelade, ein bisschen Brot.

Gestern war es schlimm. Fünf Mal haben wir den Alarm gehört. Wir haben auf die Russen gewartet, ich war sicher, dass sie kommen. Eine Rakete ist in einem Haus eingeschlagen. Nur 100 Meter von uns entfernt! Wir dachten, jetzt ist es vorbei. Aber die ukrainische Armee konnte sie zurückschlagen. Die Russen ließen sogar zwei Panzer und mehrere Militärfahrzeuge zurück.

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Mein Vater war den ganzen Tag bei den Soldaten und hat beim Barrikadenbauen geholfen. Ich hatte solche Angst. Ich habe ihm alle fünf Minuten dieselbe Nachricht geschrieben. "Wie geht es dir? Wo bist du? Wann kommst du zurück?"

Luftschutzkeller der Iatsuns: "Es gibt eingelegte Tomaten, Gurken, etwas Brot."
Luftschutzkeller der Iatsuns: "Es gibt eingelegte Tomaten, Gurken, etwas Brot." (Quelle: Privat/leer)


Wir versuchen, den Soldaten zu helfen, wo es geht. Gestern haben wir Einkäufe für sie gemacht: Dosennahrung, Zucker, Kaffee, Zigaretten, Plastikbecher, Socken, frische Unterwäsche. Langsam leeren sich die Regale, Brot gibt es gar keins mehr. Es wird auch nichts mehr nachgeliefert.

Viele von uns dachten, Putin wird Kiew niemals angreifen. Es leben so viele Menschen da, Zivilisten, Kinder. Wir haben uns getäuscht. Heute war ein eher ruhiger Tag. Das ist das schönste Geschenk, wenn kein Bombenalarm ertönt. Vielleicht wegen der Verhandlungen. Aber er wird nicht aufhören. Er kann nicht verlieren. Wir haben das jetzt verstanden.

(Quelle: dpa, Wikipedia)

"Alle Brücken sind zerstört, wir können nicht nach Hause"

Igor Sch., 53 Jahre alt, arbeitet für ein Energieunternehmen:

Wir sind seit Donnerstag auf der Flucht. Wir kommen aus einem kleinen Ort nahe des Flughafens Hostomel, 25 Kilometer entfernt von Kiew. Die Russen griffen dort zuerst an. Sie wollen die kleineren Flughäfen nutzen, um ihre Truppen zusammenzuziehen und die Hauptstadt zu erobern. Wir haben das Feuer der Raketenabwehrsysteme gehört. Dann wurden wir informiert und aufgefordert, die Region zu verlassen.

Auf der Flucht: Igor ist mit seiner Frau, seinem 13-jährigen Sohn und ihren zwei Katzen unterwegs.
Auf der Flucht: Igor ist mit seiner Frau, seinem 13-jährigen Sohn und ihren zwei Katzen unterwegs. (Quelle: Privat)

Ich war vollkommen geschockt, meine Frau wahnsinnig nervös. Wir haben unseren Sohn in ein Auto gepackt und sind losgefahren. Über uns flogen russische Helikopter mit geöffneten Türen.

Russische Helikopter kreisen über Vorgärten in Igors Heimatstadt: Der Flughafen in der Nähe ist ein strategisch wichtiger Punkt für Putins Armee.
Russische Helikopter kreisen über Vorgärten in Igors Heimatstadt: Der Flughafen in der Nähe ist ein strategisch wichtiger Punkt für Putins Armee. (Quelle: Privat)
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Zum Glück haben wir so früh reagiert. Inzwischen sind die Brücken, über die wir geflohen sind, zerstört. Wir könnten nicht zurück nach Hause, selbst wenn wir wollten. Unsere Nachbarn sitzen fest. Wir halten Kontakt über Telegram zu ihnen. Ich kann kaum schlafen, verfolge nachts die Nachrichten, schreibe mit Freunden und Bekannten.

Wir können das Land nicht verlassen, Männer im kampffähigen Alter zwischen 18 und 60 Jahren müssen in der Ukraine bleiben. Das finde ich total in Ordnung. Aber ich musste meine Familie in Sicherheit bringen. Nur: Es gibt keinen sicheren Ort mehr.

Am sichersten ist es noch an den Grenzen hin zur Europäischen Union. Doch der Stau in Richtung Polen war unfassbar lang. Wir haben in 24 Stunden nur sechs Kilometer zurückgelegt. Also haben wir eine Nacht in Ternobil übernachtet, gestern dann in einem anderen Ort an der ungarischen Grenze. Immer bei Freunden von Freunden oder Verwandten.

Straßen Richtung Polen: Einen Tag lang steckte Igors Familie im Stau.
Straßen Richtung Polen: Einen Tag lang steckte Igors Familie im Stau. (Quelle: Privat)

Wir kämpfen gerade nicht für die Ukraine, nicht einmal für Europa, wir kämpfen für die ganze Welt. Putin ist verrückt, er träumt von einem Weltreich Russland. Er dachte, er kann uns im Blitzkrieg nehmen – aber fuck, darauf hat er eine gepfefferte Antwort erhalten. Zur Not werden die Ukrainer mit Steinen gegen Maschinengewehre kämpfen. Sie werden niemals aufgeben.

Auch Deutschland muss Putins Motivation endlich begreifen. Und wichtiger: Es muss verstehen, dass russisches Gas nur ein Instrument in Putins Händen ist. Auch nach der Annexion der Krim habt ihr weiter Gas gekauft, eure Leute haben weiter bei Gazprom gearbeitet. Nur Geld zählte – und nur dieses Geld ermöglicht jetzt Putins Krieg.

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