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Deal mit Nordkorea: Das größere Risiko liegt bei Kim

ANALYSEDer Singapur-Deal  

Das größere Risiko liegt bei Kim

Von Gerhard Spörl

12.06.2018, 15:27 Uhr
Deal mit Nordkorea: Das größere Risiko liegt bei Kim. Kim und Trump: Wer hat am meisten von der Vereinbarung? (Quelle: Reuters/Susan Walsh)

Kim und Trump: Wer hat am meisten von der Vereinbarung? (Quelle: Susan Walsh/Reuters)

Der Dealmaker hat wieder etwas ausgehandelt: dieses Mal mit Nordkorea. Die Vereinbarung zwischen Trump und Diktator Kim Jong Un wird einiges verändern – wenn es dabei bleibt.

Donald Trump, der grundsätzlich von sich begeistert ist, findet nun auch Kim Jong Un großartig: sehr talentiert, sehr entschlossen. Während er bei seiner Pressekonferenz in Singapur Fragen der Reporter beantwortete ("Seid nett! Seid respektvoll!"), befand sich der "Vorsitzende", wie er Kim durchgehend nannte, schon auf dem Heimflug und werde sich unverzüglich daran machen, die Absichten zu verwirklichen, auf die er sich im Vieraugengespräch festgelegt habe. 

Es war makaber, wie ehrerbietig der amerikanische Präsident den nordkoreanischen Diktator behandelte und ihn moralisch für geradezu ebenbürtig erklärte. Kim war 27 Jahre alt, als er Nachfolger seines Vaters wurde. Er ließ ziemlich viele Menschen umbringen, die ihm gefährlich waren oder werden konnten, darunter seinen Onkel und seinen Stiefbruder.

Nicht zufällig stellten die amerikanischen Reporter bohrende Fragen, ob Trump denn auch die Menschenrechte in Nordkorea angesprochen habe. Der japanische Premier Shinzo Abe hatte ihn gebeten, sich für das Schicksal der nach Nordkorea entführten Japaner einzusetzen. Besonders der Fall der Schülerin Megumi Yakota ist so tragisch wie ungeklärt. Sie war 13 Jahre alt, als sie 1977 verschwand und beging möglicherweise 1994 Selbstmord.

Der amerikanische Präsident versicherte wortreich, er habe selbstverständlichen die Verschwundenen und Verurteilten angesprochen. Vor einem Jahr erst war der zu 15 Jahren Lagerhaft verurteilte Otto Warmbier, ein 22-jähriger Student aus Cincinnati, todkrank ausgeflogen worden und wenig später an den Folgen der erlittenen Misshandlungen gestorben.

Trump in Singapur: er hat den Deal ausgehandelt – und will darüber nun gern sprechen. (Quelle: Reuters)Trump in Singapur: er hat den Deal ausgehandelt – und will darüber nun gern sprechen. (Quelle: Reuters)

Trump waren diese Fragen nach den Menschenrechten unbehaglich. Lieber widmete er dem historischen Ereignis hehre Worte, da ihm gelungen sei, was seinen ängstlichen Vorgängern versagt war: völlige Abrüstung auf der koreanischen Halbinsel. Aber was bedeutet das und was verändert es, für Amerika und Nordkorea und seine Nachbarn? Und wer hat am meisten davon?

Was hat Kim davon?

Da Trump den fast 40 Jahre Jüngeren von gleich zu gleich behandelte, ist Singapur ein Erfolg für Kim. Als Trump den Gipfel kurz mal absagte, blieb Kim beharrlich und stimmte den beleidigten Präsidenten um. Auf der Weltbühne hat er sich einigermaßen souverän bewegt und Trump bedenkt ihn nun mit Lobeshymnen. So erhält ein Diktator unverdiente Legitimität. Das ist die Momentaufnahme.

Zugleich wirft Kim alles in die Waagschale, was sein Vater vor zwölf Jahren gegen den Willen der Welt begann und er angeblich vollendet hat: Ein Atomarsenal inklusive Langstreckenraketen mit Atomsprengköpfen, die Teile Amerikas zerstören können. Die Grundlage hat übrigens keiner aus der Familiendynastie gelegt, sondern der berühmt-berüchtigte pakistanische Wissenschaftler A.Q. Khan, der sein Kernwaffenwissen im Jahr 2004 gewinnbringend nach Pjöngjang verkaufte.

Wenn Kim es tatsächlich ernst meinen sollte mit der "völligen Entnuklearisierung der koreanischen Halbinsel", dann gibt er den Garanten der Souveränität preis und nimmt dem Leid ganzer Generationen von Nordkoreanern die überhöhte Rechtfertigung.

Wer kontrolliert die nukleare Abrüstung?

Auch darüber habe er mit Kim geredet, ließ Trump in seiner Pressekonferenz wissen. Eine Menge Leute würden in Nordkorea darauf achten, dass es mit rechten Dingen zugehe, sagte er. Zuständig und erfahren sind die Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien, die auch in Iran Zugang zu den Atomanlagen erhalten hatten. Wer aber wo was verifizieren kann, ist noch völlig ungeklärt und bleibt den Unterhändlern überlassen, die bald ihre Arbeit aufnehmen sollen, wie Trump versicherte.

Was kann sich in Nordkorea verändern?

Kim Jong Un hat jetzt schon vorsichtige Breschen in die Staatswirtschaft geschlagen. Gut möglich, dass er von jetzt an Reformen zulässt, die eine totalitäre Einparteienherrschaft mit Kapitalismus kombiniert: nach dem Vorbild Chinas, dem auch Vietnam gefolgt ist. Dazu gehört eine gewisse Öffnung zur Außenwelt, von der Nordkorea bislang abgeschottet ist: zuallererst zu Südkorea, das auf ökonomische Entspannung erpicht ist, aber auch zur westlichen Welt, von der Donald Trump meint, dass sie fortan in Nordkorea investieren darf. 

Zuvor müssten die Wirtschaftssanktionen nach und auch aufgehoben werden, die Amerika und seine Verbündeten wegen des Atomprogramms verhängten. Nordkorea könnte sich mit Wirtschaftsreformen von der grassierenden Armut vor allem auf dem Land befreien und allmählich breitere Schichten am Wohlstand teilhaben lassen – wenn es wirklich kommt, wie es kommen soll.

Was hat Amerika davon?

Trump zieht bilaterale Verhandlungen den internationalen vor, wie er gerade in Kanada unangenehm bewiesen hat. Nordkorea fällt ihm in den Schoß, denn die Initiative zu den Verhandlungen ging ja von Kim aus. Damit kann der Präsident bewiesen, dass er nicht nur internationale Abkommen boykottiert oder zunichte macht, sondern persönlich für ein Abkommen von historischer Tragweite sorgt. Aus Feinden könne ein mutiger Mann wie er Freunde machen, sagte Trump in Singapur.

Nordkorea ist ein Symptom für die Interessenverlagerung der Weltmacht nach Asien. Strategisch betrachtet richtet sich Amerika darauf ein, dass der Aufstieg Chinas zwar unaufhaltsam ist, aber durch neue Bündnisse eingehegt werden kann. Mit Vietnam geht die wirtschaftliche wie auch die militärische Zusammenarbeit 40 Jahre nach dem Krieg erstaunlich weit. Myanmar unternimmt ebenfalls Lockerungsübungen. Und Nordkorea wäre, falls aus den Absichtserklärungen Wirklichkeit werden sollte, eine unverhoffte Trophäe in der Präsidentschaft Trump.

Was erhofft sich Südkorea?

Präsident Moon Jae gewann die Wahl mit einem Plädoyer für Entspannung mit dem Norden. Für die Verhandlung in Singapur war er ein unerlässlicher und unermüdlicher Vermittler. Südkorea vertraut auf die Anziehungskraft seines Wohlstandes und auch auf die Sicherheitsgarantie durch die USA. Dafür nimmt es in Kauf, dass die rund 30.000 US-Soldaten aus dem Land abgezogen würden, denn darin liegt der Preis für die Abrüstung auf der ganzen Halbinsel.

Wen beunruhigt die Erklärung am meisten?

Japan muss sich die meisten Gedanken über die möglichen Folgen machen. Schon länger hegt Premier Abe den Verdacht, dass die Verlässlichkeit des amerikanischen Verbündeten zu wünschen übrig lässt. Deshalb liegt es nahe, dass Japan seine pazifistische Nachkriegsordnung überdenkt. Nordkorea fällt als Feind aus, falls es abrüstet. Bleibt aber China, der ewige Rivale.

Der beste Garant für die Souveränität eines Landes sind Nuklearwaffen. Ist es vorstellbar, dass dieses Land, auf das zwei Atombomben abgeworfen wurden, selber zur Atommacht wird und welche Auswirkungen hätte das wiederum in Asien? 

Welche Haltung nimmt China ein?

Nordkorea ist ein chinesischer Satellitenstaat. Nordkorea machte aber auch immer wieder, was es will. Zum Beispiel war China keineswegs über die Serie von Kernkraftversuchen amüsiert, die Kim mit wüsten Drohungen an die Adresse Amerikas verband.

Wenn es richtig ist, dass Kim sich aus der Umklammerung durch den übermächtigen Nachbarn befreien möchte und deshalb Annäherung an Amerika sucht, dann muss Xi Jinping beunruhigt sein. Allerdings ändert sich an der Geographie ja nichts: Der Handel über den Grenzfluss Yalu hinweg ist lebenswichtig für Nordkorea und China bleibt das Modell, an dem sich Kim orientiert: Totalitarismus plus Kapitalismus.

Entschädigt wird China dadurch, dass die amerikanischen Truppen aus Südkorea abgezogen werden. Darauf hat das Regime immer wieder insistiert.

Wie geht es weiter?

Nach dem Großereignis in Singapur sollte das Konkrete folgen. Zu den vertrauensbildenden Maßnahmen gehört der Gefangenenaustausch, der in der gemeinsamen Erklärung erwähnt wird. Weiterhin liegt es nahe, dass ein Friedensvertrag formuliert wird, der den Koreakrieg formal nach 65 Jahren mit großem Tamtam beendet. In nicht allzu großer Ferne könnten Botschafter ausgetauscht werden. Am längsten dürfte die nukleare Abrüstung, das Kernstück der Absichtserklärungen, in Anspruch nehmen.

Was kann dazwischen kommen?

Bei Trump ist immer alles möglich, auch dass er aufkündigt, was er gerade in Singapur bombastisch angekündigt hat. Das lehrt die Erfahrung.

Das größere Risiko liegt bei Kim. In Diktaturen lassen sich die herrschenden Verhältnisse nicht leicht grundlegend verändern. Von der Entnukleariserung hat der militärisch-industrielle Komplex viel zu verlieren. Nimmt die alte Elite das klaglos hin? Gut möglich, dass ein Machtkampf mit den ökonomischen Reformern ausbricht, die von der Zeitenwende profitieren und daher hinter Kim stehen.

So war es in China vor 40 Jahren. So könnte es sich in Nordkorea wiederholen. 

Verwendete Quellen:
  • eigene Recherchen

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