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75 Jahre nach Hiroshima: Überlebenden werden älter, Atomwaffen stets moderner

75 Jahre nach Hiroshima  

Warum der atomare Schrecken noch lange nicht gebannt ist

05.08.2020, 12:13 Uhr | Lars Nicolaysen, dpa

Atombombe vor 75 Jahren: Bilder aus Hiroshima erschüttern noch heute

Elf Quadratkilometer Schutt, 70.000 zerstörte Häuser, bis zu 160.000 Tote: Das waren die Folgen des Atombombenabwurfs auf Hiroshima. Die Bilder erschüttern auch 75 Jahre später noch. (Quelle: t-online.de)

Unglaubliches Zerstörungspotenzial: Diese Bilder des Atombombenangriffs auf Hiroshima vor 75 Jahren erschüttern noch heute. (Quelle: t-online.de)


1945 verwandelte eine Atombombe Hiroshima in ein Inferno. 75 Jahre später lagern immer noch mehr als 13.000 nukleare Sprengköpfe in den Arsenalen der Atommächte. Und die atomare Bedrohung nimmt wieder zu.

Mit jedem Tag, der verstreicht, fällt es schwerer, auf eine atomwaffenfreie Welt zu hoffen. Jahrein, jahraus appellieren Überlebende des Atombombenabwurfs auf Hiroshima an die Vernunft der Menschheit, erinnern an das Grauen, das Leid, den Wahnsinn des Krieges. Wenn die Welt am 6. August der Opfer des Atombombenabwurfs der USA auf die japanische Stadt vor 75 Jahren gedenkt, werden Politiker in aller Welt wieder wohlmeinende Reden halten.

Doch viele glauben nicht mehr an die Worte: Kaum sei ein Jahrestag vorbei, "telefonieren die Politiker mit der Lobby der Rüstungsindustrie", meint Kenichi Mishima, emeritierter Professor der Universität Osaka. Und in der Tat: Während die Überlebenden von Hiroshima altern, modernisieren die Atommächte ihre Arsenale.

Französischer Atomwaffentest auf Mururoa 1970: Seit der Zerstörung Hiroshimas und Nagasakis hat sich das Zerstörungspotential von Nuklearwaffen vervielfacht. (Quelle: ullstein bild/adoc-photos)Französischer Atomwaffentest auf Mururoa 1970: Seit der Zerstörung Hiroshimas und Nagasakis hat sich das Zerstörungspotential von Nuklearwaffen vervielfacht. (Quelle: adoc-photos/ullstein bild)

Der Blitz der ersten im Krieg eingesetzten Atombombe verwandelte Hiroshima damals in ein Inferno: Innerhalb von Sekunden machte eine Druck- und Hitzewelle die Stadt zu einer lodernden Hölle. Von den 350.000 Bewohnern starben auf einen Schlag schätzungsweise mehr als 70.000; Ende Dezember 1945 waren schon 140.000 Menschen tot. Historische Aufnahmen des Angriffs sehen Sie oben im Video oder hier. Drei Tage später zündeten die Amerikaner über Nagasaki eine zweite Atombombe. Bis Dezember 1945 starben dort etwa 70.000 Menschen. Die genaue Opferzahl wird sich nie ermitteln lassen, weil viele erst an den Spätfolgen der Strahlung starben.

"Krampfhafter Rückgriff auf Waffen"

Von einem "himmelschreienden Anschlag" auf die Menschheit sprach Papst Franziskus erst im vergangenen November bei einem Besuch in Hiroshima und Nagasaki. "Hier sind von vielen Männern und Frauen, von ihren Träumen und Hoffnungen, inmitten von Blitz und Feuer nichts als Schatten und Stille zurückgeblieben." Während ein großer Teil der Menschen auf der Welt hungere und leide, würden mit neuen Waffen Vermögen gemacht. Er kritisierte einen "krampfhaften Rückgriff auf Waffen, als ob diese eine friedliche Zukunft gewährleisten könnten".

Papst Franziskus 2019 in Japan: Das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche besuchte auch Hiroshima. (Quelle: imago images/Rodrigo Reyes xMarin)Papst Franziskus 2019 in Japan: Das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche besuchte auch Hiroshima. (Quelle: Rodrigo Reyes xMarin/imago images)

Nur wenige Tage vor dem Oberhaupt der katholischen Kirche hatte auch Bundesaußenminister Heiko Maas Hiroshima besucht und sich ebenfalls für nukleare Abrüstung eingesetzt. "Die Erinnerung an das Leid der Menschen in Hiroshima und Nagasaki darf nie verblassen. Wir haben eine gemeinsame Verantwortung dafür, dass sich solches Leid niemals wiederholt! Für eine friedliche Welt ohne Atomwaffen!", schrieb der SPD-Politiker wenige Monate vor dem 75. Jahrestag des Atombombenabwurfs ins Gedenkbuch des Friedensmuseums. Klare Worte – doch ändert sich nichts.

Zwar geht die Zahl der Atomsprengköpfe in aller Welt zurück, Anfang dieses Jahres gab es schätzungsweise noch 13.400 solcher Sprengköpfe, wie aus dem Jahresbericht des Friedensforschungsinstituts Sipri hervorgeht. Das ist weniger als ein Fünftel des Arsenals von etwa 70.000, über das die Atommächte zu Spitzenzeiten des Kalten Krieges Mitte der 1980er Jahre verfügten. Doch die großen Atommächte wie die USA, Russland und China modernisieren ihre Atomwaffenarsenale und machen sie damit einsatzfähiger.

Japan könnte schnell Atomwaffen haben

Vor drei Jahren beschlossen zwei Drittel der UN-Mitglieder einen Vertrag zum Verbot von Atomwaffen. Die fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats Großbritannien, China, Frankreich, Russland und die USA – allesamt Staaten, die im Besitz von Atomwaffen sind – traten dem Vertrag aber nicht bei. Deshalb will auch Deutschland nicht beitreten. Gleiches gilt für Japan.

"Zwar ist der Pazifismus, der auf der Erfahrung von Hiroshima und Nagasaki beruht, heute in Japans Gesellschaft tief verankert", meint Sven Saaler, Professor für Moderne Japanische Geschichte an der Sophia Universität in Tokio. Die Politik der japanischen Regierung sei jedoch von "geopolitischen Überlegungen geprägt", sagt er. So gebe es auch in Japan mittlerweile Stimmen, die eine nukleare Bewaffnung des Landes forderten. "Denn ob die USA unter ihrer erratischen Führung noch ein zuverlässiger Bündnispartner sind, ist alles andere als klar."

Japan kritisiere zwar einerseits die nukleare Bewaffnung Nordkoreas. Die Befürworter einer nuklearen Bewaffnung Japans übersähen jedoch, dass das Land den gleichen Weg wie Nordkorea beschreiten müsste. "Es müsste nämlich zuallererst aus dem Atomwaffensperrvertrag austreten", meint Saaler. Das Hightechland Japan verfüge allerdings schon jetzt über die Technologie, in nur wenigen Wochen atomare Waffen herzustellen. In den rund 50 Atomreaktoren des Landes lagere zudem ausreichend atomwaffenfähiges Material.

Hiroshima und Nagasaki mahnen

"Vielleicht werde ich nicht lang genug leben, die vollständige Abschaffung nuklearer Waffen mitzuerleben, aber es wäre schön, wenn dies passierte", sagte die inzwischen 88 Jahre alte Überlebende des Atombombenabwurfs über Hiroshima, Setsuko Thurlow, kürzlich laut japanischen Medien. Sie war 13 Jahre alt, als an jenem Morgen des 6. August 1945 der US-Bomber "Enola Gay" die Atombombe namens "Little Boy" über Hiroshima abwarf.

Ihre Heimatstadt ist heute ein weltweites Symbol für Krieg – und für Frieden. Thurlow setzt sich mit anderen Überlebenden dafür ein, dass das Grauen von damals nicht in Vergessenheit gerät.

Laut einer Umfrage unter 4.700 Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki gaben jedoch 78 Prozent an, dass es schwer für sie geworden sei, die Erinnerungen weiter wachzuhalten. Nur 45 Prozent glauben, dass der Vertrag zum Verbot von Atomwaffen von 2017 tatsächlich irgendwann zur Abschaffung aller Arsenale führen wird. Die Hoffnung darauf schwindet. "Die Überlebenden werden irgendwann wegsterben", sagte der inzwischen 93-jährige Überlebende Shoji Tanaka. "Wir werden die Abschaffung der Atomwaffen der nächsten Generation überlassen."

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa

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