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Gas-Erpressung: Warum Wladimir Putins Verzweiflung wächst


Putins Verzweiflung wächst

Von Wladimir Kaminer

Aktualisiert am 16.08.2022Lesedauer: 4 Min.
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Wladimir Putin: Hat sich der Kremlchef mit der Gas-Drohung verzockt?
Wladimir Putin: Hat sich der Kremlchef mit der Gas-Drohung verzockt? (Quelle: Vyacheslav Prokofyev/dpa)
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Gerne lässt Russland seine Muskeln am Gashahn spielen. Aber ist dieses Spiel mit den Ängsten der Deutschen klug? Eigentlich ist es sogar recht dumm.

Die ersten Monate in Berlin hatten wir, junge Geflüchtete aus Russland, damals wenig Kontakt mit der Außenwelt. Die ersten Einheimischen, die uns im Ausländerwohnheim besuchten, waren die Zeugen Jehovas. Wir sollten sofort in ihren Turm umziehen.

Fast zeitgleich mit den Zeugen kamen dann die Versicherungsvertreter, die uns sehr eindrucksvoll erklärten, dass man hier in Deutschland nur mit Haftpflicht- und Unfallversicherung glücklich werden könnte, von der Rentenversicherung ganz zu schweigen. Denn es kann jederzeit etwas Furchtbares passieren.

Man solle auf alle Belange des Lebens vorbereitet sein. Wir lachten nur über die Versicherungsvertreter. Wir hatten keine Arbeit, konnten die Sprache nicht, wir waren schwer damit beschäftigt, unsere Gegenwart aufzubauen – wir hatten schlichtweg keine Zeit, an die Zukunft zu denken. Man soll erst die Probleme lösen, nachdem sie auftauchen, sonst wird man vor Angst in den Wahnsinn getrieben.

(Quelle: Frank May)

Wladimir Kaminer ist Schriftsteller und Kolumnist. Er wurde 1967 in Moskau geboren und lebt seit mehr als 30 Jahren in Deutschland. Zu seinen bekanntesten Büchern gehört "Russendisko". Im Sommer 2021 erschien sein neuestes Buch "Die Wellenreiter. Geschichten aus dem neuen Deutschland".

Damals wussten wir noch nicht, dass die Zukunftsangst ein wichtiges Identifikationsmerkmal hierzulande ist. Die Vorsorge, das beruhigende Gefühl, dass einem nichts passieren kann, egal was kommt, soll wie die Bachblüten-Tropfen wirken: Selig sind diejenigen, die daran glauben, alle anderen bleiben nervös.

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Die Zukunftsangst ist eine Volkskrankheit der Deutschen, laut aktueller Umfrage blicken nur 19 Prozent optimistisch in die Zukunft. Die anderen frühstücken jeden Morgen am Rande der Apokalypse. Diese harmlose Marotte kann leicht gegen das Land wie eine Waffe angewendet werden.

Wir sehen das an dem aktuellen Gaserpressungsversuch der russischen Regierung. Das Regime lässt nichts unversucht, um die Europäer unter Druck zu setzen: Sollte die Stimmung in Europa kippen, könnte es dem Kreml zu einem Sieg verhelfen. Und die Sieger haben immer recht, sie werden nicht bestraft.

Ohne Geld kein Krieg

Also sägen die Russen an jedem Stuhl, auf dem die Europäer sitzen. Gleichzeitig sieht man an diesen Erpressungsversuchen, wie die Verzweiflung im Kreml steigt. Alles, was das Regime in der letzten Zeit unternimmt, ist von einer gewissen Debilität gekennzeichnet. Denn der Zeitpunkt für die Gaserpressung war denkbar unpassend gewählt, mitten in einem sehr heißen Sommer.

Deutsche Gasreservoirs sind mittlerweile gut über 70 Prozent gefüllt, besser als vor dem Krieg, mit dem vorhandenem Gas könnten wir den Winter überstehen. Nicht genug: Mehr als die Hälfte unseres Stroms kommt aus erneuerbaren Energien, Tanker mit Flüssiggas sind unterwegs, und wenn es hart auf hart kommt, haben wir enorme Kapazitäten bei Atom- und Kohlekraftwerken in Reserve. Das Öl-Embargo gegen Russland tritt Ende des Jahres in Kraft, ohne Öl-Geld kann das Regime den Krieg keine drei Monate weiterführen.

Wladimir Putins Regime ist auf europäisches Geld angewiesen, auch was die Gaslieferungen betrifft. Sie können nicht in der aktuellen Situation diese Milliarden an Kubikmetern Gas nach China oder nach Indien umsteuern, dafür brauchte es eine neue Gasleitung.

Russische Gasreservoirs platzen von nicht verkauftem Gas, etliche Gas- und Öl-Vorkommen werden bereits geschlossen, was zusätzliche enorme Kosten verursacht.

In dieser Branche ist weniger zu produzieren, teurer als Krieg zu führen. Der Erpressungsversuch war ein Bluff. Und doch machte sich die berühmt-berüchtigte German Angst breit.

Wenn man den Zeitungen glauben darf, froren die Deutschen bereits jetzt, bei 30 Grad im Schatten. Der Wirtschaftsminister aktivierte die Alarmstufe II und duscht jetzt nur noch lauwarm, drei Minuten statt fünf.

Turbinenspezialist Scholz

Die Bundestagspräsidentin mochte die Klimaanlage im Bundestag zwei Grad runterdrehen, alles wegen Putin. Als formaler Vorwand für Gasengpässe hatte die russische Seite zuerst behauptet, die Rücklieferung der Turbine, die in Kanada gewartet wurde, sei unmöglich wegen der Sanktionen. Die Sanktionen wurden dafür extra aufgehoben. Danach wandte das russische Regime ein, die Dokumentation zu der Turbine passe nicht.

Olaf Scholz: Die Turbine sollte eigentlich längst wieder dem Gastransport nach Deutschland dienen.
Olaf Scholz: Die Turbine sollte eigentlich längst wieder dem Gastransport nach Deutschland dienen. (Quelle: Christoph Reichwein/imago-images-bilder)

Die Firma Siemens hatte die Dokumentation geprüft. Um die Abnehmerseite noch mehr zu verhöhnen, sagten die Russen, eigentlich sei die Turbine kaputt, sie dreht sich nicht. Daraufhin hatte der Bundeskanzler persönlich die Turbine besichtigt und hineingeschaut, ob sie sich dreht, als hätte er in seinen jungen Jahren Turbinenbauer und nicht Jurist gelernt. Möchte er bald auch in die russische Gasleitung hineingucken, um festzustellen, dass trotz aller Anstrengungen kein Gas mehr fließt, was würde er wohl am anderen Ende sehen?

Das fröhliche Gesicht seines Parteikollegen Gerhard Schröder, der seit geraumer Zeit auf der Seite des russischen Regimes für sozialdemokratische Werte kämpft. Die Angst ist ein schlechter Ratgeber und als Grundlage für politisches Handeln nicht zu gebrauchen.

Man darf nicht zu tief schauen in die russische Gasleitung: Sonst wird man hineingezogen und landet auf der falschen Seite. Und kalt duschen kurbelt die Durchblutung an, dient der Stärkung der Abwehrkräfte und hält wach und wachsam. Das brauchen wir mehr als russisches Gas.

Die in Gastbeiträgen geäußerten Ansichten geben die Meinung der Autoren wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online-Redaktion.

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