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Diese K├Ąmpfer treiben den IS vor sich her

Von t-online
Aktualisiert am 02.12.2015Lesedauer: 5 Min.
YPG-K├Ąmpfer vor einem eroberten Posten des IS - im Hintergrund das Logo des Islamischen Staates.
YPG-K├Ąmpfer vor einem eroberten Posten des IS - im Hintergrund das Logo des Islamischen Staates. (Quelle: Christian Kreutzer)
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Von Christian Kreutzer, aus Qamischli in Nordsyrien

Wie kann man den IS am Boden besiegen? Das machen die Einheiten der syrisch-kurdischen PKK-Tochter YPG dem Westen gerade vor.


Foto-Serie

AL-Hawl, einen Tag nach der Befreiung
Ein kurdischer YPG-K├Ąmpfer steht vor dem verwaisten Hauptquartier des IS in Al-Hawl.
+5

Durch die syrische W├╝stenstadt Al-Hawl weht ein eisiger Wind. Ab und zu rasen kurdische K├Ąmpferinnen und K├Ąmpfer auf Pickups in Richtung Front. Ansonsten sind die Gassen menschenleer, die Bewohner geflohen.

In einer Garage abseits der Hauptstra├če knien Kurden und Araber abwechselnd neben einem Sofa nieder. Sie l├Ącheln, heben den Daumen und lassen sich von ihren Kameraden fotografieren. Auf dem Sofa liegt ein toter IS-K├Ąmpfer. Die Front ist ├╝ber ihn hinweg gezogen: Der Gesch├╝tzdonner hallt bereits aus mehreren Kilometern Entfernung ├╝ber die endlose Ebene vor der Stadt.

Verwaist liegen das ├Ârtliche Hauptquartier des IS, eine Bombenwerkstatt in einer Schule und ein Stahlger├╝st auf einem Platz: Daran wurden Menschen ├Âffentlich ausgepeitscht oder hingerichtet.

Ort des Schreckens: Hier bestrafte der IS "S├╝nder" auf einem ├Âffentlichen Platz.
Ort des Schreckens: Hier bestrafte der IS "S├╝nder" auf einem ├Âffentlichen Platz. (Quelle: Christian Kreutzer)
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Koalition mit Beduinen-Kriegern

Hier, s├╝d├Âstlich der W├╝stenmetropole Hasaka, haben die als "Volksverteidigungseinheiten" bekannten Truppen der Kurdenpartei Partiya YekitIya Demokrat (PYD) wieder einmal die Anh├Ąnger des "Islamischen Staates" (IS) geschlagen.

Geholfen hat die amerikanische Luftwaffe. Mitgek├Ąmpft haben arabische Verb├╝ndete. Diese sind vor allem Stammesk├Ąmpfer der beduinischen Sanadid, die beiderseits der syrisch-irakischen Grenze leben. "Syrian Democratic Forces" hei├čt diese neue Koalition. Die Hauptrolle spielen indes die kurdischen YPG-Truppen, die der PKK nahe stehen.

Hier im Norden Syriens war es, wo PKK-Gr├╝nder Abdullah ├ľcalan bis 1998 immer wieder untertauchte, bevor ihn der t├╝rkische Geheimdienst 1999 in Nairobi fasste. Seither schmort er in Haft auf einer Insel vor Istanbul.

Was ├ľcalan in der T├╝rkei nicht schaffte, ist den YPG-Kr├Ąften in den Wirren des syrischen B├╝rgerkrieges gelungen: Sie haben eine autonome Kurdenregion etabliert. Ihre Einwohner nennen sie Rojava, ├╝bersetzt hei├čt das "Westen" und steht f├╝r Westkurdistan.

"Jeder, der uns hilft, diese Pest zu besiegen, ist willkommen"

Genau so nennt sich auch der kurdische Kommandeur der Befreier von Al-Hawl. Levend Rojava hat gerade der beeindruckenden Liste kurdischer Siege gegen den IS einen weiteren hinzugef├╝gt. Und er will mehr: "Jetzt holen wir uns Shadada", erkl├Ąrt er, eine ├ľlstadt 100 Kilometer weiter s├╝dlich. "Dann kommt Deir es-Sor."

Für die USA ist die siegreiche YPG mittlerweile der wichtigste Verbündete auf syrischem Boden - zum Ärger des Nato-Partners Türkei, dem immer wieder vorgeworfen wird, sogar den IS diskret zu unterstützen, nur um den PKK-Ableger klein zu halten.

Sinnbild dieser Politik ist die nordsyrische Stadt Kobane: Die hatte der IS schon fast erobert, bevor sie im Januar dieses Jahres wieder befreit wurde. T├╝rkische Truppen schauten zu und unterbanden, dass die eingeschlossenen Kurden Nachschub bekamen. Die US-Luftwaffe verhinderte das Schlimmste.

Ist die YPG damit ein Verb├╝ndeter des Westens? "Jeder ist uns willkommen", sagt Rojava. "Gerne auch Moskau. Jeder, der uns hilft, diese Pest zu besiegen." Levend Rojava hat eine einfache Botschaft: "Gebt uns endlich mehr Waffen. Wir k├Ąmpfen mit Kalaschnikows und Maschinengewehren gegen den IS mit seinen schweren Gesch├╝tzen und Panzern." Und er f├╝gt hinzu: "Wir k├Ąmpfen doch f├╝r Euch alle!"

Der Westen hat damit seine Probleme. Schlie├člich steht die t├╝rkisch-kurdische PKK, die Mutter der YPG und ihres politischen ├ťberbaus, der kommunistischen PYD, immer noch auf den Terrorlisten vieler Nato-Staaten.

Blutjunge Frauen werden Scharfsch├╝tzinnen

Was macht der syrische PKK-Ableger? Er errichtet in seinen drei "Kantonen" im Norden des Landes gerade ein sozialistisches Utopia. F├╝r den Nahen Osten ist es unerh├Ârt fortschrittlich: In der Kurdenhauptstadt Hamuda, nahe der t├╝rkischen Grenze, bewachen M├Ąnner und Frauen gemeinsam den Zugang zum Regierungskomplex. Frauen spielen in den Reihen der YPG-Miliz fast die gleiche Rolle wie M├Ąnner - auch als Kommandantinnen.

"Girls with guns" - auch blutjunge kurdische K├Ąmpferinnen jagen den IS.
"Girls with guns" - auch blutjunge kurdische K├Ąmpferinnen jagen den IS. (Quelle: Christian Kreutzer)

Oft werden blutjunge K├Ąmpferinnen der Frauenmiliz YPJ (Die YPJ ist Teil der YPG und besteht aus freiwilligen Frauen) als Scharfsch├╝tzinnen knapp hinter den Hauptkampflinien oder sogar an vorderster Front eingesetzt. "Ich bin vor allem bei der YPJ, weil ich mir von M├Ąnnern nichts mehr vorschreiben lassen will", sagt etwa eine 19-J├Ąhrige in Al-Hawl selbstbewusst.

Dann die Religion: Die soll im neuen Rojava nur noch im Privatleben vorkommen. Moslem, Christ oder Jeside - das interessiert YPG und PYD nicht. Regierungsposten werden gemischt besetzt: jeweils ein Kurde, ein Araber, ein assyrischer Christ teilen sich die Ministerien. Umweltschutz spielt im Regierungsprogramm ebenfalls eine gro├če Rolle.

400 Kilometer von der Front bei Al-Hawl entfernt, zieht im zerst├Ârten Kobane ein strahlender Wintermorgen herauf. Die Stadt summt geradezu beim Wiederaufbau: Drei Viertel der rund 100.000 Bewohner sind zur├╝ckgekehrt. ├ťberall knattern Mopeds durch die Gassen, h├Ąmmern Maurer, rufen Marktschreier, johlen Kinder.

Vier Monate haben die Kurden gegen den IS mitten in ihrer Stadt gek├Ąmpft, 42 Autobombenanschl├Ąge auf ihre Linien ├╝berstanden. An der ehemaligen Frontlinie sieht man Bombentrichter: Hier haben US-Jets mitten in der Stadt ganze H├Ąuser mit IS-Stellungen in die Luft gejagt. Jetzt verl├Ąuft die Front am Euphrat, 40 Kilometer von Kobane entfernt.

Der wahre Horror ist das Assad-Regime

Ein Bekenntnis zum Westen bekommt man auch hier nicht: "Jeder ist uns willkommen. Wir brauchen vor allem jede Art von Waffen", wiederholt gebetsm├╝hlenartig der Verteidigungsminister des Kantons Kobane, Ismet Sheik Hessen, und schaut die Besucher undurchdringlich an.

Gegen├╝ber von Hessens Schreibtisch h├Ąngt ein v├Âllig ├╝berdimensioniertes Bild von Abduallah ├ľcalan. Hessen selbst sieht aus wie der PKK-Gr├╝nder: Schnurrbart, zur├╝ckgek├Ąmmtes kurzes Haar, entschlossener Blick - ein bisschen Stalin auf kurdisch.

Auf Kritik reagiert das junge Regime ungehalten. Deshalb will auch ein Oppositioneller bei einem geheimen Treffen in der syrisch-t├╝rkischen Grenzstadt Qamischli keinesfalls mit Namen genannt werden. Er geh├Ârt zum "Kurdish National Council" und ist Anh├Ąnger des Kurden-Pr├Ąsidenten Masud Barzani im Nordirak. Mit dessen Peschmerga-Regime liegt die YPG ├╝ber Kreuz.

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Beobachter unterstellen den YPG Menschenrechtsverletzungen: Gelegentlich seien Araber summarisch aus eroberten D├Ârfern vertrieben worden, weil man ihnen Komplizenschaft mit dem IS unterstellte. Zu Beginn ihrer Herrschaft, 2011 und 2012, sollen einzelne oppositionelle Kurden verschwunden und ermordet worden sein.

Umgekehrt wirft die PYD der Barzani-Regierung in Erbil vor, sie paktiere mit der t├╝rkischen Regierung und habe dem Vormarsch des IS ÔÇô inklusive dem Mord an den jesidischen Kurden im Sindschar ÔÇô lange tatenlos zugeschaut. Retter waren auch damals die YPG, die den Jesiden einen Fluchtkorridor freik├Ąmpfte.

In Lebensgefahr f├╝hle er sich nicht, sagt der Oppositionelle, aber er verliere wom├Âglich seine Arbeitserlaubnis, so der Mann. Das Assad-Regime, das sich mit der YPG die Kontrolle ├╝ber Qamischli teilt, und dessen bedrohliche Checkpoints man in der Stadt sehen kann, verursache bei ihm aber einen viel gr├Â├čeren Horror. Laut Amnesty International hat das Regime in den vergangenen vier Jahren 70.000 Menschen verschwinden lassen - viele davon zu Tode gefoltert.

"Die YPG sind keine m├Ârderischen Unterdr├╝cker", sagt er. "Sie m├╝ssen es auch nicht sein: Sie kontrollieren ohnehin alles. Und die Bev├Âlkerung ist auf ihrer Seite - bis jetzt." Fakt ist: Ohne PYD und YPG geht nichts hier. Engmaschig ├╝berziehen ihre Checkpoints das Land.

"Gebt uns Waffen, aber bleibt uns vom Leib", lautet die unausgesprochene Botschaft der kurdischen Herrscher: Andi, eine Schweizer Aktivistin der "Roten Hilfe", die es immer wieder nach Kobane zieht, gibt zu, dass die YPG-Herrscher schwer durchschaubar seien. "Die haben Jahrzehnte lang gegen die T├╝rkei gek├Ąmpft. Keiner hat ihnen geholfen. Jetzt vertrauen sie niemandem mehr", sagt Andi.

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