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Iran: Absturz von Flug PS752 – Warum ein Versehen unwahrscheinlich ist


Kann ein Flugzeug aus Versehen abgeschossen werden?


Aktualisiert am 11.01.2020Lesedauer: 4 Min.
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Absturzstelle in Schahedschahr: Flug PS752 verschwand am Mittwochmorgen vom Radar und stürzte im Umland von Teheran ab.Vergrößern des Bildes
Absturzstelle in Schahedschahr: Flug PS752 verschwand am Mittwochmorgen vom Radar und stürzte im Umland von Teheran ab. (Quelle: Ebrahim Noroozi/ap-bilder)

Warum stürzte Flug PS752 am Mittwochmorgen über dem Iran ab? Videos vom Unglücksort lassen einen Abschuss vermuten. Wenn das stimmt: Wie konnte sich die Luftabwehr so verschätzen?

Nach dem Absturz einer ukrainischen Passagiermaschine nahe Teheran verdichten sich offenbar Hinweise, dass das Flugzeug vor dem Aufprall von einer Rakete getroffen wurde. Die "New York Times" und die Recherche-Plattform "Bellingcat" werteten Aufnahmen von Augenzeugen des mutmaßlichen Abschusses aus und stuften diese als authentisch ein. Darauf ist ein schnell und schräg in den Himmel aufsteigendes Objekt zu sehen, bevor ein heller Blitz erscheint.

Die kanadische Regierung war unter Berufung auf Geheimdienstinformationen bereits zuvor von einem Beschuss ausgegangen und hatte die iranische Führung verantwortlich gemacht. Ähnlich äußerte sich Großbritannien. Der US-Sender CNN berichtete, Auswertungen von Satelliten-, Radar- und anderen elektronischen Daten der US-Dienste würden die Theorie eines versehentlichen Abschusses untermauern.

Sollte sich der Verdacht bestätigen, käme der Iran in Erklärungsnot. Er hatte Spekulationen über einen Abschuss als "psychologische Kriegsführung" zurückgewiesen und einen technischen Defekt als Ursache genannt. Allerdings befand sich das Land zum Zeitpunkt des Absturzes in Alarmbereitschaft. Es stellte sich auf einen Gegenschlag der USA als Reaktion auf den Beschuss von Stützpunkten im Irak ein. Könnte es dabei zu einer folgenschweren Fehleinschätzung, zu menschlichem Versagen gekommen sein?

Verwechslung? Eigentlich ausgeschlossen

Geheimdienstkreisen zufolge wurde Flug PS752 von einem "Tor"-Flugabwehrsystem vom Himmel geschossen. Das System russischer Bauart mit dem Nato-Codenamen "SA-15 Gauntlet" ist für die Abwehr von beweglichen Zielen in kurzer Entfernung und bis zu einer Höhe von sechs Kilometern entwickelt worden. Sein Radar-System gilt als präzise und reaktionsschnell und verfügt über eine Freund-Feind-Erkennung.

Unter normalen Umständen sind bei einem solchen System Verwechslungen ausgeschlossen, denn zivile Klein- und Großflugzeuge senden zur Identifizierung automatische Transponder-Codes, die ihnen von der Luftaufsicht zugeordnet werden. Aber selbst wenn die entsprechende Freund-Feind-Erkennung defekt gewesen sein sollte, blieben noch weitere Optionen, eine fehlerhafte Zielerfassung zu vermeiden.

Eine davon ist ein Abgleich mit den Flugplänen. PS752 hob um 6.12 Uhr Ortszeit vom Teheraner Imam-Khomeini-Flughafen ab, nachdem der Flug zuvor um knapp eine Stunde verschoben worden war. Ein weiterer Hinweis ist das Flugverhalten. Wäre die Maschine im Tiefflug und mit hoher Geschwindigkeit in Richtung potenzieller iranischer Ziele unterwegs gewesen, hätten in der Luftkontrolle die Alarmsirenen schrillen können.

Tatsächlich aber war die Maschine zum Zeitpunkt des Unglücks bei moderatem Tempo im Steigflug unterwegs. "Sie entfernt sich aus der Region, steigt in normalem Winkel auf, versteckte ihre Kennung nicht – sieht alles nach Routine aus", erläutert der pensionierte US-Air-Force-Leutnant David Deptula bei "Forbes".

Noch dazu kam die Boeing 737-800 aus Richtung des Landesinneren. Sie entfernte sich von der Hauptstadt nach Nordwesten auf einer von vielen Verkehrsflugzeugen genutzten Route. Wäre die Maschine in entgegengesetzter Richtung geflogen, wäre eine Auswahl als mögliches Feindobjekt zumindest naheliegender gewesen.

Iran war im Alarmzustand

Am ehesten noch könnten die Umstände zu der tragischen Entscheidung geführt haben, das Flugzeug der Ukraine International Airlines abzuschießen. Keine zwei Stunden zuvor hatte der Iran Vergeltung für die Tötung seines Topgenerals Ghassem Soleimani durch eine US-Drohne geübt. Raketen schlugen in der Umgebung zweier Stützpunkte im benachbarten Irak ein, die auch vom US-Militär genutzt werden.

Zum Zeitpunkt des Flugzeugabsturzes war noch unklar, ob es zu Opfern auf den Armeebasen gekommen war. Auf iranischer Seite dürften nicht wenige eine rasche und harte Antwort der USA befürchtet haben, was möglicherweise in Teilen der Streitkräfte zu Nervosität führte.

Fakt ist, dass Flug PS752 nur sechs Minuten nach dem Start um 6.18 Uhr vom Radar verschwand. Einen Notruf der Besatzung gab es nicht. An Bord der Maschine waren 167 Passagiere und neun Besatzungsmitglieder. Die meisten Reisenden waren Iraner oder iranischstämmige Kanadier, die über die Ukraine nach Kanada weiterreisen wollten.

Flugschreiber werden ausgewertet

Am Freitag begannen nach iranischen Angaben die Ermittlungen zur Klärung der Absturzursache. Iranische und ukrainische Experten hätten ihre Arbeit in einem Labor am Flughafen Mehrabad in Teheran aufgenommen, gab der Leiter der Luftfahrtbehörde, Ali Abedsadeh, im Fernsehen bekannt. Ihr Ziel sei die Auswertung der beiden schwer beschädigten Flugschreiber – des Flugdatenschreibers und des Aufzeichners der Geräusche in der Pilotenkanzel. Dabei geht es auch um die letzten Worte des Kapitäns.

Die Auswertung der Kommunikations- und Flugdatenaufzeichnungen könne ein oder zwei Monate, die gesamten Ermittlungen ein bis zwei Jahre dauern, ergänzte Abedsadeh. Berichten zufolge will der Iran auch Fachleute unter anderem aus den USA einbeziehen. Paris bot technische Hilfe an. Die Bundesregierung erklärte, deutsche Experten stünden bereit, bei den Ermittlungen zu unterstützen.

Die iranische Luftfahrtbehörde hatte bereits am Donnerstag überraschend schnell einen vorläufigen Bericht vorgelegt, worin von einem technischen Problem kurz nach dem Start die Rede war. Sicherheitskreisen zufolge waren auch westliche Geheimdienste zunächst von einer technischen Absturzursache ausgegangen.

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