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Gewalt in Moria ÔÇô wir sind zwischen die Fronten geraten

Eine Reportage von Nathalie Rippich aus Moria

Aktualisiert am 11.03.2020Lesedauer: 6 Min.
Das Fl├╝chtlingscamp Moria auf Lesbos: Frust entl├Ądt sich immer wieder in Gewalt.
Das Fl├╝chtlingscamp Moria auf Lesbos: Frust entl├Ądt sich immer wieder in Gewalt. (Quelle: Armin Durgut/PIXSELL/imago-images-bilder)
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Die t-online.de-Reporterinnen Madeleine Janssen und Nathalie Rippich sind im ber├╝chtigten Fl├╝chtlingslager Moria auf Lesbos in eine gef├Ąhrliche Situation geraten. Geblieben sind sie trotzdem.

Ein bei├čender Geruch liegt in der Luft ÔÇô eine Mischung aus Rauch, Feuchtigkeit, M├╝ll und Urin. Der "Dschungel" liegt im Dunst, der Boden ist matschig. Die Hauptstra├če, die diesen Namen nicht verdient, f├╝hrt ein St├╝ck bergauf. Links neben dem provisorischen Weg schl├Ąngelt sich ein Kanal entlang. Er f├╝hrt kein Wasser, sondern M├╝ll. Vor allem Plastikflaschen, gef├╝llt mit Urin. Es ist der Eingang zur zweitgr├Â├čten Stadt der Insel Lesbos. Einer Stadt, die es niemals geben sollte.

3.000 Menschen sollten im ber├╝chtigten Fl├╝chtlingslager Moria maximal leben. L├Ąngst sind es rund 22.000. Die Kontrolle ├╝ber die Einrichtung hat die griechische Regierung l├Ąngst verloren. Nach den massiven Angriffen durch Rechtsextreme auf Helfer und Journalisten in der vergangenen Woche sind die meisten Menschen sich selbst ├╝berlassen. Die Freiwilligen haben in gro├čer Zahl die Insel verlassen. Es wurde einfach zu gef├Ąhrlich f├╝r sie.

Blick vom Eingang in den "Dschungel" von Moria: Der Kanal im Elendslager auf Lesbos f├╝hrt kein Wasser, sondern M├╝ll.
Blick vom Eingang in den "Dschungel" von Moria: Der Kanal im Elendslager auf Lesbos f├╝hrt kein Wasser, sondern M├╝ll. (Quelle: /T-Online-bilder)
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Ab und an f├Ąhrt die Polizei ├╝ber die ruckeligen Pisten, zeigt Pr├Ąsenz. Nur selten steigen die Beamten aus. Und wenn sie es tun, geht das f├╝r die Bewohner selten gut aus. Die Rechtsstaatlichkeit ist zurzeit ausgesetzt. Das berichtet auch der Europa-Abgeordnete Erik Marquardt, der seit zwei Wochen auf der Insel ist, um sich und andere ├╝ber die Entwicklungen zu informieren. Viele auf der Insel sind sich l├Ąngst einig: Verlass ist auf die Polizei hier nicht mehr.

Wie aufgeladen die Lage im Fl├╝chtlingscamp Moria ist und zu welchen ├ťbergriffen es t├Ąglich kommt, sehen Sie oben im Video oder hier.

Dicht an dicht

Am Dienstagnachmittag kursieren auf der Insel Ger├╝chte, es habe Gewalt im Camp Moria gegeben. Als wir gegen 16 Uhr ankommen, ist es ruhig. Nichts deutet darauf hin, dass wir das Fl├╝chtlingslager besser nicht betreten sollten. Im Gegenteil: Wir werden freundlich begr├╝├čt. Kinder, Jugendliche, Erwachsene ÔÇô jeder, der uns begegnet, scheint sich ├╝ber unseren Besuch zu freuen. Begleitet werden wir von einem Fotografen und einem Kameramann. Sie kennen sich aus, waren beide mehrfach auf Lesbos im Einsatz. Sie helfen uns, uns in der Fremde zurechtzufinden. Auch sie sch├Ątzen die Lage als sicher ein.

Obwohl Regen angesagt ist, scheint die Sonne. Rauch liegt ├╝ber den Zelten, die aus Paletten und Planen notd├╝rftig zusammengeschustert wurden. Sie stehen dicht gedr├Ąngt und erstrecken sich scheinbar bis in die Unendlichkeit. Zwischen M├╝ll, Matsch und Ratten leben Menschen. Sie gehen zum Gem├╝sestand, zum B├Ącker, zum Friseur. Moria ist elendig, aber Moria ist eine kleine Stadt geworden, in der sich die Menschen organisieren.

Blick vom Eingang des "Dschungels" auf die Hauptstra├če: In Moria leben rund 22.000 Menschen unter katastrophalen Bedingungen. Immer wieder kommt es zu gewaltt├Ątigen Auseinandersetzungen.
Blick vom Eingang des "Dschungels" auf die Hauptstra├če: In Moria leben rund 22.000 Menschen unter katastrophalen Bedingungen. Immer wieder kommt es zu gewaltt├Ątigen Auseinandersetzungen. (Quelle: /T-Online-bilder)

Doch Moria ist keine europ├Ąische Stadt. Zelte reihen sich dicht an dicht. So hausen die Gefl├╝chteten ohne die Chance, einander aus dem Weg zu gehen. Der Tag besteht aus Langweile. "Die Menschen verbringen ihre Zeit mit Essen und K├Ârperpflege", sagt einer unserer Begleiter. Und, kaum zu glauben, er hat recht: Obwohl regelm├Ą├čig der Strom abgestellt wird, es kaum Duschen und Toiletten gibt, geschweige denn genug Kleidung, sind die Bewohner von Moria sehr gepflegt. Doch das allein macht noch kein Leben. Urspr├╝nglich sollten die Menschen hier nur wenige Tage, maximal Wochen verbringen. Viele haben das Lager seit Monaten oder Jahren nicht verlassen. Das frustriert.

Frustration entl├Ądt sich in Gewalt

Immer wieder entl├Ądt sich diese Frustration in Gewalt. Obwohl wir uns zun├Ąchst sicher f├╝hlen, kippt die Lage. Keine 200 Meter hat unsere kleine Besuchergruppe zur├╝ckgelegt, als die Stimmung von entspannt zu gef├Ąhrlich umschl├Ągt: Am ├ťbergang zwischen dem offiziellen Lager und dem "Dschungel" kommt es zu einem Tumult. Der Weg f├╝hrt bergab, eine Gruppe von vermummten jungen M├Ąnnern kommt uns entgegengerannt. Die St├Âcke, Eisenstangen und Messer in ihren H├Ąnden bemerken wir zu sp├Ąt. Unsere Begleiter mit ihren Kameras geraten in den Fokus der aggressiven Gruppe, auch wenn sie nicht ihr urspr├╝ngliches Ziel waren.

Gewalt ist in Moria an der Tagesordnung. Ein kleiner Funke reicht, um eine Explosion auszul├Âsen. Was an diesem Dienstagnachmittag zu einer Auseinandersetzung zwischen zwei afghanischen Gruppen gef├╝hrt hat, ist unklar. Ger├╝chte im Lager deuten darauf hin, dass es um eine Frau ging. Es ging jedenfalls nicht um uns, trotzdem waren wir auf einmal mittendrin.

Unsere Begleiter werden von der Gruppe attackiert, einer wird hart angegangen. Das Letzte, was wir sehen, sind Arme, die in die Luft gestreckt werden. Ihre Verl├Ąngerung sind die massiven Eisenstangen ÔÇô ein bedrohlicher Anblick. Pl├Âtzlich werden wir weggezerrt. "Kommt, kommt. Kommt hierher."

Einer unserer Besch├╝tzer aus Somalia in Moria: Zum Abschied bittet er uns: "Vergesst uns nicht."
Einer unserer Besch├╝tzer aus Somalia in Moria: Zum Abschied bittet er uns: "Vergesst uns nicht." (Quelle: /imago-images-bilder)

Somalische Fl├╝chtlinge nehmen uns aus der Schusslinie

Eine Gruppe somalischer junger M├Ąnner zieht uns zwischen eine Reihe eng stehender Zelte. Sie packen unsere Kapuzen und ziehen sie uns ├╝ber den Kopf. "Sie haben Messer, das passiert jeden Tag und jede Nacht." Nach einem kurzen Schreckmoment verstehen wir, was hier passiert: Wir werden in Sicherheit gebracht. Etwa zehn junge M├Ąnner dr├Ąngen sich um uns. Sie bestehen darauf, dass wir in der Enge zwischen ihren Zelten verharren. "Bitte setzt euch hin."

Wir sind angespannt, weil wir pl├Âtzlich auf uns allein gestellt sind. "Habt keine Angst", sagen sie immer wieder, w├Ąhrend auf der Hauptstra├če unsere Freunde bedr├Ąngt werden. Wir sollen nicht aufstehen, unsere Besch├╝tzer observieren die Lage f├╝r uns. Und: Sie sp├╝ren, dass wir verunsichert sind. Sie wollen, dass wir wissen, dass wir sicher sind. Deshalb bitten sie zwei junge Frauen aus der n├Ąheren Umgebung hinzu und ziehen sich selbst ein St├╝ck zur├╝ck. Verunsicherung, eine latente Angst ob der unerwarteten Situation weichen Bewunderung, Respekt und Dankbarkeit.

Auf der Hauptstra├če wird diskutiert. Wir k├Ânnen die Szenerie nicht verfolgen, unsere Besch├╝tzer bitten uns, dass wir uns versteckt halten. Sie haben Angst, dass unsere Anwesenheit Aufmerksamkeit erregt und so ein neuer gef├Ąhrlicher Konflikt entbrennt. Sie bieten uns Platz in ihrem Zelt. Innen findet sich nicht viel mehr als ein paar Isomatten und Decken.

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Durch die Kamera bedr├Ąngt gef├╝hlt

Erst sp├Ąter werden wir erfahren, was genau passiert ist. Denn als sich der Konflikt auf der Hauptstra├če des "Dschungels" abk├╝hlt, lotsen die jungen Somalier unsere Helfer zu uns zwischen die Zelte. Wir k├Ânnen uns endlich austauschen. Die Gruppe Jugendlicher hat sich offenbar durch die Kameras bedr├Ąngt gef├╝hlt. Es hei├čt, sie wollten nach dem Konflikt mit der anderen Gruppe nicht fotografiert werden. Sie haben den M├Ąnnern Chipkarten und eine Kamera gestohlen. Es soll sich um eine afghanische Gang gehandelt haben. Fotografiert wurden sie nicht.

Die Ältesten der afghanischen Gemeinschaft in diesem Teil des riesigen Lagers nehmen sich des Problems an. Sie wollen, dass der Fotograf seine Kamera zurückbekommt. Das Verhalten der Angreifer verurteilen sie. Immer wieder entschuldigen sich Menschen für den Vorfall, die selbst nicht involviert waren.

Wir werden gebeten zu bleiben, uns werden Sitzgelegenheiten, frisches Obst und hei├čer Tee angeboten. Eine surreale Situation, doch das Lager mit seinen schlechten Bedingungen und die Gastfreundschaft der Leute faszinieren uns. Wir ziehen Aufmerksamkeit auf uns. Viele Menschen kommen, um uns zu begr├╝├čen. Ein kleines M├Ądchen bekommt von einem unserer Begleiter einen Schokoriegel. Sie bietet an, ihn zu teilen. Obwohl man in Europa wohl keinen schrecklicheren Ort finden kann, f├╝hlen wir uns wohl. Obwohl wir wenige Minuten zuvor eine bedrohliche Situation erlebt haben, f├╝hlen wir uns willkommen.

Warten auf die gestohlene Kamera: "The Translator" Nassir bringt uns auf den Stand der Beratungen. Mitglieder der afghanischen Community in Moria setzen sich f├╝r die Besucher ein.
Warten auf die gestohlene Kamera: "The Translator" Nassir bringt uns auf den Stand der Beratungen. Mitglieder der afghanischen Community in Moria setzen sich f├╝r die Besucher ein. (Quelle: /T-Online-bilder)

Nassirs Kinder sollen von der Gewalt nichts mitbekommen

Nassir wird uns an die Seite gestellt. Der 34-J├Ąhrige spricht flie├čend Englisch und wird uns als "The Translator" vorgestellt. Seit dreieinhalb Monaten ist er mit seiner Frau und seinen zwei S├Âhnen in Moria. Wie 70 Prozent der Gefl├╝chteten auf Lesbos kommt er aus Afghanistan. In seiner Community im "Dschungel" genie├čt er ein hohes Ansehen. W├Ąhrend wir vor einem Obststand im Kreis sitzen, besprechen die ├ältesten der Gemeinschaft, wie die gestohlene Kamera den Weg zur├╝ck zu ihrem Besitzer finden kann. Nassir h├Ąlt uns auf dem Laufenden ├╝ber den Stand der Beratungen.

"The Translator" Nassir: Der junge Afghane hat uns und unsere Begleiter in Moria ├╝ber die Vorg├Ąnge aufgekl├Ąrt. Er hat f├╝r uns die netten Worte der Bewohner ├╝bersetzt.
"The Translator" Nassir: Der junge Afghane hat uns und unsere Begleiter in Moria ├╝ber die Vorg├Ąnge aufgekl├Ąrt. Er hat f├╝r uns die netten Worte der Bewohner ├╝bersetzt. (Quelle: /T-Online-bilder)

Nach und nach stellt sich heraus, dass offenbar bereits den ganzen Tag ein Konflikt zwischen verschiedenen afghanischen Gruppierungen im Lager herrschte. "Sie haben unterschiedliche Ethnizit├Ąten, solche Konflikte gibt es hier dauernd", sagt Nassir. Seine Kinder verbringen die meiste Zeit im Zelt der Familie. "Ich will nicht, dass sie so etwas sehen und dann in Erinnerung behalten. Sie f├╝hlen sich wohler drinnen." Wenn man sich in Moria umsieht, scheint das nicht die schlechteste Idee zu sein. Kleinstkinder laufen bei 13 Grad ohne Schuhe durch den Dreck, dicke Ratten laufen durch den M├╝ll. Weil es kaum Toiletten gibt, urinieren die Menschen in Plastikflaschen. Sie stapeln sich gef├╝llt mit der gelben Fl├╝ssigkeit auf dem Gel├Ąnde.

Obwohl die Lebensbedingungen in Moria katastrophal sind, obwohl man so viel Leid wie an kaum einem anderen Ort in Europa sieht, ist Moria f├╝r uns kein Ort der Angst. Moria stellt sich als ein Ort heraus, an dem die Menschen, die am Rand der Hoffnungslosigkeit ausharren, einen warmen Tee, Schutz und ein freundliches Wort f├╝r ihre G├Ąste ├╝brig haben. All das, was ihnen Europa nicht bieten kann, nicht bieten will.

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Trotz der Anstrengungen vieler Bewohner bekommen wir die verlorene Kamera am Dienstag noch nicht zur├╝ck. Bevor die Beratungen beendet sind, m├╝ssen wir das Camp verlassen ÔÇô die Dunkelheit k├╝ndigt sich an. Wir haben keine Angst davor, dann noch im Lager zu sein, auch wenn die Nacht hier voller Gefahren ist. Wir f├╝rchten uns vor den Rechtsextremen, die immer wieder die Stra├čen zum Lager blockieren. Sie sind f├╝r uns die weit gr├Â├čere Gefahr.

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