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Afghanistan: US-Geheimdienste rechnen mit einem früheren Fall von Kabul

Taliban-Durchmarsch in Afghanistan  

US-Geheimdienste rechnen mit baldigem Fall von Kabul

11.08.2021, 14:58 Uhr | dpa, t-online

Afghanistan: Taliban erobern große Teile des Landes

Die Taliban haben auf ihrem Eroberungszug durch Afghanistan mittlerweile große Teile des Landes unter ihre Kontrolle gebracht. Auch Kabul könnte bald fallen. (Quelle: Reuters)

Aufnahmen von Luftschlägen: Die Taliban haben mittlerweile große Teile Afghanistans erobert, auch Kabul könnte bald fallen. (Quelle: Reuters)


Die Taliban kontrollieren nach dem Abzug der internationalen Truppen nun mehr als ein Viertel der Provinzhauptstädte in Afghanistan. US-Geheimdienste glauben, dass sie bald auch die Hauptstadt erobern. 

Angesichts des schnellen Eroberungszugs rechnen US-Geheimdienste einem Medienbericht zufolge damit, dass die Hauptstadt Kabul viel früher in die Hände der Taliban fallen könnte als bisher von den USA angenommen. Der Zusammenbruch könnte in 30 bis 90 Tagen erfolgen, berichtete die "Washington Post" am Dienstag (Ortszeit) unter Berufung auf nicht genannte Quellen in den US-Geheimdiensten. Noch im Juni hatten US-Geheimdienstmitarbeiter die Lage so eingeschätzt, dass Kabul in einem Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten nach dem Abzug des US-Militärs unter Kontrolle der Taliban geraten könnte.

Seit dem Beginn des Abzugs der internationalen Truppen im Mai haben die Taliban weite Teile des Landes eingenommen: Mit Faisabad in der Provinz Badachschan, wo bis 2012 Bundeswehrsoldaten stationiert waren, haben sie jetzt eine weitere Provinzhauptstadt erobert. Das bestätigten ein Provinzrat und ein Parlamentsvertreter der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch. Damit kontrollieren die Islamisten nun die Hauptstädte von neun der insgesamt 34 Provinzen. 

Hunderte afghanische Soldaten ergeben sich den Taliban

Nahe der von den radikalislamischen Taliban eroberten Stadt Kundus haben Hunderte afghanische Sicherheitskräfte vor den Islamisten kapituliert. Soldaten, Polizisten und Kämpfer hätten sich "mitsamt ihrer militärischen Ausrüstung" den Taliban ergeben, sagte Amruddin Wali, ein Mitglied des Provinzrates von Kundus, am Mittwoch. 

Ein Taliban-Kämpfer sitzt im afghanischen Farah neben seinen Waffen: Die militant-islamistischen Taliban rücken schnell vor.  (Quelle: dpa/Mohammad Asif Khan)Ein Taliban-Kämpfer sitzt im afghanischen Farah neben seinen Waffen: Die militant-islamistischen Taliban rücken schnell vor. (Quelle: Mohammad Asif Khan/dpa)

Nur Stunden vor Faisabad fielen die Provinzhauptstädte Pul-i Chumri in der nördlichen Provinz Baghlan und Farah in der gleichnamigen Provinz im Westen des Landes in die Hände der Taliban. In Faisabad war bis 2012 im Rahmen der Internationalen Schutztruppe Isaf auch die Bundeswehr stationiert, zwischenzeitlich mit rund 500 Soldaten. Die Stadt Kundus, ebenfalls rund ein Jahrzehnt lang ein wichtiger Stützpunkt der Bundeswehr, war bereits am Sonntag an die Aufständischen gefallen.

Damit würde die Regierung endgültig die Kontrolle über den Norden verlieren

Präsident Aschraf Ghani flog am Mittwoch nach Masar-i-Scharif im Norden des Landes. Rund um die Stadt, in welcher die Bundeswehr zuletzt ihr größtes Feldlager hatte, wurde in den vergangenen Tagen heftig gekämpft. Die Taliban-Kämpfer rücken immer näher an den Stadtrand heran.

Der Präsident wolle sich dort ein Bild von der "allgemeinen Sicherheitslage in der nördlichen Zone" machen, teilte der Präsidentenpalast mit. Dabei wird er wahrscheinlich auch mit dem einflussreichen Ex-Gouverneur von Balch, Atta Mohammed Noor, und dem berüchtigten Kriegsherrn Abdul Raschid Dostum über die Verteidigung der Stadt beraten.

Masar-i-Scharif ist die Hauptstadt der Provinz Balch und die größte Stadt im Norden Afghanistans. Sie ist das wirtschaftliche Zentrum der Region im Norden, der als Bollwerk gegen die Taliban gilt. Eine Einnahme Masar-i-Scharifs durch die Extremisten wäre ein harter Schlag für die Regierung in Kabul. Damit würde sie die Kontrolle über den Norden des Landes endgültig verlieren.

Biden: "Aber ich bedauere meine Entscheidung nicht" 

Seit dem Beginn des Truppenabzugs der USA Anfang Mai hat die Miliz massive Gebietsgewinne verzeichnet. US-Präsident Joe Biden appellierte an die politische Führung in Kabul, an einem Strang zu ziehen. Wörtlich sagte er: "Ich glaube, sie beginnen zu verstehen, dass sie an der Spitze politisch zusammenkommen müssen." Biden versprach, die USA würden die afghanischen Sicherheitskräfte weiterhin finanziell und militärisch unterstützen. Er werde jeden Tag über die Lage unterrichtet.

US-Präsident Joe Biden: Bis zum Monatsende soll der Abzug der amerikanischen Truppen komplett beendet sein. (Archivfoto). (Quelle: AP/dpa/Susan Walsh)US-Präsident Joe Biden: Bis zum Monatsende soll der Abzug der amerikanischen Truppen komplett beendet sein. (Archivfoto). (Quelle: Susan Walsh/AP/dpa)

Mit Blick auf den von ihm angeordneten Abzug der US-Soldatinnen und Soldaten fügte der Präsident hinzu: "Aber ich bedauere meine Entscheidung nicht." Zum Zeitpunkt der Entscheidung hatten die USA noch rund 2.500 Soldaten in Afghanistan stationiert. Inzwischen ist der Abzug zu mehr als 95 Prozent abgeschlossen. Bis zum Monatsende soll der Abzug komplett beendet sein. Die Bundeswehr und die Soldaten anderer Nato-Länder haben Afghanistan bereits verlassen.

Ischinger warnt vor einem erneuten Eingreifen des Westens

Bidens Sprecherin Jen Psaki sagte am Dienstag, die US-Regierung werde die afghanischen Sicherheitskräfte weiterhin finanziell unterstützen. Für das nächste Jahr seien dafür im Haushaltsentwurf 3,3 Milliarden US-Dollar (2,8 Milliarden Euro) eingeplant. Biden habe den Abzug der US-Truppen aus Afghanistan befohlen, weil das ursprüngliche Ziel des Einmarschs vor fast 20 Jahren – das Zurückschlagen der Terrorgruppe al-Qaida – längst erreicht sei. "Er hat als Oberbefehlshaber entschieden – und das sind schwierige Entscheidungen", sagte Psaki.

Der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, warnte unterdessen vor einem erneuten Eingreifen des Westens in Afghanistan. Ob sich dort "künftig wieder die Schreckensherrschaft der Taliban etabliert, muss für die Nachbarn und regionalen Mächte als Gefährdung der Stabilität mindestens genauso große Besorgnisse erregen wie für die transatlantischen Partner", sagte Ischinger der Düsseldorfer "Rheinischen Post" vom Mittwoch. Er verwies dabei insbesondere auf China, Indien, Pakistan, Russland und den Iran. Deshalb sei hier in erster Linie der UN-Sicherheitsrat gefragt, denn es gehe um zentrale Fragen regionaler Stabilität.

Verwendete Quellen:

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