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USA: Widerstand gegen den "Killer-Trainer" für US-Polizisten wächst


Widerstand gegen den "Killer-Trainer" für US-Polizisten wächst

  • Lars Wienand
Von Lars Wienand

Aktualisiert am 10.06.2020Lesedauer: 5 Min.
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Dave Grossman: Der Ausbilder will den Polizisten die Skrupel vor dem Töten nehmen.
Dave Grossman: Der Ausbilder will den Polizisten die Skrupel vor dem Töten nehmen. (Quelle: U.S. Air Force/Haley Stevens)
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In den USA richten sich die "Black Lives Matter"-Proteste auch gegen eine martialisch auftretende Polizei. Es wird nun schwerer für einen prominenten Polizeiausbilder, der nur kriegerische Polizisten für gute Polizisten hält.

Polizisten in den USA haben oft einen gefährlichen Job. Das sagt ihnen kaum einer so deutlich wie Polizeiausbilder Dave Grossman. Auch wegen solcher Botschaften haben die USA ein Problem mit Polizeigewalt und Beamten, die erst schießen und dann fragen. Seit 20 Jahren arbeitet er mit apokalyptischen Szenarien in seinen Schulungen und will Polizisten Skrupel vor dem Töten nehmen.


So verliefen die US-Proteste gegen Polizeigewalt

Die Wut über die Polizeigewalt in den USA ist groß. Der Tod von George Floyd in Minneapolis wirft erneut ein Schlaglicht auf den Rassismus gegenüber der schwarzen Bevölkerung. Millionen Menschen ziehen auf die Straßen. Doch die Situation in zahlreichen Städten eskaliert.
In Los Angeles werden Demonstranten von der Polizei hart angegangen. Die Beamten feuern unter anderem Pfeffergeschosse auf die Menschen ab.
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Das "o" in seinem auf das Hemd gestickten Namen ist ein Fadenkreuz, und dort steht Grossman nun auch selbst: Wenn über außer Kontrolle geratene Polizei gesprochen wird, wird er nach Seminaren mit Zigtausenden Polizisten für den Geist in der Polizei mitverantwortlich gemacht. Seine Zitate kleben auf Spinden von Polizisten, ein Selfie mit ihm nutzen manche Polizisten als Profilbild.

"Soziopath mit Quacksalber-Verkaufe"

Einen "Soziopath" nannte der Soziologe Stuart Schrader den Ausbilder auf Twitter, kritisierte, dass er "mit Quacksalber-Verkaufe die Zahl der Schusswaffentoten in den USA in die Höhe treibt und Polizisten dafür trainiert, erst zu schießen und danach zu fragen". Schrader ist stellvertretender Leiter des Programms für Rassismus, Einwanderung und Staatsbürgerschaft an der Johns Hopkins University und jemand, der Amerikas Polizei im "Guardian" gerade mit Besatzungsarmeen verglichen hat.


Großman hat sich zum Experten fürs Töten erklärt und veröffentlicht auf seiner Seite killology.com Termine seiner Seminare. Die Liste darauf macht jetzt die Runde mit Aufforderungen, die Veranstalter zu Absagen zu drängen. Polizisten sollen sich von ihm nicht Sätze einbläuen lassen wie: "Ihr seid Männer der Gewalt. Gewalt ist euer Werkzeug." Von seinen Aussagen gibt es diverse Ausschnitte.

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Nicht auf der Tourneeliste steht die Stadt Minneapolis, wo ein Polizist 8 Minuten und 46 Sekunden auf George Floyds Hals kniete. Bürgermeister Jacob Frey hat 2019 die "Krieger"-Ausbildung für Polizisten verboten, selbst die Teilnahme in der Freizeit sei nicht gestattet.

"Wieder Ausrichtung auf demokratische Ideale"

Vier Jahre zuvor hatte das Justizministerium eine Empfehlung "Wächter statt Krieger" herausgegeben, um "die amerikanische Polizeikultur wieder auf demokratische Ideale ausrichten". Jetzt wollte Minneapolis die erste Stadt sein, die "angstbasiertes Training" verbannt. Frey sagte: "Wer darauf konditioniert ist, jede Person als Bedrohung fürs eigene Leben wahrzunehmen, kann nicht ein vernünftiges Verhältnis mit diesen Menschen aufbauen."

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Inzwischen hat die Stadt beschlossen, die Polizeibehörden mittelfristig ganz aufzulösen und neu zu organisieren. Nach dem Vorstoß, bei der Ausbildung deutlich den Kurs zu wechseln, hatte sich deutlich gezeigt, dass Reformen so einfach nicht sind. Die Polizeigewerkschaft hatte postwendend "hochmoderne Krieger-Ausbildung" bei einem anderen Anbieter angeboten – kostenlos für Polizisten aus Minneapolis.

Der örtliche Gewerkschaftsboss, der auch in "Cops for Trump"-Shirt auftritt, ätzte gegen den demokratischen Bürgermeister Frey: Die Entscheidung erwecke den Anschein, dass das Leben der Polizisten für Politiker nicht wichtig sei. "In den Vorträgen geht es nicht ums Killen, es geht ums Überleben!"

Polizisten in Minneapolis: Von der Mentalität Krieger?
Polizisten in Minneapolis: Von der Mentalität Krieger? (Quelle: Lucas Jackson/Reuters-bilder)
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Diesen Überlebenskampf hatte im Jahr 2019 genau ein Polizist im Staat Minnesota verloren, in dem Minneapolis liegt, und das nicht im "Krieg" auf der Straße. Der Vollzugsbeamte bei der Umweltbehörde war aus einem Boot gefallen und ertrunken, wie die Seite "Officer Down Memorial Page" festgehalten hat. In den USA insgesamt verloren der Seite zufolge 146 weitere Polizisten ihr Leben, 48 durch Schusswaffen. 24 starben aber auch an Krebs in Folge von 9/11.

Weniger Polizisten im Dienst getötet

Es waren deutlich weniger im Dienst gestorbene Polizisten als in den Jahren zuvor und viel weniger als in den Achtziger Jahren. Die Entwicklung steht im Kontrast zu den Botschaften von Dave Grossman und denen, die ihm folgen: Die Zahl der toten Polizisten sei explodiert.

Tatsächlich explodiert ist in dieser Zeit die Zahl der Einsätze von Spezialeinheiten in den USA: von 3.000 auf mehrere Zehntausend. Dazu ist die Ausrüstung immer militärischer geworden. Grossman ist das Synonym für die Aufrüstung in den Köpfen. "Versteht ihr, dass wir im Krieg sind?" ruft er Zuhörern regelmäßig zu, "Und versteht ihr, dass die Polizisten die Frontkämpfer in diesem Krieg sind?" Bedrohungen, überall.

Leichtfertiger Todesschütze saß bei Grossman

Zwei Grossman-Seminare mit solchen Warnungen lagen hinter Officer Jeronimo Yanez, als er 2016 bei einer Verkehrskontrolle einen schwarzen Mann erschoss. "Ich war so nervös", sollte er später sagen. Es war zehn Kilometer entfernt vom Ort, an dem Georg Floyd 2020 stirbt. Sieben Schüsse auf Philando Castile, der ihm lehrbuchmäßig in ruhigem Ton den Hinweis gegeben hatte, dass er eine Waffe im Auto hat, um keine Probleme zu bekommen.

Tödliche Kontrolle: 40 Sekunden vergingen zwischen Ansprache des Fahrers und sieben Schüssen aus nächster Nähe: Erst schießen, dann fragen, weil man als Polizist sonst selbst tot ist – das ist die Lektion, die Dave Grossman vermittelt.
Tödliche Kontrolle: 40 Sekunden vergingen zwischen Ansprache des Fahrers und sieben Schüssen aus nächster Nähe: Erst schießen, dann fragen, weil man als Polizist sonst selbst tot ist – das ist die Lektion, die Dave Grossman vermittelt. (Quelle: Screenshot/t-online.de)

Der Polizist hielt am Seitenfester des Autos stehend offenbar die Brieftasche in der Hand des Mannes für die Waffe. Castille hatte alle Anweisungen befolgt, aber keine Chance, das Missverständnis aufzuklären. Seine aufgelöste Freundin streamte vom Beifahrersitz live auf Facebook sein Sterben. Zu hören war die weinende Tochter auf dem Rücksitz: Mama solle aufhören zu fluchen, sonst werde die Polizei sie auch erschießen.

Castille war der erste Tote, der in der Öffentlichkeit auch Dave Grossman angelastet wurde und seiner Botschaft, Polizisten müssten die Angst vor dem Töten überwinden. Bei ihm hört sich das so an: "Ihr seid Raubtiere. Nur Killer können Killer zur Strecke bringen."

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Er vermittelt das auch in Büchern, die er als Pflichtlektüre in Polizeiakademien bezeichnet hat. Eines gibt es sogar auf Deutsch. "Killology" und die Grossman-Techniken spielten aber in der Wissenschaft und in der Ausbildung keinerlei Rolle, sagt Martin Thüne, Kriminologe und Polizeiwissenschaftler an der Thüringer Fachhochschule für öffentliche Verwaltung.

In Deutschland sei die Ausbildung der Polizei um Welten besser als in den USA, wo es rund 18.000 Polizeieinheiten und kaum einheitliche Standards gibt. Allein gelassen würden Polizisten in Deutschland jedoch vielfach bei Weiterbildung und Supervision für den Umgang mit belastenden Erlebnissen.

Es ist ein Punkt, mit dem auch Grossman punkten kann und der weniger in der Öffentlichkeit steht. Er spricht nicht nur über Polizisten, die im Einsatz ihr Leben verlieren könnten. Weit mehr Officer sterben durch Suizid, die psychischen Belastungen im Dienst seien groß. Polizisten müssten vorbereitet sein, was der Dienst und die Erlebnisse dort mit ihnen machten. Es gehe auch um "emotionales Überleben".

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Ein Sheriff hält am Seminar fest

Solche Aspekte führt auch Sheriff Ozzie Knezovich aus Spokane im US-Bundesstat Washington an. Auf der Liste mit Vortragsterminen von Dave Grossman, die nun in sozialen Netzwerken herumgereicht wird, steht seine 200.000-Einwohner-Stadt am 26. Oktober. Knezovich denkt aber gar nicht daran, den Protesten nachzugeben, sagte er der lokalen Zeitung.

Grossman werde auf wenige plakative Aussagen reduziert, die nur einen Bruchteil seiner Schulungen ausmachten, sagte Knezovich, ein bekennender Trump-Unterstützer. George Floyds Tod sei schlimm, aber es sei Versagen gewesen – von einzelnen, nicht des Systems. Und die Proteste gegen Grossman, die kämen ja nur von "kleinen sozialistischen Individuen, die nicht verstehen, was es heißt, da draußen zu sein".

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In Minneapolis hieß das offenbar, dass Polizisten lieber als Vorsichtsmaßnahme reihenweise Reifen geparkter Autos zerstachen. Ein Sprecher hat das nach entsprechenden Videoaufnahmen eingeräumt.

Man habe verhindern wollen, dass Autos als mögliche Waffe genutzt würden. Es traf vor allem Autos von Journalisten. Aber auch die sind ja eine Bedrohung für eine Polizei, die erst handelt und dann fragt.

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Verwendete Quellen
  • Eigene Recherchen
  • Tweet Stuart Schrader
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Von Nilofar Eschborn
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