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Parlament der Maschinen: Auf Twitter machen Bots Wahlkampf


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Wenn Maschinen im Netz Stimmung machen

t-online, Jonas Mueller-Töwe

07.09.2017Lesedauer: 3 Min.
Roboter
Welche Rolle spielen Twitter-Bots im Wahlkampf? Der Wissenschaftsjournalist Haluka Maier-Borst recherchiert zu Maschinen, die unsere Realitätswahrnehmung beeinflussen könnten. (Quelle: Ulrich Perrey/dpa-bilder)
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Als AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel am Dienstagabend eine Talkshow vorzeitig verlässt, spielen die sozialen Medien verrückt. Doch war der Twitter-Sturm ausschließlich menschengemacht? Ein Forschungsprojekt untersucht den Wahlkampf wahrscheinlicher Bots auf Twitter – nach dem Talkshow-Eklat waren einige Accounts außergewöhnlich aktiv.

Der Wissenschafts- und Datenjournalist Haluka Maier-Borst geht derzeit davon aus, dass insgesamt nahezu zwei Drittel aller Tweets zur Bundestagswahl von programmierten Accounts in dem sozialen Netz stammen. Er schreibt an der Universität Cardiff seine M.Sc.-Arbeit über das Thema und macht unter dem Titel "Hashtagswahl" seine Analysen öffentlich. Am Tag nach dem inszeniert wirkenden Talkshow-Abgang hatten konstant über 60 Prozent der mutmaßlichen Bot-Beiträge die AfD zum Thema.


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Parteien-Hashtags der mutmaßlichen Bot-Tweets in Prozent, Stand: 7.9.2017 am Nachmittag.
Parteien-Hashtags der mutmaßlichen Bot-Tweets in Prozent, Stand: 7.9.2017 am Nachmittag. (Quelle: Haluka Maier-Borst / Screenshot: t-online.de)


"Bots sind ein größer werdendes Problem", sagt Maier-Borst im Gespräch mit t-online.de. "Man hat bei Diskussionen in sozialen Medien oft das Gefühl, dass Beiträge automatisiert sind." Die Software, die er für seine Forschungsarbeit programmiert hat, könne die Bots allerdings "ganz gut herausfiltern".

Ob ein Account von dem Programm als mutmaßlicher Bot klassifiziert wird, hängt von zwei Voraussetzungen ab. Erstens: Werden innerhalb von 24 bis 48 Stunden mehr als 24 Beiträge zu Hashtags wie #AfD, #SPD oder #Merkel versendet, rückt der Account ins Visier des Forschungsexperiments.

"Machine Learning": Die Software trainiert sich selbst

Zweitens: Die Software untersucht Tweets vom Vortag auf auffällige Charakteristika – kurze oder lange Worte, viele oder wenige Ausrufezeichen – und errechnet ein Modell, dass es an einem Trainingsdatensatz testet. Ist das Modell genau genug, übernimmt der Algorithmus automatisch die Klassifizierung von Accounts als Bots – statt nur die Anzahl der Tweets zu betrachten.

Es ist nicht auszuschließen, dass auch hyperaktive Nutzer mit erfasst werden, die Ergebnisse des Experiments können deswegen nur als Anhaltspunkte für das Bot-Phänomen dienen. Es ist aber ein Versuch, ein digitales Phänomen greifbar zu machen, dass Auswirkungen auf die non-digitale Welt haben kann.

Wie stark ändern Bots den politischen Diskurs?

"Wir reden als Gesellschaft nicht mehr über die gleichen Themen, wenn Bots meine digitale Wahrnehmung fluten und ich plötzlich den Eindruck bekomme, dass Flüchtlinge ständig Urlaub machen und klauen", sagt Maier-Borst. Ein einzelner Tweet sei von Nutzern möglicherweise als automatisiert zu erkennen. Wie "eine Flut von Tweets" Diskussionen beeinflusse, aber möglicherweise nicht.

Sollten Maier-Borsts Ergebnisse zutreffen, dominierten Twitter-Bots den Diskurs zur Bundestagswahl in Deutschland – zumindest in den letzten beiden Tagen auf Twitter – erheblich mehr als selbst in den Vereinigten Staaten. Dort kamen Forscher 2016 zu dem Ergebnis, dass etwa 20 Prozent der Meldungen auf Twitter mit Wahlkampfbezug von Bots stammten. Die Bots machten Stimmung für Donald Trump.

Welche Folgen die Bot-Aktivitäten für den Ausgang von Wahlen haben können, ist umstritten. Experten gehen davon aus, dass sie in Deutschland höchstens das "Zünglein an der Waage" sein könnten. Das hängt auch damit zusammen, dass die große Mehrheit der Bundesbürger weiterhin klassischen Medien das größte Vertrauen entgegenbringt. Laut einer aktuellen Umfrage der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC erachten lediglich 10 bis 15 Prozent der Befragten Informationen als verlässlich, die in sozialen Medien verbreitet werden.

Vielleicht machen Maschinen also tatsächlich Wahlkampf auf Twitter und Facebook. Die Wahl wird aber weiter von Menschen entschieden.

Wollen Sie mehr über den digitalen Wahlkampf im Netz erfahren?

t-online.de, BuzzFeed News und "WhoTargetsMe" recherchieren zu sogenannten DarkAds bei Facebook – auf spezielle Nutzergruppen zugeschnittene Parteiwerbungen. Denn nicht jeder Nutzer sieht die gleichen Werbeeinblendungen. Eine gesellschaftliche Debatte über die Themen wird damit erschwert.

Jeder Facebook-Nutzer kann mithelfen, den digitalen Wahlkampf öffentlich zu machen: Browser-Erweiterungen für Firefox und für Chrome lesen die Anzeigen der Parteien aus und ermöglichen es Reportern von t-online.de und BuzzFeed News sie zu analysieren. Damit der Wahlkampf auch im Internet wieder transparenter wird – und alle über die gleichen Themen sprechen können.

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