Sie sind hier: Home > Politik > Bundestagswahl 2021 >

Bundestagswahl 2021: Wen wählen eigentlich die Unentschlossenen?

INTERVIEWExperte klärt auf  

Diese Partei wird von unentschlossenen Wählern profitieren

16.09.2021, 12:39 Uhr
Bundestagswahl 2021: Wen wählen eigentlich die Unentschlossenen?. Bundestagswahl: 40 Prozent der Bürger, die entschlossen sind zu wählen, wissen noch nicht, welche Partei. (Quelle: imago images)

Bundestagswahl: 40 Prozent der Bürger, die entschlossen sind zu wählen, wissen noch nicht, welche Partei. (Quelle: imago images)

Wer soll Kanzler oder Kanzlerin werden? Eine gute Woche vor der Wahl wissen viele Bürger noch nicht, wen sie wählen. Am Ende könnten CDU und CSU von den Unentschlossenen profitieren, erklärt der Politikwissenschaftler Rüdiger Schmitt-Beck im Interview. 

Wen wähle ich, wer erfüllt meine Erwartungen – oder wähle ich überhaupt? In Deutschland war die Unentschlossenheit vor einer Bundestagswahl noch nie so hoch wie in diesem Jahr. 40 Prozent der Bürgerinnen und Bürger, die wählen wollen, wissen noch nicht, für wen sie am 26. September das Kreuzchen setzen werden. Das hat eine repräsentative Allensbach-Umfrage im Auftrag der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ergeben.

Für die Kandidierenden beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit: Denn obwohl die SPD in Umfragen vorn liegt, ist die Wahl noch lange nicht entschieden. Politikwissenschaftler Rüdiger Schmitt-Beck von der Universität Mannheim erklärt, welche Partei davon profitieren könnte, dass viele Wählerinnen und Wähler in ihrer Entscheidung noch schwanken – und warum in diesem Jahr überhaupt so viele unsicher sind.

Die Wahl-Unentschlossenheit der Deutschen ist gestiegen. (Quelle: t-online/Getty Images)Die Wahl-Unentschlossenheit der Deutschen ist gestiegen. (Quelle: t-online/Getty Images)

t-online: Warum sind in diesem Jahr so viele Wählerinnen und Wähler bis kurz vor der Wahl unentschlossen, wen sie wählen wollen?

Rüdiger Schmitt-Beck: Es kommen mehrere Faktoren zusammen. Die deutschen Parteien stehen an einem Scheidepunkt. In mehrerlei Hinsicht haben wir eine Situation, die es noch nie zuvor gegeben hat. Das eine ist: Die Bundeskanzlerin steht nicht zur Wiederwahl. Der Amtsinhaberbonus spielt deshalb keine Rolle. Und das gesamte politische Spitzenpersonal bei den Parteien ist neu, das hat es noch nie gegeben. Dazu kommt der Aspekt der Leistungsbewertung der vergangenen Regierungen und die Aussagekraft für die neue Regierung. In der Vergangenheit konnte man immer davon ausgehen, dass der größere Teil der amtierenden Regierung zur Wiederwahl steht, wenn dieselbe Koalition wieder eine Mehrheit bekommt. Die Hauptgegenpartei hat immer ein Schattenkabinett aufgestellt. Aber nicht einmal das gibt es im Augenblick.

Wählerinnen und Wähler machen ihre Entscheidung also hauptsächlich von der vergangenen Regierung abhängig.

Der Schluss von der Vergangenheit auf die Zukunft ist sehr wichtig für Wählerinnen und Wähler, das nennt sich Performanzwählen. Man wählt nach dem Prinzip 'Daumen rauf', oder 'Daumen runter' bezüglich der Leistungen der vergangenen Regierung. Das funktioniert in diesem Jahr gerade nicht.

Viele Menschen wählen strategisch. Parteien spielen für sie weniger eine Rolle als das Regierungsbündnis, das am Ende möglich ist.

Die Koalitionssituation erschwert das in diesem Jahr enorm. Wenn das Wahlergebnis ähnlich aussieht, wie die Umfragen das momentan signalisieren, wird eine Drei-Parteien-Koalition gebildet. Das hat es auf Bundesebene noch nie gegeben und das ist natürlich etwas ganz anderes als die traditionellen Zwei-Parteien-Koalitionen. Wählerinnen und Wähler, die in unserem komplizierten Wahlsystem ihre Stimme klug einsetzen wollen, um eine von ihnen attraktiv gefundene Koalition ins Amt zu bringen, die haben es in diesem Jahr besonders schwer, zu entscheiden, was sie mit ihrer Stimme anfangen und wie sie ihr Ziel am besten erreichen.

Wie viele Wählerinnen und Wähler fühlen sich überhaupt noch an eine Partei gebunden?

60 Prozent bis zwei Drittel der Wählerinnen und Wähler sind immer noch an politische Parteien gebunden. Aber das lässt dann trotzdem eine große Zahl von Wählerinnen und Wählern übrig, die eben keine solchen Bindungen haben.

Prof. Dr. Rüdiger Schmitt-Beck ist Inhaber der Professur für Politische Wissenschaft und Politische Soziologie an der Universität Mannheim. Der Schwerpunkt seiner Forschung und Lehre liegt in der politischen Einstellungs- und Verhaltensforschung mit besonderem Fokus auf der Bedeutung politischer Kommunikation (Massenkommunikation, Wahlkampfkommunikation, interpersonale Kommunikation) für Wählerverhalten und politische Kultur.

Wie und wann entschieden sich diese Wählerinnen und Wähler, wo genau sie das Kreuz setzen?

Sie entscheiden nach kurzfristigen Faktoren: der aktuellen Politik, politischen Themen und Streitfragen, strategischen Erwägungen, aber auch insbesondere der Performance des politischen Spitzenpersonals, also den Kandidierenden. Wenn man die Umfragewerte anschaut, erkennt man eine unglaubliche Dynamik. Solche Achterbahnfahrten hat es so kurz vor einer Wahl noch nie gegeben, nicht ansatzweise.

Warum ist das so?

Das könnte vor allem am Fokus auf die Kanzlerkandidaten liegen. Experten nennen es den Kandidateneffekt. Besonders die SPD scheint da zu profitieren. Der Scholz-Effekt lässt die SPD aufsteigen. Seine Popularität hat anscheinend latente Anhänger der Sozialdemokraten remobilisiert, die vorher unzufrieden oder entfremdet waren – oder abwarten wollten. Sozialdemokraten neigen dazu, ein bisschen sperrig zu ihrer eigenen Partei zu sein. Aber sowohl die Attraktivität des Kandidaten als auch der anhaltende Aufschwung könnte diese Leute jetzt in größerer Zahl zurückbringen.

Die CDU ist dagegen in den Umfragen weit nach unten gerauscht. Ist die Wahl für Laschet bereits verloren?

Bei der Union ist noch Luft nach oben, glaube ich. Viele Wählerinnen und Wähler, die der Union eigentlich nahestehen, sind vom Unionskandidaten Armin Laschet zwar sehr enttäuscht. Dennoch werden sich diese Leute irgendwie mit ihm abfinden. Sie sind gerade dabei, Gründe zu finden, warum er doch ganz okay ist – und dann werden sie ihn wählen.

Also könnte die Union am stärksten von den Unentschlossenen profitieren?

Die Union wird am stärksten unterschätzt. Viele Unionsanhänger sind zwar noch nicht sicher, aber sie wählen ihre Partei wahrscheinlich trotzdem. Die Union hat sehr viele Parteianhänger, also parteigebundene Leute, die sich mit ihr identifizieren und die reinen Wahlprognosen liegen unterhalb des Anteils der unionsgebundenen Wählerinnen und Wähler. Das lässt darauf schließen, dass es eine Menge Unionsanhänger gibt, die mit dem Kandidaten unzufrieden sind und deshalb sagen, 'ich weiß noch nicht, wenn ich wähle'. Aber viele von denen werden sich am Ende doch für die Union entscheiden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Partei von Armin Laschet besser abschneiden wird, als es bis jetzt aussieht.

Ist bei Unentschlossenen alles möglich – also eine Wahl im ganzen Spektrum von Linke bis AfD?

Zum größeren Teil sind die Unentschlossenen Bürger, die schon eine latente Neigung haben, zumindest in Richtung eines Lagers. Für die gibt es eine Auswahl von Parteien oder womöglich sogar nur eine Partei, aber sie müssen sich noch dafür entscheiden, diese zu wählen. Oder es sind Leute, die schwanken zwischen zwei Parteien und müssen sich noch festlegen, welche es denn am Ende sein soll.

Wenn die Entscheidung vielen so schwerfällt – könnte die Zahl der Nichtwählerinnen und -wähler steigen?

Das 'late deciding' steigt schon seit Jahren und Jahrzehnten, also der Anteil der Wählerinnen und Wähler, die erst kurz vor der Wahl ihre Entscheidung fällen. Der näher rückende Wahltermin löst einen großen Entscheidungsdruck aus. Den darf man nicht unterschätzen. Das heißt aber nicht, dass das Leute sind, die bis zum allerletzten Moment nicht wissen, wen sie wählen wollen. Bildlich gesprochen: Sie wissen, dass sie Schnitzel wollen, aber sie wissen noch nicht, ob Natur oder mit Pfeffersoße. Das Steak haben sie aber schon ausgeschlossen.

Wie groß ist der Einfluss der TV-Auftritte der Kandidierenden kurz vor der Bundestagswahl?

In der Vergangenheit haben die TV-Duelle eigentlich keinen nennenswerten Effekt auf das Wählerverhalten gehabt. Das waren ja altbekannte Politiker. Typischerweise hat es hinterher für einen kleinen Boost bei dem- oder derjenigen gesorgt, von der oder dem die Mehrheit glaubte, das TV-Duell gewonnen zu haben. Der Gedanke hat sich dann aber auch schnell wieder verflüchtigt, weil die Events mehrere Wochen vor der Wahl stattgefunden haben – und das war einfach zu früh für Effekte aufs Wahlverhalten.

Und wie sieht das bei dieser Wahl aus?

Dieses Mal ist es anders, weil das Personal neu ist. Es sind alles Leute, über die sich die Wählerinnen und Wähler noch eine finale Haltung bilden müssen. Das gilt selbst für Finanzminister Scholz. Er war nicht besonders sichtbar in der Regierung, für viele Wählerinnen und Wähler ist er noch ein allenfalls halb beschriebenes Blatt. Die Kandidierenden haben außerdem Berg- und Talfahrten hinter sich. In einer solchen Situation sind die Trielle wichtig, weil noch neue Informationen geliefert werden, die sich auf viele Wählerinnen und Wähler auswirken.

Für welchen Kandidierenden bergen die Trielle die größte Gefahr, Stimmen zu verlieren?

Wir haben zwei Kandidierende, denen ich zutraue, dass sie die Chance haben, sich im finalen Triell am Sonntag entweder einen richtigen Ausrutscher zu leisten oder aber Fehler gut zu machen – das sind Frau Baerbock und vor allem Herr Laschet. Die beiden sind noch nicht so hartgesotten wie Scholz, bei dem ich den Eindruck hatte, der hat es gut im Griff und da passiert nichts. Bei den beiden ist noch Luft nach oben und unten in der Performance. Das kann sich schon auswirken auf die Einstellungen zu den Kandidierenden und dadurch auf Parteipräferenzen. Zudem findet das letzte Triell eine Woche vor der Wahl statt, also sehr zeitnah. Wenn da etwas Gravierendes passiert, kann das Wellen schlagen bis zum Wahltag.

Werden die Unentschlossenen die Wahl entscheiden?

Das mag sein. Das Wahlergebnis kann deutlich anders ausfallen als die Umfragen. Aber: Die nächste Regierung wird sehr wenig mit dem Wahlergebnis zu tun haben. Es muss vermutlich eine Drei-Parteien-Koalition gebildet werden. Letzten Endes entscheidet dann über die nächste Regierung nicht der Wähler und die Wählerin, sondern der mögliche Koalitionspartner, etwa die FDP

Verwendete Quellen:

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Madeleinetchibo.deOTTOWeltbildbonprix.deLIDLBabistadouglas.deMadeleine

shopping-portal

Hinweis:

Der Internet Explorer wird nicht länger von t-online unterstützt!

Um sicherer und schneller zu surfen, wechseln Sie jetzt auf einen aktuellen Browser.

Wir empfehlen unseren kostenlosen t-online-Browser: