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Bundestagswahl: Was bedeutet der Briefwahl-Rekord für Deutschland?

Hohe Beteiligung  

Das Problem mit der Briefwahl

19.09.2021, 16:21 Uhr
Bundestagswahl: Was bedeutet der Briefwahl-Rekord für Deutschland?. Bundestagswahl: Immer mehr Deutsche steigen auf Briefwahl um.  (Quelle: imago images)

Bundestagswahl: Immer mehr Deutsche steigen auf Briefwahl um. (Quelle: imago images)

Kreuzchen machen und ab zur Post: Die Briefwahl gilt als bequeme Alternative zum Urnengang am Wahltag. Die Nachfrage ist nicht nur wegen der Pandemie stark angestiegen. Was bedeutet das für den Wahlkampf?

Diese Bundestagswahl könnte Rekorde brechen: Experten erwarten so viele Briefwähler wie nie zuvor. Schon seit einigen Jahren wollen sich immer weniger Menschen vor dem Wahllokal in die Schlange stellen. Die Corona-Pandemie verstärkt den Effekt noch, weil viele Wähler Menschenansammlungen vermeiden.

Die Zahlen in vielen Städten sprechen für sich. So meldeten etwa Berlin und Frankfurt bereits eine sehr hohe Beteiligung an der Briefwahl. Einen Überblick über die Zahlen diverser deutscher Großstädte finden Sie am Ende dieses Artikels.

Das heißt jedoch nicht, dass die Wahl bereits entschieden ist. Denn es beantragen zwar vergleichsweise viele Menschen die Briefwahl, viele haben ihr Kreuz aber noch nicht gesetzt oder den Wahlzettel noch nicht ans Amt geschickt. Hier gibt es deutliche Unterschiede, wie eine Umfrage von t-online zeigt. 

"Das ist normal, die große Menge kommt immer erst in der letzten Woche", sagte beispielsweise ein Sprecher der Stadt München. In der bayerischen Landeshauptstadt haben zwar ebenfalls viele Menschen Briefwahl beantragt, aber erst ein Viertel davon hat ihre Stimme abgegeben. In Düsseldorf haben sich hingegen bereits 59 Prozent der Briefwähler entschieden.

Die große Frage bleibt, wie sich die Rekorde auf das Wahlergebnis auswirken werden. Experten zufolge finden sich unter den Briefwählern normalerweise hauptsächlich die ohnehin überzeugten Parteianhänger. Doch der Berliner Politologe Gero Neugebauer sagte der Nachrichtenagentur Reuters auch: "Jetzt deuten die Zahlen über den Rücklauf der Briefwahlunterlagen darauf hin, dass die Zahl derer, die schwankt, doch größer ist."

Viele Briefwähler warten bis kurz vor Schluss

Auch eine Allensbach-Umfrage im Auftrag der "FAZ" bestätigt den Eindruck: Demnach sind 40 Prozent der Bürger, die wählen wollen, noch nicht sicher, bei welcher Partei sie das Kreuzchen machen. Ein Politikwissenschaftler erklärte im Gespräch mit t-online, dass Armin Laschets Union letztlich davon profitieren könnte. 


Sicher ist: Entschieden ist die Wahl trotz des hohen Anteils von Briefwählern noch nicht. Vor einem Monat hatten vor allem die Grünen massiv für die Briefwahl geworben und entsprechend plakatiert. Sie hatten gehofft, von dem damaligen Umfragehoch für die Partei zu profitieren. In den letzten Wochen gab es ähnliche Hoffnungen auch bei der dann in Führung gehenden SPD. 

Die Hoffnung auf den Endspurt ist umgekehrt besonders bei Parteien groß, die in Umfragen seit Wochen schlechter als erwartet liegen – derzeit etwa die Union.

Sicher ist vor der letzten Wahlkampf-Woche eigentlich nur eins: Auf den Endspurt kommt es an – auch bei den Briefwählern.

Briefwahl hat auch Nachteile 

Experten bewerten den starken Trend zur Briefwahl derweil differenziert. Stefan Merz vom Wahlforschungsinstitut Infratest dimap erläuterte im NDR auch Nachteile. Den Wählern müsse klar sein: Wenn ich einige Wochen vor dem eigentlichen Wahltermin "meine Stimme per Brief abgebe, dann kann ich ja nicht mehr auf weitere Dinge reagieren. Und wenn dann etwas passiert im Wahlkampf, eine Äußerung oder ein Ereignis, kann ich meine Stimmabgabe nicht mehr ändern."

Für Wähler könne das durchaus ärgerlich sein. Dennoch würden die Vorteile überwiegen. "Oberstes Ziel ist, dass wir eine hohe Wahlbeteiligung erreichen", betonte auch Bundeswahlleiter Georg Thiel in der ARD. Dafür sei die Briefwahl eine wichtige Säule. Gerade die Corona-Pandemie zeige, wie gut es sei, dass es diese Möglichkeit gebe.

Die Umfrage von t-online zeigt: In vielen deutschen Großstädten ist die Briefwahl diesmal fast genauso gefragt wie der persönliche Gang zur Urne. Diese Zahlen sind jedoch nicht repräsentativ für ganz Deutschland. Schätzungen zufolge haben bundesweit insgesamt weniger als zehn Prozent der Wählerinnen und Wähler bereits ihr Kreuz gemacht. Auch deshalb, weil die Briefwahl in ländlichen Gebieten seltener genutzt wird als in Städten.

Ein Überblick:

Auf Anfrage von t-online gab die Stadt Hamburg an, dass bereits 39,2 Prozent der stimmberechtigten Hamburger die Briefwahlunterlagen angefordert hätten (Stand: 15.9.). Zum Vergleich: Bei der Bundestagswahl 2017 lag dieser Wert zum gleichen Zeitpunkt bei 26,4 Prozent. In der Hansestadt scheinen die Bürger größtenteils entschlossen zu sein. Fast die Hälfte der Briefwähler (48 Prozent) hat das Kreuz bereits gesetzt. 

Auch in Leipzig haben sich bereits viele Briefwähler entschieden: Mehr als 126.150 Menschen haben ihre Wahlunterlagen per Post erhalten, abgestimmt haben bislang rund 59.250 (Stand: 16.9.), das entspricht rund 47 Prozent.

Besonders hoch ist die Rücklaufquote der Wahlbriefe in Düsseldorf: Dort haben bislang knapp 168.000 Menschen die Wahlunterlagen per Post erhalten, gewählt haben bereits fast 97.800 und damit fast 59 Prozent. 

Niedrige Rücklaufquote in München

Doch die Zahlen sind wenige Tage vor der Wahl nicht überall so hoch. In München etwa haben zwar bislang fast 452.000 der 923.000 wahlberechtigten Bürger die Briefwahl beantragt, gewählt haben aber erst 114.000 Menschen (Stand: 14.9.), das entspricht etwa einem Viertel. 2017 hatten bis zu einem ähnlichen Zeitpunkt lediglich knapp 274.000 Bürger die Briefwahl beantragt. 

Auch in anderen deutschen Großstädten zeichnet sich zwar ein starker Trend zur Briefwahl ab, tatsächlich abgestimmt haben aber nur wenige. So haben in Köln bis zum 9. September 41,4 Prozent der Wahlberechtigten Briefwahlunterlagen angefordert. Allerdings hatten erst 16,1 Prozent der Briefwähler bis zu diesem Zeitpunkt ihre Stimme abgegeben.

In Essen haben von mehr als 408.330 wahlberechtigten Bürgern fast 126.000 die Briefwahl beantragt (Stand: 14.9.), das sind fast 31 Prozent. Die Rücklaufquote nannte die Stadt nicht, die genaue Anzahl der Briefwähler werde erst am Wahlabend festgestellt, so ein Sprecher zu t-online.

Auch die Stadt Dortmund veröffentlichte keine genauen Zahlen. Einem Bericht zufolge haben in der Stadt im Ruhrgebiet 137.000 der 415.000 wahlberechtigten Bürger die Briefwahl beantragt, also ein Drittel. Bei der vorherigen Wahl lag der Anteil zum gleichen Zeitpunkt demnach noch bei 60.000.

Klarer Trend in Berlin, Stuttgart und Frankfurt

Die Bundeshauptstadt folgt dem Trend zur Briefwahl: In Berlin sind mehr als 894.000 Briefwahlanträge eingegangen, "mehr als jemals bei Wahlen in Berlin", sagte ein Sprecher t-online (Stand: 15.9.). Das entspricht 32,4 Prozent der wahlberechtigten Berliner. 

In Stuttgart sind rund zwei Wochen vor der Abstimmung am 26. September ebenfalls deutlich mehr Anträge auf Briefwahl eingegangen als bei der Bundestagswahl 2017. Bislang haben in der baden-württembergischen Landeshauptstadt knapp 156.900 Bürger einen Antrag gestellt. Etwa 74.400 Bürger, also mehr als 47 Prozent, haben auch schon per Post abgestimmt, wie die Stadt t-online mitteilte (Stand: 13.9.). Insgesamt sind dort etwa 370.000 Menschen wahlberechtigt, das heißt rund 42 Prozent der Wahlberechtigten machen ihr Kreuz per Briefwahl. 

Auch Frankfurt am Main meldet eine Rekordbeteiligung bei der Briefwahl: Noch nie seien so viele entsprechende Anträge bei einer Bundestagswahl verzeichnet worden, sagte der Leiter des Frankfurter Bürgeramts, Oliver Becker. In der Mainmetropole wurden bislang annähernd 150.000 Briefwahlunterlagen ausgestellt – doppelt so viele wie zum gleichen Zeitpunkt vor der Wahl 2017.

Verwendete Quellen:

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