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Nach Corona-Äußerungen von FDP-Politiker Kubicki: Was erlauben Sie sich?


Was erlauben Sie sich eigentlich, Herr Kubicki?

Ein Kommentar von Titus Blome

24.09.2021Lesedauer: 3 Min.
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Wolfgang Kubicki bei einer Wahlkampfveranstaltung: Der FDP-Politiker legte die Corona-Regeln offenbar eher weit aus.Vergrößern des Bildes
Wolfgang Kubicki bei einer Wahlkampfveranstaltung: Der FDP-Politiker legte die Corona-Regeln offenbar eher weit aus. (Quelle: imago-images-bilder)

Der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki hat in der Corona-Krise die Regeln gebrochen – und ist auch noch stolz darauf. So verhöhnt er mich, genauso wie Millionen andere Menschen.

Übermorgen ist Bundestagswahl. Endlich. Denn das monatelange Dauerfeuer in Politik und Medien hat uns offenbar alle erschöpft. Vielleicht hat deshalb der Rundumschlag, zu dem Wolfang Kubicki vor Kurzem ausholte, bis auf ein paar wütende Tweets wenige Reaktionen hervorgerufen.

Das hat Wolfgang Kubicki nicht verdient. Denn man muss ihm widersprechen. Und zwar deutlich. Was ich hiermit tun möchte. Denn ich frage mich schon, was sich Herr Kubicki erlaubt. Er ist ja nicht irgendwer: Vizevorsitzender der FDP ist bereits nicht unwichtig. Aber Bundestagsvizepräsident ist ein Amt, das vom Inhaber eine gewisse Würde verlangt.

In einem einstündigen Interview für Bild TV wetterte Kubicki vor wenigen Tagen allerdings gegen alles Mögliche. Er beleidigte Karl Lauterbach mit Worten, die man hier besser erst gar nicht wiederholt. Und prahlte damit, er habe die Corona-Regeln gebrochen, um in eine Kneipe zu gehen.

Das erste ist eine Frage des Anstands und betrübt mich deshalb. Das zweite macht mich wirklich wütend.

Aber Kubicki saß frohen Mutes in seiner Stammkneipe

Im Oktober 2020 bin ich für mein Masterstudium nach Leipzig gezogen. Eine Stadt, die mir völlig fremd war. Es folgten fünf Monate Lockdown. Wie viele andere habe ich mich zum eigenen Schutz, aber eben auch zu dem meiner Mitmenschen, isoliert. Wie viele andere habe ich mich an die Regeln gehalten. Aus der Enge der eigenen Studentenwohnung beobachtete man steigende Zahlen, einen lahmen Impfstart und Demonstrationen von "Querdenkern". Täglich fühlten wir Frustration, Verzweiflung und Einsamkeit.

Ich überwinterte in einem 14 Quadratmeter kleinen Zimmer mit Nordfenster in einer Stadt, in der ich niemanden kannte. Und trotzdem will ich überhaupt nicht klagen. Es ging mir besser als vielen anderen. Etwa Menschen mit Depressionen. Oder Frauen, die zu Hause gewalttätige Partner fürchten mussten.

Aber Wolfgang Kubicki saß frohgemut in seiner Stammkneipe. Und ist auch noch stolz darauf. Hätte man ihn erwischt, hätte er einfach die "Was weiß ich? 250 Euro Bußgeld?" gezahlt, erzählte er. Der Regelbruch sei ja nur sein "Recht auf autonomes Handeln" gewesen. Ein Politiker, der eigentlich Vorbild sein soll, entschied also im Alleingang: Die Maßnahmen finde ich unsinnig, also muss ich sie nicht befolgen.

Kubicki stößt die Menschen vor den Kopf

Ich will hier gar nicht damit anfangen, in was für einem Land wir leben würden, wenn jeder so handelte. Und wie merkwürdig ich die Aussagen für einen Juristen finde.

Aber ich will dann doch erwähnen, dass ich nach 250 Euro Bußgeld für einen Barbesuch meine Miete nicht hätte zahlen können. Ich hätte auch keine Bücher mehr kaufen können. Die brauchte ich, um wenigstens kurzzeitig Abwechslung zu haben. Ich habe diese Bücher gezielt einzeln bestellt, nie im Paket. Auf diese Weise klingelte die Postbotin häufiger bei mir. Und dann konnte ich mich zumindest auf Abstand mit jemandem unterhalten – und sei es für eine halbe Minute.

Mit seinen unbedachten Worten hat Wolfgang Kubicki alle Menschen mit solchen Erfahrungen vor den Kopf gestoßen. Alle Kindergeburtstage, Ferienreisen, Familienfeiern, die nicht stattfanden, sind ihm gleichgültig. Auf sie wurde verzichtet, um Bürger, die wie er auf die 70 zugehen, zu schützen.

Im Verhalten von Millionen anderen Menschen und mir sieht Wolfgang Kubicki aber offenbar keinen Akt der Solidarität. Es waren für ihn wohl nur Handlungen von Menschen, die nicht "autonom" genug waren, um die Regeln zu brechen. So wie er es getan hat. Daraus spricht, ich muss das so deutlich formulieren, eine Verachtung gegenüber seinen Mitmenschen.

Wolfgang Kubicki hat schon in der Vergangenheit sein überschaubares Demokratieverständnis unter Beweis gestellt. Im Februar 2020 nannte er die Wahl von Thomas Kemmerich mit Stimmen der AfD zum Thüringer Ministerpräsidenten einen "großartigen Erfolg". Das fand ich schon völlig deplatziert. Für Herrn Kubicki reichte es offenbar, wenn das Prinzip "Mehrheit ist Mehrheit" eingehalten wird. Die Folgen für die Demokratie interessierten ihn scheinbar nicht so richtig. Seine jüngsten Aussagen reihen sich in eine Reihe von Fehltritten ein. Nur ist Wolfgang Kubicki jetzt noch etwas tiefer in seinem Egoismus gefangen.

Es würde ihm wahrscheinlich guttun, sich eine ganz banale Sache zu merken. Eine demokratische Gesellschaft funktioniert nur, wenn es Regeln gibt. Und zwar Regeln, die für alle in gleichem Umfang gelten.

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