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"Das ist eine katastrophale Botschaft"

Von Madeleine Janssen

Aktualisiert am 11.06.2020Lesedauer: 10 Min.
Polizeieinsatz beim G20-Gipfel in Hamburg 2017: Der Fall George Floyd in den USA hat auch in Deutschland eine Debatte ĂŒber Polizeigewalt entfacht.
Polizeieinsatz beim G20-Gipfel in Hamburg 2017: Der Fall George Floyd in den USA hat auch in Deutschland eine Debatte ĂŒber Polizeigewalt entfacht. (Quelle: /imago-images-bilder)
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Die Debatte um die Diskriminierung von Afroamerikanern durch die US-Polizei wirft auch ein Schlaglicht auf die deutschen Polizisten. Rassismus werde es bei deutschen SicherheitskrÀften immer geben, sagt der Polizeiausbilder Rafael Behr.

Polizisten, die hemmungslos auf Demonstranten einprĂŒgeln. Polizisten, die sich in Chatgruppen ĂŒber ihre rechtsextreme Gesinnung austauschen. Polizisten, die instinktiv den Radfahrer mit der dunklen Hautfarbe kontrollieren statt den Weißen. Das ist Alltag, und zwar nicht nur in den Vereinigten Staaten. Stereotype und rassistische Vorurteile grassieren auch bei der deutschen Polizei.


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"Das Vertrauen in die deutsche Polizei ist in Gefahr", sagt einer, der es wissen muss. Rafael Behr ist selbst Polizist und Professor an der Hamburger Polizeihochschule. Er sagt: In der Polizei wird zu wenig reflektiert. "In der Polizei wird es immer Rassisten geben." Es gelte, die Polizisten zu stÀrken, die sich dagegen stellten.

t-online.de: Herr Behr, kann man der demokratischen Grundordnung verpflichtet sein und gleichzeitig rassistische Gedanken haben?

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Rafael Behr: Rassistische Gedanken zu haben, ist das eine. Rassistisch motivierte Dinge zu tun, ist das andere. Das geht also. Bei der Polizei ist die Frage nicht so sehr: Wie denken die Beamten? Sondern: Wie handeln sie?

Bei rechtsextrem motivierten Gewalttaten der Vergangenheit, also beim NSU, aber auch in Halle hat man gesehen, dass dem Handeln eine rassistische Grundhaltung immer vorausging. Die rassistischen Gedanken sollte man demnach nicht unterschÀtzen.

Ein Beispiel, wie es auch anders laufen kann: Der frĂŒhere stellvertretende Vorsitzende der JĂŒdischen Gemeinde in Frankfurt am Main, Michel Friedman, hatte zwei PersonenschĂŒtzer vom Frankfurter PolizeiprĂ€sidium. Im Arbeitsschrank des einen wurden Nazi-Devotionalien gefunden. Michel Friedman hat nie etwas davon gespĂŒrt, dass der Mann rechtes Gedankengut hegte oder etwas gegen Juden hatte. Als das aufgeflogen ist, war Friedman baff.

TĂŒr der Synagoge in Halle (Saale): Der rechtsextreme AttentĂ€ter Stephan B. hatte am Jom-Kippur-Tag 2019 versucht, in das Gotteshaus einzudringen und zahlreiche Menschen zu töten.
TĂŒr der Synagoge in Halle (Saale): Der rechtsextreme AttentĂ€ter Stephan B. hatte am Jom-Kippur-Tag 2019 versucht, in das Gotteshaus einzudringen und zahlreiche Menschen zu töten. (Quelle: /imago-images-bilder)

Das dĂŒrfte ein Ausnahmefall gewesen sein.

Möglich. TatsĂ€chlich ist es so: Manche Polizisten kontrollieren bestimmte Personen öfter als andere. DafĂŒr mĂŒssen sie kein rassistisches Gedankengut haben. Wenn jemand davon ĂŒberzeugt ist, dass alle Dealer in seinem Gebiet Schwarze sind, wird er, wenn er Schwarze kontrolliert, oft Erfolg haben. Er sagt sich: Das sind die, die dealen. Und solange das verboten ist, werde ich das verfolgen. Das heißt: Diskriminierung geht auch ohne rassistische Haltung – aber nicht ohne Opfer! Und das ist der Punkt, wenn wir von Racial Profiling sprechen.

Sie meinen die Herangehensweise vieler Polizisten auf Grundlage von Hautfarbe oder anderen Ă€ußerlichen Merkmalen verstĂ€rkt Menschen zu kontrollieren und zu verdĂ€chtigen.

Racial Profiling produziert Opfer – nĂ€mlich die Menschen, die sich ohne Verschulden einer Kontrolle unterziehen mĂŒssen. Die Kernfrage ist: Wie ist Racial Profiling motiviert? Meine Erfahrung ist: Es ist nicht immer Rassismus, sondern eine sich selbst bestĂ€tigende Verdachtsfindung.

Das heißt, die Leute, die davon betroffen sind, sind selbst schuld?

Nein. Die Wahrnehmung der Polizisten ist etwas eingleisig und beruht auf der Annahme, dass mit der Hautfarbe ein bestimmtes Verhalten verbunden ist. Das ist nicht professionell. Das muss aber noch nicht heißen, dass alle, die das machen, Rassisten sind. Vielleicht sind sie einfach auf einer Erfolgsspur, von der sie glauben, sie sei richtig. Sie ist es aber nicht.

Rafael Behr, Jahrgang 1958, ist Professor fĂŒr Polizeiwissenschaften. Er lehrt Kriminologie und Soziologie am Fachhochschulbereich der Akademie der Polizei in Hamburg. Außerdem leitet er die Forschungsstelle Kultur und Sicherheit. Von 1975 bis 1990 arbeitete Behr als Polizeibeamter bei der hessischen Bereitschaftspolizei sowie im PolizeiprĂ€sidium in Frankfurt am Main.

Das ist doch eine Vorstufe von rassistischem Denken.

Sagen wir, von Stereotypenbildung. Rassismus im Alltag passiert uns allen, in verschiedenen AusprĂ€gungen. Nur ĂŒben Institutionen wie die Polizei Macht und Gewalt aus. Stellen Sie sich vor, ein Polizeibeamter kontrolliert einen schwarzen Autofahrer. Der Fahrer fragt: Warum kontrollieren Sie mich jetzt? Und der Polizist sagt: Weil Sie schwarz sind. Dann wird es problematisch.

Werden PolizeianwĂ€rter Ihrer Meinung nach ausreichend dafĂŒr sensibilisiert?

Der Schwerpunkt in der deutschen Polizeiausbildung liegt auf Recht, Einsatzlehre, Staats-, Verwaltungs- und Strafrecht. Dort wird sehr juristisch und strikt vermittelt: 'Das steht im Grundgesetz, das dĂŒrft ihr nicht – also machen wir es auch nicht.' Wer GlĂŒck hat, hat Dozenten, die sich des Themas Racial Profiling annehmen und es nicht nur nach Lehrbuch durchgehen, sondern auch Übungen dazu durchfĂŒhren: Wie fĂŒhlt es sich an, wenn ich den Eindruck habe, nur wegen meiner Hautfarbe unangenehme Fragen beantworten zu mĂŒssen? So viel Engagement bei den Dozenten ist aber nicht der Standard.

Was fehlt dann in der Ausbildung?

In der Polizeiausbildung gibt es nur wenige echte Reflexionsmöglichkeiten. Das ist in AusbildungsgĂ€ngen fĂŒr Sozialarbeit anders. Die haben von vornherein Supervision und mĂŒssen ĂŒber ihre inneren Befindlichkeiten sprechen. Das ist bei der Polizei unĂŒblich. Da gibt es wenig Gelegenheit, eigene GefĂŒhle nach außen zu bringen.

WĂŒnschen Sie sich, dass sich das Ă€ndert?

Ich fordere das sogar vehement ein! Man sollte frĂŒhzeitig nicht nur lernen, wie man die Dinge tut, sondern auch warum und mit welchen Folgen. Wenn sie die Hochschule verlassen, dauert es ein paar Jahre, ehe die jungen Polizisten erstmals wieder eine Fortbildung in Ethik bekommen. Das ist zu lange! Wir lassen die Leute nach der Ausbildung los und begleiten sie nicht mehr in ihrem Alltag. Deshalb können wir auch nicht mehr beobachten, wie sie sich entwickeln. Die Polizeigewerkschaft beschwert sich immer, der Alltag fĂŒr Polizisten sei so schwierig. Sie wĂŒrden bespuckt und beschimpft. Aber wir geben den Leuten nichts an die Hand, mit diesen Situationen zurechtzukommen!

SPD-Chefin Saskia Esken wirft den deutschen SicherheitskrĂ€ften einen "latenten Rassismus" vor. Gleichzeitig sagt sie, die große Mehrheit der Polizeibediensteten stehe solchen Tendenzen sehr kritisch gegenĂŒber und leide unter dem potenziellen Vertrauensverlust, der sich daraus ergebe. Was antworten Sie ihr?

Das ist ein mutiges Statement, aber zugleich etwas vollmundig. Esken gerĂ€t jetzt in die Defensive, denn "latent" ist nicht sichtbar, schwer zu belegen. Sie Ă€ußert damit vor allem eine Vermutung.

Ist an ihrem Vorwurf trotzdem etwas dran?

Es ist Ă€hnlich wie mit dem strukturellen Rassismus: Wenn ich glaube, dass eine Struktur dann anfĂ€ngt, wenn mehr als einer daran beteiligt ist, dann haben wir natĂŒrlich Strukturen. Wenn wir aber davon ausgehen, dass Strukturen Entscheidungen von mehreren Personen ermöglichen sollen, dass sie Regeln aufstellen, die irgendwo niedergeschrieben sein mĂŒssen, dass ĂŒber mehrere Organisationsteile hinweg Dinge geregelt werden – dann gibt es in der Polizei keinen strukturellen Rassismus. Es ist aber mutig, dass Saskia Esken diese Ebene angesprochen hat, weil sich jetzt diejenigen outen mĂŒssen, die sonst immer alles verhindern.

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Wen meinen Sie?

Zum Beispiel manche Innenminister und Gewerkschaftsvorsitzende. Die blockieren regelmĂ€ĂŸig jede Reform und jede Kritik, indem sie sie als Generalverdacht abstempeln. Immer wenn die Polizei kritisiert wird, wird der Kritiker polemisch diffamiert und in die linke Ecke gestellt. "Du stehst nicht hinter deiner Polizei", heißt es dann. NatĂŒrlich wird das, was Frau Esken gesagt hat, die SPD WĂ€hlerstimmen kosten. Irgendwann wird Frau Esken sagen, sie habe sich da falsch ausgedrĂŒckt. Das finde ich bezeichnend fĂŒr die heutige Situation.

Das mĂŒssen Sie erklĂ€ren.

Immer sind es die konservativen Kreise, die sofort rufen, das brauchen wir nicht, das ist ein Misstrauensvotum gegen die Polizei. Das war schon bei der Debatte um die Kennzeichnungspflicht fĂŒr Polizisten im Einsatz so. Das ist schade, weil wir nicht in der Lage sind, nĂŒchtern zu analysieren. Es werden sofort dogmatische Positionen ausgetauscht.

Vielleicht meint Frau Esken mit "latentem Rassismus" auch die Menschen, die von der Arbeit bei der Polizei angesprochen sind und vom Charakter her gern einem Job fĂŒr "Recht und Ordnung" nachgehen.

Das wĂŒrde ich unterschreiben. Die meisten Menschen in der Polizei haben in der Tat wertkonservative politische Einstellungen. Es gibt in der Polizei keinen Linksextremismus. Die allermeisten wollen Sicherheit fĂŒr sich und sie auch gewĂ€hrleisten. Das kann man aber nicht mit Rassismus gleichsetzen.

Bis dahin ist es aber offenbar nicht mehr weit. Die jahrelangen falschen VerdĂ€chtigungen um die Morde des NSU, das im vergangenen Jahr aufgedeckte rechtsextreme Netzwerk in Polizei und Bundeswehr – das sind nur zwei Beispiele dafĂŒr, wie Polizisten mit einem möglicherweise rassistischen Menschenbild an die Arbeit gehen. Im Fall des in seiner Zelle verbrannten Asylbewerbers Oury Jalloh haben die angeklagten Polizisten massiv gemauert, statt die Ermittlungen zu unterstĂŒtzen. Nur ZufĂ€lle?

Bei Oury Jalloh haben die Beamten sich gegenseitig zu schĂŒtzen versucht. Das hat den Fall so schwer gemacht. Das heißt aber nicht unbedingt, dass die alle mit dem einverstanden sind, was da passiert ist. Sondern in erster Linie, dass keiner den Mut hatte, die Wahrheit zu sagen, weil er so unter Druck gesetzt wurde. Eine Beamtin hat den Mund aufgemacht. Die wurde dann aber versetzt, wo sie kein Mensch mehr sieht.

Wie bewerten Sie das?

Das ist die Dominanzkultur des polizeilichen Alltags. Sie bindet auch diejenigen, die keine rassistischen Vorurteile hegen, an ein fatales SchweigegelĂŒbde. Und das verhindert die AufklĂ€rung. Das hat auch was mit Chauvinismus zu tun und geht damit noch ĂŒber rassistische Grundannahmen hinaus.

Im Fall des "Nationalsozialistischen Untergrunds" stocherten die Ermittler jahrelang im Nebel und verdĂ€chtigten sogar die Angehörigen. Ein rechtsextremer Hintergrund wurde ĂŒberhaupt nicht erwogen.

Ich sehe diese FĂ€lle, die Sie beschreiben, auch. Ich sehe auch, dass es in der Polizei Rassisten und Leute mit einer rechtsextremen Haltung gibt. Eine gewisse Zahl derer wird es immer geben. Wir mĂŒssen aber diejenigen, die sich dagegen stellen, stĂ€rken. Alle diese Typen haben Kollegen um sich herum, die wissen, was da lĂ€uft. Aber die sagen nichts, weil sie sich nicht trauen. Die Zivilcourage in der Polizei wird nicht mehr gefördert.

Man muss also hinnehmen, dass es in der Polizei immer einen kleinen Kreis von Rassisten geben wird?

Man wird es nie schaffen, alle Rassisten aus der Polizei zu entfernen. Das ist illusorisch. Aber nein, dulden muss man das nicht.

Und wenn rassistisch motiviertes Fehlverhalten aufgedeckt wird, wird es dann angemessen geahndet?

Wenn jemand ein Hakenkreuz am GĂŒrtel trĂ€gt, kann man ihn nicht sofort aus der Polizei entfernen. Das lĂ€sst das Beamtenrecht nicht zu. Insofern ist es naiv zu sagen, wir könnten uns von allen trennen, die irgendein Gedankengut haben, das uns nicht passt. Das fĂ€ngt schon mit dummen SprĂŒchen ĂŒber ethnische Minderheiten und kruden Witzchen an. Da merkt man schon: Der kommt aus der rechten Ecke – aber er hat noch nichts Krasses getan. Solche Leute vergiften das Klima in der Polizei.

Sollte das Beamtenrecht nicht so geÀndert werden, dass man sich leichter von solchen Polizisten trennen kann?

Das ist ein ganz dickes Brett. Das Berufsbeamtentum zu Àndern, das hat bisher noch keiner geschafft.


WĂŒrden Sie es sich denn wĂŒnschen?

Man könnte es wie in der Schweiz machen. Dort gibt es das Berufsbeamtentum nicht. Die gehen VertrĂ€ge ein, und wenn man dagegen verstĂ¶ĂŸt, muss man gehen. NatĂŒrlich hat das Berufsbeamtentum auch Vorteile, weil es die Polizei unabhĂ€ngig macht von kommunalpolitischen Strömungen. Die aktuellen amerikanischen Überlegungen, eine ganze Polizei einfach aufzulösen, das ist fĂŒr Deutschland undenkbar. Die Vorgaben schĂŒtzen eher die betroffenen Personen als dass sie der Bevölkerung dienen. Das liegt an der Alimentationspflicht, die der Staat gegenĂŒber seinen Beamten hat. Das wird sehr ernst genommen.

Was ist denn die formale Voraussetzung, damit jemand den Dienstausweis abgeben muss?

Bis man jemanden aus dem Dienst entfernen kann, braucht es einen Straftatbestand, der eine Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr nach sich zieht. In Gerichtsverhandlungen gegen Polizisten sehen Sie oft, dass sogar Richter sich scheuen, dieses Strafmaß zu verhĂ€ngen. Oft bleiben sie bei elf Monaten auf BewĂ€hrung. Damit gibt es dann keinen zwingenden Grund der Entlassung mehr.

Das ist ein großes Problem: Fehlverhalten bei Polizisten, auch Rassismus, wird derzeit rein danach bewertet, was juristisch möglich ist. Der Spielraum ist klein. Es muss eine Öffentlichkeit geben, es muss Opfer geben. Ansonsten: Was die Polizisten in der Kantine sagen oder in einer geschlossenen WhatsApp-Gruppe schreiben, das ist weitgehend unangreifbar. Der Tatbestand der Volksverhetzung greift nur, wenn diese Chatgruppe von jedermann einsehbar war. Waren nur 16 Leute in der Gruppe, ist es schon keine Volksverhetzung mehr. Dann steht der Dienstherr ziemlich blöd da. Deswegen sage ich: Man muss an der Kultur arbeiten. Diese Leute dĂŒrfen nicht zu viel Raum kriegen.

Wird es in Zukunft unabhÀngige Stellen in Bund und LÀndern zur Untersuchung von rassistisch motivierter Polizeigewalt geben?

Ich bin gespannt auf die Entwicklung in Berlin, wo eine entsprechende Gesetzesinitiative vorgesehen ist. Im Moment könnte es schon sein, dass die Rufe nach solchen Ombudsstellen lauter werden. Das liegt an der derzeitigen Stimmung. Ich finde solche Einrichtungen sehr wichtig, auch unter dem Gesichtspunkt, die stillen Kollegen zu stĂ€rken. Die bisher existierenden Beschwerdestellen in den LĂ€ndern sind allesamt Dienststellen der Polizei oder des Innenministeriums. Das heißt, sie sind alle in der Hierarchie. Deshalb braucht es eine starke Organisation, die außerhalb der Polizei steht, aber auch fĂŒr Polizisten ansprechbar ist und wo sie ihr Gewissen erleichtern können. Wo die sozialen Aspekte der Arbeit eine Rolle spielen und nicht nur die strafrechtlichen.

In der Debatte um den Tod George Floyds geht es viel um die Gewaltanwendung durch die Polizei. Welche Formen des Zwangs dĂŒrfen deutsche Polizisten im Alltag anwenden?

Es gibt eine Reihe von Techniken: Armhebel, Kopfgriffe. Das funktioniert im Überraschungsmoment und wenn die Situation gut kontrollierbar ist. Ansonsten gibt es ein abgestuftes System der Distanzmöglichkeit: erst das Pfefferspray, dann der Schlagstock und als letztes die Schusswaffe. Ich fĂŒrchte, die Gewerkschaften werden demnĂ€chst außerdem den Einsatz von Elektroschockern durchsetzen. Trotzdem zielen die Techniken in Deutschland nicht so sehr auf Verletzungen ab wie das in den USA der Fall ist.

In den USA herrscht unter Polizisten ein viel höheres Level an Aggression als in Deutschland.

Das stimmt. Wenn man es gutmĂŒtig betrachtet, ist es auch ein anderes Angstlevel um die eigene Sicherheit. Aber tatsĂ€chlich ist die Machtposition des Polizisten sehr viel weniger hinterfragt als in Deutschland. Die hohe WertschĂ€tzung in der deutschen Bevölkerung fĂŒr die Polizei kommt ja nicht daher, weil die martialisch ausgerĂŒstet sind, sondern weil man sich darauf verlassen kann: Die sind wenig korrupt, die agieren verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig und nicht brutal. Das weiß man von der amerikanischen oder auch von der französischen Polizei nicht so genau. Die deutsche Polizei hat sich ein Vertrauen erarbeitet, das ich momentan gefĂ€hrdet sehe.

Ein Kind hebt seine Hand zum Protest gegen den gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd (US-Bundesstaat Missouri): Ein Polizist hatte fast neun Minuten auf dem Nacken Floyds gekniet und ihm die Luft abgeschnĂŒrt.
Ein Kind hebt seine Hand zum Protest gegen den gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd (US-Bundesstaat Missouri): Ein Polizist hatte fast neun Minuten auf dem Nacken Floyds gekniet und ihm die Luft abgeschnĂŒrt. (Quelle: Lawrence Bryant/Reuters-bilder)

Denken Sie dabei auch an den G20-Gipfel in Hamburg?

31.000 Polizisten waren dort ĂŒber mehrere Tage in konfliktreichen EinsĂ€tzen. Dann höre ich: Kein einziger soll etwas gemacht haben, was strafrechtlich relevant ist. Lediglich zwei Polizisten sind wegen Lappalien verurteilt worden. Polizisten, die sichtbar zu heftig gegen Demonstranten vorgegangen sind, hat die Staatsanwaltschaft dafĂŒr nicht belangt. Formal juristisch war das bestimmt nicht zu beanstanden – aber was ist das fĂŒr ein Signal?

Sagen Sie es uns.

Das rĂŒstet die Leute in der Polizei mit einem unglaublichen Selbstbewusstsein aus, "wir sind die 'untouchables', es ist doch alles legitim, was wir machen". Das ist eine katastrophale Botschaft. Allen, die sich ĂŒber einen angeblichen Generalverdacht beschweren, möchte ich sagen: Umgekehrt erwartet ihr also eine vorauseilende Zustimmung fĂŒr jedes Handeln der Polizei? In einem demokratischen Land muss jede Institution, die Macht ausĂŒbt, sich immer mit dem Verdacht befassen, dass diese Macht missbraucht werden könnte. Dieses Ansinnen, man dĂŒrfe keinen Verdacht haben, ist fĂŒr sich schon eine Machtdemonstration.

Herr Behr, wir danken Ihnen fĂŒr das GesprĂ€ch.

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Anmerkung: In einer frĂŒheren Version des Textes wurde das Zitat von SPD-Chefin Saskia Esken verkĂŒrzt wiedergegeben. Das haben wir geĂ€ndert.

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