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Corona-Demo in Berlin: "Ich darf doch sterben, wenn ich will, oder?"


"Ich darf doch sterben, wenn ich will, oder?"


Aktualisiert am 18.11.2020Lesedauer: 5 Min.
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Demonstrantin in Berlin: Einige Teilnehmer der Versammlung erhoben die Arme oder HĂ€nde, um zu zeigen, dass sie friedlich sind.
Demonstrantin in Berlin: Einige Teilnehmer der Versammlung erhoben die Arme oder HĂ€nde, um zu zeigen, dass sie friedlich sind. (Quelle: t-online)
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Zur Demonstration gegen die Reform des Infektionsschutzgesetzes sind Tausende Menschen nach Berlin gekommen. Die Hygieneregeln nimmt hier fast keiner ernst – genau wie die Corona-Pandemie.

Anspannung und Ungewissheit liegen in der Luft. Polizisten haben seit den frĂŒhen Morgenstunden Sperren im Berliner Regierungsviertel errichtet. Sie lassen niemanden auch nur in die NĂ€he des Reichtags. "Hier können Sie heute nicht vorbei", sagt ein Beamter und weist mit der Hand zwei Menschen an, weiter zu gehen. Mehr als 2.000 Polizisten, auch aus anderen BundeslĂ€ndern wie Sachsen-Anhalt, sind am Mittwoch in der Hauptstadt im Einsatz. Vorboten eines turbulenten Tages.

Aus ganz Deutschland sind Demonstranten gekommen, um gegen die Reform des Infektionsschutzgesetzes zu protestieren. Vor mehreren BĂŒhnen finden Kundgebungen statt. Am Vorabend hatte das Innenministerium noch einige der Veranstaltungen untersagt. Immer wieder gibt es Aufrufe von den Veranstaltern und Sprechern auf der BĂŒhne, die Hygienekonzepte einzuhalten und eine Maske zu tragen. Daran halten sich allerdings die wenigsten.

"Die denken wohl, die können alles mit uns machen", sagt ein Àlterer Mann, etwa 65 Jahre alt, vor dem GebÀude des ARD Hauptstadtstudios. Seinen Namen, seinen Beruf oder seinen Wohnort will er nicht nennen. Das will eigentlich niemand. Der Mann trÀgt eine Maske, die allerdings seine Nase nicht bedeckt. Sein Kopf ist hochrot angelaufen, er redet sich schnell in Rage.

Die Gesetzesreform, ĂŒber die der Bundestag zur gleichen Zeit berĂ€t, ist fĂŒr den 65-JĂ€hrigen nur der Anfang. "FĂŒr unsere Kinder und ihre Zukunft mĂŒssen wir jetzt etwas unternehmen", sagt er. Die Regierung wolle jeden Menschen in diesem Land mundtot machen. Das lasse er nicht zu, deshalb sei er gekommen. Warum die Behauptung von der EinschrĂ€nkung der Grundrechte durch das Gesetz nicht stimmt, lesen Sie hier.

Tausende Menschen am Brandenburger Tor: Auch "Merkel muss weg"-Schildern waren wieder zu sehen.
Tausende Menschen am Brandenburger Tor: Auch "Merkel muss weg"-Schildern waren wieder zu sehen. (Quelle: t-online)

"Frieden, Freiheit, keine Diktatur" ist der begleitende Singsang dieses Tages. Immer wieder steigen Hunderte Menschen mit ein, recken die Faust in die Höhe, wohl um die Ernsthaftigkeit ihrer Aussage noch einmal zu bestĂ€tigen. Eine Polizistin aus dem Kommunikationsteam vor Ort rollt mit den Augen und sagt ĂŒberraschend: "Ich sehe das genauso. Aber ist ja mein Job hier zu sein."

Kaum jemand trÀgt eine Maske

Am Brandenburger Tor ist die AtmosphĂ€re am Morgen noch recht entspannt. Die Menschenmassen, die hier in wenigen Stunden zusammenkommen, halten sich zu Beginn der Demonstration auch an die gebotenen AbstĂ€nde. Doch mit der Zeit gibt es keine mehr. Eine Maske trĂ€gt kaum jemand. Wieso auch? Schließlich gebe es keine Pandemie, heißt es hier immer wieder.

Alles sei eine Erfindung der Bundesregierung fĂŒr den "Great Reset", fĂŒr die EinfĂŒhrung einer totalitĂ€ren Gesellschaftsordnung, ist sich ein Mann aus Frankfurt am Main sicher. Eigentlich arbeitet er als Pilot. Auch er will seinen Namen nicht nennen, denn die Medien wĂŒrden ohnehin von Merkel in den Block diktiert bekommen, was sie schreiben dĂŒrften. "Lesen Sie die Berichte. Das, worauf sich die Regierung bezieht, stimmt so nicht", ist er sich sicher. Das Robert Koch-Institut könne auch nur die jĂ€hrlichen Influenza-Toten schĂ€tzen und habe somit gar keinen Vergleichswert, wie viele Menschen tatsĂ€chlich am Coronavirus sterben wĂŒrden. "Da wird doch gar nicht jeder Tote getestet", sagt er.

Ein immer wiederkehrendes Argumentationsmuster der Corona-Leugner: Das Virus sei nicht schlimmer als eine Grippe. Warum das ein gefÀhrlicher Irrglauben ist, lesen Sie hier. Inzwischen gibt es auch eine gute Datenlage zu möglichen Langzeitfolgen von Covid-19. Mehr dazu lesen Sie hier.

Demo in Berlin: Wasserwerfer kamen zum Einsatz.
Demo in Berlin: Wasserwerfer kamen zum Einsatz. (Quelle: t-online)

Kurze Zeit spĂ€ter kippt die Lage. Die Polizei lĂ€sst Wasserwerfer anrollen. Eine 70-jĂ€hrige Frau aus Baden-WĂŒrttemberg lacht freudestrahlend in die Menge, als die ersten vorfahren. Eine Maske trĂ€gt sie nicht. Sie denkt zwar schon, dass es vielleicht eine Corona-Pandemie gibt. Doch die von der Bundesregierung beschlossenen EinschrĂ€nkungen zur EindĂ€mmung, die versteht sie nicht. "Ich darf doch sterben, wenn ich will, oder?", sagt sie und tanzt weiter zu den KlĂ€ngen einiger Trommler, die in der NĂ€he auf dem Boden sitzen.

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Es sei immer noch die Entscheidung jedes einzelnen Menschen, ein Risiko fĂŒr sich selbst einzuschĂ€tzen oder eben nicht. Ihr könne niemand vorschreiben, eine Maske zu tragen. Außerdem mĂŒsse man bedenken, dass viele Menschen ihren Job verlieren, als Folge der EinschrĂ€nkungen. "Das ist Krieg gegen die Menschheit, was hier passiert", ihre Stimme ĂŒberschlĂ€gt sich fast.

Veranstalter erklĂ€rt Demo fĂŒr beendet

Es ist 12.30 Uhr, als zwischen Bundestag und Brandenburger Tor erstmals die Wasserwerfer zum Einsatz kommen. Zuvor hatte der Veranstalter die Versammlung fĂŒr beendet erklĂ€rt. Dem war ein Ultimatum der Polizei vorausgegangen. Die Demonstranten interessiert das allerdings nicht. Stunde um Stunde lassen sie sich von den Wasserwerfern, die Wasser auf die Menge niederregnen lassen, völlig durchnĂ€ssen. Viele sind darauf vorbereitet, haben Regenschirme, Regenponchos und Regenjacken dabei.

Die Stimmung verĂ€ndert sich, wird rauer und aggressiver. Ein Mann lĂ€uft mit roten Augen durch die Menge und ruft: "Die Polizei hat mir einfach TrĂ€nengas ins Gesicht gesprĂŒht, ohne Vorwarnung." Auf Nachfrage erklĂ€rt er, er habe noch versucht, in der ersten Reihe zu deeskalieren und auch geholfen, einige SchlĂ€ger rauszuziehen. "Und dann kam die zweite Reihe Polizisten und der eine feuert mir damit einfach direkt ins Gesicht."

"Ihr wollt ein neues Kaiserreich"

Videos von Polizisten, die mit Gewalt gegen Demonstranten vorgehen, kursieren im Internet. Eine Einordnung, wie es zu den Situationen kam, gibt es nicht. Die Polizisten vor Ort mĂŒssen sich viele Beschimpfungen anhören. Eine Ă€ltere Frau steht mit einem Megafon direkt vor dem Brandenburger Tor. Nur eine Barriere und etwa zwei Meter Abstand trennen sie von den Beamten. "Ihr wollt ein neues Kaiserreich. Guckt euch an, wer euch bezahlt, da habt ihr es", ruft sie und sagt gleich darauf immer wieder: "VolksverrĂ€ter, VolksverrĂ€ter". Andere Demonstranten steigen mit ein.

Polizisten stehen hinter dem Brandenburger Tor: Etwa 2.000 Beamte waren im Einsatz.
Polizisten stehen hinter dem Brandenburger Tor: Etwa 2.000 Beamte waren im Einsatz. (Quelle: t-online)

Die Polizisten verlassen ihre Positionen nicht. Auch als das Wasser der Wasserwerfer sie ebenfalls trifft. "Hier gibt es keine Meinung, die nicht vertreten ist", sagt ein Polizist, als eine Trump-Flagge ins Auge sticht. Ein Demonstrant trĂ€gt eine vermutlich schusssichere Weste, zwei Mal wird Pyrotechnik abgefeuert, mehrere Deutschlandfahnen schwingen in der Luft. "Das hier ist Krieg", ruft der Mob, der angeblich fĂŒr Freiheit und Frieden protestieren will.

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Zahlreiche Teilnehmer der Versammlung tragen Buttons an ihrer Kleidung, auf denen "Umarmung" steht, Luftballons in Herzform steigen hier und da in die Luft. Sechs Stunden sind seit dem Beginn der Demonstration vergangen. Ein Teil der Straße zwischen Bundestag und Brandenburger Tor ist inzwischen gerĂ€umt. Doch aufgeben will hier niemand. Noch immer sind es Tausende, die dicht zusammenstehen.

"Das ist unsere letzte Chance", sagt ein Ă€lterer Demonstrant. Er befĂŒrchte, dass es mit der Reform des Infektionsschutzgesetzes, die am Nachmittag von Bundestag und Bundesrat mit jeweils großer Mehrheit beschlossen wird, keine Versammlungsfreiheit, keine Pressefreiheit und auch kein Recht auf Demokratie in Deutschland mehr geben werde. Warum der Mann damit unrecht hat, lesen Sie hier.

"Die Wahrheit kommt immer ans Licht", ruft am Ende wieder die Frau mit ihrem Megafon, wÀhrend sie erneut einen Schwall des Wasserwerfers abbekommt. Doch Wahrheit scheint an diesem Tag ein dehnbarer Begriff zu sein.

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Verwendete Quellen
  • Eigene Recherche bei der Demonstration in Berlin am 18. November
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