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Corona-Talk bei "Lanz": "Ein Strategiewechsel, den Frau Merkel nicht gewollt hat"

Corona-Talk bei "Lanz"  

"Ein Strategiewechsel, den Frau Merkel nicht gewollt hat"

04.03.2021, 07:41 Uhr | Eine TV-Kritik von Peter Luley

Corona-Talk bei "Lanz": "Ein Strategiewechsel, den Frau Merkel nicht gewollt hat". Markus Lanz (Archivbild): In der jüngsten Sendungen wurden die Beschlüsse des Bund-Länder-Gipfels diskutiert. (Quelle: imago images/gbrci / Future Image)

Markus Lanz (Archivbild): In der jüngsten Sendungen wurden die Beschlüsse des Bund-Länder-Gipfels diskutiert. (Quelle: gbrci / Future Image/imago images)

Lockerungen trotz hoher Infektionszahlen – bei "Markus Lanz" wurden die Beschlüsse des Bund-Länder-Gipfels diskutiert. Während Ökonom Stelter die Pandemie-Bekämpfung als "Staatsversagen" brandmarkte, sprach "Welt"-Journalist Alexander von einem "Szenario, wo’s hin- und hergehen wird".

Die offenbar besonders intensiven Bund-Länder-Beratungen wirkten sich gleich zweifach auf die gestrige "Markus Lanz"-Ausgabe aus: Nicht nur sorgte ein um 23.30 Uhr ins Programm gehobenes "heute journal update“ mitsamt dem kompletten Merkel-Presse-Statement für einen Sendungsbeginn erst zur Geisterstunde – das späte Ende des Gipfeltreffens verhinderte auch die Teilnahme von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller, der als Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz eigentlich die Beschlüsse hätte erläutern sollen.

Die Gäste

  • Robin Alexander, stellvertretender "Welt"-Chefredakteur
  • Jana Schroeder, Fachärztin für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie
  • Daniel Stelter, Ökonom und Autor
  • Sebastian Remelé (CSU), Oberbürgermeister von Schweinfurt


So war es am Moderator selbst, das anvisierte Lockern nach Zahlen in seiner ganzen Widersprüchlichkeit auf den Punkt zu bringen. Hatte er vor drei Wochen, nach der damaligen MPK, in Bezug auf den relevanten Inzidenzwert noch die Formel ausgegeben "35 ist das neue 50", so formulierte er diesmal: "50 ist die neue 35."

Schließlich sollen jetzt doch schon ab dieser Zahl von Neuinfektionen je 100.000 Einwohner Lockerungsschritte möglich sein – die bei wieder einsetzendem exponentiellem Wachstum per "Notbremse" rückgängig zu machen sind.


Als Lanz gerade mit "Welt"-Vize Robin Alexander über die kolportierten Kabbeleien zwischen Markus Söder und Olaf Scholz sowie das aktuelle Standing von Jens Spahn spekulierte, brachte sich der Ökonom und Autor Daniel Stelter brachial ins Gespräch ein: "Die können’s ja alle nicht, die ganze Truppe heute", wetterte er.

Den letzten Sommer über sei Zeit gewesen, etwas aufzubauen – Masken, Tests, Risikogruppen schützen, Impfen –, aber nichts sei geschehen. Vier Milliarden Euro pro Woche betrage der wirtschaftliche Schaden, "das ist für mich Staatsversagen."

Vergleichsweise schüchtern meldete der Schweinfurter OB Sebastian Remelé Widerspruch an: "Es ist nicht ganz so einfach und holzschnittartig, wir können das nicht so apodiktisch erklären." Dafür, dass die Corona-Pandemie die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg darstelle, sei man doch "relativ vernünftig" mit ihr umgegangen.

Auch Robin Alexander wandte sich gegen den Begriff "Staatsversagen", der "wie eine verbale Handgranate" wirke, diagnostizierte aber gleichwohl "schwere Fehler" beim Regierungshandeln: zu langsames Reagieren, zu spätes Testen und Impfen. Die aktuellen MPK-Beschlüsse ordnete er so ein: "Was heute passiert ist, ist ein Strategiewechsel, den Frau Merkel nicht gewollt hat."

Schließlich habe sie sich für die 35er-Inzidenz stark gemacht, und nun habe man doch den höheren Wert und "ein Szenario, wo’s hin- und hergehen wird", was eigentlich vermieden werden sollte. Ein Problem sei, dass Lösungen im Bund erdacht würden und die Länder dann nicht wüssten, wie sie umzusetzen seien.

"Astrazeneca ist kein Impfstoff zweiter Klasse"

Nach ein wenig Spott für die Tatsache, dass sich erst jetzt eine Taskforce um eine umfassende Teststrategie und die dafür nötigen Bestellungen kümmern soll, widmete sich die Runde der zögerlichen Annahme des Astrazeneca-Impfstoffs. Hierzu spielte Lanz einen Ausschnitt aus seiner Sendung vom 27. Januar ein, der zeigte, wie die Stiko-Medizinerin Eva Hummers begründete, dass das Vakzin wegen der "dünnen Datenlage" nicht für Menschen über 65 empfohlen werde.

Ob diese Einschränkung zum negativen Image von Astrazeneca beigetragen habe, wollte der Moderator dann von der Virologin Jana Schroeder wissen. Ja, befand sie, es sei oft schwierig, den ersten Eindruck zu korrigieren, und stellte klar: "Astrazeneca ist kein Impfstoff zweiter Klasse."

Eine grundsätzliche Impfskepsis attestierte Sebastian Remelé den Deutschen ("die Übervorsicht, die uns auszeichnet, zeigt sich jetzt brennglasartig"). Er prognostizierte, man werde demnächst "über eine Impfpflicht nachdenken müssen". Nur übers Freiwilligkeitsprinzip werde es sonst ab einer Impfquote von "50, 60 Prozent" schwierig, den Rest der Bevölkerung dafür zu gewinnen.

Virologin Schroeder pflichtete ihm bei: "Jeder Impfstoff, der in einem Arm landet, bringt uns näher zum Ende Pandemie" – zumindest eine "Impfpflicht durch die Hintertür" à la "man kann nur noch zur Kreuzfahrt, wenn man geimpft ist" könne da hilfreich sein.

Vor diesem Hintergrund biss Lanz mit seinem Versuch, noch einmal die vorzeitige Impfung von Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand zu skandalisieren, bei seinen Gästen auf Granit. Es gehe jetzt nicht um eine "moralische Debatte", sondern um "praktische Probleme", wiegelte Robin Alexander ab.

Ohnehin plätscherte das Gespräch gegen Ende mit Wiederholungen und Floskeln (Stelter: "Was haben die Verantwortlichen seit April letzten Jahres gemacht?", "die Krise als Weckruf begreifen") doch ein wenig müde aus.

Wohl deshalb wies Lanz vorsorglich bereits auf seinen nächsten hochkarätigen Gast hin: Heute erwartet er Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz, den er sicher mit Markus Söders Vorwurf des "schlumpfigen Grinsens" konfrontieren wird.

Verwendete Quellen:
  • "Markus Lanz" vom 3. März 2021

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