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"Markus Lanz": Peter Tschentscher schießt gegen Markus Söder

"Es ist dadurch nicht mehr Impfstoff da"  

Tschentscher schießt bei "Markus Lanz" gegen Söder

Eine TV-Kritik von Nina Jerzy

28.04.2021, 07:51 Uhr
"Markus Lanz": Peter Tschentscher schießt gegen Markus Söder. Peter Tschentscher (SPD): Hamburgs Bürgermeister will sich bei der Pandemie-Bekämpfung nicht Markus Söder als Vorbild nehmen. (Quelle: imago images)

Peter Tschentscher (SPD)(Archivbild): Hamburgs Bürgermeister will sich bei der Pandemie-Bekämpfung nicht Markus Söder als Vorbild nehmen. (Quelle: imago images)

Tschentscher weist Söders Forderung nach einer Freigabe der Impfpriorisierung als unehrlich zurück. "Es ist dadurch nicht mehr Impfstoff da", sagt er bei Lanz. Palmer warnt: Wer jetzt Jüngere impfe, riskiere das Leben von Älteren.


Die Gäste

  • Peter Tschentscher (SPD), Erster Bürgermeister Hamburgs

  • Jana Schroeder, Virologin

  • Boris Palmer (Grüne), Oberbürgermeister Tübingens

  • Anja Maier, Journalistin vom "Weser-Kurier"


Peter Tschentscher (SPD) und Boris Palmer (Grüne) gehen beim Kampf gegen die Pandemie entgegengesetzte Wege. Bei einem sind sie sich aber einig: Markus Söder (CSU) wollen sie auf keinen Fall folgen. Der bayerische Ministerpräsident hat gefordert, die Impfreihenfolge bereits im Mai zu lockern. Bei Hamburgs Erstem Bürgermeister schrillte da der Populismus-Alarm. Der Sozialdemokrat warf Söder am Dienstagabend bei "Markus Lanz" vor, mit der Ankündigung die Erwartung zu schüren, dass es dann mit den Impfungen schneller gehen werde. Söders Kabinett hatte am Dienstag verkündet: "Wer freier impft, impft effizienter." Tschentscher aber gab zu bedenken: "Es ist dadurch nicht mehr Impfstoff da." Das müsse auch so kommuniziert werden. "Alles andere ist nicht ganz ehrlich", sagte er.

Solange der Impfstoff knapp ist, muss er laut dem Bürgermeister den besonders gefährdeten Personengruppen vorbehalten bleiben. "Dabei orientieren wir uns nicht an dem Bauchgefühl von Politikern, sondern an den Empfehlungen von Experten aus der Ständigen Impfkommission." Auf die nur noch rhetorische Frage des Moderators, ob Hamburg die Impfpriorisierung aufgeben werde, ließ Tschentscher, der gelernter Mediziner ist, keinen Zweifel an seiner Meinung über den Kollegen aus München: "Wir haben gute Erfahrung gemacht, nicht unmittelbar das zu tun, was Herr Söder in Bayern macht. Wir sehen das an den Inzidenzzahlen. Wir machen natürlich das, was sinnvoll ist."

Palmer kritisiert Söder

"Wahrscheinlich denkt sich Herr Söder, dass es populär ist, allen zu sagen: Ihr bekommt Impfstoff", meinte Palmer. Die Folge dieses Versprechens aber könne verheerend sein. "Wenn man jetzt 30-Jährige impft, die gar nicht besondere Risiken tragen, dann geht man leider das Risiko ein, dass ein 60- oder 70-Jähriger dafür stirbt", sagte der Grünen-Politiker. "Deshalb würde ich sagen: Wir Jungen müssen noch warten." Damit war die Einigkeit zwischen den beiden Bürgermeistern aber auch erschöpft.

Palmer verteidigte seinen Tübinger Sonderweg. Bei diesem waren Öffnungen auch von Restaurants und Theatern durch eine breit angelegte Teststrategie gerechtfertigt worden. Mit der bundesweiten Notbremse wurde dieser Modellversuch beendet. Die Folge laut Palmer: Die Zahl der täglichen Corona-Tests in seiner Stadt ist von 5.000 auf 500 gesunken. "Das ist das, was ich befürchtet habe", sagte der Grünen-Politiker. Denn die Menschen seien nur durch Anreize dazu zu bringen, sich häufig testen zu lassen und dadurch ein verlässliches Bild über die tatsächliche Infektionslage zu ermöglichen.

"Auf der Habenseite haben Sie eine deutlich gestiegene Inzidenz, die ist jetzt über 100", kritisierte Tschentscher hingegen den Tübinger Modellversuch. Palmer verwies auf mindestens doppelt so hohe Werte im umliegenden Landkreis: "Da kann man doch nicht annehmen, dass unser Modell ein Infektionstreiber ist." Er warnte davor, sich deutschlandweit mit dem neuen Infektionsschutzgesetz auf nur noch eine Strategie gegen die Pandemie zu beschränken. "Wir machen jetzt alle das Gleiche. Die Frage ist: Ist das gut?" Wenn die Strategie nicht funktioniere, "haben wir nichts anderes mehr".

Für Tschentscher hingegen ist die Strategie der Bundesregierung seit Wochen sogar zu lasch. "Das Konzept, dass wir in Deutschland klarkommen, indem wir mehr testen und dadurch Einzelhandel öffnen, ist für mich keine Lösung. Ich glaube, es führt zu höheren Inzidenzen", warnte der Hamburger. In seiner Stadt gilt bereits seit dem 2. April eine Ausgangssperre ab 21 Uhr. So sei es gelungen, innerhalb von rund zwei Wochen die Inzidenz von 150 stark abzusenken. "Aber dafür zahlen Sie einen hohen Preis", meinte Lanz mit Blick auf geschlossene Geschäfte. "Nein", widersprach der Erste Bürgermeister, "die Preise der Inkonsequenz sind viel, viel höher". Allerdings wird er möglicherweise schon bald wieder auf das Prinzip Hoffnung setzen müssen. "Wenn wir unter die Grenze von 100 kommen, und zwar stabil, muss man diesen Eingriff auch wieder zurücknehmen und hoffen, dass alles andere dann weiterhin eingehalten wird." Tschentscher erwartete, dass das Robert Koch-Institut am Mittwoch für Hamburg einen Inzidenzwert von unter 100 ausweisen werde.

Was ist mit den Kindern?

Virologin Jana Schroeder forderte leidenschaftlich eine stärkere politische und auch gesellschaftliche Kraftanstrengung zum Schutz von Kindern vor dem Erreger. Im vergangenen Jahr hätten die alten Menschen im Zentrum gestanden: "Jetzt wünsche ich mir eine gewisse Solidarität den Kindern gegenüber." Das bedeute: Inzidenzen drücken, damit Kinder möglichst sicher zur Schule gehen können. Sie warf der Politik vor, die Jüngsten in der Debatte nicht zu einer Priorität gemacht zu haben – ansonsten hätte es in den Schulferien zu Weihnachten und zu Ostern begrenzte bundesweite Lockdowns gegeben, um die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen. Ja, Kinder würden seltener an Covid-19 sterben. Aber laut Studien könnten rund sieben Prozent von ihnen nach einer Infektion an Langzeitfolgen leiden und vieles sei bei der Krankheit noch gar nicht erforscht.

Wenn schwere Folgeschäden in Kauf genommen werden sollten, um beispielsweise der Wirtschaft einen erneuten Lockdown zu ersparen, dann müsse das auch so offen gesagt werden, forderte die Chefärztin des Instituts für Krankenhaushygiene und Mikrobiologie der Stiftung Mathias-Spital Rheine: "Ich würde mir da ein Ehrlichmachen in der Debatte wünschen." Da die Impfstoffe erst ab 16 Jahren zugelassen sind, brachte Journalistin Anja Maier zum Schutz von Kindern eine neue Impfreihenfolge ins Gespräch: "Wäre es nicht sinnvoll, die Eltern prioritär zu impfen?"

Verwendete Quellen:

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