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Jagdszenen auf dem Weihnachtsmarkt

Von Martina Borusewitsch

Aktualisiert am 30.11.2011Lesedauer: 4 Min.
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Der braune Terror aus ThĂŒringen schreckt Politiker und Behörden auf, die Mordserie des jahrelang in Zwickau untergetauchten Neonazi-Trios ist erschĂŒtternd. Die thĂŒringische Landtagsabgeordnete Katharina König erzĂ€hlt im GesprĂ€ch mit t-online.de, wie die rechte Szene im Jena der 90er, zu der Beate ZschĂ€pe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gehörten, Angst und Schrecken verbreitete, wie sie selbst und eine Freundin zusammengeschlagen wurden, welche Ungereimtheiten sich bei dem Fall heute stellen und ĂŒber ihre Empörung ĂŒber den Verfassungsschutz.

"In den 90ern herrschte ein wahnsinniges Bedrohungs- und Gewaltszenario, wenn man sich selber eher in der alternativen oder linken Szene verortete", erklĂ€rt die 33 Jahre alte König, die fĂŒr Die Linke im Erfurter Landtag sitzt. Allein aus SicherheitsgrĂŒnden waren die Neonazis bekannt – "mit Namen, Gesicht, Autos und Kennzeichen. Deswegen, weil die auf Jagd gegangen sind, um Leute zusammenzuschlagen." Es herrschte eine Grundangst, berichtet König, man musste aufpassen, wer vor oder hinter einem lief, vor allem nachts.


Foto-Serie: Nazi-Mordserie in Deutschland

Zehn Tote, drei TĂ€ter aus dem rechtsradikalen Milieu. Was als spektakulĂ€re Kriminalgeschichte begann, wĂ€chst sich zu einem bundesweiten Skandal aus, der auch vor dem Verfassungsschutz und der Polizei nicht Halt macht. Wie konnte das seit 1998 aktenkundige Nazi-Trio ĂŒber ein Jahrzehnt hinweg ungestraft morden? Ein historischer Zeitungsausschnitt von 1998 zeigt die drei Terroristen.
Doch von Anfang an: April 2007, Tatort Theresienwiese in Heilbronn. Hier geraten zwei Polizeibeamte in eine Schießerei. Ein Polizist wird schwer verletzt, seine Kollegin tödlich verwundet.
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Vor aller Augen zusammengeschlagen

Aber es war helllichter Tag, als Katharina König, Tochter einer Pfarrersfamilie, zusammengeschlagen wird - auf dem RĂŒckweg von einem Fußballspiel. Niemand griff ein. "Die anderen Fußballfans liefen vorbei und guckten zu", erinnert sie sich. Niemand habe das ernst genommen, die VorfĂ€lle seien als "rivalisierende Jugendgruppen" abgetan worden.

In diesem Umfeld seien Mundlos, ZschĂ€pe und Böhnhardt zu verorten - "und zwar in der ersten beziehungsweise zweiten Reihe in Jena", so König. Zu regelrechten Treibjagden kam es jedes Jahr auf dem Jenaer Weihnachtsmarkt - auf dem ZschĂ€pe eine Freundin Königs zusammengeschlagen habe. "Weihnachtsmarkt hieß immer: Alle Nazis aus Jena und den Dörfern ringsum sammeln sich, und im Stadtzentrum ist man nicht mehr sicher." König hielt sich am einzigen halbwegs sicheren Ort, dem Jugendzentrum der evangelischen Kirche (JG, junge Gemeinde) auf. Doch ihre Freundin M. ging auf den Markt. "Wenn man da erkannt wurde, ist man sofort zusammengeschlagen worden. Die haben einen geschnappt, zu viert, zu fĂŒnft, und haben auf einen eingeprĂŒgelt". Danach sei M. mit gebrochenem Fuß ins JG gehumpelt.

"ZschÀpe war die Zuschlagende"

"ZschĂ€pe war die Zuschlagende", berichtet König. Damit war klar, dass die damals 21-JĂ€hrige nicht bloß eine "Nazi-Braut" war, AnhĂ€ngsel eines Neonazis, sondern selbst "politisch entsprechend ideologisiert" war, schlussfolgert König. Radikalisiert wurde ZschĂ€pe wahrscheinlich durch die Freundschaft zu Uwe Mundlos. "Mundlos ist der Kluge gewesen. Abi wollte er machen, danach studieren - sein Vater war Professor", beschreibt König eines der beiden mĂ€nnlichen Mitglieder des Nazi-Trios, die sich am 4. November selbst umgebracht hatten, in einem Wohnmobil. Der andere war Uwe Böhnhardt - "der hatte einen scharfen Blick - der brauchte gar nicht zuschlagen, allein im Gesicht hat man ihm die Aggression angesehen", erinnert sich die Abgeordnete.

Nach den Selbstmorden ihrer Komplizen informierte Beate ZschĂ€pe deren Familien und zĂŒndete aller Wahrscheinlichkeit nach die gemeinsame Wohnung in Zwickau an. "Woher erfĂ€hrt sie, dass die Zwei tot sind? ZĂŒndete sie im Anschluss die Wohnung an? Wenn sie sich selber retten wollte, kann es nur einen Grund geben: Beweismittel vernichten", rekonstruiert König. Aber warum stellt sie sich kurz darauf bei der Polizei in Jena, mit - so scheint es - dem erstbesten Anwalt, einem Familienrechtler? "Es mĂŒssen noch mehrere Personen im Hintergrund sein", glaubt König und schließt nicht aus, dass ZschĂ€pe vor diesen Personen möglicherweise Angst hat. Zumindest wĂŒrde dazu passen, dass sie die Kronzeugenregelung fĂŒr sich beanspruchen will.

Wer mordete? "Zurzeit ist alles möglich"

Beate ZschĂ€pe - die in den 90ern höchstens mal eine Bomberjacke trug, keine typische Neonazi-Frisur hatte, und eher unscheinbar wirkte - "die sah normal aus". Über ihre Rolle bei den mindestens zehn Morden der Gruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" kann derzeit nur gemutmaßt werden. Bislang schweigt sie, zumindest dringen kaum Informationen an die Öffentlichkeit. Hielt sie sich im Hintergrund, oder war sie aktiv an den Morden beteiligt? "Zurzeit ist doch alles möglich", sagt König. Es sei ein großer Unterschied, ob jemand eine andere Person schlage oder kaltblĂŒtig ermorde - "und ich will nicht sagen, wer der kaltblĂŒtige Mörder ist". GerĂŒchte, ZschĂ€pe hĂ€tte sowohl mit Mundlos als auch mit Böhnhardt Beziehungen gefĂŒhrt, kann König nicht bestĂ€tigen.

Scharfer Vorwurf gegen die Behörden

Scharf kritisiert Katharina König den ThĂŒringer Verfassungsschutz und die Polizei, die das Nazi-Trio 1998 trotz eindeutiger Hinweise nicht fassten. Damals gab es von dem Vorsitzenden des ThĂŒringer Heimatschutzes Tino Brandt, der als V-Mann arbeitete, einen Hinweis auf ZschĂ€pe, Mundlos und Bönhardt, die mit Sprengstoff experimentierten. "Am 26. Januar ist die Razzia", so König, bei der die Polizei Rohrbomben und 1,4 Kilogramm TNT fand, "aber erst am 20. Februar startet die große internationale Fahndung mit Bildern in der Zeitung". Da war das Trio lĂ€ngst abgetaucht. Brandt sagte mittlerweile, dass es SolidaritĂ€ts-Konzerte fĂŒr ZschĂ€pe, Mundlos und Bönhardt gegeben habe, Tausende Mark seien gesammelt worden - "das mĂŒssten die Behörden gewusst haben". "Ich glaube, die haben das nicht nur maßlos unterschĂ€tzt - das sind mindestens VersĂ€umnisse, wenn nicht sogar bewusstes Fehlhandeln", wettert König.

Katharina König, 1978 in Jena geboren, ist seit 2009 ThĂŒringer Landtagsabgeordnete fĂŒr die Partei Die Linke. Die Diplom-Sozialarbeiterin engagiert sich seit 1999 im AktionsbĂŒndnis gegen Rechts in Jena. In einer Rede im ThĂŒringer Landtag legte sich König mit ihrer eigenen Partei an, als sie darlegte, warum sie die DDR als einen Unrechtsstaat sieht. Wegen dieser Position forderten Altmitglieder die RĂŒckgabe ihres Mandats, doch die Mehrheit des Kreisverbandes und Fraktionsvorsitzender Bodo Ramelow stellten sich hinter sie.

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Von Miriam Hollstein
Die LinkePolizeiZwickau
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