Meinung
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Dieses Buch ist nichts als klug klingendes dummes GewÀsch

Ein Gastbeitrag von Georg Streiter

Aktualisiert am 01.09.2020Lesedauer: 6 Min.
Journalist Georg Streiter hat das Buch des GrĂŒnders von "Media Pioneer" Gabor Steingart gelesen
Journalist Georg Streiter hat das Buch des GrĂŒnders von "Media Pioneer" Gabor Steingart gelesen (Quelle: Jesco Denzel/imago-images-bilder)
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Der Journalist Gabor Steingart hat ein neues Buch geschrieben. Doch "Die unbequeme Wahrheit" besteht vor allem aus Bedeutung vortĂ€uschenden Textbausteinen und beweist einen Mangel an Recherche. Es wĂ€re gut, wenn der Autor weniger als Wortkanone und mehr wie ein Journalist arbeiten wĂŒrde.

ZunÀchst eine Warnung: Der folgende Text kann Leser eventuell verstören!

Gabor Steingart nĂ€mlich, einer meiner Lieblings-Journalisten in der Kategorie "Angeber", hat sein zehntes Buch geschrieben (Habe ich richtig gezĂ€hlt?). Oder vor sich hingeredet. Jedenfalls heißt es unbescheiden: "Die unbequeme Wahrheit. Rede zur Lage unserer Nation".

Und da viele Leute keine langen Texte mögen, fasse ich schon hier zusammen: Keiner sollte dieses Buch kaufen. 208 Seiten "gequirlter Mist" – mit diesen Worten warf man frĂŒher die schlechtesten der schlechten Manuskripte in den MĂŒlleimer.

Sie wollen weiterlesen? Echt? Bitte: Das Grauen beginnt schon damit, dass Steingart den Titel seines Werks beim frĂŒheren US-VizeprĂ€sidenten und spĂ€teren FriedensnobelpreistrĂ€ger Al Gore geklaut, sorry: ausgeliehen, hat. Also jedenfalls zutreffend ĂŒbersetzt. 2006 machte Al Gore mit seinem Dokumentarfilm (und seiner dazugehörigen Buchvorlage) "An Inconvenient Truth" weltweit eine breite Öffentlichkeit mit den Themen Treibhausgase, ErderwĂ€rmung und Klimawandel bekannt. Aber da hat sich Steingart wohl gedacht: Leute, die meine BĂŒcher lesen, lesen keins von Al Gore. Und noch weniger umgekehrt. Und da hat er bestimmt Recht.

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Ich will nicht mit Dir verbunden sein

Ja, und der Gabor macht mich in seinem Buch gleich zu seinem "Freund" – jedenfalls trampelt er seinen Lesern gleich ungefragt in die Distanzzone: "Liebe Freundin! Lieber Freund! Entschuldige bitte, dass ich mich so unmittelbar an dich wende. Aber nach allem, was wir gemeinsam durchlebt und durchlitten haben, sind die GefĂŒhle des Vertrautseins stĂ€rker als die der Fremdheit. ... Ich sehe dich an – und erkenne mich selbst. Wir sind einander verbunden."

Nein! Nein! Nein! Ich will mit Dir nicht verbunden sein, ich möchte keine gemeinsamen GefĂŒhle mit Dir haben, Du bist nicht mein Freund! Niemals! Igitt!

Was dann folgt, ist beinahe unbeschreibbar. Ein nicht enden wollendes Dauerfeuer aus Blendgranaten und BlindgĂ€ngern. Grauenhafte WorthĂŒlsen, klug klingendes dummes GewĂ€sch, mystische Metaphern und hinkende Vergleiche.

Die Botschaft des Buchs? Äh. Ja.

Also irgendwie geht alles den Bach runter, die da oben machen, was sie wollen und versauen uns die Zukunft. Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation. Unter dem Eindruck der Millionen Anti-Corona-Demonstranten könnte man sagen: Verschwörungstheoretiker reden zwar noch dĂŒmmeres Zeug als Gabor Steingart. Aber man versteht sie besser, sprachlich betrachtet. Und an manchen Stellen kann man bei unserem "Freund" Gabor Fragmente und ganze Motive unappetitlicher Melodien erkennen.

Beispiele? Gern!

"Das Problematisieren und Zweifeln war nicht erwĂŒnscht, das Demonstrieren verboten. Es gab scheinbar nur noch ein Land, ein Volk und eine FĂŒhrung, wobei bis heute unklar ist, ob diese FĂŒhrung im Gesundheitsministerium, im Kanzleramt oder der Spitze des Robert Koch-Instituts saß." Soll das so klingen wie "Ein Volk, ein Reich, ein FĂŒhrer"? Also doch irgendwie Merkel-Diktatur? Oder bin ich da ĂŒberempfindlich?

Gabor Steingart: Der Journalist arbeitete frĂŒher unter anderem fĂŒr den Spiegel.
Gabor Steingart: Der Journalist arbeitete frĂŒher unter anderem fĂŒr den Spiegel. (Quelle: MĂŒller-Stauffenberg/imago-images-bilder)

"SchĂ€me dich nicht deines Unbehagens, mein Freund. Du bist nicht allein. Die Politiker haben, aufgeputscht durch das Virus, jetzt ohnehin keine Aufmerksamkeitsreserven fĂŒr dich. Wie in Trance bewegt sich unsere Regierung durch diese global komponierte Weltuntergangs-Symphonie, auf deren Schlussakkord sie bisher vergeblich wartet." Klingt ein bisschen wie "Neue Weltordnung" und "die da oben machen, was sie wollen“.

Dazu passt: "Die Eliten verfolgen im stillen EinverstĂ€ndnis der unterschiedlichen Parteien ein ehrgeiziges Projekt: Sie wollen vom Volk ihre SouverĂ€nitĂ€t zurĂŒck." Jetzt verstehe ich: Deshalb haben die ReichsbĂŒrger ihren Schlachtruf von "Wir sind das Volk" in "Wir sind der SouverĂ€n" geĂ€ndert.

Auch eine steile These: "Doch des Nachts trĂ€umt man im Berliner Regierungsbezirk, in Downing Street No. 10 und im ÉlysĂ©e-Palast den chinesischen Traum, in dem das Volk als Masse auftaucht, die nicht gehört, nur geknetet werden muss."

Das Bild vom "Schwarzen Schwan" passt nicht

Oder: "Unser Staat ist nach Corona nicht mehr der alte. Er hat sich selbst ermĂ€chtigt. Er will sich spĂŒren. Er möchte Herr im Hause sein. Der Ausnahmezustand ist sein neues Lebenselixier.“ Also scheint auch Steingart der Meinung zu sein, dass "der Staat" die Pandemie nutzt, um uns zu versklaven? Da braucht es schon einen Retter, denn: "Es gibt in Deutschland keine geistige Gegenwehr." Einen Retter wie Gabor.

Jetzt tritt auf: der "Schwarze Schwan". Wer? Ja, der "Schwarze Schwan"!

"Corona ist der Schwarze Schwan fĂŒr große Teile der deutschen Volkswirtschaft. Er kreist ĂŒber dem Hochofen von ThyssenKrupp. Er ĂŒberfliegt die Braunkohlereviere, die ReisebĂŒros von TUI und die VW-Zentrale in Wolfsburg, um auf jenen Produktionsanlagen zu landen, in denen seit hundert Jahren der Verbrennungsmotor gefertigt wird. Das Wappentier des bevorstehenden UnglĂŒcks nistet auch auf den Zinnen alter Macht im Frankfurter Bankenviertel."

Da habe ich zwei Bemerkungen – eine bezieht sich auf unsere Tierwelt, die andere auf die Welt der Zufallsforschung.

Kein Schwein, Ă€h Schwan, mein Freund, nistet auf den DĂ€chern des Frankfurter Bankenviertels. Oder ĂŒberhaupt auf irgendeinem Dach. Kein einziger. Kein weißer und kein schwarzer. Ihr Lebensraum sind Seen, FlĂŒsse und SĂŒmpfe. SchwĂ€ne kreisen auch nie ĂŒber einem Hochofen von ThyssenKrupp und landen auch nie auf Produktionsanlagen von VW. SchwĂ€ne fliegen ĂŒberhaupt nur, wenn sie mĂŒssen, und bei uns mĂŒssen sie das nicht so oft. Sie starten und landen immer auf dem Wasser und nicht auf Produktionsanlagen. Wer das schon einmal gesehen hat, weiß, wie spektakulĂ€r das ist. SchwĂ€ne sind nĂ€mlich ganz schön groß und ganz schön schwer. Mein Freund.

Georg Streiter arbeitete lange als Journalist – unter anderem fĂŒr den Express, die Hamburger Morgenpost, den Stern und die Bild-Zeitung –, bevor er 2011 stellvertretender Sprecher der Bundesregierung wurde. 2018 schied er aus diesem Amt aus.

Das Bild vom "Schwarzen Schwan" hat Gabor Steingart vermutlich bei Nassim Nicolas Taleb, Professor fĂŒr Risikoanalyse an der UniversitĂ€t von New York, geklaut, sorry: entlehnt. Der Begriff bezeichnet völlig unvorhersehbare Ereignisse als "Schwarzer Schwan" (weil schwarze SchwĂ€ne sehr, sehr, sehr selten sind). Taleb hat den Begriff "Schwarzer Schwan" 2001 zum ersten Mal in seinem Buch "Fooled By Randomness" erwĂ€hnt, bezog sich dabei auf unerwartete Ereignisse, die die Finanzwelt tangieren. 2007 veröffentlichte er dann ein weiteres Buch mit dem Titel "The Black Swan".

WOW! – und noch einmal WOW!

WĂŒrde der große Journalist Gabor Steingart weniger als Wortkanone, sondern mehr wie ein Journalist arbeiten, dann hĂ€tte ihm die "Neue ZĂŒrcher Zeitung" vom 23. MĂ€rz dieses Jahres auffallen können. Dort hat nĂ€mlich Nassim Taleb, der Erfinder des Schwarzen Schwans, in einem gemeinsamen Artikel mit dem US-Investor Marc Spitznagel Folgendes geschrieben: "Manche bezeichnen die Pandemie, die nun den Anstoß zur Verabschiedung des Hilfspakets fĂŒr die Luftfahrtindustrie gab, als 'schwarzen Schwan' – also ein völlig unerwartetes Ereignis, auf das nicht vorbereitet zu sein, entschuldbar ist. Damit spielen sie auf das Buch 'Der schwarze Schwan' an, das einer von uns verfasst hat. HĂ€tten sie das Buch wirklich gelesen, dann wĂŒssten sie, dass eine globale Pandemie dort klar und deutlich als weißer Schwan figuriert – als ein Ereignis, das mit Gewissheit irgendwann eintreffen wird."

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Diese Recherche ist dann irgendwie dumm gelaufen. Oder hat, wie ich vermute, nie stattgefunden. Mein Freund.

Wie beliebig Gabor Steingart seine PlattitĂŒden hin- und herschiebt, fĂ€llt auch bei folgendem Hammer-Satz auf: "Demokratie beginnt, wenn andere wollen, dass du schweigst."

WOW!

Das ist genau betrachtet natĂŒrlich völliger Bullshit. Beginnt Demokratie, wenn Anti-Corona-Demonstranten die ZDF-Reporterin Dunja Hayali oder die "Bild"-Reporterin Angelique Geray umzingeln und niederbrĂŒllen, damit sie schweigen? Ich glaube nicht. Sie endet da eher.

Aber das hat mein Freund Gabor auch sicher nicht so gemeint. Das ist ja nur ein Bedeutung vortĂ€uschender Textbaustein. Sein Werbevideo fĂŒr sein Medienportal "The Pioneer" vom Mai 2019 beginnt mit den ebenso schicksalsschwangeren Worten:

"Journalismus beginnt dann, wenn andere wollen, dass Du schweigst."

WOW!

Auch ich wĂŒrde mir manchmal wĂŒnschen, dass Du schweigst, mein Freundchen. Vielleicht kannst Du es dann ja nochmal mit dem Journalismus versuchen. Oder Du schwurbelst einfach weiter, nennst Dich dann aber bitte nicht mehr Journalist. Sondern vielleicht einfach "Buchstabensuppenkoch" oder "Selbstdarsteller“.

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Die in GastbeitrĂ€gen geĂ€ußerten Ansichten geben die Meinung der Autoren wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online-Redaktion.

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