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Coronavirus: Zerreißprobe für unsere Gesellschaft – worauf verzichten?


Eine Zerreißprobe für unsere Gesellschaft

Von Luis Reiß

Aktualisiert am 11.03.2020Lesedauer: 5 Min.
Meinung
Was ist eine Meinung?

Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung übernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Leere Regale in einem Supermarkt in Paris.
Leere Regale in einem Supermarkt in Paris. (Quelle: imago-images-bilder)
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

heute vertrete ich an dieser Stelle Florian Harms – und liefere Ihnen den kommentierten Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

Mit jedem Tag breitet sich das Coronavirus in Europa weiter ausund die Einschränkungen werden größer. Gestern wurden bundesweit wieder mehr als 200 neue Fälle nachgewiesen, erstmals ist auch Sachsen-Anhalt betroffen. Damit hat das Virus nun jedes Bundesland erreicht. In vielen Regionen Deutschlands sind Großveranstaltungen mit mehr als 1.000 Menschen für die kommenden Wochen abgesagt worden. Fußballspiele werden vor leeren Tribünen stattfinden – vielleicht sogar bei der EM, Theatersäle geschlossen bleiben und Messen abgesagt. International wird das Reisen eingeschränkt. Einige Länder, wie beispielsweise Israel oder Russland, lassen auch Deutsche nur noch nach einer zweiwöchigen Quarantäne einreisen.

Das Coronavirus schränkt unseren Lebensstil immer weiter ein – und wird zur Zerreißprobe für die ganze Gesellschaft. Die großen Fragen: Wie viel Rücksicht nehmen wir, um besonders die Alten und Schwachen unter uns zu schützen? Verzichten wir möglicherweise wochen- oder monatelang auf Großereignisse und Reisen?

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Die Perspektive auf dieses Problem kann sehr unterschiedlich sein. Für einen jungen Menschen ohne Vorerkrankungen mögen die derzeitigen Schutzmaßnahmen völlig überzogen wirken – er oder sie hat statistisch gesehen schließlich kaum etwas zu befürchten. Wer aber alt ist oder an Vorerkrankungen leidet, für den kann das Coronavirus eine lebensgefährliche Bedrohung sein.

In den sozialen Netzwerken sind die Emotionen kaum noch zu bremsen. Auf der einen Seite stehen zum Beispiel Fußballfans, die sich maßlos über Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit aufregen. Und viele Menschen, die wie ARD-Comedian Dieter Nuhr die Warnungen der Experten ignorieren und deren Geschäft dadurch bedroht ist. Nuhr schrieb: "Wir haben eine Erkrankungsrate von 0,0001 Prozent der Bevölkerung. Also ich würde gerne einfach auftreten am Wochenende ..."

Auf der anderen Seite des Meinungsspektrums ist die Panik kaum noch zu bremsen. Da werden Desinfektionsmittel und Schutzmasken gehortet, die dann Betroffenen im Ernstfall fehlen. Und online wird die Apokalypse herbeigeschrieben.

Beide Verhaltensweisen sind vor allem eines: zutiefst egoistisch, weil sie den Schaden anderer in Kauf nehmen. Ganz so eindeutig ist es aber nicht immer. Ein Selbstständiger, der um seine Existenz kämpft, überlegt womöglich zweimal, bevor er sich vorsorglich eine 14-tägige Quarantäne verordnet. Und wenn wir ehrlich sind, sind die meisten von uns schon häufiger krank zur Arbeit gegangen. Ich auch. Weil wir Einsatz zeigen wollten, ein wichtiges Projekt abschließen oder es einfach für richtig hielten. Gedanken über mögliche Konsequenzen für Mitmenschen? Fehlanzeige.

Die Piazza Duomo in Florenz: Die Menschen meiden Italiens Innenstädte und Sehenswürdigkeiten.
Die Piazza Duomo in Florenz: Die Menschen meiden Italiens Innenstädte und Sehenswürdigkeiten. (Quelle: Jennifer Lorenzini/LaPresse/dpa-bilder)

Das muss sich ändern, sofort. Die Bedrohung durch das Coronavirus stellt uns alle vor eine große Herausforderung, sie testet das Miteinander. Nur wenn wir umdenken und mehr Rücksicht aufeinander nehmen, können wir die Ausbreitung verlangsamen und viele Todesfälle in kurzer Zeit verhindern. Das sollten uns die Einschränkungen und der Verzicht wert sein.

Die Kollegen der "Süddeutschen Zeitung" haben eindrucksvoll dargestellt, warum die exponentielle Ausbreitung des Coronavirus so gefährlich ist. Oder wie Bundeskanzlerin Angela Merkel gestern sagte: "Spiele vor leeren Rängen sind nicht das Schlimmste, das diesem Land passieren kann."


In den USA hatte sich der Vorwahlkampf der Demokraten nach dem "Super Tuesday" auf das Duell zwischen Joe Biden und Bernie Sanders zugespitzt. Nun konnte Ex-Vizepräsident Biden weitere und vermutlich entscheidende Erfolge für sich verbuchen. In der Nacht haben mit Michigan, Missouri, Idaho, Mississippi, North Dakota und Washington sechs weitere Staaten entschieden, wen sie im November lieber ins Rennen gegen Präsident Donald Trump schicken wollen. Unser Korrespondent Fabian Reinbold hat die Ergebnisse der Nacht für Sie analysiert.


Ein Russland ohne Wladimir Putin – das wird es wohl auf absehbare Zeit nicht geben. Am Dienstag hat das russische Parlament ihm vermeintlich spontan den Weg geebnet, damit er noch bis ins Jahr 2036 an der Spitze des Landes bleiben könnte. Die Begrenzung der Amtszeit wird für und von Putin erneut ausgehebelt. Damit ist endgültig klar: Die Diskussion der vergangenen Wochen über eine Verfassungsreform war eine weitere schamlose Inszenierung.

Russlands Präsident Putin in der Staatsduma.
Russlands Präsident Putin in der Staatsduma. (Quelle: Pavel Golovkin/AP/dpa-bilder)

Alle Änderungen verfolgen eigentlich nur ein Ziel: zu verschleiern, dass Putin die bisherige Verfassung aushebelt, um weiter an der Macht zu bleiben. Die außerparlamentarische Opposition spricht von einem "Staatsstreich". Die Leidtragenden sind vor allem die Menschen in Russland, die ihr eigener Staatschef auf großer Bühne in die Irre führen will.

WAS STEHT AN?

In Berlin verkünden führende Experten ihre Einschätzung zu den Folgen des Coronavirus für die Wirtschaft. Ab 9.30 Uhr sprechen unter anderem Ifo-Präsident Clemens Fuest, der frühere "Wirtschaftsweise" Peter Bofinger sowie der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft Kiel, Gabriel Felbermayr, auf einer gemeinsamen Pressekonferenz. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) steht ab 13 Uhr im Bundestag Rede und Antwort zu den neuesten Entwicklungen. Wir berichten für Sie.

Die EU-Kommission stellt am Vormittag ein wichtiges Projekt vor – den Aktionsplan zur Vermeidung von Müll und zur optimalen Nutzung von Rohstoffen. Unter anderem soll es strengere Vorschriften für elektronische Geräte geben. Sie sollen leichter zu reparieren sein, damit sie länger genutzt werden können.

Borussia Mönchengladbach und der 1. FC Köln tragen aus Angst vor dem Coronavirus das erste Geisterspiel der Bundesliga-Geschichte aus – los geht es um 18.30 Uhr.

Fußballlegende Cafu mit t-online.de-Redakteur Noah Platschko.
Fußballlegende Cafu mit t-online.de-Redakteur Noah Platschko. (Quelle: GES-Sportfoto/Mercedes-Benz)

Später am Abend tritt Borussia Dortmund zum Achtelfinal-Rückspiel in der Champions League in Paris an, ebenfalls ohne Zuschauer. Die BVB-Elf geht mit einer 2:1-Führung ins Duell – und könnte ihren Ex-Trainer Thomas Tuchel in große Schwierigkeiten bringen. Sollte der mit seiner Superstar-Truppe erneut früh in der Königsklasse scheitern, könnte das sein Aus bedeuten. Zur Einstimmung empfehle ich Ihnen diesen Text meines Kollegen Noah Platschko, der mit dem brasilianischen Fußball-Weltmeister Cafu sprechen konnte. Er sieht bei seinem Landsmann und Paris-Superstar Neymar noch Luft nach oben.

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Tagesanbruch - Was heute wichtig istWas heute wichtig ist

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In New York wird das Strafmaß des einstigen Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein verkündet. Er war vor zwei Wochen wegen mehrerer Sexualverbrechen schuldig gesprochen worden. Ihm drohen bis zu 29 Jahre Haft.

WAS LESEN?

Das italienische Gesundheitssystem kommt angesichts des Coronavirus an seine Grenzen. Kliniken sind überfüllt, das Personal überlastet. Dr. Daniele Macchini schildert in einem bewegenden Facebook-Beitrag die Zustände in einer Klinik der besonders betroffenen Stadt Bergamo – mit einem bewegenden Appell. Wir haben ihn für Sie übersetzt.

Mit den Maßnahmen zur Stärkung der Wirtschaft hat die Bundesregierung in einer schwierigen Zeit geliefert, mit dem Streit danach all ihre Erfolge aber wieder zerstört. Das ist unprofessionell – und offenbart, wie unfähig die große Koalition beim Krisenmanagement ist, kommentiert unsere Kolumnistin Ursula Weidenfeld.

WAS AMÜSIERT MICH?

(Quelle: Mario Lars)

Ich wünsche Ihnen einen gesunden Start in den Tag.

Ihr

Luis Reiß
Chef vom Dienst t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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